Die Schmidtsche Formel, benannt nach Erik Schmidt, bezeichnet eine praxisnahe Faustregel zur Beschreibung von Projektphasenverschiebungen. Gemeint ist der wachsende Abstand zwischen dem Zeitpunkt, zu dem ein Projekt nach Plan eine Entscheidung, Genehmigung, Beauftragung oder Inbetriebnahme erreichen soll, und dem Zeitpunkt, zu dem dieser Schritt tatsächlich wirksam wird. Die Formel macht organisatorische Verzögerungen sichtbar, die nicht aus der technischen Aufgabe selbst entstehen, sondern aus Abstimmungsrunden, Kommunikationswegen, unklaren Zuständigkeiten und schwacher Verbindlichkeit.
In ihrer einfachen Form lautet sie: P = (A × K × U) / V. P steht für die Projektphasenverschiebung, A für die Anzahl der Abstimmungsrunden, K für die Zahl der beteiligten Kommunikationskanäle, U für die Unklarheit der Zuständigkeiten und V für die Verbindlichkeit der Entscheidung. Der Ausdruck ist keine naturwissenschaftliche Gleichung und liefert ohne vorherige Kalibrierung keine belastbare Zahl in Tagen, Wochen oder Monaten. Er beschreibt eine Wirkungsrichtung: Je mehr Abstimmungsschleifen, Schnittstellen und Zuständigkeitslücken zusammenkommen, desto stärker verschiebt sich ein Projekt gegenüber seiner Planung. Je klarer eine Entscheidung getroffen, dokumentiert und mit Verantwortung hinterlegt wird, desto geringer fällt die Verschiebung aus.
Als Maßeinheit eignet sich die Formel daher eher als Index oder Diagnoseinstrument als als Rechenmodell. A lässt sich häufig noch zählen, etwa über Gremiensitzungen, Freigaberunden oder erneute Prüfungen. K ist schwieriger, weil nicht jeder Kommunikationskanal gleich wirkt. Ein bilaterales Fachgespräch, eine formale Behördenabstimmung, eine politische Lenkungsrunde, ein externer Gutachterauftrag und ein informeller E-Mail-Verteiler erhöhen die Komplexität auf unterschiedliche Weise. U beschreibt keinen objektiven Messwert, sondern den Grad, in dem offen bleibt, wer entscheiden darf, wer liefern muss und wer die Folgen einer Nichtentscheidung trägt. V steht für die Bindekraft einer Entscheidung: Wurde sie protokolliert? Ist sie budgetiert? Hat sie eine verantwortliche Stelle? Gibt es eine Frist, eine Eskalationsregel und eine Folgehandlung?
Die Schmidtsche Formel ist vom klassischen Projektverzug zu unterscheiden. Projektverzug bezeichnet das Ergebnis, also die Abweichung zwischen Terminplan und tatsächlichem Verlauf. Die Formel beschreibt eine Ursache dieses Verzugs, nämlich die organisatorische Phasenverschiebung zwischen Erkenntnis, Entscheidung und Umsetzung. Sie ist auch nicht identisch mit dem kritischen Pfad im Projektmanagement. Der kritische Pfad zeigt, welche Arbeitspakete terminbestimmend sind. Die Schmidtsche Formel lenkt den Blick darauf, warum diese Arbeitspakete trotz bekannter Abhängigkeiten nicht rechtzeitig entschieden, freigegeben oder koordiniert werden. Ebenso unterscheidet sie sich von der Planungsunsicherheit. Unsicherheit entsteht durch fehlende Informationen über technische, rechtliche oder wirtschaftliche Entwicklungen. Die Schmidtsche Formel behandelt den Fall, in dem Informationen vorhanden oder beschaffbar wären, ihre Übersetzung in verbindliches Handeln aber verzögert wird.
Für Infrastrukturprojekte ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Stromnetze, Umspannwerke, Speicher, Ladeinfrastruktur, Elektrolyseure, Windparks, Industrieanschlüsse oder große Wärmepumpen scheitern selten an einer einzelnen technischen Unmöglichkeit. Häufig hängen sie an der Reihenfolge von Netzanschlussprüfung, Standortentscheidung, Genehmigung, Beschaffung, Finanzierung, Baukapazität und Betriebsfreigabe. Jede Stelle kann sachlich begründete Anforderungen haben. Verzögernd wirkt die Kombination, wenn Anforderungen nacheinander statt parallel geklärt werden, wenn Zuständigkeiten zwischen Vorhabenträger, Netzbetreiber, Kommune, Genehmigungsbehörde, Grundstückseigentümer und Fördermittelgeber offen bleiben oder wenn Entscheidungen nur vorläufig getroffen werden.
