excerpt: Vierzig Grad, brennende Wälder vor der eigenen Haustür und Talkshows, die über Anpassung reden, als ginge es um Möbelrücken: Die Kluft zwischen Katastrophe und politischer Reaktion wird selbst zum Symptom. Milliardenschwere Subventionen für fossile Energien zeigen, wessen Interessen tatsächlich verwaltet werden, während Rauch über die Dächer zieht. Kontinuität ist hier keine Beruhigung, sondern die eigentliche Ursache.

Der Rekord, der keiner mehr ist

Vierzig Grad im Schatten, zumindst da, wo es noch Schatten gibt. Noch ist offen, ob 2026 weltweit zum heißesten Jahr seit Beginn der Messungen wird. Aber Rekorde haben ohnehin aufgehört, Ausnahmezustände zu markieren. Sie bilden eine Serie. Diese Hitze ist keine schicksalhafte Naturkatastrophe. Sie ist eine Rechnung, die seit Jahrzehnten aufläuft und deren Zahler feststehen. Nicht die Konzerne, die daran verdienen. Wir.

Zwanzig Kilometer von hier brennt das Hohe Venn. Auch der Hürtgenwald stand in Flammen. Historischer Boden, der schon einmal zum Schauplatz massenhafter Zerstörung wurde. Kein abstraktes Kippelement in einer fernen Modellrechnung, sondern Rauch, der über mein Dach zieht, während in Talkshows noch über "Klimaanpassung" gesprochen wird, als handle es sich um eine Frage der Innenarchitektur.

Die politische Reaktion folgt der vertrauten Choreografie: verwalten statt verhindern. Feuerwehren bekämpfen unter extremen Bedingungen die Flammen, Behörden warnen vor Rauch, Krisenstäbe koordinieren das Nötigste. Doch auf Bundesebene bleibt die Konsequenz aus. Keine politische Sondersitzung, kein beschleunigter Notfallplan, keine Ansage an die Kohle- und Gaslobby, deren Geschäftsmodell die klimatischen Bedingungen verschärft, unter denen solche Brände wahrscheinlicher und zerstörerischer werden. Stattdessen: Ruhe bewahren. Das Land läuft ja weiter.

Genau das ist der Punkt. Das Land läuft weiter, weil sein politisches System Kontinuität über Konsequenz stellt. Das Umweltbundesamt bezifferte die umweltschädlichen Subventionen in Deutschland bereits für 2018 auf mindestens 65,4 Milliarden Euro. Wer glaubt, diese Logik sei Geschichte, irrt: Aktuelle Berechnungen zeigen, dass die Bundesregierung allein im Jahr 2026 neue klimaschädliche Anreize im Wert von über elf Milliarden Euro beschlossen hat. Wer solche Privilegien für fossile Energieträger ausbaut, während Wälder in Rauch aufgehen, verwaltet keine Krise. Er sichert bestehende Interessen ab, indem er die Katastrophe als Wetterphänomen darstellt statt als Folge jahrzehntelanger politischer Entscheidungen.

Die üblichen Ausflüchte kennen wir. Jeder solle seinen CO₂-Fußabdruck prüfen, weniger fliegen, weniger Fleisch essen. Persönliches Verhalten ist nicht bedeutungslos. Zur Täuschung wird der Appell dort, wo er politische Verantwortung ersetzt. Während die größten Ölkonzerne - darunter ExxonMobil, Chevron, Shell und TotalEnergies - aktuellen Prognosen zufolge im Jahr 2026 zusammen rund 147 Milliarden Dollar Gewinn erwarten, wird der Endverbraucher gebeten, seinen Grillabend zu überdenken. Die Gewinne bleiben privat, die ökologischen und sozialen Kosten trägt die Allgemeinheit.

Auch "grünes Wachstum" ist kein Selbstläufer. Technischer Fortschritt kann Emissionen senken, erneuerbare Energien können fossile ersetzen. Doch solange jeder Effizienzgewinn durch steigenden Ressourcenverbrauch aufgezehrt wird und fossiles Kapital seine Renditen verteidigt, bleibt grünes Wachstum vor allem ein Versprechen. Innovation ohne verbindliche Grenzen ist noch keine Klimapolitik. Sie ist Verzögerung mit freundlicherem Vokabular.

Was es braucht, ist keine weitere Inszenierung von Betroffenheit. Es braucht die sofortige Streichung klimaschädlicher Subventionen und ein gesetzliches Enddatum für Kohle und fossiles Gas, das nicht bei jedem Lobbytreffen neu verhandelt wird. Es braucht die Stilllegung fossiler Anlagen, deren Betrieb mit den Klimazielen unvereinbar ist. Und wo private Betreiber den notwendigen Umbau blockieren, müssen Energienetze, Speicher und systemrelevante Versorgungsstrukturen gegen Entschädigung in öffentliche oder genossenschaftliche Hand überführt werden.

Der Wald brennt nicht wegen eines einzelnen Grillabends oder einer einzelnen Flugreise. Er brennt unter Bedingungen, die Millionen individueller Entscheidungen, vor allem aber politische Regeln, industrielle Produktion und jahrzehntelange Investitionen in fossile Abhängigkeit geschaffen haben. Eine politische Klasse hat die Interessen einer mächtigen Minderheit zu lange über die physikalischen Grenzen des Planeten gestellt.

Der nächste Rekordsommer kommt. Die Frage ist nicht mehr nur, ob wir ihn verhindern können. Die Frage ist, wessen Macht wir zu begrenzen bereit sind, damit nicht jeder kommende Rekord zur neuen Normalität wird.

Und der Kanzler? Der hat seinen Sommerurlaub auf vier Wochen verlängert. War ja schönes Wetter.