Scope 2 Market-Based bezeichnet eine Methode der Treibhausgasbilanzierung, bei der indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie nach vertraglichen und marktlichen Zuordnungen berechnet werden. Gemeint sind vor allem Emissionen aus Strom, aber auch aus eingekaufter Wärme, Dampf oder Kälte. Ein Unternehmen bilanziert dabei nicht allein den durchschnittlichen Strommix des Landes oder Netzgebiets, sondern die Emissionsfaktoren, die seinen Stromlieferverträgen, Stromprodukten, Herkunftsnachweisen oder direkten Beschaffungsverträgen zugeordnet sind.
Die Methode stammt aus dem Greenhouse Gas Protocol und betrifft Scope 2. Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus eigenen Anlagen, Fahrzeugen oder Prozessen. Scope 3 umfasst indirekte Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, etwa aus eingekauften Gütern, Transporten oder der Nutzung verkaufter Produkte. Scope 2 liegt dazwischen: Das Unternehmen verbraucht Energie am eigenen Standort, die Emissionen entstehen aber bei einem anderen Akteur, zum Beispiel in einem Kraftwerk oder Heizwerk.
Die relevante Rechengröße ist die verbrauchte Energiemenge, meist in Kilowattstunden oder Megawattstunden, multipliziert mit einem Emissionsfaktor. Der Emissionsfaktor wird häufig in Gramm oder Kilogramm CO₂-Äquivalent pro Kilowattstunde angegeben. CO₂-Äquivalent bedeutet, dass neben Kohlendioxid auch andere Treibhausgase nach ihrer Klimawirkung umgerechnet werden können. Bei Strom lautet die Grundrechnung also: Verbrauchte Strommenge mal zugeordneter Emissionsfaktor. Die methodische Frage liegt darin, welcher Emissionsfaktor verwendet werden darf.
Abgrenzung zur location-based Methode
Scope 2 Market-Based ist von Scope 2 Location-Based zu unterscheiden. Die location-based Methode verwendet den durchschnittlichen Emissionsfaktor des Stromnetzes oder Landes, in dem der Verbrauch stattfindet. Ein Unternehmen in Deutschland würde dabei mit einem deutschen Netz- oder Landesmix rechnen, unabhängig davon, welchen Stromtarif es abgeschlossen hat. Diese Methode beschreibt die durchschnittliche physische Versorgungsumgebung, nicht die vertragliche Beschaffung.
Die market-based Methode ordnet dem Verbrauch dagegen konkrete Beschaffungsinstrumente zu. Dazu gehören Lieferantenfaktoren, Ökostromtarife, Herkunftsnachweise, Stromlieferverträge aus bestimmten Anlagen oder Power Purchase Agreements, also langfristige Stromabnahmeverträge zwischen Erzeuger und Verbraucher. Wenn diese Instrumente nach den Regeln des Bilanzierungsstandards anerkannt sind, kann ein Unternehmen für den entsprechenden Stromverbrauch einen niedrigeren Emissionsfaktor ansetzen, im Extremfall null Gramm CO₂-Äquivalent pro Kilowattstunde.
Damit beantworten beide Methoden unterschiedliche Fragen. Location-Based fragt: Welche Emissionen sind mit dem durchschnittlichen Stromverbrauch an diesem Standort verbunden? Market-Based fragt: Welche Emissionen sind dem Unternehmen über seine Beschaffungsentscheidungen und vertraglichen Ansprüche zuzurechnen? Keine der beiden Methoden ist die physikalisch vollständige Beschreibung des Stromflusses. Strom wird im Netz nicht nach Vertrag getrennt transportiert. Die Zuordnung erfolgt bilanziell, institutionell und über Nachweissysteme.
Was vertragliche Zuordnung leisten kann
Die market-based Bilanzierung macht sichtbar, dass Strombeschaffung eine unternehmerische Entscheidung ist. Ein Unternehmen kann nicht nur Energie verbrauchen, sondern auch festlegen, aus welchen Erzeugungsquellen es bilanziell beliefert werden will. Damit entsteht ein Zusammenhang zwischen Klimabilanz, Beschaffungsstrategie und Strommarkt. Wer erneuerbaren Strom über hochwertige Verträge beschafft, kann Nachfrage nach bestimmten Anlagen, Technologien oder Projektformen erzeugen.
