excerpt: Unter den abgewohnten Fassaden der belgischen Küstenblocks schlummert ein Netz, das mehr kann, als man ihm zutraut. Die alten Nachtspeicheröfen mögen ausgedient haben, doch die Leitungen, Zähler und Trafostationen dahinter warten still auf ihre zweite Bestimmung. Was einst für Atomstrom in der Nacht gebaut wurde, reicht heute oft schon aus, um Wärmepumpe und Elektroauto zu versorgen, ganz ohne neuen Hausanschluss.

Das verborgene elektrische Erbe der belgischen Küste

Wer über den Seedeich von Oostende, Blankenberge, Knokke oder De Panne spaziert, sieht endlose Reihen von Apartmentblöcken aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren. Viele davon wirken heute energetisch aus der Zeit gefallen: einfach verglaste Fenster, dünne Betonfassaden und in nicht wenigen Wohnungen noch immer die schweren, warmen Kästen aus Schamottestein, Nachtspeicherheizungen, die seit Jahrzehnten Nacht für Nacht Strom in Wärme verwandeln. Diese Geräte gelten heute als energetisches Auslaufmodell. Sie verschwinden nach und nach aus den Wohnungen und werden durch Wärmepumpen, Klimasplitgeräte oder, weit weniger effizient, durch Infrarotpaneele ersetzt.

Doch bei genauerem Hinsehen lohnt sich eine andere Frage: Was ist eigentlich mit der elektrischen Infrastruktur passiert, die für diese Heizungen einst gebaut wurde? Mit den Kabeln, den Steigleitungen, den Zähleranlagen, den Trafostationen und den Hausanschlüssen?

Dieser Artikel beschreibt das verborgene elektrische Erbe dieser Gebäude: Viele Küstenresidenzen aus jener Zeit verfügen bereits heute, ganz ohne grundlegenden Ausbau des Gebäudeanschlusses, über mehr elektrische Kapazität, als moderne Wärmepumpen und Elektromobilität benötigen. Die Nachtspeicherheizung war eine Antwort auf das Stromsystem ihrer Zeit und ist technisch überholt. Die für sie errichtete Infrastruktur aber könnte sich, völlig unbeabsichtigt, als Vorleistung für die Elektrifizierung des 21. Jahrhunderts erweisen.

Der nächtliche Überschuss der Kernkraftwerke

Um die Logik hinter der belgischen Nachtspeicherheizung zu verstehen, muss man zurück in die 1970er-Jahre gehen. Nach dem Ölschock von 1973 beschleunigte Belgien den Ausbau seiner Kernenergie erheblich. Die Reaktoren Doel 1 und Doel 2 sowie Tihange 1 gingen 1974 und 1975 ans Netz, es folgten Doel 3 im Jahr 1982, Tihange 2 im Jahr 1983 sowie Doel 4 und Tihange 3 im Jahr 1985. Innerhalb von etwa zehn Jahren entstand damit ein Kraftwerkspark, der einen erheblichen Teil der belgischen Stromversorgung übernahm.

Kernkraftwerke besitzen hohe Investitions- und Fixkosten, während ihre kurzfristigen Erzeugungskosten vergleichsweise niedrig sind. Wirtschaftlich war es deshalb attraktiv, sie möglichst gleichmäßig auszulasten und über lange Zeiträume nahe ihrer Nennleistung zu betreiben. Tagsüber sorgten Industrie, Gewerbe und Haushalte für entsprechende Nachfrage. Nachts sank der Verbrauch dagegen deutlich, während die Kraftwerke weiterproduzierten und einen Überschuss erzeugten, für den es Abnehmer brauchte.

Mit dem Ausbau der Kernenergie gewann damit ein bereits bekanntes Problem erheblich an Bedeutung: Wie ließ sich Stromverbrauch gezielt in die Nacht verschieben, um die Kraftwerke besser auszulasten und starke Unterschiede zwischen Tag- und Nachtlast zu verringern? Die Antwort bestand in zeitabhängigen Stromtarifen und steuerbaren Verbrauchern. Elektrische Speicherheizungen eigneten sich dafür besonders gut, denn sie konnten in festgelegten Nachtstunden große Mengen Strom aufnehmen, die Wärme in schweren Speichersteinen einlagern und im Verlauf des folgenden Tages wieder abgeben.

