excerpt: Unterwasser-Rechenzentren lösen nicht den Stromhunger der KI; sie verlagern ihn an einen Ort, an dem Kühlung, Fläche und Energie neu verteilt werden. Chinas Anlage vor Shanghai macht aus Microsofts Experiment eine industrielle Infrastrukturfrage – mit offenen Antworten zu Netzstabilität, Wartung und ökologischen Folgen.
China versenkt Rechenleistung im Meer
Microsoft hatte die Idee schon früher ausprobiert. Mit Project Natick versenkte das Unternehmen 2018 vor den Orkney-Inseln in Schottland ein abgedichtetes Rechenzentrumsmodul auf dem Meeresboden. Zwei Jahre später wurde es wieder geborgen und ausgewertet. Das Projekt sollte zeigen, ob sich Rechenzentren unter Wasser zuverlässig, energieeffizient und mit erneuerbarer Energie betreiben lassen. Microsoft sprach danach von einem erfolgreichen Experiment, stellte das Projekt später aber nicht als laufendes Geschäftsmodell fort. Es war ein Versuch, keine neue Standardarchitektur.
Vor Shanghai bekommt diese Idee nun eine andere Größenordnung. 2,3 Megawatt Leistung sind in der Lin-gang Special Area bereits in Betrieb. Die Anlage soll später auf 24 Megawatt ausgebaut werden und umfasst derzeit 192 Serverracks auf vier Ebenen. Gebaut wurde sie von einer Tochter von China Communications Construction. Nach Angaben staatlicher und regionaler Quellen ist sie Ende Mai eingeschaltet worden und wird überwiegend durch Offshore-Windstrom versorgt.
Dass diese Anlage gerade jetzt entsteht, passt zur Lage der Rechenzentrumsbranche. Rechenzentren wachsen nicht mehr nur, weil Menschen mehr Fotos speichern, mehr Videos streamen oder mehr Cloud-Dienste nutzen. Sie wachsen, weil künstliche Intelligenz enorme Mengen Rechenleistung benötigt. Training, Inferenz, Datenaufbereitung, Modellbetrieb und industrielle KI-Anwendungen verschieben den Strombedarf digitaler Infrastruktur nach oben. Es wirkt mittlerweile fast so, als gehe ohne immer mehr Rechenzentren nichts mehr. In diesem Fall: ohne immer mehr Meer.
In den Meldungen steht vor allem die einfache Geschichte: China verlegt Rechenleistung ins Meer, nutzt Offshore-Windstrom, spart Landfläche, braucht kein Süßwasser für die Kühlung und senkt den Energiebedarf. Diese Geschichte ist nicht falsch, aber sie ist unvollständig. Offen bleibt, wie die Anlage bei schwankendem Wind kontinuierlich versorgt wird, wer die Mehrkosten der maritimen Bauweise trägt, wie Hardware unter Wasser gewartet oder ausgetauscht wird und welche Folgen die dauerhafte Abwärme für das lokale Meeresmilieu hat.
Der technische Kern der Anlage liegt nicht darin, dass Server unter Wasser besser rechnen. Rechenzentren erzeugen Wärme, unabhängig davon, wo sie stehen. An Land wird diese Wärme häufig mit Kühlsystemen abgeführt, die Süßwasser nutzen oder auf zusätzliche Verdunstungs- und Klimatisierungstechnik angewiesen sind. Süßwasser ist für den Betrieb nicht zwingend erforderlich, aber es vereinfacht die Kühlung, weil es weniger Salze, Mineralien und biologische Verunreinigungen enthält. Diese Stoffe können Leitungen angreifen, Ablagerungen bilden und die Effizienz von Wärmetauschern verringern.
Das Unterwasser-Rechenzentrum verlagert diesen Kühlvorgang in eine andere Umgebung. Die Server bleiben in abgedichteten Modulen. Ein zirkulierendes Kupferrohrsystem nimmt Wärme auf und gibt sie über Wärmetauscher an das umgebende Meerwasser ab. Der Ozean wird damit zur Wärmesenke. Nach den veröffentlichten Angaben sinkt der Stromverbrauch um 22,8 Prozent, vor allem weil der Energieaufwand für die Kühlung niedriger ausfällt. Auch ein Power Usage Effectiveness-Wert von etwa 1,15 wird genannt. Solche Zahlen sind interessant, aber sie bleiben Betreiberangaben, solange nicht klar ist, ob es sich um Zielwerte, Momentaufnahmen oder belastbare Betriebswerte über längere Zeiträume handelt.
Ökonomisch zählt bei Rechenzentren eine einfache Rechnung: Jede Kilowattstunde, die nicht für Kühlung verbraucht wird, kann Kosten senken oder zusätzliche Rechenleistung ermöglichen. Der Anreiz liegt darin, den Anteil der Hilfsenergie zu verringern. Bei klassischen Anlagen entstehen dafür Kosten bei Wasserbezug, Klimatisierung, Pumpen, Rückkühlwerken und teilweise bei Genehmigungen. Bei der Unterwasseranlage verschwinden diese Kosten nicht. Sie tauchen an anderer Stelle wieder auf: in druckfesten Gehäusen, Korrosionsschutz, Spezialmontage, Seekabeln, Schiffslogistik, Versicherungen und Wartungsverfahren.
