excerpt: Ein natürliches Klimaphänomen wird gerne zum Sündenbock für Hitzerekorde, dabei verstärkt es lediglich eine bereits erhöhte Ausgangstemperatur. Selbst kühlende Phasen wie La Niña können die langfristige Erwärmung nicht mehr rückgängig machen. Wer El Niño als Hauptursache verkauft, blendet die menschengemachte Grundlage aus und lenkt damit von der eigentlichen Verantwortung ab.
El Niño ist kein Alibi
Ein natürliches Klimaphänomen soll die nächste Hitzekatastrophe erklären. So jedenfalls klingt ein Teil der gegenwärtigen Berichterstattung, garniert mit Vokabeln wie „Godzilla-Stärke“ und „stärkster El Niño seit Menschengedenken“. Das erzeugt Aufmerksamkeit, droht aber zugleich, Ursache und Verstärker zu verwechseln.
El Niño ist kein bloßer Ozeanstrom, sondern ein gekoppeltes Ozean-Atmosphäre-Phänomen im tropischen Pazifik. Es kann die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend um etwa 0,2 Grad erhöhen und regionale Wetterextreme erheblich beeinflussen. Der menschengemachte Klimawandel hat das globale Temperaturniveau gegenüber der vorindustriellen Zeit jedoch bereits um rund 1,3 bis 1,5 Grad angehoben.
Diese Zahlen beschreiben keine konkurrierenden Erklärungen. El Niño wirkt als zeitweiliger Verstärker auf einer dauerhaft erhöhten Ausgangstemperatur. Gerade diese Kombination kann neue Rekorde und besonders schwere Extremereignisse hervorbringen. Problematisch wird die Berichterstattung deshalb nicht, wenn sie El Niño erklärt, sondern wenn der Verstärker zur Hauptursache erklärt wird und die menschengemachte Grundlage aus dem Blick gerät.
2025 war je nach Datensatz das zweit- oder drittwärmste Jahr seit Beginn der Messungen, obwohl das Jahr unter dem kühlenden Einfluss von La Niña begann und endete. Die langfristige Erwärmung ist inzwischen so stark, dass selbst natürliche Abkühlungsphasen keine Rückkehr zu den Temperaturen früherer Jahrzehnte bewirken. Wer über den nächsten El Niño spricht, muss deshalb ebenso deutlich benennen, auf welche bereits erwärmte Welt er trifft.
Die Individualisierung des CO₂-Fußabdrucks bekommt eine natürliche Schwester
Es gibt eine bekannte Kommunikationsstrategie fossiler Konzerne: Verantwortung bevorzugt beim Endverbraucher statt beim Produzenten zu verorten. BP hat den Begriff des CO₂-Fußabdrucks zwar nicht aus dem Nichts erfunden, ihn aber ab 2004 durch eine große Werbekampagne und einen persönlichen Emissionsrechner entscheidend popularisiert. Im Mittelpunkt standen damit die Entscheidungen einzelner Autofahrer, Flugreisender und Konsumenten, weniger die Förderpolitik der Öl- und Gasunternehmen.
Eine verkürzte El-Niño-Erzählung kann eine strukturell ähnliche Funktion erfüllen. An die Stelle des Individuums tritt ein Naturphänomen: Nicht die fortgesetzte Verbrennung fossiler Energieträger erscheint als grundlegendes Problem, sondern eine periodische Schwankung des Pazifiks. El Niño lässt sich weder verklagen noch regulieren. Gerade deshalb eignet er sich als politischer Blitzableiter.
Das bedeutet nicht, dass jede Erklärung von El Niño eine gezielte Kampagne der fossilen Industrie wäre. Naturwissenschaftlich ist das Phänomen relevant, und seine Vorhersage kann Leben retten. Doch wo mediale Zuspitzung die natürliche Schwankung in den Vordergrund rückt und die fossile Erwärmung zur Randnotiz macht, entsteht eine entlastende Erzählung, unabhängig davon, ob diese Entlastung beabsichtigt ist.
Friederike Otto vom Imperial College hat den entscheidenden Unterschied klar formuliert: El Niño kommt und geht. Der Klimawandel dagegen verschärft sich weiter, solange die Verbrennung fossiler Energieträger nicht endet. Das ist keine akademische Nuance, sondern der politische Ausgangspunkt jeder ernsthaften Debatte über kommende Hitzewellen.
Wer zahlt, wenn die Ernten in Nicaragua ausfallen?
Prognosen warnen vor möglichen Schäden an Mais- und Bohnenernten in Nicaragua sowie vor Bewässerungsengpässen in Kolumbien, Nordostbrasilien und Indien. Noch handelt es sich teilweise um Risiken, nicht um bereits eingetretene und abschließend zugeordnete Schäden. Doch die mögliche Verteilung der Folgen ist seit Langem bekannt.
Was europäische Berichte nüchtern als drohende „Exportausfälle“ beschreiben, kann für die betroffenen Länder Ernteverluste, Einkommensausfälle und Hunger bedeuten. Europa registriert die Folgen womöglich als Preisanstieg im Supermarkt. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im globalen Süden verlieren dagegen unter Umständen ihre wirtschaftliche Existenz.
Darin zeigt sich die grundlegende Verteilungslogik der Klimakrise: Die Staaten des globalen Nordens tragen einen besonders großen Teil der historischen Emissionen, während viele der schwersten Schäden Regionen treffen, die zur Erderwärmung vergleichsweise wenig beigetragen haben. Natürliche Klimaschwankungen beeinflussen Zeitpunkt und regionale Ausprägung dieser Schäden. Sie heben die historische Verantwortung für die erhöhte Ausgangstemperatur aber nicht auf.
Guterres redet Klartext, die Politik handelt nicht
António Guterres nennt die Dinge beim Namen: Fossile Brennstoffe treiben die Erhitzung an, die Expansion von Kohle, Öl und Gas muss enden. Das ist richtig. Es bleibt jedoch folgenarm, solange Regierungen solche Sätze beklatschen und gleichzeitig neue Förderprojekte genehmigen oder fossile Energieträger mit hohen Summen subventionieren.
Rhetorische Alarmstufe Rot bei gleichzeitiger Fortsetzung des Geschäftsmodells, das ist eine der Konstanten der vergangenen Jahrzehnte Klimapolitik.
Wenn Forschende ein ungewöhnlich intensives El-Niño-Signal beobachten, sind Warnungen vor seinen möglichen Folgen notwendig. Gesellschaften müssen sich auf Dürren, Überschwemmungen, Ernteausfälle und veränderte Wettermuster vorbereiten. Die politische Debatte darf dort jedoch nicht enden. Ebenso relevant ist die Frage, warum die Verursacher der langfristig erhöhten Grundtemperatur weiterhin neue fossile Reserven erschließen dürfen.
Anpassung reicht nicht
Es braucht weiterhin verständliche Erklärungen zu El Niño, gerade weil gute Vorhersagen Katastrophenschutz ermöglichen. Doch Wissen über Ozean und Atmosphäre ersetzt keine Ursachenbekämpfung.
Notwendig sind ein Ende neuer fossiler Förderlizenzen, der Abbau fossiler Subventionen und verbindliche Regeln zur Finanzierung von Klimaschäden. Historisch verantwortliche Staaten und Unternehmen müssen stärker an den Kosten beteiligt werden, statt sie den Menschen aufzubürden, deren Ernten und Lebensgrundlagen bedroht sind.
El Niño ist ein Naturphänomen. Die Entscheidung, weiterhin neue Öl- und Gasfelder zu erschließen, ist es nicht.