Die AfD erscheint nach außen oft widersprüchlich. Mal bürgerlich, mal radikal. Mal parlamentarisch diszipliniert, mal bewusst provokativ. Diese Widersprüche sind kein Zufall und kein Übergangsphänomen. Sie sind Ausdruck einer inneren Struktur, die Radikalität nicht an den Rand drängt, sondern strategisch integriert. Dieser vierte Teil der Reihe analysiert die AfD nicht über einzelne Aussagen oder Personen, sondern über ihr organisatorisches Prinzip.
Teil 4: Die AfD und ihre innere Struktur
Eine verbreitete Annahme in Politik und Öffentlichkeit lautet, die AfD sei im Kern eine normale Partei, die ein Problem mit radikalen Rändern habe. In dieser Sichtweise erscheint ihre Entwicklung als Abweichung, nicht als Struktur. Radikale Positionen gelten als Störgeräusche, verursacht durch einzelne Personen oder Strömungen, die sich mit konsequenter Abgrenzung, Parteiausschlüssen oder einer moderateren Tonlage eindämmen ließen.
Diese Perspektive ist politisch bequem, aber analytisch nicht tragfähig.
Sie unterstellt, dass es innerhalb der AfD eine klare Trennlinie zwischen einem bürgerlichen Zentrum und extremistischen Rändern gebe. Dass Radikalität ein Fremdkörper sei, der die eigentliche Partei beschädigt. Und dass Normalisierung nur eine Frage von Disziplin, Führung und kommunikativer Kontrolle sei.
Diese Annahmen halten einer genaueren Betrachtung nicht stand.
Die AfD ist keine bürgerliche Partei, die von extremistischen Ausreißern bedroht wird. Sie ist eine radikale Partei, die bürgerliche Formen, parlamentarische Verfahren und formale Mäßigung strategisch nutzt. Radikalität ist bei ihr kein Unfall und kein Übergangsphänomen, sondern Teil ihrer inneren Architektur. Sie ist strukturell eingebaut, organisatorisch verteilt und kommunikativ abgesichert.
Das zeigt sich nicht nur in einzelnen Aussagen oder Personen, sondern im Zusammenspiel von Programm, Organisation und öffentlichem Auftreten. Radikale Positionen werden nicht an den Rand gedrängt, sondern in unterschiedlichen Intensitäten sichtbar gemacht. Was nach außen als Widerspruch erscheint, ist nach innen Arbeitsteilung. Mäßigung und Zuspitzung stehen nicht im Konflikt, sondern ergänzen sich.
Bürgerliche Rhetorik dient dabei nicht der inhaltlichen Mäßigung, sondern der Anschlussfähigkeit. Sie schafft Zugang zu Institutionen, Medien und Wählerschichten, die auf offene Radikalität noch reagieren würden. Gleichzeitig bleibt der ideologische Kern unangetastet. Er wird nicht offen zurückgenommen, sondern situativ verschoben, relativiert oder durch Provokation getestet.
In dieser Logik ist Abgrenzung kein Mittel zur Klärung, sondern Teil der Strategie. Distanzierungen erfolgen selten aus inhaltlicher Überzeugung, sondern aus taktischem Kalkül. Parteiausschlussverfahren werden angestoßen, verzögert, fallengelassen oder instrumentalisiert, je nach politischer Lage. Radikalität wird nicht ausgeschlossen, sondern verwaltet.
Das erklärt, warum die AfD trotz innerer Konflikte, öffentlicher Skandale und behördlicher Beobachtung nicht zerfällt. Ihre Stabilität beruht nicht auf ideologischer Geschlossenheit, sondern auf der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten und produktiv zu nutzen. Was andere Parteien schwächen würde, wirkt hier ordnend.
Wer die AfD verstehen will, muss sie daher nicht als entgleiste Version einer normalen Partei betrachten, sondern als Organisation mit eigener Logik. Eine Partei, deren innere Struktur darauf ausgelegt ist, Radikalität zu integrieren, ohne sie offen festzuschreiben. Und genau diese Struktur macht sie widerstandsfähig gegenüber Skandalen, Kritik und Normalisierungsversuchen.
Von hier aus lässt sich erklären, warum Flügelkämpfe nicht zur Spaltung führen, warum Provokationen nicht schaden und warum der Eindruck von Chaos nach außen mit ideologischer Klarheit nach innen einhergeht.
