excerpt: Das Hotel Astoria in De Haan ist ein Juwel der Belle Époque. Gerade weil es seinen historischen Charakter bewahrt hat, zeigt es ein Problem, das Millionen Gebäude in Europa teilen: Sie wurden für eine Welt gebaut, die es so nicht mehr gibt.
Die Klimaanlage, die nie kommen wird
Das Hotel Astoria in De Haan ist ein wunderbares Stück Belle Époque. Hohe Decken, breite Gänge, verspielte Treppenhäuser, elegante Fassaden und über hundert Jahre Geschichte. Ein Gebäude, das aus einer Zeit stammt, in der Sommer etwas völlig anderes bedeuteten als heute.
Dabei erzählt das Hotel selbst ein Stück belgischer Küstengeschichte. Es entstand zwischen 1927 und 1928 nach den Plänen des Blankenberger Architekten Leon Ide auf dem Gelände des ehemaligen Casinos von De Haan. Errichtet wurde es von P. Beirens. Über Jahrzehnte führte Emma Jacques gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter Anne-Marie das Haus und machte es zu einer festen Größe des Badeortes.
Dass das Hotel heute noch nahezu unverändert existiert, ist keineswegs selbstverständlich. De Haan verdankt sein außergewöhnlich geschlossenes Ortsbild der sogenannten Concessie. Dieses Gebiet unterlag von 1889 bis 1979 einem Erbpachtsystem mit strengen Bauvorschriften. Als in den 1960er- und 1970er-Jahren weite Teile der belgischen Küste durch Hochhäuser und Apartmentkomplexe zerstört wurden, blieb De Haan von dieser Bauwelle weitgehend verschont. Die historische Bebauung blieb erhalten und steht bis heute unter besonderem Schutz.
Auch das Hotel Astoria wurde mit großem Respekt vor seiner Geschichte renoviert. Von außen präsentiert es sich noch immer fast so wie vor knapp hundert Jahren. Selbst die Einfriedung an der Straßenseite erinnert noch an das ehemalige Casino. Im Inneren finden sich zahlreiche originale Elemente, darunter kunstvolle Glasfenster und viele weitere Details, die den Charakter der Belle Époque bis heute lebendig halten.
Gerade deshalb wirkt ein Aufenthalt im Astoria wie eine kleine Zeitreise. Man wohnt nicht einfach in einem Hotel. Man verbringt einige Tage in einem Gebäude, das nahezu unverändert aus einer anderen Epoche in unsere Gegenwart hinübergerettet wurde.
Und doch fällt etwas auf, das heute in den meisten Hotels selbstverständlich ist. Das Astoria besitzt keine Klimaanlage. Nicht, weil die Betreiber am Komfort ihrer Gäste sparen möchten. Eine moderne Klimaanlage benötigt Leitungswege, elektrische Anschlüsse und Möglichkeiten, die entzogene Wärme wieder an die Umgebung abzugeben. Wärme wird dabei nicht beseitigt, sondern lediglich aus den Zimmern nach außen transportiert. Genau diese Eingriffe berühren in einem denkmalgeschützten Gebäude schnell Fassaden, Dächer und historische Innenräume, also jene Substanz, die eigentlich erhalten werden soll.
Ausgerechnet die Eigenschaften, die das Hotel so besonders machen, erschweren heute seine Anpassung an ein wärmeres Klima. Die Concessie hat De Haan vor den Bausünden der Vergangenheit bewahrt. Heute stellt sie den Ort vor die Herausforderungen der Zukunft.
Der Klimawandel ist auch an den Hotels der belgischen Küste nicht spurlos vorbeigegangen. Zwar sorgt die Nordsee noch immer für ein vergleichsweise mildes Klima, doch auch hier werden die Sommer spürbar wärmer. In Belgien hat sich die Zahl der Sommertage mit Temperaturen von mindestens 25 Grad seit den 1970er Jahren nahezu verdoppelt. Gleichzeitig treten Hitzewellen häufiger auf, dauern länger und erreichen höhere Temperaturen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Damit verändern sich die klimatischen Bedingungen, für die Gebäude wie das Astoria einst entworfen wurden.
Wenn wir über den Klimawandel sprechen, denken viele zuerst an neue Technologien. Solaranlagen, Windparks, Wärmepumpen oder Elektroautos. Sehr viel seltener sprechen wir über den riesigen Bestand an Gebäuden, Straßen, Brücken und Stromnetzen, die für ein anderes Klima geplant wurden.
