Capture Price, auf Deutsch meist Marktwert, bezeichnet den durchschnittlichen Strompreis, den eine Erzeugungsanlage oder eine Erzeugungstechnologie mit ihrem tatsächlichen Einspeiseprofil erzielt. Er wird berechnet, indem die in jeder Marktzeit erzielte Strommenge mit dem jeweiligen Börsenpreis gewichtet und anschließend durch die gesamte eingespeiste Strommenge geteilt wird. Die übliche Einheit ist Euro je Megawattstunde. Formal beschreibt der Marktwert also keinen einfachen Durchschnittspreis, sondern einen mengengewichteten Preis.
Diese Gewichtung macht den Begriff für Windenergie und Photovoltaik besonders wichtig. Beide Technologien erzeugen Strom nicht nach einem frei wählbaren Fahrplan, sondern abhängig von Wetter, Tageszeit und Jahreszeit. Photovoltaik produziert überwiegend tagsüber und in Deutschland besonders stark in den Monaten mit hoher Sonneneinstrahlung. Windenergie speist häufig während großräumiger Wetterlagen ein, in denen viele Windparks gleichzeitig hohe Leistungen liefern. Der Marktwert misst, welche Preise genau in diesen Erzeugungsstunden vorlagen. Ein Jahresdurchschnitt des Börsenstrompreises kann deshalb deutlich über oder unter dem Preis liegen, den eine bestimmte Technologie tatsächlich erreicht.
Der Capture Price ist vom einfachen Börsenpreis zu unterscheiden. Der Börsenpreis, etwa am Day-Ahead-Markt, beschreibt den Preis für Strom in einer bestimmten Stunde oder Viertelstunde. Der Marktwert fasst dagegen viele Marktzeiten zusammen und bezieht sie auf ein konkretes Einspeiseprofil. Zwei Anlagen können im selben Marktgebiet denselben Börsenpreisen ausgesetzt sein und trotzdem unterschiedliche Marktwerte erzielen, wenn sie zu unterschiedlichen Zeiten einspeisen. Eine nach Süden ausgerichtete Photovoltaikanlage, eine Ost-West-Anlage, ein Windpark an der Küste und ein Windpark im Binnenland haben verschiedene Profile. Daraus entstehen unterschiedliche Erlöschancen, auch wenn die Jahresstrommenge ähnlich ist.
Nahe verwandt ist der Marktwertfaktor. Er setzt den Marktwert einer Technologie ins Verhältnis zum durchschnittlichen Börsenstrompreis im betrachteten Zeitraum. Ein Marktwertfaktor von 0,8 bedeutet, dass die Technologie im Durchschnitt 80 Prozent des allgemeinen Durchschnittspreises erzielt hat. Ein Wert über 1 bedeutet, dass sie überwiegend in teureren Stunden einspeist. Der Marktwertfaktor ist nützlich, weil er zeigt, ob ein Erzeugungsprofil preislich günstiger oder ungünstiger liegt als der Marktdurchschnitt. Er ersetzt aber keine Erlösrechnung, weil absolute Preisniveaus, Förderregeln, Absicherungsgeschäfte und Vermarktungskosten zusätzlich wirken.
Häufig wird der Marktwert mit den Stromgestehungskosten verwechselt. Stromgestehungskosten beschreiben, welche Kosten über die Lebensdauer einer Anlage je erzeugter Megawattstunde anfallen. Der Marktwert beschreibt, welche Erlöse die eingespeiste Megawattstunde am Markt erzielen kann. Eine Technologie kann niedrige Stromgestehungskosten haben und dennoch unter Druck geraten, wenn ihr Marktwert stark sinkt. Umgekehrt kann eine teurere Technologie wirtschaftlich attraktiv sein, wenn sie zuverlässig in Stunden hoher Preise liefert. Für Investitionen zählt deshalb das Verhältnis aus Kosten, Erlösprofil, Risiken und Absicherungsmöglichkeiten, nicht eine einzelne Kennzahl.
Der wichtigste Zusammenhang ist der Kannibalisierungseffekt. Wenn viele Anlagen mit ähnlichem Profil gleichzeitig einspeisen, steigt das Angebot genau in denselben Marktzeiten. Bei Photovoltaik betrifft das vor allem sonnige Mittagsstunden, bei Windenergie windreiche Wetterlagen. In einem Strommarkt mit Merit-Order-Preisbildung sinkt der Preis, wenn zusätzliche Erzeugung mit niedrigen kurzfristigen Grenzkosten teurere Kraftwerke verdrängt. Der Effekt ist erwünscht, weil er Strom für Verbraucher in diesen Stunden billiger machen kann. Für die Anlagen, die diesen Preisrückgang selbst auslösen, verringert sich jedoch der erzielbare Marktwert. Eine wachsende Erzeugungsmenge kann deshalb mit fallenden spezifischen Erlösen verbunden sein.
Daraus folgt keine einfache Aussage über den Nutzen von Wind- oder Solarstrom. Ein niedriger Marktwert bedeutet nicht, dass der Strom wertlos ist. Er zeigt, dass die zeitliche Verteilung der Erzeugung nicht vollständig zur zeitlichen Verteilung der Nachfrage und der verfügbaren Flexibilität passt. In Stunden mit hoher Einspeisung können fossile Kraftwerke verdrängt, Speicher geladen, Wärmepumpen oder Elektrolyseure betrieben und industrielle Prozesse verschoben werden. Wenn solche Optionen fehlen oder durch Marktregeln, Netzentgelte, Regulierung oder fehlende Infrastruktur gehemmt werden, fällt der Preis stärker. Der Marktwert zeigt dann weniger eine Eigenschaft der einzelnen Anlage als eine Eigenschaft des Zusammenspiels von Erzeugung, Nachfrage, Netz und Marktordnung.