Auch die Flächeneinsparung wirkt nur dann eindeutig, wenn die Vergleichsfläche sauber abgegrenzt wird. An Land beansprucht ein Rechenzentrum Grundstücke, Zufahrten, Umspanntechnik, Kühlanlagen und Sicherheitsflächen. Unter Wasser sinkt der sichtbare Landbedarf laut Betreiberangaben um mehr als 90 Prozent. Dafür entstehen Nutzungsansprüche im Küstenraum. Der Meeresboden wird belegt, Kabeltrassen müssen geführt, Sperrzonen geprüft und maritime Genehmigungen eingeholt werden. Die Fläche verschwindet nicht aus der Planung, sie wechselt nur vom Grundstückskataster in die Meeresraumordnung.
Die Stromversorgung folgt einer ähnlichen Verschiebung. Offshore-Windparks sollen rund 95 Prozent des Energiebedarfs der Anlage decken. Das reduziert die Abhängigkeit von bestehender Strominfrastruktur, solange Erzeugung, Lastprofil und Zwischenspeicherung zusammenpassen. Rechenzentren benötigen jedoch kontinuierliche Versorgung. Server lassen sich nicht in dem Maß hoch- und herunterfahren, wie Windstrom schwankt, ohne die Dienstqualität zu verändern. Für den Betreiber bedeutet das: Es muss eine Reserve geben, sei es durch Netzanschluss, Speicher, redundante Einspeisung oder vertraglich gesicherte Ausgleichsenergie. Die veröffentlichte Zahl zum Windstromanteil beantwortet diese Betriebsfrage nur, wenn klar ist, über welchen Zeitraum sie gemessen wird und wie Ausfälle abgesichert sind.
Als Geschäftsmodell ist die Anlage deshalb weniger ein fertiger Standard als ein Belastungstest. Rechenzentren werden durch KI-Anwendungen, Cloud-Dienste und datenintensive Industrieprozesse größer und energiehungriger. Standorte geraten unter Druck, wenn Stromanschlüsse knapp werden, Wasserrechte umstritten sind oder Grundstücke teuer werden. Ein Unterwasserstandort kann diese Engpässe umgehen, wenn Küstennähe, Windstrom, Kabelanbindung und Genehmigung zusammenkommen. Für Binnenregionen ohne Offshore-Infrastruktur ist dieses Modell kaum übertragbar. Für Hafen- und Küstenzonen mit vorhandener Energie- und Datenanbindung kann es wirtschaftlich werden, wenn die maritimen Zusatzkosten niedriger bleiben als die eingesparten Land-, Wasser- und Kühlkosten.
Die Zuständigkeiten sind dabei anders verteilt als bei einem Rechenzentrum auf einem Industriegrundstück. Der Betreiber verantwortet Server, Gehäuse, Kühlung und Datenverfügbarkeit. Energieversorger oder Windparkbetreiber liefern Strom, der Netzbetreiber sichert gegebenenfalls Ausgleich und Anschluss. Hafen-, Meeres- und Umweltbehörden müssen prüfen, welche Eingriffe in Gewässer, Sedimente und lokale Ökosysteme zulässig sind. Wartungsunternehmen benötigen Zugang zu einer Infrastruktur, die nicht einfach betreten werden kann. Ein Hardwaretausch, der an Land mit Technikern, Ersatzteilen und kurzen Wegen erledigt wird, hängt unter Wasser von Bergung, Spezialgerät, Wetterfenstern und Sicherheitsprotokollen ab.
Die ökologische Frage entsteht nicht nur aus der Betriebsphase, sondern auch aus Bau, Betrieb und späterer Bergung. Abwärme wird nicht in die Luft oder über Kühltürme abgegeben, sondern kontinuierlich an ein lokales Meeresgebiet. Die Temperaturerhöhung kann gering sein, wenn Durchströmung und Verdünnung ausreichen. Sie kann relevant werden, wenn viele Module in räumlicher Nähe betrieben werden oder wenn empfindliche Arten, Laichgebiete und Strömungsverhältnisse betroffen sind. Hinzu kommen Sedimentstörungen, Kabeltrassen, Beschichtungen, Korrosionsschutz, Biofouling und die Frage, wie sich die Anlage nach Jahren wieder entfernen oder erneuern lässt. Eine einmalige Umweltprüfung reicht dafür nur begrenzt. Die praktische Wirkung hängt von Messpunkten, Grenzwerten, saisonalen Daten und der Frage ab, wer bei Abweichungen eingreifen muss.