Die folgenden Abschnitte gehen dieser Struktur im Detail nach.
Flügeldenken als Organisationsprinzip
Die AfD weist von Beginn an einen Doppelcharakter auf. Sie agiert gleichzeitig als parlamentarische Partei und als bewegungsorientierter Akteur. Sie nutzt demokratische Institutionen, während sie deren Legitimität rhetorisch infrage stellt. Dieses Nebeneinander ist kein Übergangszustand, sondern ein zentrales Merkmal ihres politischen Erfolgs.
Innerhalb der Partei existieren mehrere Strömungen, die sich grob als wirtschaftsliberal, konservativ und völkisch nationalistisch, beziehungsweise rechtsextrem beschreiben lassen. Diese Strömungen sind weder sauber voneinander getrennt noch klar hierarchisch geordnet. Sie sind personell, organisatorisch und strategisch miteinander verflochten. Der sogenannte „Flügel“ war dabei keine Abweichung vom Parteikern, sondern eine Verdichtung bereits vorhandener Positionen. Seine formale Auflösung änderte wenig an seiner faktischen Wirkung.
Entscheidend ist nicht, dass es innerparteiliche Konflikte gibt. Entscheidend ist, dass diese Konflikte nicht aufgelöst werden müssen. Die AfD hält Spannungen aus, weil sie ihr nutzen. Radikale Positionen werden nicht ausgeschlossen, sondern situativ geduldet, verschoben oder taktisch relativiert. Das erlaubt es der Partei, gleichzeitig unterschiedliche Milieus zu bedienen und je nach Kontext unterschiedliche Gesichter zu zeigen.
Dieses Prinzip ist historisch nicht neu. Bereits Joseph Goebbels beschrieb 1928 offen die Strategie der NSDAP, demokratische Institutionen nicht zu respektieren, sondern gezielt zu instrumentalisieren. In seinem Artikel „Was wollen wir im Reichstag?“ erklärte er, man gehe in das Parlament, um sich „aus dem Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen“. Die Demokratie werde verspottet, weil sie ihren Gegnern die Mittel für ihre eigene Unterminierung zur Verfügung stelle. Goebbels formulierte unverhohlen, man komme nicht als Partner, sondern „wie der Wolf in die Schafherde“.
Der historische Vergleich dient hier nicht der Gleichsetzung, sondern der Einordnung eines Musters. Entscheidend ist nicht die Ideologie, sondern die Logik der Instrumentalisierung demokratischer Verfahren. Die zentrale Idee lautet, demokratische Verfahren nicht als Ausdruck politischer Überzeugung zu begreifen, sondern als taktisches Instrument. Parlamentarische Präsenz wird nicht genutzt, um demokratische Prozesse zu stärken, sondern um sie von innen heraus zu delegitimieren. Ablehnung der Demokratie und Nutzung ihrer Mittel stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern bilden eine funktionale Einheit.
Genau dieses Prinzip lässt sich auch bei der AfD beobachten. Sie beteiligt sich an parlamentarischer Arbeit, während sie gleichzeitig Parlamente verächtlich macht. Sie spricht von Rechtsstaatlichkeit, während sie gerichtliche Entscheidungen systematisch diskreditiert. Sie fordert Meinungsfreiheit, während sie pluralistische Öffentlichkeit als feindliches System beschreibt. Das ist kein zufälliger Widerspruch, sondern Ausdruck einer doppelten Strategie.
Konflikte um Pegida, Chemnitz oder Corona waren keine Ausrutscher. Sie waren Ausdruck dieses Doppelcharakters. Die AfD kann sich von extremen Aktionen distanzieren, ohne sie grundsätzlich abzulehnen. Sie kann Anschlussfähigkeit behaupten, ohne ihre ideologischen Linien aufzugeben. Radikale Akteure fungieren dabei als Grenztester. Bürgerlich auftretende Funktionäre profitieren von der Verschiebung des Sagbaren, ohne sie selbst vollziehen zu müssen.
So entsteht eine Partei, die nach außen widersprüchlich wirkt, nach innen jedoch erstaunlich konsistent ist. Flügeldenken ist kein Problem, das gelöst werden müsste. Es ist ein Organisationsprinzip. Es erlaubt Radikalität ohne formelle Festlegung, Eskalation ohne Verantwortung und Normalisierung ohne echte Mäßigung.