Die Wirkung hängt jedoch von der Ausgestaltung ab. Ein einfacher Herkunftsnachweis bestätigt, dass eine Megawattstunde Strom aus erneuerbarer Erzeugung in das Netz eingespeist wurde und dass die grüne Eigenschaft dieser Megawattstunde nicht mehrfach verkauft wird. Er sagt aber nicht automatisch, dass durch den Kauf eine neue Anlage gebaut wurde, dass zur Verbrauchsstunde erneuerbarer Strom erzeugt wurde oder dass fossile Kraftwerke im selben Moment weniger produziert haben. Ein Herkunftsnachweis ist ein Zuordnungs- und Ausschlussinstrument gegen Doppelzählung, kein direkter Nachweis für eine physische Lieferung einzelner Elektronen.
Anders wirkt ein langfristiger Stromabnahmevertrag mit einer neuen Wind- oder Solaranlage, wenn der Vertrag zur Finanzierung des Projekts beiträgt. In diesem Fall kann die Beschaffung zusätzliche Investitionen stützen. Auch hier bleibt die physische Stromversorgung vom Netzbetrieb abhängig, aber die wirtschaftliche Wirkung reicht weiter als bei einem bloßen Zertifikatekauf aus bestehenden Anlagen. Zwischen beiden Fällen liegen viele Varianten: Lieferantenprodukte mit gemischter Qualität, gebündelte Strom- und Zertifikatsverträge, ungeförderte Anlagen, geförderte Anlagen, regionale Produkte oder zeitlich genauer zugeordnete Beschaffung.
Häufige Missverständnisse
Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, market-based ausgewiesene Null-Emissionen mit einer jederzeit emissionsfreien Stromversorgung gleichzusetzen. Ein Unternehmen kann seinen Jahresverbrauch vollständig mit Herkunftsnachweisen decken und dennoch zu Stunden Strom aus einem Netz beziehen, in dem fossile Kraftwerke die Nachfrage mitdecken. Die Bilanz kann marktlich korrekt sein, ohne dass sie den stündlichen physikalischen Zustand des Stromsystems abbildet.
Ein zweites Missverständnis betrifft den Begriff Grünstrom. In der Klimabilanz kann Grünstrom je nach Nachweis und Standard zu niedrigen Scope-2-Emissionen führen. Für das Stromsystem ist aber relevant, ob diese Beschaffung zusätzliche erneuerbare Erzeugung, Flexibilität oder zeitlich passende Nachfrage anreizt. Ein Jahresprodukt aus bestehenden Anlagen unterscheidet sich systemisch von einem Vertrag, der neue Erzeugung finanziert und Verbrauchsprofile stärker an erneuerbarer Verfügbarkeit ausrichtet.
Ein drittes Missverständnis entsteht, wenn location-based Zahlen als weniger anspruchsvoll und market-based Zahlen als automatisch besser gelten. Location-Based bleibt wichtig, weil diese Perspektive den Standortbezug wahrt. Sie zeigt, wie emissionsintensiv das Netz ist, aus dem ein Standort versorgt wird. Market-Based zeigt dagegen die Beschaffungsentscheidung. Ein Unternehmen kann in einem emissionsintensiven Netz eine niedrige market-based Bilanz ausweisen. Das kann regelkonform sein, ersetzt aber nicht die Frage, wie sich der reale Kraftwerkspark, die Residuallast und der Netzbetrieb verändern.
Zeitliche Genauigkeit und 24/7-Ansätze
Die klassische market-based Bilanzierung arbeitet häufig jahresbasiert. Ein Unternehmen verbraucht im Jahr eine bestimmte Strommenge und beschafft für dieselbe Menge passende Nachweise oder Verträge. Für ein Stromsystem mit hohem Anteil von Wind- und Solarstrom wird diese Jahreslogik ungenauer, weil Erzeugung und Verbrauch zeitlich stark auseinanderfallen können. Solarstrom aus dem Sommer ersetzt nicht automatisch fossile Erzeugung in einer windarmen Winterabendstunde.
Deshalb gewinnen Ansätze wie stündliche Zuordnung oder 24/7 Carbon-Free Energy an Bedeutung. Dabei soll der Verbrauch möglichst in jeder Stunde durch emissionsfreie Erzeugung gedeckt werden, zumindest bilanziell und mit genauerer zeitlicher Auflösung. Solche Ansätze erhöhen die Anforderungen an Daten, Messung, Vertragsstruktur und Portfolioaufbau. Sie lenken die Beschaffung stärker auf Speicher, steuerbare erneuerbare Erzeugung, Lastverschiebung und andere Formen von Flexibilität. Damit rückt die Frage vom jährlichen Mengenabgleich näher an die tatsächlichen Herausforderungen eines erneuerbaren Stromsystems.