Im Stromsystem treten solche Phasenverschiebungen besonders deutlich auf, weil technische Abhängigkeiten zeitlich eng gekoppelt sind. Ein neuer Industrieanschluss kann erst wirtschaftlich geplant werden, wenn Anschlussleistung, Baukostenzuschuss, Realisierungszeit und Netzausbaupfad hinreichend klar sind. Ein Netzbetreiber kann eine belastbare Zusage oft erst geben, wenn Lastentwicklung, Erzeugungszubau und Netzverstärkung bewertet sind. Eine Kommune kann Flächen ausweisen, braucht dafür aber politische Beschlüsse, Gutachten und Abstimmungen mit anderen Planungsebenen. Aus dieser Ordnung folgt eine Kette bedingter Entscheidungen. Wenn jede Stufe auf vollständige Sicherheit wartet, verschiebt sich das Gesamtprojekt, obwohl alle Beteiligten formal an derselben Zielrichtung arbeiten.
Die Formel hilft, solche Situationen nicht vorschnell als individuelles Versagen zu deuten. Sie beschreibt eine Eigenschaft der Organisation. Ein Projekt mit zehn beteiligten Stellen ist nicht automatisch schlecht geführt. Es hat aber mehr Schnittstellen, an denen unterschiedliche Rechtsgrundlagen, Anreizsysteme, Datenstände und Risikobewertungen aufeinandertreffen. Ein Übertragungsnetzbetreiber bewertet Versorgungssicherheit und Netzstabilität anders als ein Investor, der Finanzierungstermine einhalten muss. Eine Genehmigungsbehörde folgt anderen Prüfschritten als ein Projektentwickler, der Baukapazitäten sichern will. Ein kommunales Gremium entscheidet unter anderen Sichtbarkeits- und Haftungsbedingungen als ein technischer Fachplaner. Die Phasenverschiebung entsteht dort, wo diese Rollen nicht in eine belastbare Entscheidungsarchitektur übersetzt werden.
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Abstimmung mit Koordination gleichzusetzen. Mehr Termine, mehr Verteiler und mehr Lenkungskreise erhöhen nicht automatisch die Steuerungsfähigkeit. Sie können den Wert A und K in der Formel vergrößern, ohne U zu senken oder V zu erhöhen. Dann entsteht Beschäftigung ohne Bindung. Ein Projekt wirkt bearbeitet, weil viele Akteure beteiligt sind, aber es bewegt sich nicht im entscheidenden Punkt: Eine Trasse wird nicht festgelegt, ein Anschluss nicht reserviert, ein Budget nicht freigegeben, eine Ausschreibung nicht gestartet. Koordination beginnt erst dort, wo eine Abstimmung Zuständigkeiten klärt, Annahmen festhält, Abhängigkeiten benennt und eine nächste Handlung auslöst.
Ein zweites Missverständnis betrifft die Rolle der Verbindlichkeit. Verbindlichkeit wird oft mit Starrheit verwechselt. In komplexen Infrastrukturprojekten ist nicht jede frühe Festlegung sinnvoll, weil technische und rechtliche Details später angepasst werden müssen. Die Schmidtsche Formel verlangt daher keine irreversiblen Entscheidungen unter unvollständiger Information. Sie macht sichtbar, dass Entscheidungen eine definierte Geltung brauchen. Eine Annahme kann vorläufig sein, muss dann aber als vorläufig gekennzeichnet, befristet und mit einer Verantwortlichkeit versehen werden. Ohne diese Form bleibt sie eine Gesprächslage. Mit ihr kann sie zur Grundlage für Planung, Beschaffung oder Genehmigung werden.
Für die Energiewende ist der Begriff nützlich, weil viele Debatten über Ausbaugeschwindigkeit technische Potenziale mit realisierbarer Umsetzung vermischen. Es kann genügend Flächen für Erzeugungsanlagen geben, ohne dass Genehmigungen, Netzanschlüsse und Lieferketten rechtzeitig verfügbar sind. Es kann ein hoher Bedarf an Flexibilität bestehen, ohne dass Marktregeln, Messkonzepte und Verantwortlichkeiten für steuerbare Lasten geklärt sind. Es kann politisch gewollt sein, mehr elektrische Leistung für Wärmepumpen, Elektromobilität oder Industrie bereitzustellen, während lokale Netzplanung und Anschlussprozesse zeitlich nachlaufen. Die Schmidtsche Formel beschreibt den Abstand zwischen Zielbild und wirksamer Umsetzung, nicht das Zielbild selbst.