Genau darin liegt die strukturelle Stärke der AfD.
Bürgerlich nach außen, radikal nach innen
Diese Doppelstrategie prägt das öffentliche Auftreten der AfD. Nach außen gibt sie sich staatstragend, parlamentarisch, sachlich. Nach innen stabilisiert sie radikale Deutungsmuster, autoritäre Ordnungsvorstellungen und völkisches Denken.
Abgrenzung zum Rechtsextremismus findet meist nicht inhaltlich statt, sondern formal. Unvereinbarkeitsbeschlüsse existieren, werden aber uneinheitlich angewendet. Parteiausschlussverfahren scheitern regelmäßig oder ziehen sich über Jahre. Distanzierungen dienen vor allem der Schadensbegrenzung gegenüber Öffentlichkeit, Verfassungsschutz und Beamtenschaft.
Diese Unschärfe ist funktional. Sie hält die Partei zusammen, verhindert klare Brüche und ermöglicht es, radikale Positionen als legitimen Teil innerparteilicher Vielfalt darzustellen. Radikalität wird nicht bekämpft, sondern verwaltet.
Gleichzeitig fehlt der AfD ein klares strategisches Zentrum. Doppelspitzen in Partei und Fraktion, starke Landesverbände und plebiszitäre Elemente erzeugen keine kohärente Führung, sondern parallele Machtzentren. Was bei anderen Parteien als Führungsproblem gelten würde, wird hier zur Ressource. Richtungsstreitigkeiten blockieren die Partei nicht, sie verteilen Verantwortung.
Bundespartei, Landesverbände und die Verschiebung nach rechts
Besonders deutlich wird die innere Logik der AfD im Verhältnis zwischen Bundespartei und Landesverbänden. Während sich die Bundesebene regelmäßig um formale Anschlussfähigkeit bemüht und versucht, den Eindruck parlamentarischer Normalität aufrechtzuerhalten, treiben Landesverbände die ideologische Zuspitzung voran. Radikalere Positionen entstehen häufig regional, werden dort politisch erprobt, medial sichtbar gemacht und später schrittweise innerparteilich normalisiert.
Diese Dynamik ist kein Betriebsunfall, sondern Teil der Funktionsweise. Landesverbände fungieren als Experimentierfelder. Sie verschieben Grenzen, testen Reaktionen von Öffentlichkeit, Justiz und Verfassungsschutz und liefern damit Orientierung für die Gesamtpartei. Was sich regional behaupten lässt, wird bundesweit anschlussfähig gemacht oder zumindest toleriert.
In vielen Landesverbänden führte diese Entwicklung zu massiven innerparteilichen Konflikten. Austritte, Parteiausschlüsse, der Verlust von Fraktionsstatus oder dauerhafte Handlungsunfähigkeit waren die Folge. Paradoxerweise schwächte dies die radikalen Kräfte nicht. Im Gegenteil. Langfristig verschob sich das Machtgefüge zugunsten jener Strömungen, die ideologisch am weitesten rechts stehen. Nicht durch offene Grundsatzbeschlüsse, sondern durch personelle Kontinuität, Delegiertenmehrheiten auf Parteitagen und informelle Netzwerke.
Ein besonders prägnantes Beispiel dafür ist Thüringen, wo sich diese Dynamik in besonders verdichteter Form beobachten lässt.
Dort wird der AfD Landesverband unter der Führung von Björn Höcke seit 2021 vom Thüringer Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft und beobachtet. Höcke gilt als zentrale Figur des völkisch nationalistischen Flügels der Partei. Seine politische Positionierung orientiert sich offen an Konzepten der sogenannten Neuen Rechten und zielt laut Sicherheitsbehörden auf eine ethnisch definierte Vorstellung von Volk und Zugehörigkeit.
Obwohl die innerparteiliche Gruppierung „Der Flügel“ 2020 formal aufgelöst wurde, blieb ihre personelle und ideologische Struktur erhalten. Höcke wird weiterhin als ihr prägendster Akteur wahrgenommen. Die Auflösung fungierte weniger als inhaltliche Zäsur denn als taktische Anpassung an den äußeren Druck. Die entsprechenden Positionen verschwanden nicht, sie wurden institutionell besser abgesichert.