Ähnliche Programme entstanden auch in anderen europäischen Ländern. Frankreich setzte im Zuge seiner weitreichenden Elektrifizierungspolitik stark auf elektrische Heizungen, und in Deutschland wurden Nachtspeicheröfen ebenfalls mit günstigen Schwachlasttarifen beworben. In Belgien aber passte diese Technik besonders gut zu einem Stromsystem, das nachts geradezu nach zusätzlichen Verbrauchern suchte.

Der exklusive Nachttarif

Für elektrische Speicherheizungen wurde ein besonderer Tarif geschaffen, der in Flandern als uitsluitend nachttarief und in Wallonien als tarif de nuit exclusif bekannt war. Dabei handelte es sich nicht einfach um einen gewöhnlichen Doppeltarif mit einem günstigeren Nachtpreis. Die Speicherheizung war häufig über einen eigenen Zähler und einen eigenen Stromkreis angeschlossen, und dieser Anschluss durfte nur für fest angeschlossene Geräte wie Akkumulationsheizungen oder elektrische Warmwasserspeicher verwendet werden.

Die Freigabe erfolgte über zentrale Steuersignale des Netzbetreibers. Je nach lokalem Programm erhielten die Heizungen insgesamt ungefähr acht bis neun Stunden Ladezeit, wobei die genaue Verteilung dieser Stunden regional unterschiedlich sein und durch gestaffelte Schaltprogramme beeinflusst werden konnte. Trotz solcher Staffelungen blieb die Heizlast zeitlich stark konzentriert. Anders als gewöhnlicher Haushaltsverbrauch entstand sie nicht zufällig und unabhängig in jeder Wohnung, sondern folgte den vom Netzbetreiber vorgegebenen Ladefenstern.

Nachtspeicherheizungen erzeugten damit eine hohe, planbare und über viele Wohnungen hinweg korrelierte Nachtlast. Genau das machte sie für das damalige Stromsystem interessant und für die elektrische Infrastruktur anspruchsvoll.

Warum die Nachtspeicherheizung an der Küste so gut passte

Für Bauträger an der belgischen Küste war die Nachtspeicherheizung besonders attraktiv. Das hatte nicht nur mit der Energiepolitik zu tun, sondern ebenso mit der Infrastruktur und der Bauökonomie jener Zeit.

Außerhalb der großen Ballungsräume war das belgische Gasnetz noch keineswegs flächendeckend ausgebaut. Eine schnelle Erschließung der stark wachsenden Küstenorte mit ausreichend leistungsfähigen Gasleitungen hätte enorme Investitionen erfordert und wäre angesichts der lang gestreckten Siedlungsstruktur entlang der Küste finanziell nur schwer zu stemmen gewesen. Strom war dagegen bereits verfügbar. Neue Apartmentblöcke konnten vergleichsweise einfach an das vorhandene Verteilnetz angeschlossen werden, sofern Leitungen und Transformatoren entsprechend dimensioniert wurden.

Hinzu kam die Bauökonomie: Eine elektrische Heizung benötigte keinen Schornstein, keinen Heizraum, keinen Öltank und kein wohnungsübergreifendes Rohrsystem. Jede Wohnung ließ sich unabhängig beheizen, messen und abrechnen. Das passte besonders gut zur Struktur der Küstenresidenzen, deren Wohnungen vielfach als Zweitwohnsitz oder Ferienapartment verkauft wurden, unterschiedlich stark belegt waren und einzelnen Eigentümern gehörten. Eine zentrale Heizungsanlage hätte gemeinschaftliche Technik, Wartung, Brennstoffversorgung und eine komplizierte Verteilung der Kosten erfordert. Die elektrische Speicherheizung verlagerte all das in die einzelne Wohnung.

Für Bauträger war sie damit eine bemerkenswert einfache Lösung: Die notwendige Infrastruktur bestand im Wesentlichen aus Kabeln, Zählern, Sicherungen und Speicheröfen, und das Gebäude konnte weitgehend ohne klassische Heizzentrale errichtet werden. Gleichzeitig passte die konzentrierte nächtliche Stromnachfrage zu einem Elektrizitätssystem, das mit dem Ausbau der Kernkraft nach zusätzlichen Verbrauchern in den Nachtstunden suchte.

An der Küste wurde die Nachtspeicherheizung deshalb nicht nur zu einer individuellen Heizungsentscheidung, sondern faktisch zum Teil eines städtebaulichen Modells: schnell errichtete, individuell verkaufte Apartments, versorgt durch ein Stromnetz, das für hohe nächtliche Lasten entsprechend kräftig ausgebaut werden musste.

