excerpt: Ein Tankrabatt spendet keinen Schatten, kühlt kein Klassenzimmer und macht keine überhitzte Wohnung bewohnbarer. Er verschiebt öffentliches Geld an die Zapfsäule, damit fossiles Fahren kurz billiger wird. Wer Milliarden ausgibt, sollte damit nicht Abwärme subventionieren, sondern Schutz schaffen: kühle Räume, bessere Schulhöfe, entsiegelte Plätze und weniger fossile Abhängigkeit.
1,6 Milliarden Euro für die Erzeugung warmer Luft
Da ich beruflich auf Mauritius war, wo dank Winteranfang auf der Südhalbkugel gemütliche 20 bis 24 Grad herrschten, hatte ich die momentane Hitzewelle in Europa zunächst nur aus den Schilderungen meiner Familie und aus den Medien mitbekommen.
Bis ich gestern nach dem üblichen Chaos meines Umstiegsflughafens London-Gatwick und einer Eurowings-typischen Einschlaglandung in Köln-Bonn wieder deutschen Boden unter den Füßen hatte.
Mein Wagen zeigte 36 Grad an. Zwischen Gremberghoven und der Rheinbrücke kletterte die Anzeige auf 39,5 Grad. Auf der Fahrt zurück nach Belgien sah ich am Rand der Autobahn mehr als einen gestrandeten Verbrenner mit offener Motorhaube, der seine eigene Abwärme offenbar nicht mehr loswurde.
In Eynatten waren es später immer noch 35 Grad. Das Haus war nur dank der auf Volllast laufenden Klimaanlagen erträglich. Ohne sie wäre es kein Zuhause gewesen, in das man nach einer langen Reise erleichtert zurückkehrt, sondern ein aufgeheizter Baukörper, der die Hitze des Tages gespeichert hatte.
Diese Rückkehr war ein ziemlich direkter Realitätscheck. Auf Mauritius war Winter. In Europa war Hitzestress.
Und da musste ich wieder an den Tankrabatt der deutschen Regierung denken: 1,6 Milliarden Euro, damit fossiles Fahren für zwei Monate billiger wurde. Viel öffentliches Geld, damit Verbrenner weiter Kraftstoff kaufen konnten, der am Ende zu einem erheblichen Teil in Abwärme, Abgase und Asphaltrealität übersetzt wird. Nicht in Schatten, nicht in Trinkbrunnen, nicht in kühlere Schulhöfe, nicht in öffentlich zugängliche kühle Räume.
Genau dieser Kontrast ist der eigentliche Skandal.
Der Tankrabatt war als kurzfristige Antwort auf die Preissteigerungen infolge der Hormus-Krise gedacht. Er setzte dort an, wo der Preisschock für viele Menschen am sichtbarsten wurde: an der Zapfsäule. Für Autofahrer sank der Literpreis um einige Cent, solange die Entlastung galt. Nach Ablauf der Frist endete die Maßnahme wieder. Zurück blieb keine geringere Abhängigkeit vom Ölpreis, kein geringerer Verbrauch, keine bessere Stadt und kein zusätzlicher Schutz vor der nächsten Hitzewelle.
Der Tankrabatt senkte für kurze Zeit einen Preis. Klimaanpassung senkt ein Risiko.
Als kurzfristige Entlastung klang das plausibel. Aber die eigentliche Frage ist, wer bezahlt und wer profitiert. Der niedrigere Preis erschien beim Kauf von Benzin oder Diesel. Die Ausgabe entstand im Bundeshaushalt. Bezahlt wurde sie aus allgemeinen Mitteln. Davon profitierten vor allem Haushalte und Unternehmen, die viel fuhren oder fahren mussten. Menschen ohne Auto, Bewohner heißer Wohnungen, ältere Personen in dicht bebauten Quartieren oder Kinder auf unverschatteten Schulhöfen erhielten aus dieser Ausgabe keinen direkten Schutz.
Wer in einer überhitzten Dachgeschosswohnung lebt, profitiert wenig von einem billigeren Tankvorgang. Wer in einer versiegelten Straße ohne Schatten wartet, braucht keinen Preisnachlass auf Kraftstoff, sondern einen kühleren Ort. Wer auf einem Schulhof steht, der sich in der Mittagshitze aufheizt, braucht keinen subventionierten Liter Diesel, sondern Schatten, Wasser und Aufenthaltsqualität.
Das ist für mich nicht abstrakt. Meine Frau ist Lehrerin in Deutschland. Die Hitzewelle hat dort nicht nur ein bisschen den Alltag erschwert, sondern massiv in den Unterrichtsbetrieb eingegriffen. Kurzstunden, Hitzefrei, abgesagte Schulausflüge, verschobene Abläufe, unruhige Klassen und Räume, in denen konzentriertes Arbeiten kaum noch möglich ist. So sieht Klimafolgenanpassung aus, wenn sie fehlt: Der Betrieb läuft nicht stabil weiter, sondern wird improvisiert.
