excerpt: Unter der Oberfläche des tropischen Pazifiks breitet sich derzeit ein Kelvin-Wellenpuls nach Osten aus. Er verändert die Thermokline, schwächt die Passatwinde und könnte den Übergang zu einem starken El Niño einleiten. Der Beitrag erklärt Schritt für Schritt, wie aus einem ozeanischen Impuls über Bjerknes-Feedback, Walker-Zirkulation und Rossby-Wellen ein globales Klimasignal entsteht und warum dieser Prozess für Wetter, Energieversorgung und die globale Temperaturentwicklung im Winter 2026/2027 von besonderer Bedeutung ist.

Wie ein Kelvin-Wellenpuls den Pazifik in Richtung eines starken El Niño treibt

Der Klimawandel ist inzwischen auch dort Teil der öffentlichen Debatte, wo seine Folgen lange zurückhaltend behandelt oder vor allem als Gegenstand politischer Kontroversen beschrieben wurden. Ein aktueller Beitrag in der Welt über Hitze, Dürre und Erderwärmung ist ein Beispiel dafür, wie weit die Auseinandersetzung inzwischen in etablierte, auch konservative Medien vorgedrungen ist. Über Ursachen, Verantwortung und politische Konsequenzen wird weiterhin gestritten. Dass die steigende globale Mitteltemperatur die Ausgangsbedingungen für Hitzewellen, Dürren und andere Extremereignisse verändert, lässt sich jedoch immer schwerer ausblenden.

Um zu verstehen, warum Meteorologen derzeit so aufmerksam auf den tropischen Pazifik blicken, lohnt sich ein Blick auf die physikalischen Prozesse unter der Meeresoberfläche. Einige der verwendeten Fachbegriffe werden im PS am Ende des Artikels kurz erläutert.

Zu diesem langfristigen Erwärmungstrend kommt nun möglicherweise ein kurzfristiger Verstärker. Im tropischen Pazifik entwickelt sich eine gekoppelte Veränderung von Ozean und Atmosphäre, aus der bis zum Winter 2026/2027 ein starker El Niño hervorgehen könnte. Der menschengemachte Klimawandel hebt das Temperaturniveau an, auf dem natürliche Schwankungen stattfinden. El Niño verteilt zusätzlich Wärme aus dem tropischen Pazifik in die Atmosphäre und verändert die globale Zirkulation. Beide Prozesse sind physikalisch verschieden, wirken bei der globalen Mitteltemperatur aber in dieselbe Richtung.

Der Ausgangspunkt liegt unter der Meeresoberfläche. Kräftige westliche Windschübe über dem westlichen und zentralen äquatorialen Pazifik haben warmes Wasser nach Osten gedrückt und eine äquatoriale Downwelling-Kelvin-Welle angeregt. Solche Wellen breiten sich entlang des Äquators mit mehreren Metern pro Sekunde aus. Für den Weg über den Pazifik benötigen sie typischerweise zwei bis drei Monate.

Dabei transportiert die Welle nicht einfach einen kompakten Körper warmen Wassers bis nach Südamerika. Sie verschiebt die Grenzfläche zwischen dem warmen Oberflächenwasser und dem kälteren Tiefenwasser. Diese Grenzschicht heißt Thermokline. Im zentralen und östlichen Pazifik wird sie durch eine Downwelling-Kelvin-Welle nach unten gedrückt. Das Wasser, das dort durch die Passatwinde und den küstennahen Auftrieb an die Oberfläche gelangt, stammt dann aus geringerer Tiefe und ist entsprechend wärmer. Die im Untergrund gespeicherte Wärmeanomalie wird dadurch nach und nach an der Meeresoberfläche sichtbar.

Diese Unterscheidung ist für die Bewertung der Messdaten entscheidend. Lokale Anomalien der Meeresoberflächentemperatur können im östlichen Pazifik zeitweise mehr als 5 Grad Celsius erreichen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der El-Niño-Index um 5 Grad gestiegen ist. Solche Werte beziehen sich auf begrenzte Meeresgebiete oder einzelne Analysefelder, häufig in der küstennahen Niño-1+2-Region. Diese Region reagiert besonders schnell und stark auf Kelvin-Wellen, Küstenauftrieb und regionale Windänderungen.

