excerpt: Negative Strompreise von bis zu minus 480 Euro pro Megawattstunde zeigen keine Wertlosigkeit von Strom, sondern ein System, das Erzeugung, Verbrauch und Netze zeitlich nicht ausreichend aufeinander abstimmt. Während der Markt in solchen Momenten sogar für Stromabnahme bezahlt, kommt dieses Signal bei Haushalten kaum an. Entscheidend ist daher nicht nur, wie viel Strom produziert wird, sondern ob er genau dann und dort nutzbar ist, wo er gebraucht wird.

Strom fehlt nicht. Es fehlt die Architektur, ihn zur richtigen Zeit am richtigen Ort nutzbar zu machen.

Sonntag, 26. April 2026 in Deutschland: Zur Mittagszeit fällt der Strompreis am Großhandelsmarkt auf rund minus 480 Euro pro Megawattstunde. Umgerechnet sind das minus 0,48 Euro pro Kilowattstunde. Wer Strom in diesem Moment abnimmt, bekommt am Markt Geld dafür. Auf der Haushaltsrechnung erscheint davon fast nichts.

Die naheliegende Deutung wäre natürlich, dass Strom plötzlich billig ist, also müsste auch der Endkundenpreis fallen. Aber der Börsenpreis ist kein Haushaltspreis. Er bildet den kurzfristigen Wert von Strom in einem konkreten Marktsegment ab, meist im Day-Ahead- oder Intraday-Handel. Der private Stromtarif besteht dagegen zu einem großen Teil aus Netzentgelten, Abgaben, Steuern, Beschaffungskosten über längere Zeiträume und vertraglichen Glättungen. Zwischen dem Momentpreis an der Börse und dem Preis an der Steckdose liegt eine institutionelle Struktur, die kurzfristige Signale nur abgeschwächt weitergibt.

Das ist kein Zeichen dafür, dass Strom keinen Wert mehr hat, sondern dafür, dass der Wert von Strom stark vom Zeitpunkt und vom Ort abhängt. Mittags speisen Photovoltaikanlagen gleichzeitig große Mengen ein. Die Nachfrage steigt aber nicht automatisch im gleichen Umfang. Industrieprozesse, Haushalte und viele Gewerbebetriebe reagieren kaum auf kurzfristige Preissignale, weil ihre Tarife, Abläufe und technischen Systeme darauf nicht ausgelegt sind. Gleichzeitig kann Strom nicht beliebig schnell in andere Regionen transportiert werden, wenn Netze bereits ausgelastet sind. Auch konventionelle Kraftwerke verschwinden in solchen Situationen nicht einfach aus dem System, weil technische Mindestlasten, Fahrpläne und wirtschaftliche Zwänge ihre Flexibilität begrenzen.

Der negative Preis entsteht also nicht aus Überfluss im einfachen Sinn. Er entsteht aus fehlender Anpassungsfähigkeit. Das System produziert in bestimmten Stunden mehr Strom, als es aufnehmen, verschieben oder sinnvoll verteilen kann. Genauer gesagt: Es handelt sich nicht um eine klassische Überproduktion, sondern um zeitlich und räumlich nicht integrierbare Erzeugung. Dann wird der Marktpreis negativ, weil Einspeisung und Verbrauch kurzfristig ins Gleichgewicht gebracht werden müssen. Wer abregeln kann, speichert oder flexibel verbraucht, wird in solchen Momenten ökonomisch wertvoll. Wer starr einspeist oder starr verbraucht, verstärkt das Problem.

Das Problem ist nicht, dass zu viel Strom erzeugt wird. Das Problem ist, dass das System nicht darauf ausgelegt ist, mit viel Strom umzugehen.

Der Unterschied liegt nicht in der Menge der erzeugten Energie, sondern in der Integrationsfähigkeit des Systems. Deutschland hat in vielen Stunden kein Erzeugungsdefizit, sondern ein Flexibilitätsdefizit. Photovoltaik liefert günstig und massenhaft, aber sie folgt der Sonne, nicht der Lastkurve. Die Stromnachfrage folgt Gewohnheiten, Produktionsplänen und Tariflogiken, nicht automatisch dem Angebot. Netze verbinden Regionen, aber sie ersetzen keine Speicher und keine flexible Nachfrage. Der Markt zeigt dieses Missverhältnis sehr präzise an. Negative Preise sind keine Panne des Marktes. Sie sind ein Preissignal für strukturelle Trägheit.

Für Haushalte erklärt sich daraus der scheinbare Widerspruch. Während der Großhandelsmarkt Strom zeitweise verschenkt, zahlen viele Endkunden weiterhin 25 bis 40 Cent pro Kilowattstunde. Das liegt nicht daran, dass der Markt die Verbraucher täuscht. Es liegt daran, dass das Endkundensystem auf Stabilität, Standardisierung und Risikoabsicherung gebaut wurde. Feste Tarife schützen vor Preisspitzen, schneiden aber auch Preistäler ab. Wer keine dynamischen Tarife, keinen steuerbaren Verbrauch und keinen Speicher hat, kann negative Preise kaum nutzen. Das Preissignal existiert, aber es erreicht den Verbrauch nicht dort, wo es wirken müsste.

Die Konsequenz ist eindeutig. Mehr Erzeugung allein löst dieses Problem nicht. Zusätzliche Photovoltaik ohne Speicher, flexible Lasten, netzdienliche Steuerung und angepasste Tarifmodelle vergrößert die Ausschläge. Das spricht nicht gegen den Ausbau erneuerbarer Energien. Es zeigt, dass der Ausbau der Erzeugung schneller vorangekommen ist als die Fähigkeit des Systems, diese Erzeugung zeitlich und räumlich zu integrieren.

Also sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema: Das System muss ausgebaut werden. So schnell wie möglich, egal was das jetzt kostet. Es ist eine Investition in unsere Zukunft.

Praktisch heißt das: Verbrauch muss stärker auf Preissignale reagieren können. Batterien, Wärmepumpen, Elektroautos, industrielle Prozesse und Warmwasserbereitung können Lasten verschieben, wenn Tarife und Steuerung es zulassen. Speicher müssen nicht jede Kilowattstunde saisonal retten. Schon die Verschiebung von wenigen Stunden kann negative Preise entschärfen und fossile Spitzenlast reduzieren. Netze müssen ausgebaut werden, aber Netzbau allein ersetzt keine Flexibilität im Verbrauch.

Der heutige Preis von minus 480 Euro pro Megawattstunde ist deshalb kein kurioser Ausreißer. Er ist ein Symptom eines Stromsystems, das reichlich Energie erzeugen kann, aber noch zu wenig darauf ausgelegt ist, diese Energie im richtigen Moment nutzbar zu machen. Wie der Titel schon sagte: Strom fehlt nicht. Es fehlt die Architektur, ihn zur richtigen Zeit am richtigen Ort nutzbar zu machen.