Gerade an Schulen wäre öffentliches Geld sinnvoll angelegt gewesen. Verschattung, Begrünung, bessere Belüftung, Trinkwasserstellen, kühlere Aufenthaltsbereiche und Schulhöfe, die nicht als Wärmespeicher funktionieren, sind keine Luxusausgaben. Sie entscheiden darüber, ob Unterricht an heißen Tagen überhaupt noch verlässlich stattfinden kann. Dass Hitzewellen häufiger, länger und massiver auftreten, ist schließlich kein überraschendes Einzelereignis mehr. Es ist eine absehbare Belastung, auf die öffentliche Infrastruktur vorbereitet werden muss.
Politisch sendete der Tankrabatt ein einfaches Signal: Wenn fossile Energie teurer wird, macht der Staat sie vorübergehend wieder billiger. Das milderte akuten Kostendruck, schwächte aber zugleich das Preissignal, das aus Knappheit, Risiko und Importabhängigkeit entstand. Die Hormus-Krise wirkte über Transportwege, Risikoaufschläge und Erwartungen an den Rohölmärkten. Der Tankrabatt behandelte den Endpreis, nicht die Verwundbarkeit dahinter. Er kaufte Zeit für Verbraucher, aber er baute keine Ausweichfähigkeit auf.
Hitze taucht in keiner einzelnen Rechnung auf. Sie verteilt sich auf Rettungsdienste, Krankenhäuser, Arbeitsausfälle, geringere Aufenthaltsqualität, beschädigte Infrastruktur, steigenden Kühlbedarf und Unterricht, der nicht mehr verlässlich stattfinden kann. Gerade deshalb ist sie politisch schlechter sichtbar als der Preis an der Zapfsäule.
Klimaanpassung ist komplizierter als ein Tankrabatt. Der Bund kann Geld bereitstellen und Programme auflegen. Die Umsetzung liegt häufig bei Kommunen, Gebäudeeigentümern, Schulträgern, Verkehrsbetrieben, Kirchen, Museen, Bibliotheken und privaten Betreibern. Ein Baum braucht einen Standort, Leitungspläne, Pflege, Wasser und Jahre bis zur vollen Wirkung. Ein entsiegelter Platz braucht Planung, Vergabe, Bauzeit und Unterhalt. Ein öffentlicher kühler Raum braucht Öffnungszeiten, Personal, Zugänglichkeit, Beschilderung und eine Einbindung in Hitzewarnsysteme.
Das ist mühsamer als ein Rabatt an der Zapfsäule. Aber es ist der Teil, der bleibt. Klimaanpassung entsteht aus vielen konkreten Entscheidungen vor Ort: aus Bäumen, die tatsächlich gepflanzt und gepflegt werden, aus Schulhöfen, die nicht länger reine Asphaltflächen bleiben, aus Haltestellen, an denen Menschen nicht schutzlos in der Sonne stehen, aus Trinkbrunnen, die funktionieren, und aus öffentlichen Räumen, die bei Hitze ohne Konsumzwang genutzt werden können.
Frankreich arbeitet in mehreren Städten mit ausgewiesenen kühlen Orten. Paris nennt sie „îlots de fraîcheur“. Dazu gehören Parks, Gärten, Bibliotheken, Museen, Kirchen, Schwimmbäder und andere zugängliche Orte, die bei Hitze als Zuflucht dienen können. Der technische Teil besteht nicht nur aus Grünflächen oder Gebäuden mit dicken Mauern. Er besteht auch aus Karten, Informationen, Öffnungszeiten, Erreichbarkeit und der Frage, ob Menschen diese Orte ohne Konsumzwang nutzen können. Aus einem kühlen Gebäude wird erst dann Hitzeschutz, wenn es im Alltag auffindbar, offen und sozial zugänglich ist.
Mit 1,6 Milliarden Euro ließe sich keine vollständige Anpassung deutscher Städte finanzieren. Die Summe hätte aber gereicht, um an vielen Orten konkrete Maßnahmen auszulösen: zusätzliche Straßenbäume, entsiegelte Flächen, verschattete Schulhöfe, Trinkbrunnen, kühlere Haltestellen, Sonnenschutz an öffentlichen Gebäuden und Räume, die bei Hitzewellen gezielt geöffnet werden.
Nicht alles wirkt sofort. Aber vieles wirkt über Jahre. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Entlastung, die nach zwei Monaten verpufft, und einer Infrastruktur, die bei jeder weiteren Hitzelage wieder nutzbar ist.