Für die großräumige Einordnung von El Niño ist vor allem die weiter westlich gelegene Niño-3.4-Region maßgeblich. Das NOAA Climate Prediction Center bewertet dort die über mehrere Monate gemittelte Temperaturanomalie zusammen mit der atmosphärischen Reaktion. Erst wenn sich Ozean und Atmosphäre über längere Zeit gekoppelt verhalten, liegt ein voll entwickeltes ENSO-Ereignis vor. Eine einzelne warme Woche, ein hoher Wert in Niño 1+2 oder eine ausgeprägte Kelvin-Welle reichen dafür nicht aus.

Die saisonalen Modelle zeigen dennoch ein deutliches Signal. Das North American Multi-Model Ensemble, kurz NMME, das CFSv2-Modell der NOAA und das saisonale Vorhersagesystem des ECMWF berechnen für Herbst und Winter eine weitere Erwärmung des zentralen und östlichen äquatorialen Pazifiks. Einzelne Modellläufe erreichen dabei in Niño 3.4 Werte von mehr als 3 Grad Celsius. Solche Ausgaben sind jedoch nicht mit einer belastbaren Vorhersage von plus 3 Grad gleichzusetzen. Gerade am oberen Rand der Verteilung nehmen Modellfehler zu, und CFSv2 kann in bestimmten Ausgangslagen zu warm ausfallen. Aussagekräftiger sind die Verteilung des gesamten Ensembles, die Übereinstimmung verschiedener Modelle und die beobachtete Kopplung zwischen Ozean und Atmosphäre.

[!TIP]

Was ist bereits beobachtet – und was ist noch Prognose?

Bereits beobachtet

  • Westliche Windschübe
  • Downwelling-Kelvin-Welle
  • Hoher Wärmeinhalt des oberen Ozeans
  • Lokale SST-Anomalien
  • Abschwächung der Passatwinde
  • Verlagerung der tropischen Konvektion

Modellgestützte Prognosen

  • Stärke des El Niño im Herbst/Winter
  • Veränderungen der Walker-Zirkulation
  • Rossby-Wellenmuster
  • Lage und Stärke des Jetstreams
  • Winterwetter in Nordamerika und Europa
  • Auswirkungen auf Energieversorgung und Wasserkraft
  • Globale Temperaturrekorde 2026/2027

Wenn der Pazifik sich selbst verstärkt

Sobald sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen Pazifik großflächig erwärmt, kann das Bjerknes-Feedback einsetzen. Unter normalen Bedingungen treiben die östlichen Passatwinde warmes Oberflächenwasser nach Westen. Deshalb liegt der warme Pool vor allem bei Indonesien und Neuguinea, während vor Südamerika kaltes Tiefenwasser aufsteigt. Der damit verbundene Temperaturunterschied stabilisiert wiederum die Passatwinde.

Eine Kelvin-Welle kann dieses Gleichgewicht stören. Wird der östliche Pazifik wärmer, nimmt der Temperaturgegensatz zwischen Ost und West ab. Der atmosphärische Druckunterschied wird schwächer, und damit lassen auch die Passatwinde nach. Schwächere Passate transportieren weniger warmes Oberflächenwasser nach Westen und begünstigen weitere Erwärmung im zentralen und östlichen Pazifik. Zugleich wird der Auftrieb kalten Tiefenwassers weniger wirksam.

Das Bjerknes-Feedback verstärkt also nicht die ursprüngliche Kelvin-Welle. Es verstärkt die von ihr vorbereitete Erwärmung und kann aus einem vorübergehenden ozeanischen Impuls ein monatelang anhaltendes, gekoppeltes ENSO-Ereignis machen. Ob dies gelingt, hängt unter anderem von weiteren Windschüben, dem Wärmeinhalt des oberen Ozeans und der Reaktion der tropischen Konvektion ab.

Damit verändert sich die Walker-Zirkulation. Im Normalzustand steigt besonders warme und feuchte Luft über dem westlichen Pazifik und Indonesien auf. In großer Höhe strömt sie ostwärts, sinkt über dem kühleren östlichen Pazifik ab und kehrt bodennah mit den Passatwinden nach Westen zurück. Während eines El Niño verlagern sich das warme Oberflächenwasser, die Gewitteraktivität und das großräumige Aufsteigen der Luft in den zentralen oder östlichen Pazifik.

