excerpt: Der Vergleich mit früheren Hitzesommern hinkt, weil sich das Ausgangsniveau selbst verschoben hat, nicht nur das einzelne Ereignis. Vierzehn Modelle deuten auf einen El Niño hin, der die bisherige Rekordanomalie von 2015/2016 um 0,8 Grad übertreffen könnte – ein Sprung, der sich nicht allein aus der internen Umverteilung ozeanischer Wärme erklären lässt. Zwei Mechanismen überlagern sich hier, und genau diese Überlagerung macht 2027 zu einem Testfall für das bisherige Verständnis von ENSO als bloßer Schwankung um einen stabilen Mittelwert.

Der El Niño kommt nicht allein: Warum sich 2027 zwei Erwärmungsmechanismen überlagern

Wer die Kommentare unter Wetterprognosen liest, stößt erstaunlich häufig auf dieselbe Reaktion. Sobald außergewöhnliche Hitze oder Trockenheit vorhergesagt wird, dauert es meist nur wenige Minuten, bis jemand schreibt: „1996 war es auch schon trocken.“ Oder: „2019 war es genauso heiß.“

Die Aussage wirkt auf den ersten Blick plausibel. Natürlich gab es früher heiße und trockene Sommer. Genau darin liegt aber das Missverständnis. Verglichen wird das einzelne Wetterereignis. Übersehen wird, dass sich inzwischen das Ausgangsniveau verändert hat.

Sollte sich die derzeitige Modelllage bestätigen, könnte der im Juni begonnene El Niño der stärkste seit Beginn der instrumentellen Aufzeichnungen werden. Vierzehn Klimamodelle projizieren für seinen Höhepunkt eine Oberflächentemperatur-Anomalie im tropischen Pazifik von 3,6 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel. Der bisherige Rekord aus den Jahren 2015/2016 lag bei 2,75 Grad. Der mögliche Abstand von rund 0,8 Grad Celsius wäre außergewöhnlich groß. Entscheidend ist deshalb nicht, dass überhaupt ein El Niño auftritt. Entscheidend ist, warum die Modelle einen deutlich stärkeren Ausschlag als bisher erwarten.

Der physikalische Mechanismus dahinter ist seit Jahrzehnten bekannt. Unter Normalbedingungen treiben die Passatwinde warmes Oberflächenwasser im Pazifik nach Westen, wo es sich vor Indonesien und Australien staut. Vor der südamerikanischen Küste steigt gleichzeitig kühleres Tiefenwasser auf. Schwächen sich die Passatwinde ab, verbleibt das warme Wasser im zentralen und östlichen Pazifik und gibt dort verstärkt Wärme an die Atmosphäre ab. Dieser Prozess ist eine interne Umverteilung von Energie innerhalb des Ozean-Atmosphäre-Systems und kein zusätzlicher Energieeintrag von außen. Genau deshalb wurde ENSO über Jahrzehnte als natürliche Schwankung um einen vergleichsweise stabilen Mittelwert verstanden.

Der Unterschied zu 2015/2016 liegt jedoch nicht allein in der Stärke des El Niño selbst, sondern vor allem im Ausgangsniveau, auf dem er heute wirkt. Die Ozeane haben seit der letzten starken El-Niño-Phase kontinuierlich Wärme aus der anthropogenen Erwärmung aufgenommen; der globale Wärmeinhalt der oberen Wasserschichten liegt heute strukturell höher als noch vor zehn Jahren. Wenn El Niño nun Wärme aus dem Pazifik in die Atmosphäre freisetzt, geschieht dies aus einem bereits deutlich wärmeren Ausgangssystem. Genau dieses veränderte Ausgangsniveau macht den Unterschied.

