excerpt: Ein Waldbrand genügt, um binnen weniger Kommentare bei Mond, Mars und den Zeugen Jehovas zu landen. Zweifel dient hier längst nicht mehr der Leugnung des Klimawandels, sondern der Abwehr jeder menschlichen Verantwortung dafür. Die eigentliche Frage nach Prävention und Vorsorge bleibt dabei zuverlässig auf der Strecke.
Der Vennbrand und die Kunst, über alles andere zu reden
Einundvierzig Kommentare unter einem Artikel über wachsende Waldbrandflächen. Nur wenige beschäftigen sich mit Prävention, Forstpolitik oder Finanzierung. Dafür geht es um Mond und Mars, Zeugen Jehovas, Angela Merkels Schulterzucken, das Jahr 1911 und die „Klimasekte“. Bei Ostbelgiendirekt nimmt eine Sachfrage zuverlässig den Weg in den Glaubenskrieg.
Einige Kommentare beginnen durchaus vernünftig. Warum wurde das Venn nicht früher gesperrt? War genügend Material vorhanden? Wurde die Gefahr unterschätzt? Das sind berechtigte Fragen. Sie führen direkt zu Zuständigkeiten, Ausrüstung und Vorsorge. Doch diese Diskussion hält nicht lange. Schon bald dient der Brand nur noch als Kulisse für die üblichen Abrechnungen mit Klimaforschung, Medien und Politik.
Das ist die heutige Form der Verzögerung. Der Klimawandel muss nicht mehr vollständig geleugnet werden. Man kann einräumen, dass es wärmer wird, und anschließend jede menschliche Verantwortung bestreiten. Als Beleg reichen angeblich steigende Temperaturen auf Mond und Mars, namenlose „unabhängige Wissenschaftler“ oder die Behauptung, die Sonne brenne neuerdings wie ein Laser. Die konkrete Frage, was gegen zunehmende Brandgefahr getan werden kann, ist damit aus dem Blick.
Diese Methode ist aus den Auseinandersetzungen um Tabak und fossile Energien bekannt. Zweifel dient dort vor allem dazu, Entscheidungen aufzuschieben. Eine zentrale Steuerung ist dafür nicht nötig. Es genügt, wissenschaftliche Vorsicht gegen die Wissenschaft selbst zu wenden. Das Wort „könnte“ in einer Überschrift gilt plötzlich als Eingeständnis, dass alles erfunden sei. Ein Brand aus dem Jahr 1911 wird dagegen behandelt, als widerlege er sämtliche Forschung über die Gegenwart. Natürlich hat es 1911 im Venn gebrannt. Die Studie behauptet auch nicht, Waldbrände seien eine Erfindung des Klimawandels. Sie untersucht, wie Hitze, Trockenheit, Wind, Landnutzung und Brandmanagement zusammenwirken. Dass entwässerte Moore leichter brennen, widerspricht dem Einfluss der Erwärmung nicht. Beide Faktoren können gleichzeitig eine Rolle spielen. Genau diese einfache Einsicht geht im Kommentarstreit verloren.
Aufschlussreich ist der Beitrag, der Ursula von der Leyen, Kanadas Ölförderung und die veränderten Prioritäten in Davos anführt. Die Beobachtung stimmt: Klimaschutz verliert politisch an Gewicht. Daraus folgt aber nicht, dass das Problem erledigt wäre. Regierungen haben unter dem Druck von Krieg, Energiepreisen und schwachem Wachstum ihre Prioritäten verschoben. Davon profitiert die fossile Wirtschaft. Bestehende Infrastruktur kann länger genutzt und neue Förderung leichter begründet werden. Eine politische Kehrtwende ist noch keine wissenschaftliche Entwarnung. Der Artikel bietet genug Stoff für eine konkrete Debatte. Nach der vorgestellten Studie könnte besseres Brandmanagement die Feuerfläche im Szenario einer Erwärmung um 1,8 Grad um 92 Prozent reduzieren. Selbst bei 3,6 Grad wären es noch 72 Prozent. Dafür braucht es ausgebildete Einsatzkräfte, angemessene Ausrüstung und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Forstwirtschaft, Naturschutz und Feuerwehr.
Damit sind wir beim Geld. Vorsorge kostet. Feuerwehren, Frühwarnsysteme, Löschtechnik und Moorrenaturierung müssen finanziert werden. Auch die Folgen unterlassener Vorsorge kosten, nur meistens später und erheblich mehr. Über diese Haushaltsentscheidungen erfährt man in der Kommentarspalte wenig. Mondtemperaturen und die „Klimakirche“ sind offenbar reizvoller. Auch die Zahlen zur Gegenwart werden fast vollständig übergangen. Bis zum 19. August 2026 waren in der Europäischen Union rund 616.000 Hektar von Bränden betroffen. Der Durchschnitt der vorherigen zwanzig Jahre lag zu diesem Zeitpunkt bei etwa 280.000 Hektar. Man kann über Ursachen und regionale Unterschiede streiten. Dass dieses Jahr auffällig ist, lässt sich jedoch nicht mit einem Hinweis auf 1911 erledigen.
Am Ende hat die Kommentarspalte viel Empörung erzeugt und wenig geklärt. Das muss keine organisierte Kampagne sein, um politisch zu wirken. Wenn jede Diskussion über Vorsorge in einem Streit über Mond, Mars und Weltuntergangspropheten endet, bleibt alles beim Alten. Davon profitieren diejenigen, denen jede weitere Verzögerung Geld einbringt.
Während bei Ostbelgiendirekt noch über die „Klimakirche“ gestritten wird, ist der Rauch über dem Venn kaum verzogen.