Die AfD wächst nicht trotz Regierungswechseln, sondern unabhängig von ihnen. Weder ein Politikwechsel noch neue Koalitionen haben ihren Aufstieg gebremst. Dieser erste Teil der Reihe zeigt, warum der Erfolg der AfD nicht an einzelne Regierungen gebunden ist, sondern auf tiefer liegenden strukturellen Dynamiken beruht.
Teil 1: Warum die AfD unabhängig von Regierungswechseln wächst
Ein verbreitetes Erklärungsangebot lautet, die Stärke der AfD sei vor allem eine Reaktion auf konkrete Regierungen und deren Politik. Mal wird die Ampel verantwortlich gemacht, mal Angela Merkel, mal nun Friedrich Merz. Der Gedanke dahinter ist beruhigend, weil er Komplexität reduziert. Wenn sich der Erfolg der AfD auf eine bestimmte Regierung zurückführen lässt, dann scheint auch die Lösung greifbar. Regierung wechseln, Kurs korrigieren, neue Gesichter präsentieren, und der Protest ebbt ab.
Diese Vorstellung hat einen großen politischen Vorteil. Sie verschiebt das Problem in die Gegenwart und macht es reversibel. Die AfD erscheint dann nicht als strukturelle Herausforderung für die Demokratie, sondern als temporäre Fehlreaktion auf falsche Entscheidungen. Doch genau diese Erzählung hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand.
Die AfD ist unter sehr unterschiedlichen politischen Konstellationen gewachsen. Unter Merkel. Unter Scholz. Und nun weiter unter Merz. Sie gewann Stimmen in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums ebenso wie in Krisenjahren. Sie profitierte von restriktiverer Migrationspolitik ebenso wie von liberaleren Phasen. Es gibt keinen klaren kausalen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Regierung und ihrer Stärke.
Das ist kein Zufall. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Ursachen tiefer liegen.
Protest erklärt keinen Dauerzustand
Protestparteien leben normalerweise von Momenten. Von Zuspitzungen, Skandalen, konkreten politischen Entscheidungen, die als ungerecht oder überzogen empfunden werden. Sie profitieren von Enttäuschung, von Wut, von dem Gefühl, übergangen worden zu sein. Und sie verlieren an Bedeutung, sobald sich politische Mehrheiten ändern, Themen an Dringlichkeit verlieren oder neue Konfliktlinien entstehen.
Genau dieses Muster lässt sich bei der AfD nicht beobachten.
Im Gegenteil. Ihre Zustimmungswerte haben sich über Jahre hinweg stabilisiert. Sie schwanken, ja. Aber sie brechen nicht ein. Regierungswechsel haben daran ebenso wenig geändert wie thematische Verschiebungen. Weder das Ende der Merkel-Jahre noch der Wechsel von der Ampel zu einer schwarz-roten Bundesregierung unter Friedrich Merz haben zu einem nachhaltigen Rückgang geführt. Selbst massive Skandale, interne Machtkämpfe, Parteiausschlüsse oder die Beobachtung durch den Verfassungsschutz haben den Kern der Zustimmung nicht ausgehöhlt.
Das ist das Gegenteil eines klassischen Protestphänomens.
Ein reiner Protestwähler kehrt zurück, wenn sich die Umstände ändern. Ein dauerhafter Wähler bleibt, selbst wenn sich die Anlässe verschieben. Genau das ist hier zu beobachten. Für einen wachsenden Teil der AfD-Wählerschaft geht es längst nicht mehr um einzelne politische Entscheidungen oder um symbolische Denkzettel. Es geht um eine grundsätzliche Ablehnung des politischen Systems, wie es erlebt wird. Um Misstrauen gegenüber Institutionen, Parteien, Medien und Verfahren. Um das Gefühl, nicht mehr vertreten zu sein, egal wer regiert.
Protest erklärt Empörung. Er erklärt Mobilisierung in Krisen. Er erklärt Ausschläge nach oben. Was er nicht erklärt, ist Stabilität über Jahre hinweg.
Wer heute AfD wählt, tut das oft nicht mehr aus kurzfristigem Ärger, sondern aus einer verfestigten politischen Haltung heraus. Die Partei wird nicht mehr als Druckmittel genutzt, sondern als Alternative verstanden. Nicht als Warnsignal an die etablierten Parteien, sondern als bewusste Abkehr von ihnen.
Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Wenn Zustimmung nicht mehr zyklisch ist, sondern strukturell, dann greifen Erklärungen, die sich auf einzelne Regierungen oder politische Konstellationen beziehen, zu kurz. Dann verschiebt sich die Analyse weg von tagespolitischen Fehlern hin zu tiefer liegenden Veränderungen im Verhältnis zwischen Gesellschaft und politischem System.
Und genau dort beginnt die eigentliche Herausforderung.
Strukturelle Verschiebungen statt politischer Zyklen
Die anhaltende Stärke der AfD ist kein Zufallsprodukt kurzfristiger politischer Entscheidungen, sondern Ausdruck langfristiger Verschiebungen im Verhältnis zwischen Gesellschaft und politischem System. Vertrauen in staatliche Institutionen, Parteien und Vermittlungsinstanzen hat über Jahre hinweg abgenommen. Politik wird weniger als gestaltende Kraft wahrgenommen, sondern zunehmend als ein in sich geschlossener Apparat, der Probleme verwaltet, statt sie sichtbar zu lösen.
Parteien erscheinen vielen nicht mehr als Orte politischer Auseinandersetzung, sondern als professionelle Organisationen mit eigener Logik, eigener Sprache und eigener Zeitrechnung. Politische Kommunikation ist technischer geworden, vorsichtiger, oft defensiv. Konflikte werden entschärft, Kompromisse verwaltet, Verantwortung diffus verteilt. Was fehlt, ist das Gefühl, dass politische Entscheidungen noch aus klar erkennbaren Alternativen entstehen.
Gleichzeitig haben sich gesellschaftliche Lebensrealitäten stark fragmentiert. Regionale Ungleichheiten zwischen Stadt und Land, Ost und West, prosperierenden Zentren und abgehängten Regionen bestehen fort oder haben sich verschärft. Soziale Unsicherheiten sind für viele kein Übergangszustand mehr, sondern Dauererfahrung. Befristete Arbeitsverhältnisse, steigende Wohnkosten, fragile Altersvorsorge und eingeschränkte Aufstiegsperspektiven prägen Biografien quer durch die Mittelschicht.
Hinzu kommen kulturelle Brüche. Fragen von Identität, Zugehörigkeit, Migration und gesellschaftlichem Wandel werden nicht mehr als gestaltbare Prozesse erlebt, sondern als Kontrollverlust. Die Erfahrung, dass sich das eigene Umfeld schneller verändert als die eigene Einflussmöglichkeit, erzeugt Verunsicherung, die sich politisch nur schwer auffangen lässt.
In einem solchen Umfeld verliert der klassische Regierungswechsel seine entlastende Funktion. Wer sich grundsätzlich nicht mehr repräsentiert fühlt, lässt sich nicht durch neue Gesichter beruhigen. Für diese Wählerinnen und Wähler ist nicht entscheidend, ob eine andere Partei regiert, sondern dass sich die wahrgenommenen Strukturen nicht verändern. Der Eindruck verfestigt sich, dass Politik unabhängig von Wahlergebnissen nach denselben Regeln funktioniert.
Die AfD adressiert genau dieses Empfinden. Sie bietet keinen detaillierten politischen Gegenentwurf, sondern ein einfaches Narrativ: Das System selbst sei das Problem. Der eigene Erfolg speist sich weniger aus konkreten Lösungsvorschlägen als aus der Behauptung eines radikalen Bruchs. Ob dieser Bruch realistisch, konsistent oder umsetzbar ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass er rhetorisch behauptet und emotional anschlussfähig ist.
Damit verschiebt sich die politische Auseinandersetzung. Sie verläuft nicht mehr entlang klassischer Sachfragen, sondern entlang der grundsätzlichen Frage, ob das bestehende System noch als legitim erlebt wird.
Warum neue Regierungen nichts ändern
Hier beginnt das Dilemma für demokratische Parteien. Solange strukturelle Ursachen mit kurzfristigen politischen Antworten verwechselt werden, bleiben Regierungswechsel wirkungslos als Korrektiv. Wer strukturelles Misstrauen mit personellen Veränderungen beantwortet, verfehlt das Problem.
