Der Capture Price beschreibt den durchschnittlichen Strompreis, den eine Erzeugungsanlage, ein Kraftwerk oder eine Erzeugungstechnologie während ihrer tatsächlichen Einspeisezeiten erzielt. Er wird meist in Euro pro Megawattstunde angegeben und ergibt sich als mengengewichteter Durchschnitt der Strompreise in den Stunden oder Viertelstunden, in denen die Anlage Strom erzeugt und am Markt verkauft. Eine Solaranlage erhält ihren Capture Price also nicht aus dem Jahresdurchschnitt aller Börsenpreise, sondern aus den Preisen genau jener Zeiträume, in denen sie einspeist.

Damit verbindet der Begriff zwei Größen, die im Stromsystem getrennt betrachtet werden müssen: das Preisprofil des Marktes und das Erzeugungsprofil einer Anlage. Der einfache Durchschnittspreis am Spotmarkt sagt, wie teuer Strom über einen Zeitraum im Mittel war. Der Capture Price sagt, welchen Teil dieses Preisniveaus eine konkrete Erzeugungsstruktur tatsächlich erreichen konnte. Bei steuerbaren Kraftwerken kann dieser Wert durch Einsatzplanung beeinflusst werden. Bei Wind- und Solaranlagen hängt er stark vom Wetter, von der Gleichzeitigkeit vieler Anlagen und von der Nachfrage in den jeweiligen Einspeisestunden ab.

Preis in den richtigen Stunden

Die Maßeinheit des Capture Price ist dieselbe wie beim Großhandelspreis für Strom: Euro pro Megawattstunde. Berechnet wird er, indem die erzeugte Strommenge jeder Zeiteinheit mit dem jeweiligen Marktpreis multipliziert, über den betrachteten Zeitraum summiert und anschließend durch die gesamte erzeugte Strommenge geteilt wird. Stunden mit hoher Einspeisung zählen dadurch stärker als Stunden mit geringer Einspeisung.

Diese Gewichtung ist der Kern des Begriffs. Wenn eine Technologie vor allem in Stunden mit niedrigen Preisen produziert, liegt ihr Capture Price unter dem durchschnittlichen Marktpreis. Wenn sie überwiegend in Stunden mit hohen Preisen produziert, liegt er darüber. Der Capture Price ist deshalb kein allgemeiner Strompreis, sondern ein Erlösmaß für ein bestimmtes Erzeugungsprofil.

Bei Photovoltaik zeigt sich das besonders deutlich. Solaranlagen erzeugen viel Strom in ähnlichen Tagesstunden. Wenn in diesen Stunden sehr viel Solarstrom im Markt ist, sinkt der Börsenpreis häufig. Der durchschnittliche Marktpreis eines Monats kann dann höher sein als der Preis, den Solaranlagen in ihren Einspeisestunden erzielen. Bei Windenergie entsteht ein ähnlicher Effekt in windreichen Phasen, wenn viele Windkraftanlagen gleichzeitig hohe Mengen einspeisen. Dieser Zusammenhang wird oft als Kannibalisierung bezeichnet: Zusätzliche Anlagen derselben Technologie drücken in ihren gemeinsamen Einspeisezeiten den Preis, den sie selbst erzielen können.

Abgrenzung zu Marktpreis, Marktwert und Stromgestehungskosten

Der Capture Price wird leicht mit benachbarten Begriffen verwechselt. Der Börsenstrompreis beschreibt den Preis einer bestimmten Zeiteinheit am Großhandelsmarkt, etwa am Day-Ahead-Markt. Der durchschnittliche Marktpreis, häufig als Base-Preis angegeben, mittelt diese Preise über alle Stunden eines Zeitraums, unabhängig davon, wann eine Anlage tatsächlich erzeugt. Der Capture Price bezieht sich dagegen auf die erzeugte Menge einer Anlage oder Technologie.

Nahe verwandt ist der Begriff Marktwert. In Deutschland wird der Marktwert erneuerbarer Energien im Rahmen des EEG als technologiespezifischer Durchschnittswert berechnet, zum Beispiel für Solarstrom oder Windenergie an Land. Dieser Marktwert ist im Kern ein standardisierter Capture Price für eine Technologiegruppe im jeweiligen Zeitraum. Ein einzelnes Projekt kann davon abweichen, weil Standort, Ausrichtung, technische Verfügbarkeit, Abregelung und Vermarktung anders sind als im Durchschnitt.

