excerpt: Ein Preisdeckel, der um 41 Prozent steigt, ohne dass jemand die zugrunde liegenden Kosten offenlegt, ist kein technisches Detail, sondern eine politische Entscheidung mit Adresse. Die Energiewirtschaft behauptet, 173.000 Euro reichten nicht. Belegt wird das nicht, verhandelt wird trotzdem. Am Ende trägt nicht der Investor das Risiko der Unsicherheit, sondern wer die Stromrechnung bezahlt.
Investitionssicherheit für wenige, höhere Stromrechnungen für alle
Die Koalition aus Union und SPD hebt den Preisdeckel für neue Gaskraftwerke in den Ausschreibungen von 173.000 auf 244.000 Euro je Megawatt reduzierter Leistung an. Das ist eine Erhöhung um rund 41 Prozent. Diese Zahl entscheidet darüber, wie viel ein Investor für bereitgestellte Kraftwerksleistung maximal erhalten kann. Sie legt damit die Obergrenze für das fest, was am Ende über die Umlage auf die Stromrechnung wandert.
Die öffentliche Debatte dreht sich vor allem um die Frage, ob der neue Preisdeckel „zu teuer“ ist. Wichtiger ist aber eine andere Frage: Warum lag der Deckel zuerst bei 173.000 Euro und warum soll er jetzt plötzlich bei 244.000 Euro liegen?
Der erste Wert war eine politische Annahme darüber, was neue Gaskraftwerke kosten dürfen, damit sie sich noch bauen lassen. Die Energiewirtschaft sagte daraufhin öffentlich: Zu diesem Preis macht das niemand. Es würden sich keine Investoren finden.
Was bisher fehlt, ist eine öffentlich nachvollziehbare Prüfung dieser Behauptung. Wurden die tatsächlichen Baukosten offengelegt? Wurden Finanzierungskosten und Renditeerwartungen überprüft? Wurde sauber begründet, warum 173.000 Euro nicht reichen, 244.000 Euro aber nötig sein sollen?
Genau das bleibt unklar. Sichtbar ist nur das Ergebnis: Die Koalition hat den Deckel deutlich nach oben gesetzt und sich damit der Erwartung der Anbieterseite angenähert.
Der Anreiz liegt darin, dass ein höherer Deckel das Risiko für Investoren senkt, ohne dass sich an den tatsächlichen Baukosten etwas geändert haben muss. Wer ein Gaskraftwerk plant, kalkuliert mit dem neuen Höchstwert als Referenzpunkt für die eigene Wirtschaftlichkeitsrechnung. Das bedeutet nicht, dass jedes Projekt genau bei 244.000 Euro landet. Es bedeutet aber, dass die Verhandlungsposition der Anbieter in der Ausschreibung besser wird. Wer Kapazität baut, gewinnt Preisspielraum. Wer die Stromrechnung zahlt, gewinnt nichts. Dieser zusätzliche Spielraum wird über die Umlage refinanziert und kommt in der Abrechnung der Endkunden an, ohne dass diese an der Festlegung des Deckels beteiligt waren.
Parallel wurde das Langzeitkriterium gelockert, also jene Vorgabe, die eine ununterbrochene Stromlieferung über zehn Stunden verlangt. Diese Änderung wird in der Berichterstattung meist als technisches Detail behandelt, ist aber der zweite Hebel, der die Bedingungen für Investoren verändert. Das Kriterium sollte sicherstellen, dass die geförderten Kraftwerke tatsächlich die Funktion übernehmen, für die sie gebaut werden: die Überbrückung längerer Erzeugungslücken bei Wind und Sonne. Eine Lockerung senkt die technische Hürde für die Zulassung zur Ausschreibung und erleichtert damit den Bau von Anlagen, die kürzere Einsätze abdecken.
