| Summary | Karl von Frühbuss beleuchtet Mission der „Monuments Men“
Was mit einem Zufall begann, wurde zur jahrelangen Spurensuche, die nun in dem Buch „Aachener Kunst in (Ost-)Belgien 1944–1951 – Auf den Spuren der Monuments Men zwischen Amel und Weismes“ mündet, das am vergangenen Donnerstag in Rodt vorgestellt wurde.
Manchmal beginnt Geschichtsforschung nicht in Archiven mit staubigen Akten, sondern mit einem Mausklick. So war es bei Karl von Frühbuss, der in Washingtons digitalisiertem Nationalarchiv eigentlich etwas ganz anderes suchte, bis ihm ein unscheinbarer Eintrag ins Auge fiel. In Amel und Weismes, hieß es dort, seien während der letzten Kriegsjahre Kunstdepots der Nationalsozialisten gewesen. Der Fund ließ ihn nicht mehr los.
Karl von Frühbuss lebt in St.Vith und ist Besitzer des Schlosses Wallerode, ein Ort, der selbst Spuren der Ardennenschlacht trägt. Bei Recherchen zu dessen Kriegsvergangenheit stieß er 2022 auf den Hinweis, dass in Ostbelgien Kunstwerke aus Aachen eingelagert worden waren.
Kunstwerke in Amel, Weismes und Medell zwischengelagert.
„Ich hatte mir die Dokumente damals abgespeichert, weil ich mit der Ausstellung über den amerikanischen Kriegsfotografen Francis McHugh beschäftigt war“, so von Frühbuss. Erst nach deren Abschluss 2023 begann er, das Thema systematisch zu erforschen. Was Karl von Frühbuss entdeckte, liest sich wie ein Puzzle aus vergessenen Fragmenten: Aktennotizen, Einsatzberichte, Tagebuchseiten. Und mittendrin – die „Monuments Men“.
Wer den gleichnamigen Hollywoodfilm mit George Clooney und Matt Damon gesehen hat, kennt die Grundidee: Kunsthistoriker, Architekten und Museumsexperten, die während des Zweiten Weltkriegs mit Uniform und Notizblock durch das vom Krieg zerrissene Europa zogen, um Kunst und Kultur zu retten. Ihre Einheit, die Monuments, Fine Arts and Archives Section (MFAA), war ein beispielloser Versuch, Kultur als schützenswertes Gut selbst im Krieg anzuerkennen – ein Auftrag, den General Eisenhower nach der vollständigen Zerstörung Monte Cassinos zur Maxime der Alliierten machte.
In Ostbelgien war die Gruppe zwischen September 1944 und Februar 1945 aktiv. Nach der Rückeroberung durch US-Truppen stießen sie hier auf mehrere Depots, in denen die Nazis Kunstwerke aus Aachen zwischengelagert hatten. Die Grenzstadt war durch Bombardierungen weitgehend zerstört worden, ihre Museen und Archive ausgelagert: das Suermondt-Ludwig-Museum, das Stadtarchiv, das Aachener Rathaus, sogar Sammlungen der RWTH Aachen.
Was von Frühbuss rekonstruierte, liest sich wie eine Landkarte des Verborgenen. In Amel wurden Gemälde, Skulpturen und chinesische Vasen in der alten Schule deponiert. In Weismes diente das ehemalige Rathaus als Lager, in Medell – heute kaum mehr vorstellbar – war die Kegelbahn der Gaststätte Zanzen-Huppertz bis unters Dach mit Möbeln aus dem Aachener Rathaus gefüllt.
„Die Monuments Men dokumentierten alles akribisch, oft unter widrigsten Bedingungen“, so von Frühbuss. George Leslie Stout, Leiter der Einheit, führte ein minutiöses Kriegstagebuch, eine der zentralen Quellen für das Buch. Darin beschreibt Stout die chaotischen Wochen während der Ardennenoffensive, als belgische Behörden versuchten, die Depots eigenmächtig nach Brüssel zu schaffen. Zwei Mal scheiterte der Versuch: Einmal mangelte es an Treibstoff, das andere Mal griffen amerikanische Truppen ein. Schließlich kam es zu einem Kompromiss: Das Ameler Depot wurde offiziell nach Brüssel überführt, das in Weismes blieb zunächst vor Ort.