Wie Gebäude und Netze für die Nacht dimensioniert wurden

Hier liegt der technisch entscheidende Punkt dieses Artikels. Nachtspeicheröfen benötigen während ihrer Ladezeit eine hohe elektrische Leistung. Ein einzelnes Speicherheizgerät jener Zeit hatte je nach Größe eine Ladeleistung von ungefähr 1,2 bis 6 kW. Eine Wohnung mit mehreren Räumen kam damit leicht auf eine installierte Ladeleistung von 6 bis 12 kW, die nicht rund um die Uhr, aber während eines relativ kurzen nächtlichen Ladefensters abgerufen wurde. Für ein Gebäude mit 30, 50 oder 100 Wohnungen hatte das erhebliche Folgen.

Der Wohnungsanschluss

Der einzelne Wohnungsanschluss musste die Ladeleistung der Speicheröfen zusätzlich zum übrigen Haushaltsstrom aufnehmen können. Das bedeutete größere Sicherungen, stärkere Leitungen und häufig einen Dreiphasenanschluss. Eine elektrisch beheizte Wohnung benötigte eine deutlich höhere Anschlussleistung als eine vergleichbare Wohnung, in der Strom nur für Beleuchtung, Haushaltsgeräte und Kochen verwendet wurde.

Die Steigleitungen

Die vertikalen Sammelleitungen des Gebäudes mussten die Last vieler Wohnungen gleichzeitig transportieren können. Bei gewöhnlichen Haushaltsgeräten kann ein Netzplaner davon ausgehen, dass nicht alle Bewohner gleichzeitig kochen, waschen, staubsaugen oder den Backofen einschalten; diese Lasten verteilen sich relativ zufällig. Bei Nachtspeicherheizungen war die Situation anders. Ihre Ladezeiten wurden zentral freigegeben, und auch wenn Gruppen zeitlich gestaffelt werden konnten, entstand innerhalb der festgelegten Nachtstunden eine deutlich stärker konzentrierte und korrelierte Last. Die Steigleitungen mussten deshalb nicht nur für den durchschnittlichen Verbrauch, sondern für hohe gemeinsame Nachtlasten ausgelegt werden.

Die Gebäudezuführung und das vorgelagerte Netz

Nicht jede Residenz besaß einen eigenen Mittelspannungsanschluss oder eine eigene Transformatorstation. Bei besonders großen Anlagen konnte eine eigene oder unmittelbar benachbarte Trafostation erforderlich sein, andere Gebäude wurden zusammen mit umliegenden Residenzen aus einer öffentlichen Netzstation versorgt. Entscheidend war in beiden Fällen, dass die Gebäudezuführung und das vorgelagerte Niederspannungsnetz die gebündelte Last der elektrischen Heizungen aufnehmen konnten.

So entstand elektrische Infrastruktur, die weit über das hinausging, was für ein vergleichbares, nicht elektrisch beheiztes Gebäude erforderlich gewesen wäre.

Drei Begriffe, die man nicht verwechseln darf

Die gesamte Argumentation dieses Artikels beruht auf dem Unterschied zwischen Energie, Leistung und Anschlussleistung.

Energie beschreibt die insgesamt verbrauchte oder bereitgestellte Menge. Sie wird in Kilowattstunden (kWh) gemessen, erscheint auf der Stromrechnung und beantwortet die Frage, wie viel Strom während eines Tages, eines Monats oder eines Jahres verbraucht wurde.

Leistung beschreibt, wie schnell Energie in einem bestimmten Moment fließt. Sie wird in Kilowatt (kW) gemessen und beantwortet die Frage, wie viel Strom genau jetzt benötigt wird. Ein Gerät mit 5 kW Leistung, das zwei Stunden läuft, verbraucht 10 kWh Energie.

Anschlussleistung beschreibt die technisch und vertraglich mögliche maximale Leistung an einem Anschlusspunkt. Sie wird häufig in Kilovoltampere (kVA) angegeben, wobei neben der tatsächlich nutzbaren Wirkleistung auch Phasenverschiebungen und Blindleistung berücksichtigt werden. Bei nahezu rein ohmschen Verbrauchern wie Speicherheizungen liegen kW und kVA sehr dicht beieinander.