Für das Stromsystem ist der Capture Price relevant, weil er Investitionssignale beeinflusst. Projektentwickler, Banken und Stromabnehmer achten darauf, ob künftige Erlöse ausreichen, um Anlagen zu finanzieren. Sinkende Marktwerte erhöhen den Bedarf an besseren Standortentscheidungen, differenzierten Anlagenprofilen, Direktvermarktung, langfristigen Stromlieferverträgen und technischer Flexibilität. Photovoltaikanlagen mit stärkerer Morgen- oder Abendproduktion können andere Erlösprofile haben als Anlagen, die ausschließlich auf maximale Jahreserzeugung optimiert sind. Windparks an verschiedenen Standorten können sich preislich unterscheiden, wenn ihre Einspeisemuster weniger stark mit dem bestehenden Bestand korrelieren. Speicher können den Marktwert einer Anlage erhöhen, indem sie Strom aus Niedrigpreiszeiten in höher bewertete Stunden verschieben, verlieren dabei aber Energie und verursachen zusätzliche Investitionskosten.
Der Begriff hat auch eine institutionelle Seite. In Deutschland werden Marktwerte für Windenergie an Land, Windenergie auf See und Solarenergie regelmäßig veröffentlicht und spielen im EEG-System eine Rolle. Bei der gleitenden Marktprämie wird der anzulegende Wert einer geförderten Anlage mit dem technologiespezifischen Monatsmarktwert verrechnet. Dadurch hängt die Förderung nicht nur vom allgemeinen Preisniveau ab, sondern auch vom durchschnittlichen Erlösprofil der jeweiligen Technologie. Für Anlagen außerhalb klassischer Förderung, etwa in Power Purchase Agreements, bleibt der Marktwert ebenfalls zentral. Ein langfristiger Stromliefervertrag muss klären, ob der Käufer ein bestimmtes Erzeugungsprofil übernimmt, ob Mengen geglättet werden, wer Preisrisiken trägt und wie Abweichungen zwischen prognostizierter und tatsächlicher Einspeisung behandelt werden.
Ein häufiger Fehler besteht darin, den Marktwert als feste Eigenschaft einer Technologie zu behandeln. Der Marktwert von Photovoltaik oder Windenergie hängt vom Ausbaugrad, vom Kraftwerkspark, von Brennstoff- und CO₂-Preisen, von Nachfrageprofilen, Netzengpässen, Import- und Exportmöglichkeiten sowie von der Verfügbarkeit steuerbarer Lasten und Speicher ab. Er verändert sich mit der Zusammensetzung des Stromsystems. Wenn viele Elektroautos mittags laden, Wärmespeicher bei Solarspitzen genutzt werden oder Industrieprozesse auf Preissignale reagieren, kann sich der Marktwert von Solarstrom stabilisieren. Wenn zusätzliche Solarleistung überwiegend in bereits stark belegte Stunden fällt, sinkt er eher weiter.
Ebenso irreführend ist die Gleichsetzung von Marktwert und Systemwert. Der Marktwert ist ein Preismaß innerhalb eines konkreten Marktdesigns. Er zeigt, welche Erlöse im Großhandelsmarkt mit einem bestimmten Profil entstehen. Er erfasst nicht automatisch alle Wirkungen auf Versorgungssicherheit, Netzstabilität, regionale Engpässe, Redispatch-Kosten oder vermiedene Brennstoffimporte. In einer einheitlichen deutschen Gebotszone kann Strom im Großhandelsmarkt denselben Preis haben, obwohl seine Einspeisung an unterschiedlichen Netzorten sehr unterschiedliche Folgen für den Netzbetrieb hat. Der Marktwert bildet diese räumliche Dimension nur begrenzt ab. Er ist daher eine wichtige Erlösgröße, aber keine vollständige Bewertung des Beitrags einer Anlage zum Stromsystem.
Auch negative Preise werden im Zusammenhang mit Marktwerten oft ungenau interpretiert. Negative Börsenpreise entstehen, wenn das Angebot in bestimmten Stunden die zahlungsbereite Nachfrage übersteigt und es technische, vertragliche oder regulatorische Gründe gibt, warum Erzeugung nicht ausreichend reduziert wird. Sie drücken den Marktwert wetterabhängiger Erzeugung besonders stark, wenn diese in solchen Stunden viel einspeist. Negative Preise sind jedoch kein alleiniger Beleg für zu viel erneuerbare Energie. Sie können auch auf geringe Flexibilität, unpassende Abgaben- und Entgeltstrukturen, mangelnde Speicheranreize oder technische Mindestleistungen konventioneller Kraftwerke verweisen.
Der Capture Price präzisiert damit eine Frage, die in Debatten über erneuerbare Energien oft zu grob gestellt wird. Es reicht nicht zu wissen, wie viele Megawattstunden eine Technologie erzeugt. Für Erlöse, Investitionen und Integration zählt, wann diese Megawattstunden erzeugt werden, mit welchen anderen Anlagen sie zusammenfallen, welche Nachfrage in diesen Stunden reagiert und welche Regeln die Nutzung von Flexibilität erlauben. Der Marktwert verbindet technische Einspeiseprofile mit Preisbildung. Er erklärt nicht das ganze Stromsystem, macht aber sichtbar, wo Energiemenge, Zeitpunkt und Marktordnung auseinanderlaufen.