Diese Verschiebung lässt sich nicht allein an der Wassertemperatur erkennen. Sie erscheint auch in Niederschlagsdaten, Wolkenfeldern, den Windanomalien entlang des Äquators und im sogenannten Geschwindigkeitspotenzial der oberen Troposphäre. Letzteres macht sichtbar, wo Luft in der Höhe auseinanderströmt und deshalb aus tieferen Schichten nachgeliefert werden muss. Eine solche Divergenz in rund 200 Hektopascal Höhe ist ein wichtiges Signal dafür, dass die tropische Atmosphäre auf die Erwärmung des Ozeans reagiert.

Von tropischen Gewittern zum Jetstream

Die Verlagerung der tropischen Konvektion ist der Ausgangspunkt der Fernwirkungen. In hochreichenden Gewitterwolken kondensiert Wasserdampf. Dabei wird latente Wärme frei, die die obere Troposphäre erwärmt. Zugleich strömt Luft in großer Höhe aus den Gewittergebieten heraus. Diese Kombination verändert die Verteilung von Druck, Divergenz und Drehimpuls in einer Region, in der die Atmosphäre besonders empfindlich auf großräumige Anregungen reagiert.

Dadurch können Rossby-Wellenzüge entstehen. Sie bestehen aus weitgespannten Auslenkungen der westlichen Höhenströmung und werden durch den Zusammenhang zwischen Erdrotation, geografischer Breite und der Erhaltung atmosphärischer Wirbelstärke ermöglicht. Rossby-Wellen transportieren keine warme Tropenluft bis nach Europa oder Nordamerika. Sie verändern vielmehr die großräumige Dynamik der Atmosphäre und damit die bevorzugten Positionen von Hochdruckgebieten, Tiefdruckgebieten und Jetstreams.

Unter günstigen Bedingungen bildet sich ein quasi-stationäres Rossby-Wellenmuster. „Quasi-stationär“ bedeutet, dass die großräumigen Druckanomalien über Wochen ähnliche Positionen einnehmen können, obwohl einzelne Hochs, Tiefs und Wetterfronten weiterziehen. Ein solches Muster ist jedoch keine unveränderliche Schablone. Seine genaue Lage hängt vom jahreszeitlichen Zustand der Atmosphäre, von der Schneebedeckung, der Stratosphäre, anderen tropischen Ozeanen und der internen Wettervariabilität ab.

Über dem Nordpazifik und Nordamerika ist die ENSO-Fernwirkung im Winter am robustesten. Ein kräftiger El Niño verstärkt im Mittel den subtropischen Pazifik-Jet und verschiebt die Zugbahnen vieler Tiefdruckgebiete nach Süden. Für den Süden der Vereinigten Staaten steigen dadurch häufig die Chancen auf einen kühleren und niederschlagsreicheren Winter. Im Norden der USA und in Teilen Kanadas sind mildere Bedingungen wahrscheinlicher. Das sind statistische Verschiebungen, keine Wettergarantien für einzelne Wochen oder Orte.

Entscheidend ist außerdem, wo die stärkste Erwärmung liegt. Bei einem Eastern-Pacific-El-Niño konzentriert sie sich weiter östlich als bei einem Central-Pacific-El-Niño. Dadurch verschiebt sich auch das Zentrum der tropischen Konvektion, und der angeregte Rossby-Wellenzug fällt anders aus. Die Forschung zeigt robuste Unterschiede zwischen beiden Mustern, zugleich aber eine erhebliche Streuung von Ereignis zu Ereignis. Bei sehr starken El Niños kann die Intensität der tropischen Wärmequelle Unterschiede zwischen den Typen teilweise überdecken, ohne sie vollständig aufzuheben.

Dass NMME, ECMWF und die NOAA-Modelle ein großräumig ähnliches Erwärmungsmuster simulieren, erhöht die Zuversicht gegenüber einer einzelnen Modellrechnung. Die Systeme sind allerdings nicht vollständig unabhängig. Sie verwenden teilweise dieselben Beobachtungen zur Initialisierung und reagieren auf gemeinsame physikalische Randbedingungen. Saisonprognosen sind deshalb am zuverlässigsten, wenn Modellsignale mit tatsächlichen Veränderungen des Wärmeinhalts, der Passatwinde, der Konvektion und der Walker-Zirkulation übereinstimmen.

