excerpt: Historische Transkriptionen können mehr menschliche Interpretation enthalten, als ihr langjähriger Gebrauch vermuten lässt. Der Abgleich mit KI-gestützten Lesungen macht Fehler sichtbar, die durch schwierige Handschriften und begrenzte technische Mittel entstanden sind. Verlässliche Ahnenforschung beginnt deshalb immer wieder beim Original.
Wenn die KI den Menschen korrigiert: Eine unerwartete Erfahrung bei alten Kirchenbüchern
Seit vielen Jahren existiert eine Transkription der Kirchenbücher von Neustadt am Rennsteig aus den Jahren 1739 bis 1820. Generationen von Ahnenforschern – mich eingeschlossen – haben diese Arbeit als Grundlage ihrer Forschung genutzt. Das war verständlich: Die Originale sind stellenweise extrem schwer zu lesen, und eine bereits vorhandene Abschrift erspart viele Stunden mühsamer Entzifferungsarbeit.
In den vergangenen Tagen habe ich jedoch etwas getan, was vermutlich nur wenige Forscher zuvor gemacht haben. Ich habe die Originalseiten bei Archion heruntergeladen und sie mit ScriptAIX neu transkribieren lassen. Anschließend habe ich die Ergebnisse mit der historischen Transkription verglichen.
Das Ergebnis hat mich ehrlich überrascht.
Ich hatte erwartet, hier und da kleinere Unterschiede zu finden: einen falsch gelesenen Buchstaben, einen übersehenen Namen oder ein falsch interpretiertes Datum. Stattdessen stellte sich heraus, dass der ursprüngliche Bearbeiter an vielen Stellen offenbar mehr geraten als gelesen hatte. Teilweise wurden Namen ergänzt, die so im Original kaum zu erkennen sind, Wörter frei interpretiert oder ganze Passagen deutlich anders wiedergegeben.
Die Ironie daran ist bemerkenswert: Während heute oft davor gewarnt wird, dass Künstliche Intelligenz “halluziniert”, zeigt sich hier ein ganz anderes Bild. Der menschliche Transkribent hat vor Jahrzehnten teilweise erheblich stärker interpretiert als eine moderne KI.
Das ist kein Vorwurf an den damaligen Bearbeiter. Im Gegenteil: Seine Arbeit war für die damalige Zeit eine enorme Leistung. Er arbeitete vermutlich mit Mikrofilmen begrenzter Qualität, ohne hochauflösende Digitalisate, ohne beliebige Vergrößerung, ohne Bildbearbeitung und ohne die Möglichkeit, verschiedene Lesungen systematisch miteinander zu vergleichen.
Doch genau darin liegt auch eine wichtige Erkenntnis.
Ein Mensch versucht automatisch, Sinn in schwer lesbarem Text zu erkennen. Kennt er einen Familiennamen bereits zwanzigmal aus demselben Ort, liest er ihn beim einundzwanzigsten Mal oft ebenfalls, selbst wenn das Schriftbild etwas anderes vermuten lässt. Unser Gehirn ergänzt Lücken und interpretiert unbewusst.
Eine gut trainierte KI geht häufig anders vor. Sie kennt die Familiengeschichte nicht, hat keine Erwartungen und versucht zunächst lediglich, das zu lesen, was tatsächlich auf dem Papier steht. Natürlich macht auch sie Fehler. Aber ihre Fehler entstehen meist durch die schwierige Handschrift selbst und nicht dadurch, dass sie vermeintlich “weiß”, was dort stehen müsste.
Für die Genealogie könnte das weitreichende Folgen haben.
Viele historische Transkriptionen genießen heute einen beinahe offiziellen Status. Sie wurden über Jahrzehnte abgeschrieben, in Datenbanken übernommen und bilden die Grundlage zahlloser Stammbäume. Doch nur selten werden sie noch einmal mit den Originalquellen verglichen.
Vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.
Künstliche Intelligenz sollte dabei nicht als Ersatz für den Menschen verstanden werden, sondern als zweiter, unvoreingenommener Leser. Wenn eine moderne Transkription an zwanzig Stellen von einer historischen Abschrift abweicht, bedeutet das nicht automatisch, dass die KI Recht hat. Es bedeutet aber, dass sich diese zwanzig Stellen eine erneute Prüfung am Original verdienen.
Genau darin sehe ich inzwischen eine weitere Stärke meiner Transkribierungssoftware ScriptAIX. Das Programm ist nicht nur ein Werkzeug zur Transkription historischer Handschriften. Es kann auch dabei helfen, bestehende Editionen kritisch zu überprüfen und jahrzehntealte Lesefehler aufzuspüren.
Für mein eigenes genealogisches Projekt bedeutet das allerdings vor allem eines: Es wartet deutlich mehr Arbeit auf mich als gedacht. Statt mich auf die vorhandene Transkription verlassen zu können, werde ich viele Einträge noch einmal direkt am Original überprüfen müssen.
Das kostet Zeit.
Aber wenn dabei Fehler korrigiert werden, die sich seit Jahrzehnten durch Stammbäume und Familiengeschichten ziehen, dann ist diese Zeit gut investiert.