Eine Analogie aus der Wasserversorgung hilft: kWh entspricht der Wassermenge, die während eines Monats durch den Zähler geflossen ist, kW dem momentanen Durchfluss und kVA ungefähr dem Rohrdurchmesser, der diesen Durchfluss ermöglichen muss.

Für Netzbetreiber ist nicht nur entscheidend, wie viel Energie ein Gebäude im Jahr verbraucht, sondern ebenso, welche höchste Leistung gleichzeitig auftritt. Ein Gebäude kann im Jahresdurchschnitt wenig Strom benötigen und trotzdem einen sehr starken Anschluss brauchen, wenn viele Verbraucher gleichzeitig hohe Leistung abrufen. Genau das war bei Nachtspeicherheizungen der Fall.

Eine Beispielrechnung: die Residenz Zeewind

Um die Größenordnungen greifbar zu machen, betrachten wir eine Beispielresidenz. Die verwendeten Werte entsprechen den Daten, die uns zu Gebäuden und Geräten dieser Zeit vorliegen.

Ausgangsdaten

Ein Heizwärmebedarf von 130 kWh pro m² und Jahr ist für ein unsaniertes Gebäude dieser Baujahre ein typischer, gut dokumentierter Wert.

Jährlicher Heizwärmebedarf

Pro Wohnung:

text 75 m² × 130 kWh/m²a = 9.750 kWh Wärme pro Jahr

Für die gesamte Residenz:

text 50 × 9.750 kWh = 487.500 kWh Wärme pro Jahr

Das entspricht rund 487,5 MWh Wärme.

Stromverbrauch mit Nachtspeicherheizung

Elektrische Widerstandsheizungen wandeln Strom am Gerät nahezu vollständig in Wärme um. Da ein Teil der Wärme jedoch bereits während der Ladezeit unkontrolliert abgegeben wird und nicht immer genau dann zur Verfügung steht, wenn sie benötigt wird, rechnen wir mit einem Nutzungsgrad von 95 Prozent.

Pro Wohnung:

text 9.750 kWh ÷ 0,95 ≈ 10.260 kWh Strom pro Jahr

Für die gesamte Residenz:

text 50 × 10.260 kWh ≈ 513.000 kWh Strom pro Jahr

Die Residenz benötigt damit allein für die Heizung rund 513 MWh Strom pro Jahr.

Stromverbrauch mit Wärmepumpe

Für eine moderne Luft-Luft-Wärmepumpe rechnen wir mit einer Jahresarbeitszahl von 3,5. Das bedeutet, dass aus einer Kilowattstunde Strom im Jahresmittel etwa 3,5 Kilowattstunden Wärme bereitgestellt werden.

Pro Wohnung:

text 9.750 kWh ÷ 3,5 ≈ 2.786 kWh Strom pro Jahr

Für die gesamte Residenz:

text 50 × 2.786 kWh ≈ 139.300 kWh Strom pro Jahr

Der jährliche Stromverbrauch für die Heizung sinkt damit von rund 513 MWh auf etwa 139 MWh, eine Reduktion von ungefähr 73 Prozent.

Die Leistungsfrage

Die Jahresenergie ist allerdings nur ein Teil der Betrachtung. Für Leitungen, Sicherungen und Transformatoren ist entscheidend, welche Leistung gleichzeitig benötigt wird.

Nachtspeicherheizung

Jede Wohnung verfügt über eine installierte Ladeleistung von 8 kW. Für 50 Wohnungen ergibt das:

text 50 × 8 kW = 400 kW installierte Ladeleistung

Nicht alle Heizungen laden zu jedem Zeitpunkt exakt mit voller Leistung, dennoch ist die Last durch die gemeinsamen Ladefenster stark korreliert. Für die Rechnung setzen wir eine gleichzeitig wirksame Heizleistung von 340 kW an, was einem Gleichzeitigkeitsfaktor von 0,85 entspricht. Da Nachtspeicherheizungen nahezu ohmsche Verbraucher sind, entsprechen 340 kW ungefähr 340 kVA.

Bei der Dimensionierung mussten zusätzlich Haushaltsstrom, Beleuchtung, Aufzüge, Pumpen, Gemeinschaftsanlagen und Sicherheitsreserven berücksichtigt werden. Ein Transformator mit 400 kVA wäre für 340 kW reine Heizleistung zuzüglich der übrigen Gebäudelasten sehr knapp. Für ein großes Gebäude, das allein aus einer eigenen Trafostation versorgt wird, kommt deshalb eher eine größere Standardgröße in Betracht, beispielsweise 630 kVA. Nicht jede Residenz besaß eine eigene Trafostation; die tatsächliche Netzstruktur ist für jedes Gebäude dokumentiert und beim Netzbetreiber einsehbar.