[!NOTE]

Vom Windstoß zum Winterwetter

text Westliche Windschübe ↓ Downwelling-Kelvin-Welle ↓ Thermokline sinkt ↓ Weniger kaltes Auftriebswasser ↓ Meeresoberflächentemperatur steigt ↓ Bjerknes-Feedback ↓ Walker-Zirkulation verschiebt sich ↓ Tropische Konvektion verlagert sich ↓ Rossby-Wellen ↓ Jetstream verändert sich ↓ Winterwetter verändert sich ↓ Auswirkungen auf Energieversorgung, Gasnachfrage, Wasserkraft und Stromnetze

El Niño als Planungsrisiko für das Energiesystem

Für Energieversorger ist nicht die Bezeichnung El Niño entscheidend, sondern die Frage, wie sich Wahrscheinlichkeiten für Kälte, Niederschlag, Wind und Schneedecke verschieben. Schon wenige Tage mit ungewöhnlich hohem Heizbedarf können den Gasverbrauch stark erhöhen. Heizgradtage fassen diesen Effekt über eine Saison zusammen. Ein milder Winter kann den durchschnittlichen Gasbedarf senken, während eine kurze Kältewelle dennoch die höchsten Lastspitzen des Jahres erzeugt.

Das wurde beim Wintersturm Uri im Februar 2021 sichtbar. Uri fiel in einen La-Niña-Winter und ist daher kein direktes Beispiel für typisches El-Niño-Wetter. Der Sturm zeigt jedoch, wie empfindlich ein Energiesystem auf Kälte in Regionen reagieren kann, deren Infrastruktur dafür nicht ausreichend ausgelegt ist. In Texas froren Gasquellen, Leitungen, Mess- und Regeltechnik sowie Teile der Stromerzeugung ein. Gleichzeitig stieg der Strombedarf stark an. Ausfälle der Gasversorgung und von Kraftwerken verstärkten sich gegenseitig, während die Netzreserve zusammenschmolz.

Für den Winter 2026/2027 müssen Betreiber deshalb mehr als saisonale Mitteltemperaturen betrachten. Relevant sind die möglichen Dauer und räumliche Ausdehnung von Kälteepisoden, die Winterfestigkeit von Gasfeldern und Verdichterstationen, Brennstoffreserven an Kraftwerken sowie die Verfügbarkeit von Übertragungsleitungen. Auch die Gleichzeitigkeit von hoher Nachfrage und Kraftwerksausfällen gehört in die Szenarien. Ein im Mittel kühlerer und feuchterer Süden der USA bedeutet nicht automatisch eine Wiederholung von Uri. Er verändert aber die Verteilung jener Risiken, auf die Speicher, Netze und Erzeugungsanlagen vorbereitet sein müssen.

Niederschlags- und Schneesignale betreffen zudem die Wasserkraft. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Niederschlag fällt, sondern ob er als Regen oder Schnee gespeichert wird, in welchem Einzugsgebiet er ankommt und wann die Schneeschmelze einsetzt. Ein warmer Winter kann die Schneedecke selbst bei hohen Niederschlagsmengen verringern und Zuflüsse zeitlich nach vorn verlagern. Für Wasserkraftbetreiber verändert das die Speicherbewirtschaftung, die Frühjahrserwartungen und die Absicherung gegen trockene Sommermonate.

In Europa ist der direkte ENSO-Einfluss schwächer, weniger stabil und meist zeitlich verzögert. Die europäische Winterwitterung wird stärker von der Nordatlantischen Oszillation, der Lage des nordatlantischen Jetstreams, blockierenden Hochdruckgebieten und Vorgängen in der Stratosphäre bestimmt. El Niño kann diese Zirkulation beeinflussen, liefert aber keine eindeutige Vorhersage für einen milden oder kalten Winter.

Für die Energieplanung bleibt das Signal dennoch relevant. Schon eine moderate Verschiebung der Heizgradtage verändert die Entnahme aus den Gasspeichern. Gleichzeitig können längere windarme Hochdrucklagen die Stromerzeugung aus Windkraft drücken, während Kälte den Verbrauch erhöht. Umgekehrt kann eine milde, atlantisch geprägte Witterung den Gasbedarf senken, aber Stürme und hohe Windleistung mit sich bringen. Speicherziele, Kraftwerksverfügbarkeit, Lastannahmen und Netzreserven sollten daher nicht auf ein einzelnes saisonales Szenario zugeschnitten werden.