Ein Stück Weltgeschichte in kleinen ostbelgischen Dörfern
Stout und seine Kollegen inventarisierten jedes Objekt – von Skulpturen und Gemälden über Möbel bis hin zu Teppichen und Vasen. Beeindruckend ist, dass viele dieser Stücke trotz des Frontverlaufs unversehrt blieben. „Nur in Medell wurden einige Möbel als Brennholz zweckentfremdet – ein bitteres, aber menschlich nachvollziehbares Detail jenes Hungerwinters.“
Von Frühbuss arbeitet in seinem Buch auch die rechtlichen Spannungen jener Zeit heraus. Während Belgien auf sein Eigentumsrecht pochte, beriefen sich die Amerikaner auf die Haager Konvention: Kunst dürfe nicht beschlagnahmt, sondern müsse an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden. Es war ein Konflikt zwischen Souveränität und Moral, zwischen Kriegsrecht und Kunstschutz. Erst 1951, im Zuge der politischen Annäherung nach Gründung der Montanunion und der Bundesrepublik, wurden die Kunstwerke aus Amel und Weismes endgültig an Aachen restituiert.
Einige Bestände jedoch blieben verschwunden. Die „Mineralogische Bibliothek“ der RWTH, in Astenet ausgelagert, ging teilweise an die Universität Lüttich über. Möbel aus Medell wurden offenbar 1945 nach Lüttich gebracht, 15 Lastwagenladungen sollen es gewesen sein. Nur einige wenige Stücke tauchten Jahre später auf dem Kunstschwarzmarkt in den Niederlanden auf – Spuren, die bis heute ins Leere führen.
Von Frühbuss’ Werk ordnet diese Geschehnisse in den größeren Kontext der „Monuments Men“ ein – jener zwölf Pioniere, die 1944 mit dem Schutz europäischer Kulturgüter begannen und deren Zahl nach Kriegsende auf 400 anwuchs. Zwei dieser „Kunstfreunde“ verloren in Jülich und Kleve ihr Leben im Einsatz. Die „Monuments Men“ waren die ersten, die Kunst systematisch bewerteten und katalogisierten – mit einer Art „Sterne-System“, das später sogar den Guide Michelin inspirierte. Was sie leisteten, war nicht weniger als der Beginn der modernen Kulturgutsicherung. Ohne sie wären unzählige Werke von unschätzbarem Wert verloren gegangen: Michelangelos „Madonna mit Kind“, der Genter Altar, und eben auch die Sammlungen aus Aachen.
„Aachener Kunst in (Ost-)Belgien“ ist mehr als eine historische Fallstudie, es ist ein Stück regionaler Identität, das bisher im Dunkeln lag, so die Leiterin des Staatsarchivs in Eupen, Els Herrebout, in ihrer Präsentation. Von Frühbuss schreibe mit wissenschaftlicher Präzision, aber auch mit spürbarer Leidenschaft für die Details. „Zahlreiche Abbildungen, Karten und Faksimiles machen die Geschichte somit greifbar. Dass er sein Buch in deutscher und französischer Sprache veröffentlicht, unterstreicht die grenzüberschreitende Dimension dieser Geschichte“. Vorgestellt wurde das Werk im Café „Zum Buchenberg“ in Rodt. Karl von Frühbuss gelingt ein Brückenschlag zwischen Weltgeschichte und regionaler Erinnerung. Er zeigt, dass auch kleine Orte wie Amel oder Weismes Teil großer Zusammenhänge sein können – stille Schauplätze einer Geschichte, in der Kunst gerettet wurde, während ringsum die Welt in Trümmern fiel.
Das Buch ist zum Preis von 25 Euro erhältlich.
Sein Buch erinnert daran, dass Kultur nicht nur aus Gemälden und Skulpturen besteht, sondern aus der Verantwortung, sie zu bewahren, auch und gerade in Zeiten, in denen alles andere verloren scheint. „Kunstschutz ist kein Thema des 2. Weltkriegs, sondern aktuell notwendiger denn je. Die Beispiele aus Afghanistan, Syrien und jetzt in der Ukraine zeigen deutlich, dass Kunst- und Kulturgüter vor religiösem und politischem Fanatismus geschützt werden müssen. Historische Monumente und kulturelle Symbole sind deutlich mehr als „nur alte Steine“, so Karl von Frühbuss abschließend.
Das 112-seitige Buch ist im Eigenverlag erschienen und beim Autor sowie beim Geschichtsverein ZVS in St.Vith zum Preis von 25 Euro erhältlich. |