Wärmepumpe

Für die Spitzenlastrechnung muss die Heizleistung separat vom Jahresenergieverbrauch betrachtet werden. Wir rechnen mit einer Auslegungsheizlast von 4,5 kW pro Wohnung, einem realistischen Wert für ein 75-m²-Apartment an der milden belgischen Küste. Bei einer winterlichen Leistungszahl von 2,5 ergibt sich eine elektrische Aufnahmeleistung von:

text 4,5 kW Wärme ÷ 2,5 = 1,8 kW Strom

Wir runden auf 2 kW pro Wohnung. Für 50 Wohnungen:

text 50 × 2 kW = 100 kW installierte elektrische Leistung

Die Wärmepumpen werden individuell thermostatisch geregelt, bei kaltem Wetter entsteht aber eine gewisse Gleichzeitigkeit. Wir rechnen deshalb mit einer gleichzeitig benötigten elektrischen Leistung von 75 kW.

Der Vergleich

| Größe | Nachtspeicherheizung | Wärmepumpe | |---|---:|---:| | Jahresstromverbrauch Heizung | ca. 513 MWh | ca. 139 MWh | | Installierte elektrische Leistung | 400 kW | 100 kW | | Gleichzeitige Netzleistung | ca. 340 kW | ca. 75 kW |

Die Differenz beträgt rund 265 kW. Die Umstellung reduziert also nicht nur den Jahresverbrauch, sie verändert auch die Form der Last: Statt einer konzentrierten, tarifgesteuerten Aufladung in wenigen Nachtstunden entsteht eine niedrigere, über längere Zeit verteilte und grundsätzlich steuerbare Wärmepumpenlast. Genau darin liegt der infrastrukturelle Vorteil.

Was ließe sich mit 265 kW Reserve anfangen?

Eine Reserve von 265 kW ist für eine Residenz mit 50 Wohnungen erheblich. Das bedeutet nicht, dass jede Wohnung jederzeit zusätzlich 11 oder 22 kW für ein Elektroauto beziehen könnte; eine solche Auslegung wäre weder notwendig noch wirtschaftlich sinnvoll. Elektroautos stehen in Wohnanlagen meist viele Stunden. Entscheidend ist deshalb nicht die maximale Leistung jeder einzelnen Wallbox, sondern die insgesamt verfügbare Energie bis zur nächsten Abfahrt.

Ein dynamisches Lastmanagement erfasst fortlaufend den aktuellen Haushaltsverbrauch, den Betrieb der Wärmepumpen, die Last der Gemeinschaftsanlagen, die verfügbare Anschlussleistung, die Zahl der angeschlossenen Fahrzeuge und die gewünschten Abfahrtszeiten und verteilt die Ladeleistung automatisch auf die Fahrzeuge.

Stehen nachts im Durchschnitt 150 kW für 50 angeschlossene Fahrzeuge zur Verfügung, entspricht das im Mittel 3 kW pro Fahrzeug. Über zehn Stunden können damit insgesamt 1.500 kWh geladen werden, im Durchschnitt also 30 kWh pro Fahrzeug. Je nach Modell entspricht das ungefähr 150 bis 200 Kilometern zusätzlicher Reichweite und damit deutlich mehr, als der typische tägliche Fahrbedarf erfordert.

Ein Punkt speziell für Küstenresidenzen: Das gleichmäßige Nachtladeprofil unterstellt eine Wohnbevölkerung mit täglichen Pendelfahrten. In Ferienresidenzen sieht die Realität anders aus. Fahrzeuge kommen gebündelt an Freitagabenden und Ferienbeginnen an, oft mit leergefahrener Batterie, und viele Eigentümer möchten am Anreiseabend laden. Die Ladelast von Ferienapartments ist also zeitlich korrelierter als die eines gewöhnlichen Wohngebäudes und ähnelt damit ein wenig der alten Nachtspeicherlast. Ein Lastmanagement muss mit solchen Anreisespitzen umgehen können, etwa durch Priorisierung nach geplanter Abfahrtszeit.

