Ein Energy-Only-Markt ist ein Strommarktdesign, bei dem die gehandelte und vergütete Hauptgröße die tatsächlich gelieferte oder abgenommene elektrische Energie ist. Bezahlt wird die Megawattstunde Strom, nicht die bloße Bereitschaft, zu einem späteren Zeitpunkt Leistung bereitzustellen. Ein Kraftwerk erzielt Erlöse, wenn es Strom verkauft. Ein Speicher erzielt Erlöse, wenn er Strom günstig aufnimmt und später teurer abgibt. Ein flexibler Verbraucher kann profitieren, wenn er seinen Verbrauch in Zeiten niedriger Preise verlagert oder in Zeiten hoher Preise reduziert.

Die zentrale Einheit ist die Megawattstunde. Sie beschreibt eine Energiemenge. Davon zu unterscheiden ist die Megawatt-Angabe für Leistung, also die Fähigkeit, zu einem bestimmten Zeitpunkt Strom zu erzeugen, zu speichern, einzuspeisen oder zu verbrauchen. Diese Unterscheidung ist für den Energy-Only-Markt grundlegend. Ein Markt kann große Mengen elektrischer Energie über das Jahr effizient handeln und trotzdem Schwierigkeiten haben, ausreichend verlässliche Leistung für wenige kritische Stunden zu finanzieren.

Im Energy-Only-Markt entstehen Erlöse vor allem über Strompreise an Großhandelsmärkten, etwa im Day-Ahead- und Intraday-Handel. Die Preise bilden sich aus Angebot und Nachfrage innerhalb einer Gebotszone. Kraftwerke mit niedrigen kurzfristigen Kosten kommen zuerst zum Einsatz, teurere Anlagen folgen, wenn die Nachfrage höher ist oder weniger günstige Erzeugung verfügbar ist. Diese Einsatzreihenfolge wird häufig als Merit-Order bezeichnet. Bei viel Wind- und Solarstrom können die Preise sehr niedrig oder sogar negativ sein. Bei hoher Nachfrage, geringer erneuerbarer Einspeisung und knappen flexiblen Kapazitäten können sie stark steigen.

Energievergütung und Leistungsvorhaltung

Der Energy-Only-Markt wird häufig mit einem reinen Stromverkaufsmarkt gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung verdeckt, dass auch in einem Energy-Only-System zahlreiche Regeln, Reserven und Eingriffe existieren. Netzbetreiber beschaffen Regelenergie, um kurzfristige Abweichungen zwischen Erzeugung und Verbrauch auszugleichen. Über Redispatch werden Kraftwerke oder andere Anlagen angewiesen, ihre Einspeisung aus Netzgründen zu verändern. Bilanzkreisverantwortliche müssen ihre Fahrpläne einhalten oder Ausgleichsenergie bezahlen. All das gehört zur realen Organisation des Stromsystems, auch wenn es nicht bedeutet, dass es einen allgemeinen Kapazitätsmarkt gibt.

Vom Kapazitätsmarkt unterscheidet sich der Energy-Only-Markt dadurch, dass im Kapazitätsmarkt die Verfügbarkeit gesicherter Leistung zusätzlich vergütet wird. Anlagen erhalten dann Zahlungen dafür, dass sie in kritischen Situationen bereitstehen, unabhängig davon, ob sie in einer bestimmten Stunde tatsächlich Strom liefern. Eine strategische Reserve liegt nochmals anders: Dort werden Kapazitäten außerhalb des normalen Marktes vorgehalten und nur in definierten Notlagen aktiviert. Der Energy-Only-Markt setzt demgegenüber darauf, dass hohe Strompreise in Knappheitssituationen genügend Anreiz geben, Kraftwerke, Speicher und flexible Nachfrage wirtschaftlich bereitzuhalten.

Diese Abgrenzung ist mehr als eine institutionelle Feinheit. Sie bestimmt, welche Erlösquellen Investoren erwarten können, welche Risiken sie tragen und welche Kosten über Marktpreise oder über Umlagen und Netzentgelte bei den Verbrauchern ankommen. Im Energy-Only-Markt tragen Betreiber von Anlagen stärker das Risiko, dass sich Knappheitspreise nicht in ausreichender Häufigkeit einstellen. In einem Kapazitätsmechanismus wird ein Teil dieses Risikos über administrativ organisierte Zahlungen verteilt.