Die globale Temperatur reagiert mit Verzögerung

El Niño erwärmt nicht unmittelbar und gleichmäßig die gesamte Erde. Zunächst gelangt im tropischen Pazifik mehr Wärme aus dem Ozean in die untere Atmosphäre. Anschließend wird das Signal durch Luftströmungen, Wasserdampf, Wolken und Veränderungen des Strahlungshaushalts räumlich verteilt. Deshalb erreicht der Einfluss eines El Niño auf die globale Mitteltemperatur seinen Höhepunkt typischerweise erst mehrere Monate nach der stärksten Erwärmung in Niño 3.4. Bei einem Ereignis, das im Winter 2026/2027 kulminiert, kann ein wesentlicher Teil des globalen Temperatursignals erst 2027 sichtbar werden.

Die Ausgangslage unterscheidet sich dabei von früheren El-Niño-Phasen. Die langfristige, vor allem durch Treibhausgase verursachte Erwärmung hat das globale Temperaturniveau weiter angehoben. Ein natürlicher ENSO-Impuls setzt heute auf einer wärmeren Basis auf als noch vor einigen Jahrzehnten. Das macht einen neuen Rekord nicht zwangsläufig, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit.

Schon jetzt können einzelne Tage, Wochen oder Monate in der Nähe der höchsten Werte moderner Reanalysen liegen. Dabei muss zwischen einem Tagesrekord, einem Monatsrekord und dem Jahresmittel unterschieden werden. Auch vorläufige Reanalysedaten sind nicht identisch mit den später veröffentlichten globalen Temperaturreihen von Copernicus, NOAA, NASA oder anderen Forschungsgruppen. Sollte kein neuer Höchstwert erreicht werden, wäre angesichts des aktuellen Niveaus auch ein zweithöchster Wert außergewöhnlich.

Die tägliche Entwicklung lässt sich beim Climate Reanalyzer verfolgen. Die dort dargestellten globalen Werte beruhen auf Reanalysedaten und erscheinen derzeit mit ungefähr sechs Tagen Verzögerung. Sie eignen sich zur zeitnahen Einordnung, ersetzen aber nicht die abschließende Bewertung vollständiger Monats- oder Jahresdatensätze.

Die Kelvin-Welle unter dem äquatorialen Pazifik ist deshalb mehr als eine warme Anomalie im Ozean. Sie kann die Thermokline verschieben, die Passatwinde schwächen, die Walker-Zirkulation neu ordnen, tropische Gewitter nach Osten verlagern und über Rossby-Wellen den Jetstream beeinflussen. Aus diesem Ablauf entstehen Monate später veränderte Risiken für Winterwetter, Gasversorgung, Wasserkraft und Stromnetze. Der Prozess ist bereits in Gang gekommen, doch sein stärkster Einfluss auf Atmosphäre und globale Temperatur dürfte noch vor uns liegen.

Beobachtung Modellprognose
Westliche Windschübe Stärke des El Niño
Kelvin-Welle Walker-Zirkulation im Winter
Wärmeinhalt des oberen Ozeans Rossby-Wellenmuster
SST-Anomalien Jetstream
Abschwächung der Passatwinde Winterwetter
Verlagerung der Konvektion Auswirkungen auf Energiesysteme
Globale Temperaturrekorde

PS

Kelvin-Welle

Eine äquatoriale Kelvin-Welle entsteht, wenn anhaltende Windänderungen das obere Meer aus seinem Gleichgewicht bringen. Westliche Windschübe drücken warmes Oberflächenwasser nach Osten und erzeugen eine Störung, die am Äquator gebündelt bleibt. Die Erdrotation lenkt Strömungen nördlich und südlich des Äquators in entgegengesetzte Richtungen und verhindert dadurch, dass sich die Welle rasch seitlich ausbreitet. Eine Downwelling-Kelvin-Welle drückt die Thermokline im zentralen und östlichen Pazifik nach unten. Sie erwärmt die Oberfläche also vor allem indirekt, indem sie den Nachschub kalten Wassers aus der Tiefe abschwächt.