Voraussetzung für all das ist allerdings, dass es überhaupt Stellplätze gibt, an denen die Fahrzeuge über Stunden angeschlossen werden können. Genau daran hakt es bei vielen Residenzen jener Zeit, dazu gleich mehr.

Die zentrale These

Aus der historischen Entwicklung und der Beispielrechnung ergibt sich die zentrale Aussage dieses Artikels: Viele Küstenresidenzen aus den 1970er- und 1980er-Jahren verfügen bereits heute über ungewöhnlich leistungsfähige elektrische Anschlüsse, weil sie für die hohe Nachtlast elektrischer Speicherheizungen geplant wurden. Werden diese Heizungen durch Wärmepumpen ersetzt, sinkt die elektrische Heizleistung deutlich, und ein Teil der frei werdenden Kapazität kann für Elektromobilität, Warmwasserbereitung und andere Formen der Elektrifizierung genutzt werden.

Das heißt ausdrücklich nicht, dass jede Küstenresidenz ohne Umbau 50 Elektroautos laden kann. Es heißt vielmehr: Bevor bei älteren, elektrisch beheizten Residenzen ein teurer Ausbau des Anschlusses verlangt oder die Elektrifizierung grundsätzlich ausgeschlossen wird, sollte zunächst geprüft werden, welche elektrische Infrastruktur aus der Zeit der Nachtspeicherheizungen tatsächlich vorhanden ist. Die Daten dafür existieren: in den Anschlussunterlagen der Netzbetreiber, in den Bauakten der Gebäude und in den Lastprofilen der digitalen Zähler. Sie müssen nur zusammengeführt und ausgewertet werden.

Physische Infrastruktur ist nicht dasselbe wie freie Netzkapazität

Eine ursprünglich starke Leitung bedeutet nicht automatisch, dass die gesamte damalige Kapazität heute noch ungenutzt zur Verfügung steht. Netzbetreiber planen Verteilnetze als zusammenhängendes System. Wenn die Nachtlast eines Gebäudes im Laufe der Jahrzehnte sank, konnte die frei werdende Kapazität faktisch für andere Verbraucher genutzt werden: für zusätzliche Nachbargebäude, neue Gewerbebetriebe, spätere Verdichtung, elektrische Warmwasserbereitung, Klimaanlagen oder öffentliche Ladeinfrastruktur.

Diese Konkurrenz um Kapazität ist keine theoretische Möglichkeit, sondern ein laufender Prozess. In den vergangenen Jahren haben mehrere Entwicklungen gleichzeitig auf die Verteilnetze zugegriffen: Photovoltaikanlagen erzeugen an sonnigen Tagen Einspeisespitzen, für die Leitungen und Transformatoren ebenfalls Kapazität vorhalten müssen; öffentliche und halböffentliche Ladeinfrastruktur ist gerade in Küstenorten mit hohem Besucheraufkommen gewachsen; und die zunehmende Verbreitung von Klimageräten erzeugt an der Küste sommerliche Lastspitzen, die es zur Bauzeit der Residenzen praktisch nicht gab. Die alte Nachtreserve konkurriert also mit einer sehr realen neuen Nachfrage, die möglicherweise bereits Teile davon beansprucht hat. Ob und wie viel übrig ist, lässt sich aus den aktuellen Netzdaten ablesen, nicht aus historischen Plänen.

Historisch vorhandene Kupferquerschnitte und heute tatsächlich verfügbare Netzkapazität sind deshalb nicht dasselbe. Auch ein stark dimensionierter Gebäudeanschluss kann an einer Trafostation hängen, die inzwischen stärker ausgelastet ist als zur Bauzeit. Die Prüfung muss daher auf mehreren Ebenen erfolgen: vom Wohnungsanschluss über Zähleranlage, Steigleitung und Gebäudezuführung bis zur öffentlichen Niederspannungsleitung, zum Transformator und zum Mittelspannungsnetz. Eine Reserve auf einer Ebene beseitigt nicht automatisch einen Engpass auf einer anderen.

Wo die Daten liegen

Die erste Quelle liegt beim Netzbetreiber. Fluvius verfügt über technische Daten zu Anschlüssen, Leitungen, Transformatoren und Netzstationen. Eine anonymisierte und aggregierte Auswertung für Küstenresidenzen kann zeigen, welche Anschlussleistungen je nach Baujahr typisch sind, wie sich elektrisch und nicht elektrisch beheizte Gebäude unterscheiden, wie hoch die heutige Auslastung ist und wo Reserven oder Engpässe bestehen.

