Die AfD ist nicht der Ursprung der aktuellen politischen Krise, sondern ihr sichtbarstes Produkt. Sie entsteht dort, wo Politik dauerhaft im Krisenmodus verharrt, Komplexität nicht mehr übersetzt wird und einfache Erzählungen emotional belohnt werden. Dieser zweite Teil der Reihe untersucht, warum genau dieses Umfeld autoritären Angeboten strukturelle Vorteile verschafft.

Teil 2: Die AfD als Symptom, nicht als Ursache

Ein verbreiteter Reflex in der politischen Debatte besteht darin, die AfD selbst zur Ursache gesellschaftlicher Verwerfungen zu erklären. Sie erscheint dann als Brandbeschleuniger, als Störfaktor, als Angriff von außen auf ein im Kern funktionierendes demokratisches System. In dieser Lesart wäre die Demokratie stabil, würde es diese Partei nicht geben. Das Problem hätte einen Namen, ein Gesicht, eine Adresse.

Diese Perspektive ist verständlich, aber sie ist trügerisch. Sie vereinfacht eine komplexe Entwicklung zu sehr und verschiebt die Analyse auf eine Ebene, auf der sie politisch handhabbar, aber analytisch unzureichend wird. Wer die AfD zur alleinigen Ursache erklärt, entlastet das System, aus dem sie hervorgegangen ist.

Unbestritten ist, dass die AfD bestehende Probleme verschärft hat. Sie hat politische Debatten bewusst verroht, Misstrauen gegenüber Institutionen vertieft, wissenschaftliche Erkenntnisse relativiert und demokratische Grenzmarkierungen systematisch infrage gestellt. Sie nutzt Provokation nicht als Mittel, sondern als Methode. In diesem Sinne ist sie kein neutraler Akteur.

Aber sie ist nicht der Ursprung der Krise, die sie politisch ausbeutet. Sie ist ihr Produkt.

Die grundlegende Erosion von Vertrauen, die wachsende Entfremdung vieler Menschen von politischer Sprache, Verfahren und Entscheidungsprozessen, die Erfahrung dauerhafter Unsicherheit und mangelnder Wirksamkeit, all das existierte bereits, bevor die AfD zu einer relevanten Kraft wurde. Die Partei hat diese Brüche nicht geschaffen. Sie hat sie sichtbar gemacht, verstärkt und politisch kanalisiert.

Wer die AfD bekämpfen will, ohne die Bedingungen zu verstehen, unter denen sie dauerhaft Zustimmung gewinnt, behandelt Symptome statt Ursachen. Er reagiert auf Lautstärke, nicht auf Struktur. Auf Provokation, nicht auf das Vakuum, in dem sie wirkt. Genau deshalb greift eine rein defensive Strategie zu kurz.

Die entscheidende Frage lautet nicht, warum die AfD laut ist, sondern warum ihre Vereinfachungen für so viele Menschen plausibel klingen. Nicht, warum sie polarisiert, sondern warum diese Polarisierung auf fruchtbaren Boden fällt. Erst wenn diese Fragen gestellt werden, wird verständlich, warum autoritäre Angebote in demokratischen Gesellschaften nicht trotz, sondern wegen systemischer Schwächen an Attraktivität gewinnen.

Und genau hier setzt die weitere Analyse an.

Dauerkrisen als Normalzustand

Seit der Finanzkrise 2008 befindet sich die deutsche Politik in einem nahezu permanenten Krisenmodus. Auf die Eurokrise folgten die Flüchtlingsbewegungen, die Pandemie, der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, Inflationsschocks und zunehmende geopolitische Unsicherheit. Kaum eine Phase der letzten fünfzehn Jahre wurde als stabil oder abgeschlossen erlebt.

Krisen verändern politische Wahrnehmung. Sie verschieben Erwartungen. Politik wird weniger als gestaltende Kraft wahrgenommen, sondern als Reparaturbetrieb. Entscheidungen erscheinen reaktiv, kurzfristig, oft widersprüchlich. Was fehlt, ist das Gefühl einer erkennbaren Richtung.