Nach der Landtagswahl 2024, aus der die AfD in Thüringen als stärkste Kraft hervorging, beanspruchte Höcke offen eine führende Rolle in der Landespolitik. Gleichzeitig blieb er durch die Abgrenzung aller anderen Parteien politisch isoliert. Diese Isolation schwächte seine Stellung innerhalb der AfD jedoch nicht. Im Gegenteil. Thüringen fungiert seither als Machtzentrum für den radikalen Parteiflügel. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Höcke Ende 2024 bewusst auf eine Kandidatur für den Bundestag verzichtete und stattdessen seine Rolle auf Landesebene festigte. Bundespolitische Sichtbarkeit war offenbar weniger relevant als ideologische Kontrolle und innerparteilicher Einfluss.
Hinzu kommen zahlreiche juristische Auseinandersetzungen. Höcke wurde gerichtlich unter anderem wegen der Verwendung einer SA Losung verurteilt. Zudem laufen Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Diese Verfahren haben seine Stellung in der Partei nicht geschwächt. Sie haben sie in Teilen sogar stabilisiert, weil sie in das von der AfD gepflegte Narrativ politischer Verfolgung eingebettet werden konnten.
Die programmatische Ausrichtung des Thüringer Landesverbands verdeutlicht dabei, wohin sich die Partei bewegt. Höcke propagiert regelmäßig Untergangserzählungen, spricht von einem angeblich drohenden Austausch der Bevölkerung und fordert eine umfassende „Remigration“. Sozialwissenschaftler und Extremismusforscher attestieren diesen Positionen klare Bezüge zu völkischem Denken, autoritären Ordnungsvorstellungen und faschistischen Ideologiemustern.
Thüringen ist damit kein Sonderfall, sondern ein Verdichtungsraum. Was dort sichtbar wird, wirkt in die Gesamtpartei zurück. Radikalität wird nicht sanktioniert, sondern als Machtfaktor akzeptiert. Die Bundespartei profitiert von der Verschiebung, ohne sie offiziell verantworten zu müssen. Landesverbände übernehmen die Rolle der Vorhut, die Bundesebene die der taktischen Absicherung.
Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Jugendorganisation, lange bekannt als Junge Alternative. Sie steht ideologisch deutlich rechts von der Mutterpartei und fungiert als Kaderschmiede. Radikale Positionen werden dort früh internalisiert, rhetorisch geschärft und später in Parteistrukturen getragen. Was in der Jugendorganisation normalisiert wird, gilt wenige Jahre später als legitimer Teil des innerparteilichen Meinungsspektrums.
So entsteht eine Partei, deren Radikalisierung nicht durch einen einzelnen Beschluss erfolgt, sondern durch eine kontinuierliche Verschiebung der inneren Schwerkraft. Landesverbände wie Thüringen sind dabei nicht Abweichung, sondern Motor.
Provokation als Organisationsinstrument
Provokation erfüllt in der AfD nicht nur eine kommunikative, sondern eine zentrale organisatorische Funktion. Öffentliche Grenzüberschreitungen sind kein Zufallsprodukt einzelner Akteure, sondern ein wiederkehrendes Muster. Sie markieren Zugehörigkeit, testen Belastbarkeit und verschieben innerparteiliche Koordinaten. Was nach außen als Skandal erscheint, wirkt nach innen strukturierend.
Provokation dient dabei als informelles Auswahlverfahren. Wer eine radikale Aussage tätigt und den entstehenden Druck aushält, signalisiert ideologische Standfestigkeit. Wer relativiert, sich entschuldigt oder distanziert, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Nicht die Grenzüberschreitung selbst ist das Problem, sondern die Reaktion darauf. Loyalität wird nicht über Programme oder Beschlüsse gemessen, sondern über Belastbarkeit im Konflikt, über Standhalten unter Druck.
Auf diese Weise entsteht eine klare innere Dynamik. Radikale Positionen müssen nicht offiziell beschlossen werden, um wirksam zu sein. Es reicht, dass sie wiederholt geäußert, nicht sanktioniert und parteiintern verteidigt werden. Jede Provokation verschiebt den innerparteilichen Referenzrahmen ein Stück weiter. Was gestern noch als untragbar galt, wird heute diskutabel. Was heute noch irritiert, wird morgen als zugespitzte Meinungsäußerung relativiert.