Eine zweite Quelle sind die Lastprofile digitaler Zähler. Sie ermöglichen die Auswertung von Viertelstundenleistungen. Mit Zustimmung der Betroffenen oder in anonymisierter und aggregierter Form lassen sich reale Lastprofile historisch elektrisch beheizter Gebäude untersuchen: Wie hoch waren frühere nächtliche Heizspitzen, wie hoch ist die heutige Gebäudelast, welche Last entsteht nach dem Einbau von Wärmepumpen, und wie viel Leistung bleibt für Ladeinfrastruktur übrig? Bei Ferienresidenzen spiegeln gemessene Lastprofile allerdings die Belegungsstruktur wider: Niedrige Winterlasten können ebenso auf Leerstand wie auf geringe Heizlast hindeuten. Aussagekräftig sind deshalb vor allem die Spitzen in voll belegten Perioden wie den Weihnachtsferien, Karneval oder verlängerten Winterwochenenden, nicht die Jahresmittelwerte.

Drittens geben historische Bauakten und As-built-Pläne Aufschluss, etwa über Leitungsquerschnitte, Zählerschränke, Sicherungsgrößen, Steigleitungen, die ursprüngliche Heizleistung, Trafostationen und getrennte Nachtstromkreise. In vielen Gebäuden dürften diese Unterlagen allerdings unvollständig oder schwer zugänglich sein.

Am Ende ersetzt ohnehin kein Archiv eine technische Prüfung des konkreten Gebäudes: Sichtprüfung, Isolationsmessung, Belastbarkeit der Leitungen, Zustand der Zähleranlage, Brandschutz, thermische Belastung, Messung realer Leistungsspitzen und die Prüfung der Netzkapazität durch den Betreiber.

Praktische Grenzen

Selbst dort, wo die Reserve vorhanden ist, lässt sich die alte Infrastruktur nicht immer ohne Weiteres nutzen.

Da ist zunächst das Alter der Installation. Viele Anlagen sind 40 oder 50 Jahre alt und entsprechen möglicherweise nicht mehr den heutigen Anforderungen des AREI beziehungsweise RGIE. Probleme können bei Kabelisolierungen, Sicherungen, Zählerschränken, Schutzleitern, Fehlerstromschutz, Verteilern und Klemmstellen auftreten. Eine rechnerisch vorhandene Leistungsreserve ist nicht automatisch eine sicher nutzbare Reserve.

Hinzu kommen die getrennten Nachtstromkreise. Historische Exklusiv-Nachtanschlüsse waren häufig vom normalen Haushaltsstrom getrennt, und die dazugehörigen Stromkreise durften nur fest angeschlossene Heizungen oder Warmwasserspeicher versorgen. Eine Nutzung für Wärmepumpen oder Fahrzeugladung kann deshalb eine technische und vertragliche Neuordnung erfordern. Es reicht nicht immer, den Speicherofen zu entfernen und an derselben Stelle eine Steckdose zu montieren.

Auch der Brandschutz setzt Grenzen. Alte Steigleitungsschächte entsprechen möglicherweise nicht den heutigen Anforderungen, und neue Leitungen für Ladepunkte oder Wärmepumpen können zusätzliche Maßnahmen erforderlich machen, von Brandabschottungen über neue Kabeltrassen und Brandschutzkanäle bis zur Anpassung gemeinschaftlicher Technikräume.

Eine oft übersehene Grenze ist der Parkraum. Die Residenzen der 1960er- bis 1980er-Jahre wurden für eine Zeit gebaut, in der längst nicht jeder Haushalt ein Auto zum Apartment mitbrachte. Viele Gebäude besitzen deshalb gar keine oder nur eine kleine Tiefgarage. Die Autos stehen in öffentlichen Straßen, auf angemieteten Stellplätzen oder in separaten Garagenkomplexen, die oft einige Straßen landeinwärts liegen und elektrisch nichts mit der Residenz zu tun haben. Die Reserve des Gebäudeanschlusses nützt aber nur dort etwas, wo ein Fahrzeug tatsächlich über Stunden angeschlossen werden kann. Fehlt die Tiefgarage oder bietet sie nur wenige Stellplätze, lässt sich die Reserve nicht direkt für privates Laden nutzen. Denkbar bleibt dann die Versorgung öffentlicher Ladepunkte im Umfeld des Gebäudes, was jedoch Vereinbarungen mit dem Netzbetreiber und der Gemeinde voraussetzt. Ausgerechnet die Gebäude mit dem stärksten elektrischen Erbe gehören damit häufig zu denen mit den schlechtesten Lademöglichkeiten.

