excerpt: Gute Fachsprache entsteht selten am Reißbrett. Sie wächst aus sauber dokumentierten Fragen, wiederkehrenden Begriffen und dem Anspruch, auch später noch nachvollziehen zu können, worauf ein Gedanke beruhte.
Wie das Glossar entstanden ist
Das Glossar zur Energieindustrie und Energiewende entstand nicht als geplantes Großprojekt. Es ist aus einer Arbeitsweise gewachsen, die sich über viele Jahre entwickelt hat.
Wenn ich für meinen Blog recherchiere, speichere ich Begriffe, Quellen, Erklärungen und Zusammenhänge nicht nur als flüchtige Notizen ab. Ich lege sie im Markdown-Format ab, sauber benannt, versionierbar und später wieder auffindbar. So kann ich auch nach Monaten oder Jahren noch nachvollziehen, warum ich etwas geschrieben habe, welche Begriffe eine Rolle spielten und welche Überlegungen hinter einem Text standen.
Diese Arbeitsweise habe ich von meinem Vater gelernt. Nicht im technischen Sinn, Markdown und Git kamen natürlich später hinzu, sondern im Grundprinzip: Dinge festhalten, Zusammenhänge dokumentieren, nicht nur das Ergebnis bewahren, sondern auch den Weg dorthin. Wer schreibt, sollte später noch wissen, worauf er sich gestützt hat.
Mit der Zeit entstand auf meinem Git-Server eine große Sammlung solcher Begriffsnotizen. Manche waren nur kurze Erklärungen. Andere entwickelten sich zu kleinen Dossiers. Wieder andere enthielten Querverweise, Definitionen, Abgrenzungen oder Hinweise auf Missverständnisse, die mir beim Schreiben begegnet waren. Aus diesem Fundus konnte ich immer wieder schöpfen, wenn ich über Energie, Netze, Speicher, Strommärkte, Regulierung, Wasserstoff, Versorgungssicherheit, Flexibilität oder Resilienz schrieb.
Irgendwann wurde sichtbar, dass diese Sammlung mehr war als eine interne Arbeitsablage. Zwischen den einzelnen Begriffen entstanden Linien. Aus Notizen wurden Zusammenhänge, aus Zusammenhängen Themenfelder, aus Themenfeldern eine Sprache der Energiewelt. Genau daraus wuchs das Glossar.
Bereits mein Buch „Strom als System“ enthielt ein Glossar, um zentrale Fachbegriffe zu klären, Missverständnissen vorzubeugen und die Zusammenhänge hinter gängigen Schlagworten sichtbar zu machen. Denn gerade beim Thema Strom greift es zu kurz, nur über Kraftwerke, Netze, Speicher oder Preise zu reden. Viele Debatten lassen sich erst dann wirklich nachvollziehen, wenn die exakte Bedeutung von Konzepten wie Leistung, Energie, Residuallast, Versorgungssicherheit, Flexibilität oder Systemkosten klar ist.
Im gedruckten Buch war der Platz naturgemäß begrenzt. Einige Definitionen mussten kürzer ausfallen, als es für ein tieferes Verständnis optimal gewesen wäre. Für das Buchformat war das ein akzeptabler Kompromiss. Für alle, die gezielt Begriffe nachschlagen, Querverbindungen erkunden oder direkt aus einem Blogbeitrag zu einer Erklärung springen möchten, ist eine digitale Lösung jedoch deutlich besser geeignet.
Inzwischen ist aus diesem ursprünglichen Buchanhang weit mehr geworden. Das Online-Glossar dient längst nicht mehr nur als Begleitmaterial zu „Strom als System“, sondern hat sich zu einem stetig wachsenden Nachschlagewerk für die gesamte Energieindustrie und Energiewende entwickelt.
Die aktuelle Version umfasst fast 1100 Begriffe aus den Bereichen Strom, Energie, Netze, Märkte, Speicher, Flexibilität, Wasserstoff, Wärme, Regulierung, Versorgungssicherheit, Klimapolitik und Systemkosten. Alle Einträge sollen nicht nur definieren, sondern einordnen. Sie erklären Begriffe fundiert, setzen sie in den richtigen Kontext und vernetzen sie miteinander. So entsteht ein besseres Verständnis für die komplexen Zusammenhänge der Energiewirtschaft und der Energiewende.
Diese inhaltliche Ausweitung war ein logischer Schritt. Die Energiewende lässt sich nicht begreifen, wenn man Strom isoliert betrachtet. Stromnetze sind mit Wärmepumpen, Elektroautos, Batteriespeichern, Industrieprozessen, Wasserstoff, CO₂-Preisen, Netzentgelten, Genehmigungsverfahren und Marktregeln verbunden. Ein Begriff verweist fast unweigerlich auf den nächsten. Wer über Strompreise diskutiert, landet schnell bei Netzkosten, Merit Order, Beschaffungsstrategien, Abgaben, Flexibilität und Versorgungssicherheit. Wer über erneuerbare Energien spricht, kommt an Netzintegration, Speichern, Prognosen, Abregelung und Systemdienstleistungen nicht vorbei.