Wie groß diese Verschiebung ist, lässt sich beziffern. Rund neunzig Prozent der zusätzlichen Energie, die durch die erhöhte Treibhausgaskonzentration im Klimasystem verbleibt, nehmen die Ozeane auf. Der Wärmeinhalt der oberen 2000 Meter erreicht deshalb seit Jahren einen Höchststand nach dem anderen, weitgehend unabhängig davon, ob gerade El Niño, La Niña oder neutrale Bedingungen herrschen. Die Atmosphäre schwankt, der Ozean akkumuliert. Ein El Niño ist damit so etwas wie eine Stichprobe aus diesem Wärmespeicher: Er zeigt für einige Monate an der Oberfläche, was sich darunter über Jahre angesammelt hat.

Die außergewöhnlichen Projektionen ergeben sich damit aus der Überlagerung zweier Prozesse. Einerseits projizieren die Modelle einen außergewöhnlich starken El Niño. Andererseits trifft dieser auf Ozeane, die durch die anthropogene Erwärmung bereits mehr Wärme gespeichert haben als in früheren Ereignissen. Der natürliche Freisetzungsmechanismus bleibt derselbe, doch die verfügbare Wärmemenge ist größer. Dadurch addieren sich natürliche Klimavariabilität und anthropogene Erwärmung im gleichen Zeitraum, obwohl sie physikalisch unterschiedliche Ursachen besitzen.

Zur Redlichkeit gehört allerdings auch der Hinweis auf die Unsicherheit solcher Projektionen. Die vierzehn Modelle stimmen in der Richtung überein, nicht aber in der Amplitude; einzelne Läufe bleiben deutlich unter dem bisherigen Rekordwert, andere übertreffen ihn klar. Wie stark ein El Niño tatsächlich war, lässt sich zudem erst im Nachhinein feststellen, weil die maßgeblichen Indizes über mehrere Monate gemittelt werden. Der Höhepunkt wird typischerweise zwischen November und Januar erreicht. Ob 2027 also tatsächlich ein Rekordereignis wird, entscheidet sich erst im Winter. An der grundsätzlichen Diagnose ändert das jedoch wenig: Selbst ein El Niño mittlerer Stärke würde auf ein Ausgangsniveau treffen, das es in der Geschichte der Messreihen so noch nicht gegeben hat.

Für die Institutionen, die die Einhaltung des Pariser Abkommens beobachten, verschiebt dieser Befund die Interpretationsgrundlage. Die 1,5-Grad-Schwelle ist als langjähriger Durchschnitt definiert; ein einzelnes Jahr mit einer Überschreitung stellt daher keinen formalen Verstoß gegen die Zielsetzung dar. Außergewöhnlich warme El-Niño-Jahre gelten jedoch als wichtiger Frühindikator. Sie zeigen, wie gering der Abstand zwischen der natürlichen Klimavariabilität und einer dauerhaften Überschreitung der langfristigen Temperaturschwellen inzwischen geworden ist. Sollte ein einzelner Naturzyklus ausreichen, um die globale Mitteltemperatur 2027 in die Größenordnung von 1,7 Grad über dem vorindustriellen Niveau anzuheben, verdeutlicht dies, wie klein der verbleibende Handlungsspielraum für eine Stabilisierung des Klimas geworden ist.

Ein Blick auf die beiden vorangegangenen starken Ereignisse zeigt, was das konkret bedeutet. Das El-Niño-Jahr 1998 galt lange als Ausreißer nach oben; es war so warm, dass Skeptiker jahrelang behaupten konnten, die globale Erwärmung habe seither pausiert. Aus heutiger Sicht wäre ein Jahr wie 1998 ein ungewöhnlich kühles. Dasselbe Muster wiederholte sich nach 2016: Die damalige Rekordtemperatur wurde in den Folgejahren mehrfach erreicht oder übertroffen, teils ganz ohne Unterstützung durch El Niño. Starke El-Niño-Jahre erweisen sich in der Rückschau nicht als Ausnahmen, sondern als Vorwegnahmen. Sie zeigen früh, wo die Normalität eines Jahrzehnts später liegen wird.

