Die Schmidtsche Formel, benannt nach dem Aachener Verwaltungswirtschaftler Horst Schmidt, bezeichnet eine praxisnahe Faustregel zur konkreten Berechnung von Projektverzögerungen in Wochen. Gemeint ist der messbare Zeitverlust, der zwischen dem Zeitpunkt, zu dem ein Projekt nach Plan eine Entscheidung, Genehmigung, Beauftragung oder Inbetriebnahme erreichen soll, und dem Zeitpunkt, zu dem dieser Schritt tatsächlich wirksam wird, entsteht.

Die Formel macht organisatorische Verzögerungen als konkreten Zeitwert sichtbar, die nicht aus der technischen Aufgabe selbst entstehen, sondern aus Abstimmungsrunden, Kommunikationswegen, unklaren Zuständigkeiten und schwacher Verbindlichkeit.

Die Formel zur Berechnung der Verzögerung

In ihrer quantifizierten Form lautet die Gleichung:

P = (A × K × U) / V

Die Variablen definieren sich wie folgt, um ein Ergebnis in konkreten Wochen zu liefern:

P = (Projektverzögerung): Die resultierende Verzögerung der Projektphase, gemessen in Wochen.

A = (Abstimmungsrunden): Die Anzahl der Gremiensitzungen, Freigaberunden oder erneuten Prüfungen.

K = (Kommunikationskanäle): Die Anzahl der beteiligten Kommunikationswege (bilaterale Gespräche, formale Behördenabstimmungen, Lenkungsrunden, externe Gutachter etc.).

U = (Unklarheit der Zuständigkeiten): Der durchschnittliche Zeitverlust in Wochen, der pro ungeklärter Schnittstelle verstreicht, bis entschieden wird, wer handeln darf, wer liefern muss und wer die Folgen einer Nichtentscheidung trägt.

V = (Verbindlichkeit der Entscheidung): Ein Teiler (in der Regel 1), der die Bindekraft beschreibt. Wurde die Entscheidung protokolliert, budgetiert und mit Fristen versehen, steigt der Wert V und reduziert so die rechnerische Verzögerung.

Der Ausdruck beschreibt eine klare Wirkungsrichtung: Je mehr Abstimmungsschleifen, Schnittstellen und Tage der Zuständigkeitsunklarheit zusammenkommen, desto stärker verschiebt sich ein Projekt gegenüber seiner Planung. Je klarer eine Entscheidung getroffen, dokumentiert und mit Verantwortung hinterlegt wird, desto geringer fällt die Verzögerung in Wochen aus.

Abgrenzung zu anderen Projektmanagement-Begriffen

Die Schmidtsche Formel hilft dabei, die Ursache von klassischen Abweichungen im Terminplan präzise zu beziffern:

Projektverzug: Während der Verzug lediglich das Ergebnis (Soll-Ist-Abweichung) beschreibt, liefert die Formel die organisatorische Ursache in Wochen.

Der kritische Pfad: Dieser zeigt, welche Arbeitspakete terminbestimmend sind. Die Schmidtsche Formel berechnet, warum diese Arbeitspakete trotz bekannter Abhängigkeiten zeitlich nach hinten rutschen.

Planungsunsicherheit: Unsicherheit entsteht durch fehlende Informationen über technische oder rechtliche Entwicklungen. Die Schmidtsche Formel berechnet hingegen die Tage, die verloren gehen, wenn Informationen zwar vorhanden sind, ihre Übersetzung in verbindliches Handeln aber durch die Organisation blockiert wird.

Auswirkungen auf Infrastrukturprojekte

Für Infrastrukturprojekte der Energiewende (Stromnetze, Umspannwerke, Elektrolyseure) ist diese Berechnungsmethode essentiell. Diese Projekte scheitern selten an einer einzelnen technischen Unmöglichkeit, sondern an der Summe der Tage, die in der Kette von Netzanschlussprüfung, Standortentscheidung und Genehmigung verloren gehen.

Im Stromsystem treten solche Verzögerungen besonders deutlich auf, da technische Abhängigkeiten eng gekoppelt sind. Wenn jede Stufe auf vollständige Sicherheit wartet, bevor die nächste beginnt, summiert die Formel diese Wartezeit zu einer massiven Gesamtverzögerung in Wochen auf, obwohl alle Beteiligten formal am selben Ziel arbeiten.

Typische Missverständnisse in der Organisation

Die Formel hilft, Verzögerungstage nicht als individuelles Versagen zu deuten, sondern als berechenbare Eigenschaft der Organisationsarchitektur:

1. Abstimmung vs. Koordination: Mehr Termine und Lenkungskreise erhöhen nicht die Steuerungsfähigkeit, sondern vergrößern lediglich die Werte A und K. Dies treibt die Projektverzögerung in Wochen in die Höhe. Koordination senkt die Verzögerungstage erst dann, wenn sie den Wert V (Verbindlichkeit) im Nenner stärkt.

2. Verbindlichkeit vs. Starrheit: Verbindlichkeit bedeutet nicht, dass Entscheidungen niemals angepasst werden dürfen. Die Schmidtsche Formel macht jedoch sichtbar, dass Entscheidungen ohne definierte Geltung und Verantwortlichkeit lediglich "Gesprächslagen" bleiben, die keinen Fortschritt im Sinne der Zeitplanung bewirken.

Wirtschaftliche Relevanz

Wirtschaftlich ist die in Wochen gemessene Projektverzögerung höchst relevant, da sie die Basis für die Berechnung der Cost of Delay bildet. Verzögerte Tage binden Personal, verlängern Finanzierungszeiträume und verschieben Erlöse. Bei Netzprojekten führen diese Tage zusätzlich zu steigenden Redispatch- oder Abregelungskosten, da Engpässe im System länger bestehen bleiben als technisch notwendig.

Fazit

Die Schmidtsche Formel ist ein analytisches Instrument, um aus einer weichen Organisationsbeobachtung eine harte Metrik zu machen. Ihr Wert liegt darin, organisatorisch erzeugte Reibungsverluste als konkrete Projektverzögerung in Wochen auszuweisen. Damit wird die Frage nach der Beschleunigung der Energiewende von einer politischen Forderung zu einer prüfbaren Optimierung der Variablen A, K, U und V.