In einem solchen Umfeld wächst das Bedürfnis nach Orientierung. Nicht nach Detailpolitik, sondern nach Deutung. Nach Erzählungen, die erklären, was eigentlich passiert, warum es passiert und wer verantwortlich ist.

Politik reagiert, statt zu erklären

Hier liegt ein zentrales Problem. Demokratische Politik hat in den vergangenen Jahren stark auf Management gesetzt. Auf Maßnahmenpakete, Verordnungen, Kompromisse, technische Lösungen. Das war oft notwendig. Aber es hatte einen Preis.

Erklären trat hinter Reagieren zurück. Politische Kommunikation konzentrierte sich auf das Wie, nicht auf das Warum. Entscheidungen wurden begründet, aber selten eingeordnet. Zielkonflikte wurden verwaltet, nicht offen benannt. Unsicherheiten wurden geglättet, statt ausgesprochen.

Für viele Menschen entstand so der Eindruck, dass Politik zwar handelt, aber nicht mehr verständlich spricht. Dass sie Probleme bearbeitet, ohne sie wirklich zu erklären. Und dass sie dabei eine Sprache verwendet, die eher beruhigen als überzeugen soll. Politische Entscheidungen greifen damit tief in den Alltag ein, von Energiepreisen über Pandemieregeln bis hin zu migrationspolitischen Kurswechseln, ohne dass viele das Gefühl haben, den dahinterliegenden Prozess verstanden oder beeinflusst zu haben.

Wenn Komplexität nicht mehr übersetzt wird

Moderne Gesellschaften sind komplex. Das ist keine neue Erkenntnis. Neu ist jedoch, wie wenig diese Komplexität politisch noch vermittelt wird. Wo früher zumindest der Anspruch bestand, Zusammenhänge zu erklären, Zielkonflikte offen zu benennen und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen, erleben viele Menschen heute vor allem Abwehr. Statt Übersetzung gibt es Verweisrhetorik. Statt Einordnung hören sie Hinweise auf Sachzwänge, rechtliche Grenzen, internationale Abhängigkeiten oder europäische Verfahren.

Diese Erklärungen mögen formal korrekt sein. Sie bleiben jedoch oft abstrakt, entkoppelt vom Alltag derjenigen, die mit den Folgen leben müssen. Komplexität wird nicht aufgeschlüsselt, sondern delegiert. Verantwortung wird nicht verneint, aber verlagert. Das Ergebnis ist ein Gefühl politischer Distanz. Politik erscheint nicht mehr als gestaltender Prozess, sondern als Verwaltung eines Systems, das sich der eigenen Einflussnahme entzieht.

Für viele Menschen bedeutet das ganz konkret, dass politische Entscheidungen ihr Leben verändern, ohne dass sie je das Gefühl hatten, diesen Prozess verstanden oder beeinflusst zu haben.

Komplexität verschwindet dadurch nicht. Sie wird lediglich unsichtbar gemacht. Und was unsichtbar bleibt, wird anfällig für Vereinfachung.

Hier setzt Populismus an. Nicht, weil er Probleme besser versteht oder realistische Lösungen anbietet, sondern weil er Komplexität radikal reduziert. Er ersetzt Analyse durch Zuschreibung, Prozesse durch Schuldige, Unsicherheit durch Gewissheit. Wo politische Kommunikation zögert, behauptet er. Wo demokratische Parteien abwägen, entscheidet er. Wo Systeme erklärt werden müssten, benennt er Feindbilder.

Das ist inhaltlich schwach, oft widersprüchlich und empirisch kaum haltbar. Aber es ist emotional wirksam. Es bietet Orientierung in einer unübersichtlichen Welt, nicht durch Genauigkeit, sondern durch Eindeutigkeit. Es schafft ein Gefühl von Kontrolle, nicht weil Kontrolle real wäre, sondern weil sie behauptet wird.

Für viele Menschen ist diese Vereinfachung kein Zeichen politischer Naivität, sondern eine verständliche Reaktion auf dauerhafte Überforderung. Wer sich über Jahre hinweg nicht abgeholt fühlt, wer politische Prozesse als undurchdringlich erlebt, greift eher zu Erzählungen, die Klarheit versprechen, selbst wenn diese Klarheit trügerisch ist.