Die Folgen eines starken Ereignisses beschränken sich dabei nicht auf die globale Temperaturstatistik. Frühere starke El Niños brachten Dürren und Waldbrände nach Indonesien und Australien, einen geschwächten Monsun nach Indien, Überschwemmungen an die Küste Perus und die bislang größten Korallenbleichen der Tropen. Auch die Agrarmärkte reagieren regelmäßig: Reis, Palmöl, Kaffee und Zucker stammen zu großen Teilen aus Regionen, die von El Niño besonders betroffen sind. Preisausschläge bei Grundnahrungsmitteln gehören deshalb zu den verlässlichsten wirtschaftlichen Begleiterscheinungen starker Ereignisse. Für Europa sind die Fernwirkungen schwächer und weniger eindeutig belegt. Doch gerade die Sommerhitze zählt zu den Signalen, die in den Jahren während und nach starken El Niños wiederholt aufgetreten sind.

Auf der Ebene konkreter Energieinfrastruktur entfalten Hitze und Dürre ihre Wirkung über mehrere voneinander unabhängige technische Mechanismen. Wasserkraftwerke sind auf ausreichende Pegelstände in Stauseen angewiesen. Gehen die Zuflüsse über längere Zeit zurück, sinken Fallhöhe und verfügbare Wassermenge, wodurch sich die Generatorleistung reduziert, unabhängig von der installierten Kapazität.

Kernkraftwerke unterliegen dagegen wasserrechtlichen Auflagen für ihre Kühlwassereinleitung. Überschreitet die Temperatur des Vorfluters, etwa der Rhône oder des Rheins, die genehmigten Grenzwerte, müssen Betreiber die Kühlwasserabgabe reduzieren und die Reaktorleistung entsprechend drosseln oder Anlagen zeitweise abschalten, um zusätzliche ökologische Belastungen der Flüsse zu vermeiden.

Beide Mechanismen wirken unabhängig vom El-Niño-Zyklus selbst. Kritisch wird jedoch ihre Gleichzeitigkeit. Verstärkt El Niño die sommerliche Hitze in Europa, können niedrige Flusspegel, hohe Wassertemperaturen und langanhaltende Trockenheit gleichzeitig auftreten. Netzbetreiber müssen dann nicht nur mit einer steigenden Stromnachfrage durch Kühlung rechnen. Gleichzeitig sinkt die verfügbare Erzeugungsleistung mehrerer wetterabhängiger Kraftwerkstypen genau in den Stunden, in denen der Leistungsbedarf besonders hoch ist.

Auf der Nachfrageseite kommt eine strukturelle Entwicklung hinzu. Der Bestand an Klimaanlagen wächst in Europa seit Jahren rasant, und in Südeuropa verschiebt sich die Jahreshöchstlast bereits vom Winterabend in den Sommernachmittag. Jede Hitzewelle beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich, weil sie Neuanschaffungen auslöst, die in allen folgenden Sommern Strom nachfragen. Die Spitzenlast künftiger Hitzesommer liegt damit systematisch über der vergangener Hitzesommer, selbst bei identischem Wetter.

Die vom Klimaforscher Justin Mankin für den laufenden El Niño bis 2032 auf rund zehn Billionen US-Dollar geschätzten volkswirtschaftlichen Schäden entstehen aus genau dieser Kumulation einzelner Belastungen. Verminderte Stromproduktion während Trockenperioden, Ernteausfälle durch Dürre sowie Schäden durch Starkregen und Überschwemmungen sind keine voneinander isolierten Ereignisse. Sie sind unterschiedliche Erscheinungsformen desselben gekoppelten Klimasystems.