Diese höhere Genauigkeit löst nicht alle Zurechnungsprobleme. Auch stündliche Nachweise bleiben marktliche Zuordnungen. Sie beschreiben, welche Erzeugung einem Verbrauch bilanziell zugeordnet wird, nicht den individuellen Stromfluss durch das Netz. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie die zeitliche Knappheit und den Wert gesicherter oder verschiebbarer Stromnutzung besser sichtbar machen.
Bedeutung für Unternehmen, Markt und Regulierung
Für Unternehmen ist Scope 2 Market-Based ein Steuerungsinstrument. Es beeinflusst Klimaziele, Nachhaltigkeitsberichte, Lieferkettenanforderungen und Investitionsentscheidungen. Wer einen großen Stromverbrauch hat, kann mit der Beschaffungsstrategie erhebliche Unterschiede in der ausgewiesenen Klimabilanz erzeugen. Das betrifft Rechenzentren, Chemie- und Metallindustrie, Handelsunternehmen, Logistikstandorte und künftig verstärkt auch Unternehmen, die Wärmeprozesse oder Fahrzeugflotten elektrifizieren.
Für den Strommarkt erzeugt diese Bilanzierungslogik Nachfrage nach bestimmten Produkten. Herkunftsnachweise erhalten einen Preis. Langfristige Verträge können Investitionsrisiken für erneuerbare Anlagen senken. Lieferanten entwickeln Produkte, die nicht nur Strom liefern, sondern auch Bilanzierungsansprüche erfüllen. Gleichzeitig entsteht ein Anreiz, die Qualität solcher Produkte zu präzisieren, weil sonst billige Nachweise aus bestehenden Anlagen dieselbe bilanzielle Wirkung haben können wie Beschaffungsformen mit stärkerer Investitionswirkung.
Regulatorisch hängt viel an der Verlässlichkeit der Nachweissysteme. Doppelzählung muss ausgeschlossen werden. Ein und dieselbe erneuerbare Megawattstunde darf nicht mehreren Unternehmen, Lieferanten oder Staaten gleichzeitig zugerechnet werden. Außerdem muss klar sein, ob ein Emissionsfaktor an ein Produkt, einen Lieferanten, eine Anlage oder einen Residualmix gebunden ist. Der Residualmix beschreibt den verbleibenden Strommix, nachdem vertraglich zugeordnete Eigenschaften herausgerechnet wurden. Ohne sauberen Residualmix können Unternehmen mit Standardstrom indirekt von grünen Eigenschaften profitieren, die bereits anderen Käufern zugeordnet wurden.
Was der Begriff sichtbar macht und was nicht
Scope 2 Market-Based macht sichtbar, dass Klimabilanzen nicht nur Messungen, sondern auch Zurechnungsregeln enthalten. Diese Regeln sind notwendig, weil Strom ein netzgebundenes Gut ist und physische Flüsse nicht einzelnen Verträgen folgen. Die Methode schafft eine Brücke zwischen Stromverbrauch, Vertragsrecht, Nachweissystemen und Emissionsberichterstattung. Sie erlaubt Unternehmen, Beschaffungsentscheidungen abzubilden, die in einer rein standortbasierten Rechnung unsichtbar blieben.
Die Methode erklärt aber nicht allein, ob die globale Emissionsmenge tatsächlich im gleichen Umfang sinkt wie die Unternehmensbilanz. Dafür müssen zusätzliche Fragen beantwortet werden: Entsteht neue erneuerbare Erzeugung? Wird fossile Erzeugung verdrängt? Passt die Erzeugung zeitlich zum Verbrauch? Welche Rolle spielen Speicher, Netze und steuerbare Lasten? Welche Emissionen bleiben in der Lieferkette, etwa beim Bau der Anlagen? Diese Fragen gehören teilweise zu Scope 2, teilweise zu Scope 3, teilweise zur Strommarktanalyse.
Scope 2 Market-Based ist deshalb kein Synonym für physisch emissionsfreien Stromverbrauch. Der Begriff bezeichnet eine regelgebundene bilanzielle Zuordnung von Energieeigenschaften. Seine Aussagekraft steigt, wenn die verwendeten Nachweise eindeutig, zeitlich passend, nicht doppelt gezählt und mit realen Beschaffungs- oder Investitionsentscheidungen verbunden sind. Präzise verwendet, trennt er die Klimabilanz eines Unternehmens von der physikalischen Netzrealität, ohne den Zusammenhang zwischen beiden zu leugnen.