Knappheitspreise und Missing-Money-Problem

Der Energy-Only-Markt benötigt Knappheitspreise. Wenn gesicherte Leistung knapp wird, müssen Preise so weit steigen dürfen, dass selten eingesetzte Anlagen ihre Fixkosten decken können. Dazu gehören etwa Gasturbinen, Lastmanagement, Speicher oder andere Kapazitäten, die nur in wenigen Stunden pro Jahr gebraucht werden. Ihre variablen Kosten erklären ihre Wirtschaftlichkeit kaum. Sie leben von seltenen, hohen Erlösen.

Das Missing-Money-Problem entsteht, wenn diese Erlöse nicht ausreichen. Dafür gibt es mehrere Ursachen. Preisobergrenzen können extreme Knappheitspreise begrenzen. Politische Eingriffe können hohe Preise nachträglich abschöpfen oder administrativ dämpfen. Verbraucher reagieren oft nur begrenzt auf stündliche Preissignale, weil viele Tarife die Großhandelspreise nicht unmittelbar weitergeben. Auch regulatorische Unsicherheit kann Investitionen hemmen, wenn Marktteilnehmer bezweifeln, dass sehr hohe Preise in Stresssituationen politisch akzeptiert werden.

Das Problem liegt weniger in der einzelnen Hochpreisstunde als in der Verlässlichkeit der Erwartung. Eine Anlage, die nur wenige Stunden pro Jahr läuft, muss vor ihrer Investitionsentscheidung abschätzen, ob diese Stunden tatsächlich vergütet werden. Wenn Marktakteure damit rechnen, dass Knappheitspreise in der Praxis gekappt, kompensiert oder politisch delegitimiert werden, sinkt der Investitionsanreiz. Dann kann ein Markt rechnerisch auf Energy-Only beruhen, während seine Preissignale institutionell geschwächt sind.

Bedeutung für Versorgungssicherheit

Für die Versorgungssicherheit ist nicht die jährliche Strommenge allein maßgeblich. Relevant ist, ob in jeder Stunde genügend erzeugbare, speicherbare, importierbare oder einsparbare Leistung verfügbar ist. Ein Stromsystem mit viel erneuerbarer Erzeugung kann über das Jahr große Energiemengen bereitstellen und dennoch in bestimmten Wetter- und Verbrauchslagen angespannt sein. Besonders relevant sind Stunden mit hoher Last, geringer Wind- und Solarstromerzeugung, eingeschränkten Importmöglichkeiten oder Netzengpässen.

Der Energy-Only-Markt adressiert solche Situationen über Preise. Hohe Preise sollen flexible Nachfrage reduzieren, Speicher entladen, Importe anziehen und verfügbare Kraftwerke in den Markt bringen. Diese Wirkung setzt voraus, dass Preissignale bei den relevanten Akteuren ankommen. Wenn Haushalte, Gewerbe oder Industrie nur starre Tarife sehen, bleibt ein erheblicher Teil der möglichen Flexibilität ungenutzt. Dann müssen andere Ressourcen die Knappheit ausgleichen, oft zu höheren Kosten.

Mit wachsendem Anteil von Wind- und Solarstrom verändert sich die Rolle des Energy-Only-Marktes. Die kurzfristigen Grenzkosten vieler erneuerbarer Anlagen sind niedrig. Dadurch sinken Preise in Stunden mit hoher Einspeisung. Gleichzeitig werden die Stunden wertvoller, in denen die Residuallast, also die Nachfrage nach Abzug der fluktuierenden erneuerbaren Erzeugung, hoch ist. Der Markt muss dann nicht mehr nur den Einsatz konventioneller Kraftwerke ordnen, sondern zeitliche Flexibilität bewerten: Laden oder Entladen von Speichern, Verschiebung von Wärmepumpenlasten, Elektrolysebetrieb, industrielle Lastanpassung und steuerbares Laden von Elektrofahrzeugen.