Populismus lebt nicht davon, dass Menschen komplexe Zusammenhänge ablehnen. Er lebt davon, dass ihnen diese Zusammenhänge nicht mehr plausibel vermittelt werden. Und solange demokratische Politik darauf mit weiterer Technokratisierung, noch vorsichtigerer Sprache und dem Verweis auf Unvermeidlichkeit reagiert, bleibt das Feld offen für diejenigen, die einfache Antworten liefern, egal wie falsch sie sind.

Populismus als Vereinfachungsmaschine

Die AfD funktioniert als politische Vereinfachungsmaschine. Sie reduziert komplexe gesellschaftliche Gemengelagen auf klare, scheinbar eindeutige Gegensätze. Volk gegen Elite. Wir gegen sie. Ordnung gegen Chaos. Schuldige gegen Unschuldige. In dieser Logik gibt es keine Grauzonen, keine Zielkonflikte, keine unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Es gibt nur Ursache und Wirkung, Täter und Opfer, richtig und falsch.

Diese Vereinfachung ist kein Nebenprodukt, sondern der Kern des Modells. Sie folgt einer klaren psychologischen Logik. In Zeiten dauerhafter Unsicherheit wirken einfache Deutungsmuster stabilisierend. Sie bieten Orientierung, auch wenn sie empirisch falsch sind. Sie erzeugen ein Gefühl von Kontrolle, selbst wenn diese Kontrolle rein symbolisch bleibt. Und sie schaffen Zugehörigkeit, indem sie klare Grenzen ziehen, wer dazugehört und wer nicht.

Populismus verspricht nicht, die Welt besser zu verstehen, sondern sie überschaubar zu machen. Er verwandelt komplexe Prozesse in moralische Erzählungen. Ökonomische Umbrüche werden zu Verrat. Institutionelle Trägheit wird zu Böswilligkeit. Globale Verflechtungen werden zu Absicht. Wo demokratische Politik erklären müsste, unterstellt Populismus.

Während demokratische Parteien zögern, weil sie Widersprüche offenlegen müssen, kann Populismus zuspitzen. Während andere abwägen, kann er behaupten. Während demokratische Politik erklären muss, warum Entscheidungen nicht einfach sind, behauptet Populismus, dass sie absichtlich kompliziert gemacht werden. Diese Asymmetrie ist strukturell. Sie lässt sich nicht durch bessere Argumente allein auflösen.

Populismus gewinnt nicht, weil er recht hat, sondern weil er schneller ist. Er liefert Antworten, bevor Fragen vollständig gestellt sind. Er besetzt Deutungsräume, bevor Unsicherheit politisch bearbeitet werden kann. Und er belohnt emotionale Klarheit, während demokratische Politik oft mit Ambivalenz operiert.

Warum einfache Antworten belohnt werden

Einfache Antworten werden nicht gewählt, weil Menschen uninformiert oder irrational wären. Sie werden gewählt, weil sie entlasten. Sie reduzieren kognitive Belastung. Sie verkürzen Entscheidungsprozesse. Sie ersparen die Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Informationen und konkurrierenden Interessen. In einer Welt, die als dauerhaft überfordernd erlebt wird, ist diese Entlastung attraktiv.

Demokratische Politik hingegen fordert. Sie verlangt Geduld. Sie verlangt Verständnis für Zielkonflikte. Sie verlangt die Akzeptanz, dass es keine perfekten Lösungen gibt. Sie verlangt, mit Unsicherheit zu leben. In stabilen Zeiten kann diese Zumutung akzeptiert werden. In Krisenzeiten wird sie schnell als Zumutung empfunden.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor. Demokratische Parteien haben über Jahre hinweg gelernt, Unpopularität zu vermeiden. Entscheidungen werden möglichst breit abgesichert, kommunikativ abgefedert, mit Ausnahmen versehen. Konflikte werden entschärft, bevor sie sichtbar werden. Verluste werden selten offen benannt. Prioritäten werden vorsichtig formuliert. Das Ziel ist Konsens, nicht Klarheit.