Wirtschaftlich ist diese Phasenverschiebung relevant, weil sie Kosten erzeugt, die in Terminplänen oft nicht sauber erscheinen. Verzögerte Entscheidungen binden Personal, verlängern Finanzierungszeiträume, verteuern Beschaffung, verschieben Erlöse und erhöhen das Risiko, dass technische Annahmen veralten. Bei Netz- und Infrastrukturprojekten können solche Verzögerungen zusätzlich Folgekosten im Gesamtsystem auslösen: Engpässe bleiben länger bestehen, provisorische Lösungen müssen betrieben werden, Anschlussbegehren stauen sich, Redispatch- oder Abregelungskosten können steigen. Die Formel ersetzt keine Kostenrechnung, aber sie zeigt, wo eine Kostenrechnung organisatorische Ursachen berücksichtigen muss.
Institutionell verweist die Schmidtsche Formel auf Governance-Fragen. Wer darf entscheiden? Wer muss beteiligt werden? Welche Entscheidungsebene ist für welche Risiken zuständig? Welche Regel legt fest, wann ein Vorgang eskaliert? In regulierten Bereichen wie dem Stromnetz reichen interne Projektmanagementmethoden allein nicht aus. Netzbetreiber unterliegen regulatorischen Vorgaben, Genehmigungsbehörden handeln nach Verwaltungsrecht, Kommunen folgen politischen Verfahren, Investoren kalkulieren nach Kapital- und Marktrisiken. Der Konflikt entsteht dort, wo technische Möglichkeit, Marktregel und politische Zuständigkeit auseinanderfallen. Dann wächst U, obwohl jede einzelne Stelle innerhalb ihres Mandats nachvollziehbar handelt.
Die Schmidtsche Formel sollte daher nicht als Spottformel über Bürokratie gelesen werden. Sie ist präziser, wenn sie als Hinweis auf die Übersetzung von Abstimmung in Entscheidung verstanden wird. Eine zusätzliche Abstimmungsrunde kann sinnvoll sein, wenn sie eine strittige Zuständigkeit klärt oder eine verbindliche Freigabe vorbereitet. Ein weiterer Kommunikationskanal kann notwendig sein, wenn er eine bislang fehlende Fachinformation einbindet. Problematisch wird er, wenn er nur Unsicherheit verteilt, ohne Verantwortung zuzuordnen. Die Formel bewertet nicht die Anzahl der Beteiligten an sich, sondern das Verhältnis zwischen Beteiligung und Bindung.
Von benachbarten Begriffen wie Schnittstellenmanagement, Stakeholdermanagement oder Risikomanagement unterscheidet sich die Schmidtsche Formel durch ihren Fokus auf zeitliche Verschiebung. Schnittstellenmanagement fragt, wie Übergaben zwischen Arbeitspaketen organisiert werden. Stakeholdermanagement fragt, welche Akteure betroffen sind und wie ihre Interessen berücksichtigt werden. Risikomanagement fragt, welche Ereignisse Eintrittswahrscheinlichkeit und Schaden beeinflussen. Die Schmidtsche Formel verbindet diese Ebenen über die Frage, wann aus Abstimmung eine wirksame Entscheidung wird. Sie beschreibt nicht alle Risiken eines Projekts, aber einen häufig unterschätzten Mechanismus, durch den Risiken zeitlich wirksam werden.
Der Begriff ist besonders brauchbar, wenn er die Aufmerksamkeit auf vier prüfbare Punkte richtet: Wie viele Abstimmungsrunden sind für eine Entscheidung tatsächlich nötig? Welche Kommunikationskanäle liefern neue Information und welche erzeugen nur Wiederholung? Welche Zuständigkeit ist noch ungeklärt? Welche Entscheidung ist bereits verbindlich genug, um Folgehandlungen auszulösen? Damit wird aus einer scheinbar weichen Organisationsbeobachtung eine konkrete Arbeitsfrage.
Die Schmidtsche Formel beschreibt keine mathematische Wahrheit, sondern eine Regel für die Analyse von Verzögerungen in komplexen Projekten. Ihr Wert liegt darin, technische Terminprobleme von organisatorisch erzeugten Phasenverschiebungen zu unterscheiden. Wo Abstimmung zunimmt, Zuständigkeit unklar bleibt und Verbindlichkeit fehlt, verschiebt sich ein Projekt auch dann, wenn seine technische Lösung bekannt ist.