Eine weitere Hürde ist die Eigentumsstruktur. Belgische Apartmentresidenzen werden üblicherweise durch eine Vereinigung der Miteigentümer verwaltet, und Steigleitungen, Zählerräume, Hausanschlüsse und Gemeinschaftsflächen gehören in der Regel zum gemeinschaftlichen Eigentum. Ein einzelner Wohnungseigentümer kann nicht allein über die vermeintlich freie Anschlussleistung verfügen. Für gemeinschaftliche Ladeinfrastruktur oder Änderungen an der elektrischen Versorgung sind Beschlüsse der Eigentümergemeinschaft erforderlich.

Und schließlich das vorgelagerte Netz: Selbst wenn das Gebäude intern stark ausgelegt ist, kann das öffentliche Netz einen Engpass darstellen. Umgekehrt kann das öffentliche Netz ausreichend Kapazität besitzen, während im Gebäude alte Zählerschränke oder zu schwache Steigleitungen die Nutzung verhindern. Jede Residenz benötigt deshalb eine individuelle technische Bewertung.

Ein mögliches Forschungsprojekt

Der Gebäudebestand ließe sich mit relativ überschaubarem Aufwand erstmals systematisch erfassen. Schon eine Stichprobe von zehn bis zwanzig Residenzen liefert wertvolle Ergebnisse. Pro Gebäude würden Baujahr, Zahl und Größe der Wohnungen, das ursprüngliche und das heutige Heizsystem, die ursprüngliche Ladeleistung der Speicherheizungen, Anschlussleistung, Sicherungsgrößen und Leitungsquerschnitte, die zugehörige Trafostation, gemessene Viertelstundenleistungen, differenziert nach Belegungsperioden, sowie die Zahl vorhandener Stellplätze, Tiefgaragenplätze und Ladepunkte und die geplante weitere Elektrifizierung erhoben.

Die Gebäude lassen sich in drei Gruppen einteilen: solche, in denen die Speicherheizungen weitgehend noch vorhanden sind, solche, die teilweise auf andere Heizsysteme umgestellt wurden, und solche, in denen die Speicherheizungen vollständig entfernt sind. Anschließend lässt sich vergleichen, wie sich Jahresverbrauch, Leistungsspitzen und verfügbare Anschlusskapazität verändert haben. Das Ergebnis wäre für Netzbetreiber, Wohnungseigentümer, Kommunen und Energieplaner gleichermaßen interessant.

Die energiepolitische Pointe

Energiepolitische Entscheidungen hinterlassen selten nur Gesetze, Tarife und Förderprogramme. Sie hinterlassen Beton, Kupfer, Schächte, Transformatoren und Leitungen. Ihr ursprünglicher Zweck kann verschwinden, während die Infrastruktur selbst bestehen bleibt.

Die belgische Nachtspeicherheizung war eine Antwort auf ein sehr spezifisches Stromsystem. Sie sollte Stromverbrauch in die Nacht verschieben und den nächtlichen Überschuss eines zunehmend von Kernenergie geprägten Kraftwerksparks aufnehmen. Aus heutiger Sicht ist diese Technik überholt: Sie benötigt für dieselbe Wärmemenge ein Mehrfaches des Stroms einer modernen Wärmepumpe, erzeugt hohe, zeitlich konzentrierte Lasten und lässt sich nur begrenzt an den tatsächlichen Wärmebedarf anpassen.

Ihre wichtigste Hinterlassenschaft liegt aber nicht im Heizgerät und nicht in den Betonsteinen, die heute aus den Wohnungen verschwinden. Sie liegt in den Kabeln, Steigleitungen, Zähleranlagen und Transformatoren, die einst für diese Geräte gebaut wurden. Eine technisch überholte Form der elektrischen Heizung hat damit unbeabsichtigt einen lokalen Startvorteil für die nächste Elektrifizierungswelle hinterlassen: Hausanschlüsse und Verteiler, die damals für die Nacht dimensioniert wurden und heute zum Ausgangspunkt der Elektrifizierung des 21. Jahrhunderts werden können.