excerpt: Ein Baum, der im Juli schon seine Blätter verliert, erzählt dieselbe Geschichte wie ein Pegelstand am Rhein: Wärmere Luft zieht mehr Wasser aus Böden, Flüssen und Pflanzen. Bei Lobith sank der Abfluss im Juli 2023 auf einen historischen Tiefstand, tiefer als 1976, und legt damit offen, wie eng Klimaphysik und Frachtverkehr verknüpft sind. Was im Garten als vertrocknetes Laub beginnt, endet auf dem Fluss als Ladebeschränkung für Schiffe.
Der Rhein, die Hitze und ein japanischer Kuchenbaum
In meinem Garten, direkt neben dem Teich, steht ein Katsura, ein japanischer Kuchenbaum, den der Vorbesitzer des Hauses vor ungefähr 25 Jahren angepflanzt hat. Die Trockenheit hat den Baum bereits Ende Juli dazu gezwungen, fast sein gesamtes Laub abzuwerfen. Was sonst erst im Herbst geschieht, findet in diesem Jahr mitten im Sommer statt. Den danebenliegenden Naturteich mussten wir dieses Jahr bereits zweimal auffüllen, weil mehr Wasser verdunstete, als durch Niederschläge ersetzt wurde.
Am Wochenende des 18./19. Juli maß die niederländische Wasserbehörde Rijkswaterstaat am Pegel Lobith einen Rheinabfluss von nur noch 715 Kubikmetern pro Sekunde. Es war der niedrigste jemals für einen Juli gemessene Wert, niedriger noch als während der Dürre von 1976. Lobith markiert den Punkt, an dem der Rhein aus Deutschland kommend die Niederlande erreicht, und liegt am Beginn eines der wichtigsten Frachtkorridore Europas.
Die Ursache liegt in einem einfachen physikalischen Prinzip. Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Dadurch steigt die Verdunstungsrate, und der Atmosphäre wird mehr Wasser aus Böden, Flüssen und Vegetation zugeführt. Eine Schnellanalyse der Forschungsgruppe World Weather Attribution beziffert, um wie viel wahrscheinlicher diese verstärkte Verdunstung durch die vom Menschen verursachte Erwärmung geworden ist: in Westeuropa um das bis zu 80-Fache, im Osten des Kontinents um das bis zu 40-Fache gegenüber einem Klima ohne diesen Einfluss.
Die Folgen zeigen sich unmittelbar in der Binnenschifffahrt. Sinkt der Wasserstand unter bestimmte Tiefgangsgrenzen, können Frachtschiffe ihre maximale Ladung nicht mehr aufnehmen oder müssen den Verkehr ganz einstellen. Dieselbe physikalische Ursache verändert damit nicht nur die Landschaft, sondern auch die Leistungsfähigkeit einer der wichtigsten europäischen Transportachsen.
Die Hitze wirkt sich jedoch nicht nur auf Flüsse aus. Sie zeigt sich auch in den Sterbestatistiken. Das von der Weltgesundheitsorganisation unterstützte europäische Sterblichkeitsüberwachungsnetzwerk zählte in der Woche vom 22. bis 28. Juni mehr als 16.000 Übersterblichkeitsfälle in 27 europäischen Ländern, davon über 14.000 bei Menschen über 65 Jahren. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass diese Zahl das tatsächliche Ausmaß deutlich unterschätzt. Während der Hitzewelle des Jahres 2022 meldete die WHO zunächst rund 15.000 hitzebedingte Todesfälle in Europa. Eine spätere Auswertung vollständiger Sterberegister, veröffentlicht in Nature Medicine, kam für denselben Zeitraum auf mehr als 61.000 Todesfälle, also auf mehr als das Vierfache.
Diese Differenz entsteht nicht durch neue Todesfälle, sondern durch die Art, wie Todesursachen erfasst werden. In die amtliche Statistik geht ein Hitzetod nur ein, wenn ein Arzt auf dem Totenschein ausdrücklich Hitzschlag als Todesursache einträgt. Die weitaus größere Zahl der Fälle, in denen hohe Temperaturen bei Menschen mit Vorerkrankungen einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder ein Atemversagen auslösen, erscheint dagegen unter der jeweiligen Organerkrankung und nicht unter Hitze.
Genau daraus entsteht ein Problem für Gesundheitsbehörden und politische Entscheidungsträger. Sie müssen sich zunächst auf die verfügbaren Echtzeitdaten stützen. Wenn diese systematisch zu niedrige Werte liefern, wird auch das tatsächliche Ausmaß der Gefährdung unterschätzt. Maßnahmen wie Hitzeaktionspläne, zusätzliche Kühlräume oder der Ausbau kommunaler Schutzkonzepte werden dadurch häufig erst dann ausgeweitet, wenn retrospektive Studien Monate oder Jahre später das tatsächliche Ausmaß der Übersterblichkeit sichtbar machen.
Seit der Hitzewelle von 2003, die in Europa mehr als 60.000 Übersterblichkeitsfälle verursachte, haben viele Kommunen Hitzeaktionspläne, Kühlräume und Frühwarnsysteme aufgebaut. Diese Maßnahmen wurden jedoch für ein Klima entwickelt, das inzwischen von der Realität überholt wird. Laut einer Attributionsstudie der World Weather Attribution sind Temperaturen wie im Juni dieses Jahres heute bereits rund zehnmal wahrscheinlicher als 2003. Vergleichbare Hitzewellen fallen zudem um bis zu 2,5 Grad Celsius heißer aus als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Mariam Zachariah vom Centre for Environmental Policy am Imperial College London ordnet ein, was das für die kommenden Jahrzehnte bedeutet. Bei einer Erwärmung von 1,4 Grad Celsius gegenüber vorindustriellem Niveau treten die derzeit beobachteten Verdunstungsbedingungen bereits auf. Steigt die globale Erwärmung auf die in Klimamodellen für ungebremste Emissionen projizierten 2,8 Grad Celsius, könnte sich ihre Wahrscheinlichkeit nochmals etwa verdoppeln.
Europa steht heute nicht vor der Herausforderung, dass es häufiger heiß wird. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dass sich die klimatischen Randbedingungen verändern, für die seine Infrastruktur ausgelegt wurde. Wasserstraßen, Gesundheitssysteme und kommunale Schutzkonzepte wurden für ein Klima geplant, das es in dieser Form immer seltener gibt.
Mein Katsura stammt ursprünglich aus Japan. Vor rund 25 Jahren schien er für diesen Platz am Teich eine gute Wahl gewesen zu sein. Heute verliert er bereits mitten im Sommer sein Laub.
Wir werden unseren Garten deshalb in den kommenden Jahren schrittweise an das neue Klima anpassen müssen. Nicht weil der Baum plötzlich ungeeignet geworden wäre, sondern weil sich die klimatischen Randbedingungen verändert haben, unter denen er und viele andere Pflanzen bislang problemlos wachsen konnten.
Dieselbe Herausforderung stellt sich heute auch Europa. Wasserstraßen, Städte und Gesundheitssysteme wurden für Randbedingungen geplant, die sich schrittweise verschieben. Klimaanpassung beginnt deshalb nicht erst bei Milliardeninvestitionen in Deiche oder Wasserstraßen. Sie beginnt oft im eigenen Garten.