Online entfallen die engen Platzbeschränkungen des Buches. Hier darf ein Glossar wachsen, an Präzision gewinnen, neue Querverweise aufbauen und aktuelle Begriffe aufnehmen, sobald sie in Debatten, politischen Beschlüssen, technischen Entwicklungen oder Leserfragen relevant werden. Genau darin liegt sein Mehrwert. Es ist kein starrer Text mehr, sondern ein lebendiger, interaktiver Wissensraum.
Selbstverständlich bleiben die ursprünglichen Begriffe aus „Strom als System“ erhalten. Sie markieren aber nicht länger den Endpunkt. Das Glossar entwickelt sich kontinuierlich zu einer umfassenden, systemischen Wissenssammlung für Energie, Infrastruktur und Transformation. Lücken können geschlossen, kurze Einträge vertieft und technische, ökonomische sowie regulatorische Zusammenhänge klarer herausgearbeitet werden.
Es geht dabei längst nicht mehr nur um knappe Definitionen von Schlagworten. Die Bedeutung vieler Konzepte erschließt sich erst im größeren Kontext. Welche technische Funktion verbirgt sich dahinter? Welche wirtschaftlichen Anreize spielen mit hinein? Welche Rolle übernimmt die Regulierung? Wer trägt letztlich die Kosten oder Risiken? Und wie wirkt sich der Begriff konkret auf den praktischen Betrieb eines Energiesystems aus?
Deshalb lautet der Anspruch des Glossars: nicht nur erklären, sondern vor allem einordnen.
Dieses Angebot richtet sich nicht nur an ein Fachpublikum. Es ist auch als Wegweiser für alle gedacht, die energiepolitische Debatten fundiert verstehen möchten, ohne im Dschungel von Abkürzungen, technischem Jargon oder verkürzten Marktlogiken die Orientierung zu verlieren. Gerade rund um die Energiewende entstehen viele Missverständnisse aus Wörtern, die vertraut klingen, je nach Kontext aber etwas Unterschiedliches bedeuten können.
Dass dieses Glossar niemals wirklich fertig ist, ist volle Absicht und zugleich seine größte Stärke. Die Energiebranche verändert sich fortlaufend. Begriffe ändern ihre Nuancen, neue Technologien halten Einzug, Marktregeln werden überarbeitet, politische Prioritäten verschieben sich, Diskurse werden präziser oder ungenauer. Ein gutes Nachschlagewerk muss auf diese Dynamik reagieren. Es muss nicht nur physikalische Fakten vermitteln, sondern auch die politischen, wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Verflechtungen sichtbar machen, in denen diese Begriffe verwendet werden.
So ist aus dem ursprünglichen Anhang zu „Strom als System“ ein offenes, vernetztes Kompendium für die Energieindustrie und Energiewende herangewachsen, ein Werkzeug, um Begriffe trennscharf zu klären, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und die Sprache dieser historischen Transformation präziser zu fassen.
Vom Markdown-Eintrag zur Webseite und zum Buch
Die technische Grundlage des Glossars ist bewusst einfach gehalten. Jeder Begriff beginnt als Markdown-Datei in einem Git-Repository. Dieses Format ist leicht lesbar, mit jedem Editor bearbeitbar, gut versionierbar und passt zu meiner Arbeitsweise: Inhalte bleiben normale Textdateien, nachvollziehbar, vergleichbar und jederzeit wiederverwendbar. Ein neuer Eintrag ist also zunächst kein Datenbankobjekt und kein Inhalt in einem Content-Management-System, sondern eine Datei, die wie jeder andere Quelltext verwaltet werden kann.
Auf meinem Python-Server läuft ein eigenes Skript, das das Git-Repository überwacht. Sobald dort ein neuer oder geänderter Glossareintrag auftaucht, wird er automatisch verarbeitet. Aus der Markdown-Datei entstehen zwei Fassungen: eine HTML-Version für die Webseite und eine LaTeX-Version für das als PDF gesetzte Glossar.
Die PDF-Fassung ist dabei eher als digitale, zitierbare und durchsuchbare Gesamtausgabe gedacht, nicht als Einladung zum Ausdruck. Bei inzwischen über fünftausend Seiten wäre das Drucken weder besonders praktisch noch besonders ressourcenschonend. Wer sie dennoch vollständig ausdruckt, besitzt danach vermutlich weniger ein Nachschlagewerk als ein eigenes Möbelstück.