Genau hier entsteht ein struktureller Vorteil für populistische Akteure. Die AfD profitiert davon, dass andere Parteien Angst haben, unpopulär zu sein. Angst, klare Prioritäten zu setzen. Angst, offen über Verteilungskonflikte zu sprechen. Angst, Entscheidungen zu treffen, die kurzfristig kosten, auch wenn sie langfristig notwendig wären.

Wo diese Angst dominiert, entsteht ein politisches Vakuum. Ein Raum, in dem Probleme zwar benannt, aber nicht zugespitzt werden. In dem Verantwortung diffus bleibt. In dem niemand sichtbar entscheidet. Und wo niemand sichtbar entscheidet, setzen sich diejenigen durch, die keine Angst vor Zuspitzung haben.

Populismus besetzt nicht nur inhaltliche Lücken. Er besetzt emotionale Leerstellen. Er bietet Klarheit, wo Unsicherheit herrscht. Er bietet Schuldige, wo Prozesse unverständlich erscheinen. Und er bietet Zugehörigkeit, wo sich viele politisch heimatlos fühlen.

Solange demokratische Politik darauf mit weiterer Vorsicht, weiterer Technokratisierung und weiterer Konfliktvermeidung reagiert, bleibt diese Maschine in Bewegung. Nicht, weil sie überzeugt, sondern weil sie entlastet.

Symptom statt Ursache

Die AfD ist deshalb weniger der Motor der Krise als ihr Resonanzraum. Sie erzeugt die grundlegenden Probleme nicht, sie verstärkt und bündelt sie. Misstrauen gegenüber Institutionen. Entfremdung von politischer Sprache. Überforderung durch Dauerkrisen. Das Gefühl, dass eigene Erfahrungen politisch nicht mehr vorkommen oder nur verzerrt abgebildet werden.

In diesem Sinne wirkt die AfD wie ein Verstärker, nicht wie der Auslöser. Sie greift vorhandene Stimmungen auf, ordnet sie neu, vereinfacht sie radikal und gibt ihnen eine politische Adresse. Das macht sie anschlussfähig, auch dort, wo ihre konkreten Inhalte eigentlich abgelehnt werden. Wer sich gehört fühlen will, greift nach dem Angebot, das zuhört, selbst wenn es falsch antwortet.

Wer die AfD ausschließlich als Gegner bekämpft, ohne die Bedingungen zu verändern, unter denen sie plausibel wirkt, verfehlt das Problem. Repression, moralische Abgrenzung oder rhetorische Zuspitzung mögen kurzfristig mobilisieren, sie lösen aber nicht die strukturelle Leerstelle, in die die AfD hineingewachsen ist. Solange Misstrauen, Sprachlosigkeit und politische Distanz bestehen bleiben, wird sich diese Leerstelle immer wieder neu füllen.

Im Gegenteil. Jede weitere Vereinfachung demokratischer Politik, jede vermiedene Entscheidung, jeder kommunikative Umweg, der Klarheit durch Vorsicht ersetzt, stabilisiert genau das Umfeld, von dem populistische Angebote leben. Auch die Angst vor Unpopularität wirkt dabei nicht dämpfend, sondern verstärkend. Sie signalisiert Unsicherheit dort, wo Orientierung erwartet wird.

Die AfD muss nicht gewinnen, um erfolgreich zu sein. Es reicht, dass andere sich an ihr abarbeiten, ohne die eigenen Grundlagen zu hinterfragen. In diesem Sinne ist sie weniger ein Betriebsunfall als ein Indikator. Sie zeigt an, wo politische Vermittlung nicht mehr funktioniert, wo Komplexität nicht mehr erklärt wird und wo demokratische Auseinandersetzung durch Verwaltung ersetzt wurde.

Im nächsten Teil dieser Reihe geht es deshalb nicht um neue Inhalte, sondern um ihre Sichtbarkeit. Um die Rolle von Medien, Aufmerksamkeit und Dauerempörung bei der politischen Normalisierung der AfD. Und um die Frage, warum radikale Positionen nicht trotz öffentlicher Kritik anschlussfähig werden, sondern oft gerade durch sie.