Der Marktwert bezeichnet im Strommarkt den durchschnittlichen Erlös, den eine bestimmte Gruppe von Anlagen mit ihrer tatsächlichen Einspeisung an der Strombörse erzielt. Er wird meist in Euro je Megawattstunde oder Cent je Kilowattstunde angegeben. Für Windenergie und Photovoltaik ist er besonders wichtig, weil diese Anlagen nicht gleichmäßig über alle Stunden des Jahres Strom erzeugen, sondern abhängig von Wetter, Tageszeit und Jahreszeit. Der Marktwert sagt deshalb nicht nur, wie hoch der durchschnittliche Strompreis war, sondern zu welchen Preisen eine bestimmte Technologie tatsächlich eingespeist hat.

Technisch wird der Marktwert als erzeugungsgewichteter Durchschnittspreis berechnet. Jede eingespeiste Kilowattstunde wird mit dem Börsenpreis der jeweiligen Stunde bewertet. Eine Photovoltaikanlage erzielt ihren Marktwert also nicht aus dem einfachen Jahresdurchschnitt aller Strompreise, sondern aus den Preisen während der Sonnenstunden. Eine Windkraftanlage erzielt ihren Marktwert aus den Preisen während der windreichen Stunden. Wenn viele Anlagen derselben Technologie gleichzeitig einspeisen, verschiebt sich das Preisniveau in diesen Stunden. Der Marktwert bildet genau diesen Zusammenhang zwischen Einspeiseprofil und Marktpreis ab.

Damit unterscheidet sich der Marktwert vom einfachen Börsendurchschnittspreis. Der Durchschnittspreis betrachtet alle Stunden gleich, unabhängig davon, ob eine Technologie in diesen Stunden produziert. Der Marktwert betrachtet nur die Stunden, in denen tatsächlich Strom eingespeist wird, und gewichtet sie nach der erzeugten Menge. Aus diesem Grund kann der Marktwert von Solarstrom deutlich unter oder über dem durchschnittlichen Börsenpreis liegen. Dasselbe gilt für Windstrom. Ein hoher Jahresdurchschnittspreis bedeutet nicht automatisch einen hohen Marktwert für jede Erzeugungsart.

Der Marktwert ist auch nicht identisch mit den Erzeugungskosten. Die Kosten einer Anlage ergeben sich aus Investitionen, Finanzierung, Betrieb, Wartung, Standortqualität und Lebensdauer. Der Marktwert beschreibt dagegen den am Markt erzielbaren Erlös der produzierten Strommenge. Eine Technologie kann niedrige Erzeugungskosten haben und dennoch zeitweise einen sinkenden Marktwert erzielen, wenn ihre Produktion stark mit der Produktion vieler ähnlicher Anlagen zusammenfällt. Umgekehrt kann eine teure Anlage in knappen Stunden hohe Erlöse erzielen, ohne dadurch automatisch kostengünstig zu sein.

Im deutschen Fördersystem für erneuerbare Energien hat der Marktwert eine institutionelle Funktion. Bei der Direktvermarktung wird Strom aus geförderten Anlagen am Markt verkauft. Die Marktprämie gleicht vereinfacht gesagt die Differenz zwischen dem anzulegenden Wert einer Anlage und dem technologiespezifischen Marktwert aus. Für Wind an Land, Wind auf See und Solarenergie werden eigene Marktwerte berechnet, weil ihre Einspeiseprofile verschieden sind. Der Marktwert ist damit nicht nur eine analytische Kennzahl, sondern ein Rechengröße im Förder- und Abrechnungssystem.

Gerade bei Photovoltaik zeigt sich die Bedeutung des Einspeiseprofils deutlich. Solaranlagen produzieren vor allem tagsüber und im Sommer. Wenn der Ausbau stark zunimmt, fällt immer mehr Erzeugung in ähnliche Stunden. In diesen Stunden sinkt der Börsenpreis häufiger, teilweise bis nahe null oder in den negativen Bereich. Der Marktwert von Solarstrom kann dadurch im Verhältnis zum durchschnittlichen Strompreis sinken. Diese Entwicklung wird oft als Kannibalisierungseffekt bezeichnet: Die zusätzliche Erzeugung einer Technologie senkt in ihren eigenen Produktionsstunden den Preis, zu dem sie verkauft werden kann.

Bei Windenergie ist der Effekt anders verteilt. Windstrom fällt häufiger in längeren Wetterlagen an, oft überregional korreliert. In windreichen Stunden kann der Marktpreis ebenfalls sinken, besonders wenn gleichzeitig die Nachfrage niedrig ist, wenig flexible Last vorhanden ist oder Netzengpässe die Nutzung des Stroms begrenzen. Der Marktwert von Wind hängt deshalb nicht nur von der installierten Leistung ab, sondern auch von Wetterkorrelationen, Übertragungsnetzen, europäischem Stromhandel, Flexibilität im Verbrauch und der Verfügbarkeit steuerbarer Kraftwerke.

Ein häufiger Fehler besteht darin, den sinkenden Marktwert erneuerbarer Energien als Beleg dafür zu lesen, dass der erzeugte Strom keinen Nutzen habe. Der Marktwert misst den Erlös unter den jeweils geltenden Marktregeln und technischen Randbedingungen. Er bewertet nicht den gesamten gesellschaftlichen Nutzen einer emissionsarmen Erzeugung, nicht die Brennstoffeinsparung, nicht vermiedene Importabhängigkeit und nicht automatisch den Beitrag zur Versorgungssicherheit. Er zeigt aber sehr klar, wann zusätzliche Strommengen auf einen Markt treffen, der sie ohne weitere Anpassungen nur noch zu niedrigen Preisen aufnehmen kann.