Typische Missverständnisse

Ein verbreitetes Missverständnis lautet, ein Energy-Only-Markt garantiere niedrige Strompreise, wenn genügend erneuerbare Energien im System sind. Niedrige Preise in vielen Stunden sind möglich, aber sie lösen nicht automatisch die Finanzierung der wenigen teuren Stunden. Ein Stromsystem braucht nicht nur billige Erzeugung in Überschusszeiten, sondern auch verlässliche Optionen für Zeiten mit knapper Erzeugung und hoher Nachfrage. Werden diese Optionen selten gebraucht, müssen ihre Kosten über wenige Erlösstunden oder über ergänzende Mechanismen gedeckt werden.

Ebenso ungenau ist die Annahme, hohe Preise seien im Energy-Only-Markt immer ein Marktversagen. In Knappheitssituationen sind hohe Preise ein vorgesehenes Signal. Sie zeigen, dass zusätzliche Erzeugung, Speicherentladung, Verbrauchsreduktion oder Import wirtschaftlich wertvoll sind. Problematisch werden hohe Preise, wenn sie aus Marktmacht, unzureichendem Wettbewerb, Netzrestriktionen, fehlerhaften Regeln oder fehlender Transparenz entstehen. Die Bewertung hängt deshalb davon ab, welche Ursache der Preis hat.

Ein weiteres Missverständnis betrifft die Gleichsetzung von Energy-Only-Markt und Nichteingreifen des Staates. Strommärkte sind immer regelgebundene Märkte. Gebotszonen, Bilanzkreisregeln, Preisgrenzen, Netzanschlussbedingungen, Förderregime, Reserveprodukte, Marktüberwachung und europäische Marktkopplung prägen die Preisbildung. Die Frage ist nicht, ob der Staat eine Rolle spielt, sondern welche Knappheits- und Investitionssignale die gewählten Regeln erzeugen.

Auch die Abgrenzung zum Netzbetrieb wird häufig unscharf. Der Energy-Only-Markt handelt Strom innerhalb einer Gebotszone so, als könnten Mengen dort grundsätzlich transportiert werden. Physische Netzengpässe werden anschließend durch Netzbetreiber bewirtschaftet, etwa über Redispatch. Ein hoher oder niedriger Großhandelspreis erklärt deshalb nicht automatisch, ob das Netz an einer bestimmten Stelle ausreichend ausgebaut ist. Marktknappheit und Netzknappheit sind unterschiedliche Phänomene, auch wenn sie sich in der Praxis gegenseitig verstärken können.

Einordnung in die Strommarktdebatte

Die Debatte über den Energy-Only-Markt dreht sich um die Frage, ob Preissignale allein genügend gesicherte Leistung und Flexibilität finanzieren können. Befürworter verweisen auf effiziente Einsatzentscheidungen, technologieneutrale Preissignale und die Möglichkeit, Knappheit transparent über Preise abzubilden. Kritiker bezweifeln, dass seltene Knappheitspreise politisch tragfähig und investitionsseitig ausreichend verlässlich sind. Beide Positionen hängen an Annahmen über Preisgrenzen, Nachfrageflexibilität, Marktmacht, Investitionsrisiken und die staatlich gewünschte Versorgungssicherheitsmarge.

Mit Elektrifizierung gewinnt diese Frage an Gewicht. Wärmepumpen, Elektromobilität, Elektrolyse und elektrische Industrieprozesse erhöhen den Strombedarf, eröffnen aber auch neue Flexibilitätsoptionen. Ein Energy-Only-Markt kann diese Optionen nur dann nutzen, wenn Messung, Tarife, Steuerbarkeit und Marktregeln zeitvariable Reaktionen ermöglichen. Ohne solche Voraussetzungen bleibt Flexibilität technisch vorhanden, aber wirtschaftlich stumm.

Der Begriff Energy-Only-Markt beschreibt daher kein vollständiges Stromsystem, sondern den Kern einer Vergütungsordnung: Energie wird am Markt bezahlt, gesicherte Leistung nicht automatisch. Ob diese Ordnung ausreichende Investitionen auslöst, hängt von den Regeln für Knappheitspreise, den Möglichkeiten flexibler Nachfrage, der Glaubwürdigkeit politischer Rahmenbedingungen und dem Zusammenspiel mit Netzbetrieb und Reservemechanismen ab. Der Begriff ist präzise, wenn er diese Grenze sichtbar hält: Er erklärt die Preisbildung für elektrische Arbeit, aber nicht allein die institutionelle Absicherung jeder kritischen Stunde.