Thermokline

Die oberen Schichten tropischer Ozeane sind warm, weil sie ständig Sonnenenergie aufnehmen. Darunter liegt deutlich kälteres Wasser. Der Übergangsbereich, in dem die Temperatur mit zunehmender Tiefe besonders schnell fällt, heißt Thermokline. Ihre Lage ist im Pazifik nicht überall gleich. Im Westen liegt sie wegen des dort zusammengeschobenen warmen Wassers tiefer, im Osten näher an der Oberfläche. Wird sie vor Südamerika nach unten gedrückt, erreicht der Auftrieb weniger kaltes Wasser. Liegt sie höher, kann kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser leichter aufsteigen. Kleine vertikale Verschiebungen können deshalb die Meeresoberflächentemperatur stark verändern.

Bjerknes-Feedback

Das Bjerknes-Feedback verbindet Temperaturunterschiede im Pazifik mit den Passatwinden. Normalerweise ist der westliche Pazifik wärmer als der östliche. Dieser Gegensatz unterstützt eine Druckverteilung, die östliche Passatwinde antreibt. Die Passate schieben warmes Wasser nach Westen und fördern im Osten den Auftrieb kalten Tiefenwassers. Damit erhalten sie den Temperaturunterschied, der sie selbst begünstigt. Wird der Osten durch eine Kelvin-Welle wärmer, schwächt sich der Gegensatz ab. Die Passate lassen nach, weniger warmes Wasser wird westwärts transportiert und der Auftrieb verliert an Wirkung. So kann sich eine anfängliche Erwärmung selbst verstärken.

Walker-Zirkulation

Die Walker-Zirkulation ist eine tropische Luftzirkulation entlang des Äquators. Im Normalzustand steigt über dem warmen westlichen Pazifik feuchte Luft auf und erzeugt kräftige Gewitter. In großer Höhe strömt sie nach Osten, sinkt über dem kühleren östlichen Pazifik ab und kehrt bodennah als Passatwind nach Westen zurück. Während eines El Niño wandern warmes Wasser und Gewitteraktivität ostwärts. Damit verschiebt sich auch das Aufsteigen der Luft. Die bodennahen Passate werden schwächer, während sich über Indonesien trockeneres, absinkendes Wetter ausbreiten kann. Die Walker-Zirkulation ist deshalb das atmosphärische Gegenstück zur Temperaturverteilung im tropischen Pazifik.

Rossby-Wellen

Rossby-Wellen sind großräumige Auslenkungen der atmosphärischen Westströmung. Sie entstehen, weil sich die Wirkung der Erdrotation mit der geografischen Breite verändert und Luftströmungen ihre großräumige Wirbelstärke annähernd erhalten. Wird die obere Troposphäre über tropischen Gewittergebieten erwärmt und strömt dort Luft auseinander, kann dies einen Rossby-Wellenzug anregen. Entlang dieses Musters wechseln sich Hochdruckrücken und Tiefdrucktröge ab. So erreicht der Einfluss tropischer Temperaturänderungen Nordamerika und unter bestimmten Bedingungen auch den Nordatlantik und Europa. Übertragen wird kein einzelnes Wettergebiet, sondern eine Änderung der bevorzugten atmosphärischen Zirkulation.

Jetstream

Der Jetstream ist ein schmales Band besonders starker Winde in der oberen Troposphäre. Er entsteht dort, wo große horizontale Temperaturunterschiede starke Druckgegensätze in der Höhe erzeugen. Auf der Nordhalbkugel weht er überwiegend von Westen nach Osten, verläuft aber nicht geradlinig. Rossby-Wellen lassen ihn nach Norden und Süden ausschlagen. Seine Lage beeinflusst, welche Bahnen Tiefdruckgebiete nehmen und wo milde, kalte, trockene oder niederschlagsreiche Luftmassen vorherrschen. El Niño kann vor allem den subtropischen Pazifik-Jet verstärken und nach Süden ausweiten. Dadurch ändern sich die bevorzugten Sturmzüge über dem Pazifik und Nordamerika.

ENSO

ENSO steht für El Niño–Southern Oscillation und beschreibt das gekoppelte System aus Ozean und Atmosphäre im tropischen Pazifik. El Niño und La Niña sind keine eigenständigen Wetterereignisse, sondern zwei unterschiedliche Zustände dieses Systems. Entscheidend ist nicht allein die Temperatur des Meeres, sondern das Zusammenspiel von Meeresoberfläche, Passatwinden, Walker-Zirkulation und tropischer Konvektion. Erst wenn sich Ozean und Atmosphäre gegenseitig beeinflussen und stabilisieren, spricht man von einem voll entwickelten ENSO-Ereignis.