Ebenso ungenau ist die Gleichsetzung von Marktwert und Systemwert. Der Marktwert entsteht am kurzfristigen Strommarkt. Er berücksichtigt die stündliche Preisbildung, aber nur begrenzt Netzengpässe, lokale Knappheiten, langfristige Absicherung, Redispatch-Kosten, Reservebedarf oder den Wert gesicherter Leistung. Der Systemwert einer Erzeugungsart hängt zusätzlich davon ab, welche Kosten und Einsparungen sie im gesamten Stromsystem auslöst. Eine Kilowattstunde zur richtigen Zeit und am richtigen Ort kann betriebswirtschaftlich denselben Börsenpreis haben wie eine andere, aber unterschiedliche Folgen für Netzbetrieb, Speicherbedarf oder Abregelung auslösen.

Der Marktwert macht sichtbar, warum der Zeitpunkt der Stromerzeugung im erneuerbaren Stromsystem wichtiger wird. Bei steuerbaren Kraftwerken kann die Erzeugung stärker an Preis- und Lastsignale angepasst werden, solange Brennstoff, technische Mindestlasten und Anfahrzeiten dies zulassen. Wind- und Solaranlagen erzeugen dagegen wetterabhängig. Mit wachsendem Anteil fluktuierender Erzeugung reicht die Frage nach der jährlichen Strommenge nicht aus. Relevant wird, ob Erzeugung in Stunden mit hoher Residuallast, ausreichender Nachfrage und nutzbarer Netzinfrastruktur anfällt.

Aus dieser Eigenschaft ergeben sich Anreize für Flexibilität. Wenn Verbraucher ihren Strombedarf in Stunden mit hoher erneuerbarer Einspeisung verschieben können, steigen Nachfrage und Preis in diesen Stunden tendenziell. Wärmepumpen mit Pufferspeichern, Elektrofahrzeuge mit gesteuertem Laden, industrielle Prozesse, Elektrolyseure und Batteriespeicher können dazu beitragen, niedrige Preise produktiv zu nutzen. Solche Flexibilität stabilisiert nicht automatisch jeden Marktwert, aber sie verändert die Preisstruktur, weil sie zusätzliche Nachfrage in Stunden mit hoher Einspeisung bringt und Knappheiten in anderen Stunden reduzieren kann.

Auch Speicher verändern den Zusammenhang. Eine Batterie kann Strom in Stunden niedriger Preise aufnehmen und in Stunden höherer Preise wieder abgeben. Dadurch wird ein Teil des zeitlichen Wertunterschieds ausgeglichen. Für den Marktwert von Solarstrom ist das besonders relevant, wenn Mittagsspitzen in Abendstunden verschoben werden. Der Speicher hebt aber nicht kostenlos den Wert aller erneuerbaren Erzeugung. Er verursacht Investitionskosten, hat Wirkungsgradverluste und benötigt Preisdifferenzen, um wirtschaftlich betrieben zu werden. Der Marktwert zeigt deshalb auch, ab wann zeitliche Verschiebung ökonomisch interessant wird.

Politische Debatten verwenden den Begriff oft verkürzt. Wenn ein niedriger Marktwert als Argument gegen weiteren Ausbau genutzt wird, bleibt häufig offen, welche Alternative betrachtet wird. Ein Stromsystem mit weniger erneuerbarer Erzeugung hätte andere Brennstoffkosten, Emissionen, Importabhängigkeiten und Preisrisiken. Wenn ein hoher Marktwert als Beleg für besondere Wirtschaftlichkeit gilt, fehlt umgekehrt die Prüfung, ob dieser Erlös dauerhaft ist oder aus vorübergehender Knappheit stammt. Der Marktwert ist eine wichtige Kennzahl, aber er ersetzt keine Betrachtung von Investitionskosten, Förderregeln, Netzausbau, Versorgungssicherheit und Lastentwicklung.

Besonders sorgfältig muss die Systemgrenze gewählt werden. Der Marktwert an der Börse ist ein Großhandelswert. Haushaltsstrompreise enthalten zusätzlich Netzentgelte, Steuern, Umlagen, Abgaben, Vertriebskosten und Messentgelte. Ein niedriger Marktwert von Solarstrom bedeutet daher nicht, dass Endkunden automatisch sehr niedrige Strompreise zahlen. Umgekehrt kann ein hoher Großhandelspreis nur ein Teil der Belastung sein, wenn Netzkosten oder Abgaben anders verteilt werden. Der Begriff gehört auf die Ebene des Stromhandels, nicht auf die Ebene der vollständigen Endkundenrechnung.

Der Marktwert präzisiert die Frage, welchen Erlös Strom zu den Stunden erzielt, in denen er tatsächlich erzeugt wird. Für ein Stromsystem mit hohen Anteilen von Wind und Photovoltaik ist diese Größe unverzichtbar, weil sie den Zusammenhang zwischen Einspeiseprofil, Preisbildung und Flexibilitätsbedarf sichtbar macht. Sie erklärt aber weder allein die Kosten einer Technologie noch den gesamten Nutzen einer Erzeugungsform. Aussagekräftig wird der Marktwert erst, wenn klar bleibt, welche Marktregel, welche Zeitauflösung und welche Systemgrenze hinter der Zahl stehen.