Neue Regierungen können politische Akzente setzen, Gesetze ändern, Prioritäten verschieben. Was sie kurzfristig kaum leisten können, ist die Wiederherstellung von Vertrauen, wenn dieses über Jahre hinweg erodiert ist. Vertrauen entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch erfahrbare Wirksamkeit. Und genau diese Erfahrung fehlt vielen Menschen inzwischen dauerhaft.
Solange politische Systeme als selbstreferenziell wahrgenommen werden, bleibt jede neue Regierung für einen Teil der Bevölkerung nur eine Variante desselben Modells. In diesem Sinne ist die AfD nicht das Ergebnis eines einzelnen politischen Fehlers, sondern der Nutznießer eines strukturellen Legitimationsproblems.
Wer dieses Problem ignoriert oder auf die nächste Wahl vertagt, verschiebt nicht nur die Lösung. Er verstärkt die Dynamik, von der autoritäre Angebote profitieren.
Verantwortung der demokratischen Mitte
Es wäre zu einfach, diesen Prozess ausschließlich äußeren Faktoren zuzuschreiben oder ihn allein als Folge gesellschaftlicher Umbrüche zu erklären. Ein Teil der Verantwortung liegt bei demokratischen Parteien und Institutionen selbst. Über Jahre hinweg wurde politischer Konflikt vermieden, statt offen ausgetragen. Widersprüche wurden moderiert, statt entschieden. Spannungen innerhalb der Gesellschaft wurden verwaltet, verschoben oder kommunikativ entschärft, ohne ihre Ursachen ernsthaft zu bearbeiten.
Politik hat sich dabei zunehmend als Krisenmanagement verstanden, nicht als Ort grundsätzlicher Richtungsentscheidungen. Das mag kurzfristig stabilisieren, langfristig untergräbt es jedoch das Gefühl politischer Wirksamkeit. Wenn alles als alternativlos erscheint, verliert auch demokratische Aushandlung an Bedeutung.
Hinzu kommt, dass demokratische Parteien vielfach versucht haben, komplexe Probleme durch Vereinfachung ihrer eigenen Sprache zu lösen, ohne ihre Politik entsprechend zu verändern. Das Ergebnis war eine Kommunikation, die weder Klarheit noch Vertrauen geschaffen hat. Für viele Menschen entstand der Eindruck, dass zentrale Fragen zwar benannt, aber nie wirklich entschieden werden.
So entstand ein politisches Vakuum. Nicht, weil es an Programmen mangelte, sondern weil es an klaren, nachvollziehbaren Konflikten fehlte. In diesem Vakuum wurden einfache Erzählungen attraktiver als komplexe Antworten. Die AfD füllt dieses Vakuum nicht, weil sie tragfähige Lösungen anbietet, sondern weil sie eindeutige Schuldzuweisungen liefert und Konflikte benennt, die andere Parteien zu vermeiden versuchten.
Kein vorübergehendes Phänomen
Wer glaubt, die AfD werde mit der nächsten Wahl, der nächsten Koalition oder dem nächsten Kanzler wieder verschwinden, unterschätzt die Tiefe dieser Entwicklung. Ihr Erfolg ist kein kurzfristiger Ausreißer und kein Betriebsunfall des politischen Systems. Er ist ein Symptom langfristiger Erosion von Vertrauen, Repräsentation und politischer Bindung.
Solange diese Ursachen nicht ernsthaft adressiert werden, wird auch der nächste Regierungswechsel die AfD nicht schwächen. Im Gegenteil. Jeder Wechsel, der strukturelle Probleme unangetastet lässt, liefert neues Material für die Erzählung, dass sich im Kern ohnehin nichts ändert.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie man die AfD kurzfristig kleinrechnet, sondern warum so viele Menschen sich dauerhaft politisch nicht mehr vertreten fühlen.
Im nächsten Teil dieser Reihe geht es deshalb um Repräsentationslücken, Vertrauensverluste und das Gefühl des Abgehängtseins. Um die Frage, wie sie entstehen konnten, warum sie sich verfestigt haben und weshalb sie autoritären Angeboten immer wieder neue Anschlussfähigkeit verschaffen.