excerpt: Eine winzige Menüleisten-App für Songtitel wächst Akt für Akt zum eigenständigen Player, der die offizielle Sender-App überflüssig macht. Am Ende reicht ein öffentlich zugänglicher Stream, um Autoplay-Ärger und Ladezeiten hinter sich zu lassen. Kleine Bequemlichkeit wird so schrittweise zur kompletten Eigenlösung.

Feature-Creep und Corporate-Rebellion: Eine kleine Eskalation in sechs Akten

Das Leben könnte so einfach sein. Im Hintergrund dudelt Radio Willy auf einem Netplayer, plötzlich läuft ein grandioser Track, und man will nur kurz wissen: Wer zum Teufel singt das?

Eigentlich eine triviale Frage. Doch in der modernen Web-Welt bedeutet das: Man öffnet die Sender-Webseite, und ZACK, brüllt einen der Autoplay-Player an. Besonders grandios, wenn man gerade das Telefon am Ohr hat. Die Alternative? Die offizielle Smartphone-App. Aber bis die sich aus dem Tiefschlaf bequemt hat, ist der Track meist schon längst Geschichte.

Also, was tun? Richtig. Man eskaliert das Problem auf die typische Entwickler-Art.

Akt 1: Die unschuldige Menüleiste

Ich baute mir kurzerhand eine kleine, native macOS-App für die Menüleiste. Ihr Name: Willy Willy. Ihre einzige, bescheidene Aufgabe: Den aktuellen Titel anzeigen. Keine Klicks, kein Autoplay. Einfach nur Friede, Freude, Übersichtlichkeit.

Der entscheidende Gedanke: Titelinformationen und Audiowiedergabe müssen nicht miteinander verheiratet sein. Die Musik lief ja bereits auf dem Netplayer. Auf dem Mac brauchte ich lediglich Künstler und Titel. Der Rest der Sender-Webseite durfte bleiben, wo er war.

Akt 2: Der Hunger nach der Zukunft

Wie das mit Software so ist, musste ein erstes Update her. Warum nur das Jetzt kennen, wenn man auch das Gleich sehen kann? Ab sofort zeigte die App den aktuellen und den darauffolgenden Titel an.

Zur Antwort auf „Was läuft da?“ kam damit eine kleine Programmvorschau. Schließlich will man auch wissen, ob es sich lohnt, noch ein bisschen zuzuhören. Oder ob jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, Kaffee zu holen.

Akt 3: Die Entfesselung der Streams

Irgendwann kam die unvermeidliche Erkenntnis: Die Streams aller neun Sender von DPG Media liegen ja eigentlich öffentlich im Netz herum. Warum sie also nicht direkt in der App abspielen?

Ein Radiostream ist letztlich eine Adresse, unter der ein Player die laufende Audioübertragung abrufen kann. Dafür muss nicht zwingend die Webseite des Senders geöffnet sein. Und wenn meine App ohnehin schon wusste, was lief, konnte sie sich eigentlich auch darum kümmern, dass etwas lief.

Gesagt, getan. Der Netplayer war damit als Audio-Player erst einmal arbeitslos.

Akt 4: Der Ruf nach Audiophilität

Leider klingt ein schnöder Computermonitor ungefähr so musikalisch wie eine Blechdose unter Wasser. Da hier im Haus sowieso diverse Sonos-Anlagen verteilt sind, war der nächste logische Schritt ein weiteres Update: eingebaute Sonos-Kompatibilität.

Damit wanderte die Musik vom Schreibtisch auf die vorhandenen Lautsprecher. Willy Willy übernahm die Steuerung, die Sonos-Anlagen kümmerten sich um den Klang.

Die kleine Menüleisten-App dirigierte nun die großen Boxen. Für eine Titelanzeige war sie inzwischen erstaunlich laut geworden.

Akt 5: Der familiäre Notstand

Dann stand plötzlich die Tochter in der Tür. Der Wunsch: Eine eigene Anlage. Der Zeitrahmen: Jetzt sofort. Wochenende? Egal! Das vorhandene Hardware-Inventar: Ein paar Computerboxen inklusive Subwoofer.

Mein Lösungsansatz: Statt sie auf Montag zu vertrösten, wurde kurzerhand ein Sonos-kompatibler Linux-Client namens Willy Player aus der Taufe gehoben. Das kleine Stück Software lebt auf einem Raspberry Pi, an dessen Audioausgabe die vorhandenen Boxen hängen.

Willy Willy kann den kleinen Rechner im lokalen Netzwerk als eigenständiges Wiedergabeziel ansprechen. Sender auswählen, Wiedergabe starten oder stoppen, Lautstärke regeln, die grundlegenden Dinge, die man von einer Anlage erwartet.

Dahinter steckt eine überschaubare Arbeitsteilung: Willy Willy übermittelt die Streamadresse und die Steuerbefehle. Der Raspberry Pi ruft den Audiostream selbst ab und spielt ihn über die angeschlossenen Boxen ab. Der Mac muss die Musik also nicht fortlaufend weiterreichen.

Ein vollständiger Sonos-Nachbau ist das nicht. Dinge wie die synchronisierte Wiedergabe in mehreren Räumen gehören nicht dazu. Für Musik im Zimmer samt vorhandenem Subwoofer reicht es aber.

Eine völlig angemessene Reaktion auf die Frage nach einer Stereoanlage.

Akt 6: Der Aufstand der Maschinen

Und hier wird die Geschichte wirklich absurd. Mein Linux-Client gab sich offenbar überzeugend genug als Sonos aus, um die offizielle App nachhaltig zu verwirren. Sobald sie ihn bei der Gerätesuche im Netzwerk entdeckte, verweigerte sie die Arbeit.

Bei dieser Gerätesuche melden sich Player mit Informationen über ihre Identität und die Funktionen, die sie anbieten. Mein kleiner Raspberry Pi sprach zwar genug Sonos für die benötigten Steuerbefehle, war deshalb aber noch lange kein vollständiges Sonos-Gerät.

Ob technische Unverträglichkeit oder verletzter Markenstolz, das Fehlerbild ließ Raum für Interpretationen.

Die Lösung? Ein simpler Identitätswechsel. Die Willy Player melden sich bei der Gerätesuche jetzt als „Willy“ und nicht mehr als „Sonos“. Die benötigten Steuerfunktionen bleiben erhalten, aber die Geräte treten unter eigenem Namen auf. Seitdem funktioniert das Zusammenleben.

Man muss offenbar nicht zur Familie gehören, um im selben Netzwerk Musik machen zu dürfen.

Die Sonos-App ist beruhigt, die Tochter hat ihre Musik. Und ich weiß jetzt, welcher Track läuft.