Die HTML-Datei wird anschließend auf den Webserver kopiert. Damit ist der neue Begriff online verfügbar und kann von Blogbeiträgen, anderen Glossareinträgen oder Übersichtsseiten verlinkt werden. Das Glossar bleibt dadurch nicht statisch, sondern wächst mit jedem neuen recherchierten Begriff weiter.
Parallel dazu wird aus demselben Markdown-Eintrag eine LaTeX-Datei erzeugt. Diese wird in die zentrale Datei glossar.tex eingebunden. Danach wird das vollständige LaTeX-Dokument automatisch neu kompiliert. Am Ende liegt eine aktuelle PDF-Version des Glossars vor, die ebenfalls auf den Webserver kopiert wird.
So entsteht aus einem einzigen Markdown-Eintrag ein durchgehender Veröffentlichungsprozess: schreiben, versionieren, konvertieren, verlinken, setzen, kompilieren und veröffentlichen. Die Webseite und die PDF-Version stammen aus derselben Quelle. Dadurch bleiben die Begriffe konsistent, und ich muss denselben Inhalt nicht an mehreren Stellen pflegen.
Das ist für mich ein wichtiger Punkt. Das Glossar ist zwar inhaltlich ein Nachschlagewerk, technisch aber auch ein kleiner Publikationsprozess. Es verbindet Blog-Arbeitsweise, Git-Archiv, Webveröffentlichung und Buchsatz miteinander. Jeder neue Begriff erweitert nicht nur die Webseite, sondern auch das große gesetzte Dokument.
Gerade dadurch konnte das Glossar so stark wachsen. Es musste nicht jedes Mal ein vollständiges Buchprojekt geöffnet, manuell sortiert oder neu gesetzt werden. Ein neuer Begriff wird dort geschrieben, wo die Recherche ohnehin stattfindet. Der Rest läuft automatisiert. Aus vielen kleinen Markdown-Dateien entsteht Schritt für Schritt ein vernetztes Online-Glossar und zugleich eine fortlaufend aktualisierte LaTeX-Fassung.
Das Glossar im Zusammenhang der Bücher
Das Glossar steht inzwischen nicht mehr nur neben einem einzelnen Buch. Es gehört zu einem größeren Denkzusammenhang, der sich durch drei Bücher zieht.
„Strom als System“ analysiert Elektrizität als Betriebsbedingung moderner Gesellschaften. Stromversorgung ist kein Zustand, sondern ein laufender Prozess aus Physik, Netzen, Märkten, Regulierung, Leitstellen, Datenflüssen und Zuständigkeiten. Erschienen am 7. März 2026. ISBN: 978-3-695-72905-0.
„Gesellschaft unter Spannung“ erweitert diesen Blick auf Resilienz in hochvernetzten Gesellschaften. Es untersucht, wie technische, organisatorische und institutionelle Kopplungen neue Verwundbarkeiten erzeugen, und fragt, wer im Ernstfall entscheidet, wer geschützt wird und wer die Kosten trägt. Erscheint am 1. Juni 2026. ISBN: 978-3-695-14488-4.
„Die Architektur der Handlungsfähigkeit“ fragt, wie Gesellschaften unter diesen Bedingungen noch rechtzeitig, legitim und wirksam handeln können. Im Zentrum stehen Zuständigkeit, Kompetenz, Verfahren, Personal, Finanzierung, Daten, Vertrauen, Reserve und Verantwortung. Erscheint am 27. Oktober 2026.
Wo das Glossar verfügbar ist
Das Glossar erscheint in mehreren Fassungen, die jeweils einen anderen Zweck erfüllen.
Die laufend aktualisierte Online-Fassung ist unter https://f97.be/glossar/ verfügbar. Sie eignet sich vor allem zum gezielten Nachschlagen einzelner Begriffe, zum Verlinken aus Blogbeiträgen und zum Erkunden der Querverbindungen zwischen den Themenfeldern.
Die PDF-Gesamtausgabe steht unter https://f97.be/download/glossar.pdf zum Download bereit. Sie ist als durchsuchbare, zitierbare und zusammenhängende Fassung gedacht. Wer das Glossar lieber als geschlossenes Dokument nutzt, findet dort den jeweils aktuellen Stand in einer gesetzten Ausgabe.
Beide Fassungen entstehen aus derselben Markdown-Quelle. Die Online-Version macht das Glossar zugänglich und vernetzbar. Die PDF-Version hält den aktuellen Stand als zusammenhängendes Dokument fest. Zusammen bilden sie zwei Ansichten auf denselben Inhalt: einmal als lebendiges Nachschlagewerk im Web, einmal als umfassende Gesamtausgabe.