Die geplante Erweiterung auf 24 Megawatt verändert die Bewertung. Bei 2,3 Megawatt lässt sich vieles als Pilotbetrieb behandeln. Bei der zehnfachen Leistung steigen Strombedarf, Wärmeeintrag, Wartungsaufwand und wirtschaftliches Risiko. Die Betreiber gewinnen Skaleneffekte, wenn Module standardisiert, Anschlüsse wiederverwendet und Betriebsdaten ausgewertet werden können. Gleichzeitig wird die Anlage stärker von wenigen technischen Schnittstellen abhängig: Dichtungssysteme, Wärmetauscher, Seekabel, Stromumrichter, Kommunikationsleitungen. Ein Fehler an diesen Punkten betrifft nicht nur ein Gebäude, sondern eine schwer zugängliche Infrastruktur.
Für Kunden zählt am Ende Verfügbarkeit, Latenz, Datensicherheit und Preis. Der Standort unter Wasser ist für sie nur dann ein Vorteil, wenn er diese Größen verbessert oder stabil hält. Geringere Kühlkosten können in günstigere Rechenleistung eingehen. Höhere Wartungsrisiken können Versicherungs-, Ersatz- und Redundanzkosten erhöhen. Die Rechnung entscheidet sich nicht an der Bauidee, sondern an den Betriebsdaten über mehrere Jahre: Ausfallzeiten, Reparaturzyklen, Energiebezug, Korrosionsschäden, Umweltauflagen und Ausbaukosten.
Die Anlage vor Shanghai löst ein reales Problem der Rechenzentrumsbranche: Kühlung, Fläche und Stromanschluss werden knapper und teurer. Sie löst es, indem sie Lasten aus dem Industriegebiet in den Küstenraum verlegt und Windstrom direkt mit Rechenleistung koppelt. Die Kosten verschwinden dadurch nicht. Sie erscheinen an anderen Stellen: in maritimer Technik, in Betriebssicherheit, in Umweltüberwachung und in der Frage, wer eine Infrastruktur wartet, die absichtlich schwer erreichbar gebaut wurde.
Das ist auch aus einer älteren technischen Erfahrung heraus plausibel. In einem früheren beruflichen Leben hatte ich viel mit Hardwareentwicklung für Spezialanwendungen zu tun. Stromversorgung und Kühlung gehörten schon damals zu den kniffligsten Bereichen. Nicht die Rechenlogik war meistens das Problem, sondern die Frage, wie man ein System dauerhaft, sicher und unter ungünstigen Bedingungen betreibt. Spannungsschwankungen, Verlustwärme, Gehäuse, Luftführung, Feuchtigkeit, Staub, Korrosion und Wartungszugang entschieden oft darüber, ob eine Lösung im Alltag funktionierte oder nur auf dem Papier gut aussah.
Die Pointe liegt deshalb nicht darin, dass China Rechenleistung ins Meer versenkt. Die Pointe liegt darin, dass digitale Infrastruktur beginnt, sich neue Räume zu suchen, weil die alten knapp werden. Das Meer wird zum Kühlturm, der Offshore-Windpark zur Steckdose, der Meeresboden zum Technikstandort. Aus Sicht der Hardware ist das keine Nebensache, sondern der Kern des Experiments: Rechnen ist einfach, solange Stromversorgung und Kühlung funktionieren. Ob daraus ein tragfähiges Modell entsteht, entscheidet sich nicht an der Eleganz der Idee, sondern an mehreren Jahren Betrieb: Verfügbarkeit, Wartungskosten, Ausgleichsenergie, Korrosionsschäden, Umweltmessungen und die Frage, ob eine schwer zugängliche Infrastruktur im Alltag wirklich robuster ist als ein klassisches Rechenzentrum an Land.
Quellen:
Microsoft, Project Natick
Microsoft, Microsoft finds underwater datacenters are reliable, practical and use energy sustainably, 14. September 2020 https://news.microsoft.com/source/features/sustainability/project-natick-underwater-datacenter/
Microsoft Research, Project Natick Phase 2 https://natick.research.microsoft.com/
OffshoreWind.biz zur Shanghai-Anlage
OffshoreWind.biz, China Puts ‘World’s First’ Offshore Wind-Powered Underwater Data Centre Into Operation, 18. Mai 2026 https://www.offshorewind.biz/2026/05/18/china-puts-worlds-first-offshore-wind-powered-underwater-data-centre-into-operation/
Shanghai Daily / City News Service
Shanghai Daily / City News Service, World’s First ‘Offshore Wind Direct-Linked’ Underwater Data Center Goes Online in Shanghai, 10. Februar 2026 https://www.citynewsservice.cn/articles/shanghaidaily/news/worlds-first-offshore-wind-direct-linked-underwater-data-center-goes-online-in-shanghai-pk8v3edn
Wired, allgemeiner Hintergrund zu Unterwasser-Rechenzentren
Wired, Turns out dumping data centres in the ocean could be a good idea, 2020 https://www.wired.com/story/data-centres-underwater-climate-crisis/