Damit verschiebt sich auch der Charakter der Förderung. Aus einer Absicherung für längere Dunkelflauten kann eine allgemeinere Kapazitätsförderung für neue fossile Anlagen werden. Das erhöht die Zahl der Bewerber, verändert aber auch, welche Art von Kraftwerk am Ende gefördert wird. Genau diese Verschiebung wird politisch kaum ausgesprochen.
Dabei wäre gerade hier die eigentliche Systemfrage zu stellen. Wenn es um kurze und mittlere Erzeugungslücken geht, sind neue Gaskraftwerke nicht automatisch die naheliegende Antwort. Batteriespeicher, Langzeitspeicher, flexible Lasten, intelligente Netze und gezielte Reservekonzepte können viele dieser Aufgaben ebenfalls übernehmen. Sie tun es ohne neue fossile Brennstoffabhängigkeit, ohne zusätzliche CO₂-Emissionen im Betrieb und ohne die bequeme Erzählung, dass neue Gaskraftwerke später schon irgendwie klimaneutral werden.
Die Koalition entscheidet sich dennoch dafür, die Bedingungen für fossile Kapazität attraktiver zu machen. Nicht indem sie zuerst die Alternativen systematisch gegeneinander stellt, sondern indem sie den Preisrahmen für Gaskraftwerke erhöht und technische Anforderungen lockert. Das ist keine neutrale Versorgungssicherheitsmaßnahme. Es ist eine industriepolitische Weichenstellung.
Die Zuständigkeit für die Ausschreibungsbedingungen liegt bei der Bundesregierung und den Koalitionsfraktionen. Die Refinanzierung landet dagegen bei den Stromkunden. Zwischen beiden Ebenen entsteht ein zeitlicher Versatz: Der Beschluss über den Deckel fällt jetzt, die Kraftwerke werden über Jahre gebaut, die Kostenwirkung auf der Stromrechnung zeigt sich erst, wenn die Anlagen ans Netz gehen und die Umlage entsprechend kalkuliert wird. Wer heute über die Bedingungen entscheidet, trägt die Kosten nicht selbst. Wer die Kosten später trägt, hatte auf die Bedingungen keinen Einfluss.
Der BDEW begrüßt die Anhebung, weil sie aus Sicht der Branche die Wirtschaftlichkeit der Investitionen sichert. Diese Einschätzung ist konsistent mit der eigenen Interessenlage. Sie sagt aber nichts darüber, ob der ursprüngliche Deckel tatsächlich unrealistisch war oder ob er lediglich unterhalb dessen lag, was die Branche für attraktiv hält. Die Kritik der Grünen, die Kosten würden „explodieren“, benennt die Richtung der Bewegung, aber nicht den Mechanismus dahinter: Der Deckel ist kein Preis, der am Markt entsteht, sondern eine politisch gesetzte Obergrenze. Sie wurde in einem Verhandlungsprozess zwischen Regierung und Anbieterseite verschoben, ohne dass die Zahlenbasis dieser Verschiebung öffentlich nachvollziehbar gemacht wurde.
Die Entscheidung verschiebt das Risiko der Unterfinanzierung von den Investoren auf die Stromkunden. Statt die Kostenstruktur der Projekte offenzulegen und Alternativen ernsthaft gegenzurechnen, wird die Vergütungsobergrenze erhöht. Wer die Ausschreibungsbedingungen formuliert, bestimmt, wie viel Sicherheit die eine Seite bekommt und wie viel Unsicherheit die andere Seite trägt.
Genau darin liegt der politische Kern der Entscheidung. Es geht nicht nur um neue Gaskraftwerke. Es geht darum, welche Infrastruktur jetzt privilegiert wird. Jeder Euro, der als Investitionssicherheit in fossile Reservekapazität fließt, fehlt bei Speichern, Flexibilität und Netzen. Die Koalition nennt das Versorgungssicherheit. Tatsächlich ist es eine neue fossile Hintertür, bezahlt über die Stromrechnung.