Europa besteht zu einem großen Teil aus Infrastruktur, die im 19. und 20. Jahrhundert entstand. Sie wurde für gemäßigte Sommer, andere Niederschlagsmuster und eine deutlich geringere Zahl extremer Hitzetage entworfen. Niemand plante Hotels, Schulen, Krankenhäuser oder Wohnhäuser für wochenlange Temperaturen von über 35 Grad.
Deshalb lässt sich das Problem nicht einfach lösen, indem man überall Klimaanlagen montiert. In vielen historischen Gebäuden fehlt der Platz für Leitungen und technische Anlagen. Tragende Wände dürfen nicht verändert werden. Fassaden stehen unter Denkmalschutz. Häufig reicht auch die elektrische Infrastruktur nicht aus, um den zusätzlichen Leistungsbedarf aufzunehmen.
Dabei waren viele dieser Gebäude keineswegs schlecht an das Klima ihrer Zeit angepasst. Hohe Räume, massive Außenwände, große Fenster, Fensterläden und natürliche Lüftung waren intelligente Lösungen, um auch warme Sommertage erträglich zu machen. Für ein Hotel ist jedoch nicht der einzelne heiße Nachmittag das eigentliche Problem. Entscheidend sind mehrere warme Tage und Nächte hintereinander. Dann geben Mauern und Decken die gespeicherte Wärme nicht mehr ausreichend ab, die Zimmer kühlen kaum noch aus und der Komfort sinkt von Tag zu Tag.
Hinzu kommt ein wirtschaftliches Dilemma. Der Betreiber trägt die Kosten einer aufwendigen Nachrüstung. Vom Erhalt der historischen Bausubstanz profitiert dagegen der gesamte Ort, dessen Charakter jedes Jahr Tausende Besucher anzieht. Privater Aufwand und öffentlicher Nutzen fallen hier nicht zwangsläufig zusammen.
Klimaanpassung betrifft deshalb weit mehr als einzelne Gebäude. Selbst wenn sich jedes historische Hotel nachrüsten ließe, entstünde ein neues Problem. Tausende zusätzliche Klimaanlagen erhöhen an heißen Tagen gleichzeitig den Strombedarf. Was für ein einzelnes Gebäude unbedeutend erscheint, wird auf Ebene einer Stadt oder Region schnell zu einer neuen Spitzenlast. Stromnetze, Transformatoren und Erzeugungskapazitäten müssen darauf ausgelegt werden, obwohl diese Lasten oft nur an wenigen Tagen im Jahr auftreten.
Gleichzeitig gerät auch das Energiesystem unter Druck. Flüsse führen weniger Wasser und erwärmen sich. Thermische Kraftwerke stoßen an ökologische Kühlgrenzen. Während der Bedarf an Kühlung steigt, wird ihre Bereitstellung schwieriger. Das Problem reicht deshalb weit über die Frage hinaus, ob ein einzelnes Hotel klimatisiert ist.
Das Hotel Astoria steht stellvertretend für Millionen Gebäude in Europa.
Sie wurden für eine Welt entworfen, die es so nicht mehr gibt.
Die kommenden Jahrzehnte werden deshalb nicht nur von neuen Technologien geprägt sein. Ebenso wichtig wird die Frage sein, wie sich ein riesiger Bestand an Gebäuden und Infrastrukturen an ein Klima anpassen lässt, für das er nie geplant wurde.
Vielleicht ist gerade die fehlende Klimaanlage im Hotel Astoria die eindrucksvollste Erinnerung daran.
PS: Dieser Artikel ist ausdrücklich keine Kritik am Hotel Astoria. Im Gegenteil. Meine Frau und ich haben unseren Aufenthalt dort sehr genossen. Das historische Ambiente, die außergewöhnliche Lage, die spürbare Liebe zum Detail und die gelungene Verbindung von Geschichte und Gastfreundschaft machen das Haus zu etwas Besonderem. Dazu kommt ein herzliches, aufmerksames Team, das den Aufenthalt angenehm und unkompliziert gestaltet. Wer die belgische Küste besucht und den Charme der Belle Époque erleben möchte, dem können wir das Hotel Astoria uneingeschränkt empfehlen. Gerade weil das Haus seinen historischen Charakter bewahrt hat, erzählt es eine Geschichte, die weit über einen gewöhnlichen Hotelaufenthalt hinausgeht.