Die Capture Rate setzt den Capture Price ins Verhältnis zum durchschnittlichen Marktpreis. Eine Capture Rate von 80 Prozent bedeutet, dass eine Technologie im betrachteten Zeitraum nur vier Fünftel des durchschnittlichen Marktpreises erzielt hat. Eine Capture Rate über 100 Prozent zeigt, dass die Erzeugung überwiegend in höherpreisigen Stunden lag. Die Capture Rate ist deshalb nützlich, um Erlösprofile zwischen Technologien oder Jahren zu vergleichen, ersetzt aber nicht die absolute Preisinformation.

Von den Stromgestehungskosten ist der Capture Price klar zu trennen. Stromgestehungskosten beschreiben, welche Kosten pro erzeugter Megawattstunde über die Lebensdauer einer Anlage anfallen. Der Capture Price beschreibt, welcher Marktpreis für diese Megawattstunde erzielt wird. Ob ein Projekt wirtschaftlich ist, hängt nicht allein von einer dieser Größen ab, sondern von ihrem Verhältnis, von Förderregeln, Finanzierungskosten, Vermarktungsrisiken, Netzanschlusskosten und möglichen Erlösen aus Flexibilität oder Systemdienstleistungen.

Bedeutung für Investitionen und Finanzierung

Für Investoren ist der Capture Price eine zentrale Erlösgröße. Ein hoher durchschnittlicher Strompreis im Markt hilft wenig, wenn die eigene Anlage überwiegend in Niedrigpreisstunden einspeist. Umgekehrt kann eine flexible Anlage mit begrenzter Laufzeit wirtschaftlich sein, wenn sie gezielt in Hochpreisstunden produziert. Der Capture Price übersetzt das zeitliche Muster der Stromerzeugung in eine finanzielle Größe.

Bei Wind- und Solarprojekten beeinflusst der erwartete Capture Price die Bewertung von Standorten, technischen Auslegungen und Vermarktungsmodellen. Eine Photovoltaikanlage mit Ost-West-Ausrichtung erzeugt im Jahresmittel möglicherweise weniger Strom als eine Anlage mit Südausrichtung, kann aber einen höheren relativen Erlös erzielen, wenn ihre Produktion stärker in Morgen- und Abendstunden fällt. Ein Windstandort mit etwas geringerer Jahresproduktion kann wirtschaftlich attraktiv sein, wenn sein Einspeiseprofil weniger stark mit dem übrigen Windangebot korreliert.

Auch Stromabnahmeverträge, sogenannte Power Purchase Agreements, beziehen sich indirekt auf den Capture Price. Ein Abnehmer, der einen festen Preis für die Produktion einer Anlage zahlt, übernimmt je nach Vertragsform das Risiko, dass der tatsächliche Marktwert dieser Produktion niedriger oder höher ausfällt. Deshalb sind Profilrisiko, Mengenrisiko und Preisrisiko bei solchen Verträgen getrennt zu betrachten. Der Capture Price macht vor allem das Profilrisiko sichtbar.

Für geförderte Anlagen bleibt der Begriff relevant, weil Förderzahlungen oft an Marktwerte gekoppelt sind. In einem Marktprämienmodell erhält der Betreiber Markterlöse und eine ergänzende Prämie, deren Höhe von Referenzwerten abhängt. Sinkt der technologiespezifische Marktwert, steigen je nach Regelwerk die Förderkosten oder verändern sich die Erlöserwartungen. Der Capture Price ist damit auch eine Größe, über die Marktdesign und Förderdesign miteinander verbunden sind.

Was der Capture Price zeigt und was nicht

Ein niedriger Capture Price bedeutet nicht automatisch, dass eine Technologie technisch ungeeignet oder volkswirtschaftlich wertlos ist. Er zeigt zunächst, dass ihre Einspeisung in Zeiten mit niedrigen Marktpreisen konzentriert ist. Diese niedrigen Preise können durch hohe gleichzeitige Erzeugung, geringe Nachfrage, Netzengpässe, inflexible Kraftwerke oder fehlende flexible Lasten entstehen. Der Begriff beschreibt einen Markterlös unter gegebenen Regeln; er erklärt nicht allein, warum das Preisprofil so aussieht.