Für Netzbetreiber und Regulierungsbehörden verschiebt sich damit die Planungsaufgabe grundlegend. Es geht nicht mehr allein darum, einzelne Ausfälle abzusichern oder ausreichende Reservekapazitäten vorzuhalten. Entscheidend wird die zunehmende Synchronisierung verschiedener Belastungsmechanismen. Je häufiger Hitze, Dürre, Kühlwasserbeschränkungen und steigender Strombedarf zeitlich zusammenfallen, desto weniger lassen sich historische Lastprofile als Grundlage für die Planung zukünftiger Versorgungssicherheit heranziehen. Die Herausforderung besteht nicht darin, dass einzelne Komponenten an ihre Grenzen geraten. Sie besteht darin, dass immer mehr Teile des Energiesystems gleichzeitig unter Stress geraten.

Wie wenig hypothetisch diese Überlegungen sind, zeigt bereits der laufende Sommer. Während diese Zeilen entstehen, sind in Spanien und Frankreich knapp 200.000 Menschen vor Waldbränden auf der Flucht. Das geschieht, bevor der im Juni begonnene El Niño seinen Höhepunkt überhaupt erreicht hat; die Wärme, die ihn antreiben wird, liegt noch größtenteils im Pazifik. Schon das heutige Ausgangsniveau genügt also für Evakuierungen in einer Größenordnung, die man in Westeuropa bis vor wenigen Jahren nur aus Berichten über andere Weltregionen kannte. Der Sommer 2027 wird auf genau dieses Niveau aufsetzen.

Vielleicht sollten wir deshalb künftig eine andere Frage stellen. Nicht, ob es 1996 oder 2019 ebenfalls heiß und trocken war. Sondern ob diese Sommer unter denselben Ausgangsbedingungen stattfanden wie der Sommer 2027.

Genau das ist heute nicht mehr der Fall. Der El Niño mag derselbe Mechanismus sein wie vor zehn Jahren. Entscheidend ist etwas anderes: Nicht der Ausschlag hat sich verändert. Die Nulllinie hat sich verschoben.


Sollte sich die derzeitige Modelllage bestätigen, könnte der im Juni begonnene El Niño der stärkste seit Beginn der instrumentellen Aufzeichnungen werden. Eine aktuelle Multi-Modell-Analyse von Zeke Hausfather (ClimateBrink), die inzwischen auch von Carbon Brief aufgegriffen wurde, kombiniert 667 Ensembleläufe aus 14 unabhängigen saisonalen Vorhersagesystemen führender Wetter- und Klimazentren. Die gewichtete Medianprojektion ergibt für den Höhepunkt des Ereignisses eine Oberflächentemperatur-Anomalie im tropischen Pazifik von rund 3,6 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel. Der bisherige Rekord aus den Jahren 2015/2016 lag bei 2,75 Grad. Der mögliche Abstand von rund 0,8 Grad Celsius wäre außergewöhnlich groß. Entscheidend ist deshalb nicht, dass überhaupt ein El Niño auftritt. Entscheidend ist, warum die Modelle einen deutlich stärkeren Ausschlag als bisher erwarten.

Die 14 Modellgruppen sind:

  1. ECMWF (European Centre for Medium-Range Weather Forecasts)
  2. UK Met Office (GloSea)
  3. Météo-France
  4. DWD (Deutscher Wetterdienst)
  5. CMCC (Centro Euro-Mediterraneo sui Cambiamenti Climatici, Italien)
  6. NCEP CFS (NOAA, USA)
  7. JMA (Japan Meteorological Agency)
  8. ECCC / CanSIPS (Environment and Climate Change Canada)
  9. BoM (Australian Bureau of Meteorology)
  10. GFDL SPEAR (NOAA Geophysical Fluid Dynamics Laboratory)
  11. NASA GEOS-S2S
  12. NCAR CESM1
  13. SINTEX-F (JAMSTEC/NIES, Japan)
  14. CMA (China Meteorological Administration) bzw. das chinesische saisonale ENSO-System, das in den NMME-Auswertungen berücksichtigt wird.

Siehe auch: https://www.carbonbrief.org/state-of-the-climate-rapidly-developing-el-nino-raises-chance-of-record-warm-2026