Gleichzeitig erlaubt diese Strategie eine doppelte Kommunikation. Nach außen kann Provokation als Ausrutscher, Einzelfall oder Kommunikationsfehler dargestellt werden. Nach innen erfüllt sie eine ordnende Funktion. Sie trennt die Partei nicht in gemäßigt und radikal, sondern stabilisiert eine radikale Mitte, die den Takt vorgibt, während moderatere Stimmen sich anpassen oder marginalisiert werden.
So wird das Sagbare kontinuierlich erweitert. Nicht durch formale Parteitage, sondern durch Wiederholung, Gewöhnung und das Ausbleiben konsequenter Abgrenzung. Begriffe, Bilder und Deutungen, die zunächst schockieren, werden Teil des politischen Alltags. Radikale Sprache wird nicht normal, weil sie akzeptiert wird, sondern weil sie präsent bleibt.
Völkisches Denken und autoritäre Ordnungsvorstellungen
Inhaltlich speist sich diese Struktur aus einem Weltbild, das pluralistische Demokratie nicht als Schutzmechanismus, sondern als Schwäche begreift. Gesellschaft erscheint nicht als vielfältiger Aushandlungsraum, sondern als homogene Einheit. Abweichung wird als Bedrohung interpretiert, Opposition als Illoyalität, Kritik als Angriff.
Dieses Denken ist völkisch im Kern. Zugehörigkeit wird nicht über politische Teilhabe definiert, sondern über Herkunft, kulturelle Zuschreibung und vermeintliche Identität. Gleichwertigkeit wird ersetzt durch Hierarchie. Vielfalt durch Ordnung. Komplexität durch Vereinfachung.
Parlamentarische Verfahren werden in dieser Logik nicht als Ort legitimer Auseinandersetzung verstanden, sondern als Hindernis. Medien gelten nicht als Kontrollinstanz, sondern als Gegner. Justiz nicht als unabhängige Gewalt, sondern als politisches Instrument. Revisionistische Narrative, Angriffe auf Presse und Rechtsstaat sowie ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken sind daher keine Randerscheinungen, sondern folgerichtige Bestandteile dieses Weltbilds.
Was nach außen oft als Provokation oder Tabubruch wahrgenommen wird, ist nach innen ideologische Konsistenz. Die taktische Mäßigung dient der Anschlussfähigkeit, nicht der inhaltlichen Korrektur. Radikale Positionen werden nicht aufgegeben, sondern verteilt, abgeschichtet und situativ aktiviert.
Die AfD ist damit weniger eine Partei, die gelegentlich radikal wird, als eine Organisation, die Radikalität strategisch organisiert. Sie nutzt Provokation nicht als Risiko, sondern als Werkzeug. Sie verschiebt Grenzen nicht durch Beschlüsse, sondern durch Praxis. Und sie sichert ihre ideologische Linie nicht durch Offenheit, sondern durch die systematische Erzeugung von Loyalität unter Druck.
Genau darin liegt ihre innere Stabilität und ihre demokratische Gefährlichkeit.
Von innerer Logik zu historischen Vergleichsfragen
Diese innere Struktur erklärt, warum die AfD trotz Skandalen, Beobachtung und innerer Konflikte stabil bleibt. Sie erklärt, warum Provokationen nicht schwächen, sondern ordnen. Und sie erklärt, warum der Eindruck von Chaos nach außen mit ideologischer Klarheit nach innen einhergeht.
An dieser Stelle drängen sich historische Vergleichsfragen auf. Nicht im Sinne einfacher Gleichsetzungen, sondern auf der Ebene politischer Mechanismen. Delegitimierung von Parlamenten. Verachtung pluralistischer Demokratie. Freund-Feind-Denken. Opfermythen. Nutzung von Krisen. Angriffe auf Presse und Justiz.
Im nächsten Teil dieser Reihe geht es deshalb um historische Vergleiche. Nicht um die Behauptung, die AfD sei die NSDAP. Sondern um die Frage, welche strukturellen Parallelen analytisch tragfähig sind, wo Vergleiche enden müssen und warum saubere Trennung die Voraussetzung jeder glaubwürdigen Analyse ist.