Ebenso ist ein hoher Capture Price kein vollständiger Beleg für Systemnutzen. Ein Gaskraftwerk kann hohe Preise erzielen, weil es in Knappheitsstunden produziert. Diese Erlöse spiegeln dann auch Brennstoffkosten, CO₂-Kosten, Verfügbarkeitsrisiken und Knappheit wider. Für die Bewertung von Versorgungssicherheit, Emissionen oder Infrastrukturbedarf braucht es zusätzliche Begriffe wie Leistung, Residuallast, gesicherte Leistung und Systemkosten.

Der Capture Price enthält außerdem nicht alle Erlös- und Kostenbestandteile. Bilanzkreisabweichungen, Ausgleichsenergie, Direktvermarktungskosten, Redispatch, Abregelung, Herkunftsnachweise oder lokale Netzrestriktionen können die wirtschaftliche Realität eines Projekts erheblich verändern. Je nach Berechnung wird nur die tatsächlich eingespeiste Menge betrachtet oder auch potenziell erzeugbarer, aber abgeregelter Strom. Diese Systemgrenze muss offengelegt werden, wenn Capture Prices verglichen werden.

Ein weiteres Missverständnis entsteht, wenn der Capture Price als Naturgesetz einer Technologie behandelt wird. Er hängt von der Zusammensetzung des Kraftwerksparks, vom Ausbau der Netze, von Speichern, Nachfrageflexibilität, Elektrolyseuren, Wärmepumpen, Elektromobilität und den Regeln des Strommarkts ab. Wenn flexible Verbraucher stärker auf Preise reagieren, können sie zusätzliche Nachfrage in Niedrigpreisstunden schaffen. Wenn Speicher Strom aus Stunden mit niedrigen Preisen aufnehmen und später abgeben, verändern sie Preisprofile und damit auch künftige Capture Prices.

Zusammenhang mit Flexibilität und Marktdesign

Der Capture Price macht sichtbar, wie wertvoll Strom zu einem bestimmten Zeitpunkt im Markt ist. Mit wachsendem Anteil wetterabhängiger Erzeugung wird diese zeitliche Dimension wichtiger. Die reine Jahresmenge erneuerbarer Erzeugung reicht nicht aus, um Erlöse, Förderbedarf oder Investitionsanreize zu verstehen. Zwei Anlagen mit gleicher Jahresproduktion können sehr unterschiedliche Capture Prices haben, wenn sie zu unterschiedlichen Zeiten einspeisen.

Damit verschiebt sich die Bewertung von Erzeugungskapazitäten stärker auf ihr zeitliches Verhalten. Flexibilität erhält einen Preis, weil sie Erzeugung, Verbrauch oder Speicherung in Stunden mit höherem Wert verlagern kann. Das betrifft Batteriespeicher, flexible Industrieprozesse, steuerbare Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, Elektrolyse und auch konventionelle Kraftwerke, soweit sie schnell und verlässlich auf Preissignale reagieren können. Der Capture Price einer Anlage ist deshalb auch ein Hinweis darauf, wie stark ihr Profil zum aktuellen Markt passt.

Für das Marktdesign ist der Begriff bedeutsam, weil er zeigt, welche Erlöse ein Energy-only-Markt aus der reinen Stromlieferung ermöglicht. Wenn Technologien mit hohen Investitionskosten systematisch sinkende Capture Prices erzielen, entstehen Fragen nach Refinanzierung, Fördermechanismen, Absicherung gegen Preisrisiken und dem Wert zusätzlicher Flexibilität. Diese Fragen lassen sich nicht mit dem Jahresdurchschnittspreis beantworten.

Der Capture Price ist somit ein präzises Maß für den marktlichen Wert eines Erzeugungsprofils. Er definiert nicht den gesamten Nutzen einer Anlage und ersetzt keine Analyse von Netz, Versorgungssicherheit oder Kostenverteilung. Er zwingt aber dazu, Strom nicht nur als Jahresmenge zu betrachten, sondern als zeitlich gebundenes Gut, dessen Wert davon abhängt, wann und unter welchen Marktbedingungen es erzeugt wird.