excerpt: Ein starker El Niño fällt heute nicht mehr in ein stabiles Klimasystem, sondern in eine bereits aufgeheizte Welt. Dadurch verschiebt sich seine Wirkung: Was früher als natürliche Schwankung galt, kann unter veränderten Grundbedingungen deutlich härtere Folgen für Niederschläge, Hitze, Stürme und Ernten haben.

Super-El Niño trifft auf eine erwärmte Erde

NOAA sieht für den kommenden Winter auf der Nordhalbkugel eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 50 Prozent für einen starken oder sehr starken El Niño. Einige Modelle halten sogar ein Ereignis für möglich, das die bisher stärksten El-Niños übertrifft. Entscheidend ist dabei nicht allein die Intensität dieses natürlichen Klimaphänomens. Entscheidend ist der Zustand des Systems, in das es eingreift.

Die gängige Interpretation lautet: El Niño kommt, also wird es vorübergehend wärmer und in manchen Regionen nasser oder trockener. Diese Erklärung greift zu kurz. Sie behandelt El Niño wie ein isoliertes Ereignis, das auf einen stabilen Referenzzustand trifft. Dieser Referenzzustand existiert nicht mehr. Die globale Mitteltemperatur liegt bereits deutlich über dem vorindustriellen Niveau, 2024 war das heißeste Jahr seit Beginn der Messungen, und die Jahre 2023 bis 2025 lagen im Durchschnitt über 1,5 Grad Erwärmung. Ein starker El Niño wirkt heute deshalb nicht auf ein historisch normales Klimasystem, sondern auf eines, dessen Grundzustand durch fossile Emissionen verschoben wurde.

El Niño ist Teil der El Niño Southern Oscillation, kurz ENSO. In neutralen Phasen treiben Passatwinde warmes Oberflächenwasser über den tropischen Pazifik in Richtung Indonesien. Verstärken sich diese Winde, kühlt der zentrale und östliche Pazifik ab, La Niña entsteht. Schwächen sie sich ab, bleibt mehr Wärme im zentralen und östlichen Äquatorialpazifik, El Niño bildet sich. Die Fläche, auf der sich die Meeresoberfläche besonders stark erwärmt, ist im Verhältnis zu den Ozeanen klein. Ihre Wirkung ist es nicht. Über die Kopplung von Ozean und Atmosphäre verändern sich Luftdruckmuster, Niederschläge, Monsune, tropische Wirbelstürme und Erntebedingungen weit über den Pazifik hinaus.

Ein Super-El Niño ist die extreme Ausprägung dieser Verschiebung. Er verändert die atmosphärische Zirkulation stärker, verlagert Niederschlagszonen deutlicher und erhöht die Wahrscheinlichkeit globaler Temperaturrekorde. Das ist kein exotischer Ausreißer, sondern eine seltene, aber bekannte Dynamik des Klimasystems. El-Niño-Ereignisse gab es wahrscheinlich seit Jahrtausenden. Neu ist die Überlagerung mit einer menschengemachten Erwärmung, die den gesamten Energiehaushalt des Planeten verändert.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Phänomen selbst, sondern in der Temperaturbasis, von der aus es wirkt. Früher konnte ein starker El Niño ein warmes Jahr an die Spitze der Messreihe schieben. Heute kann dasselbe Phänomen die Erde in Bereiche treiben, die bisher noch nicht beobachtet wurden. Einige Modellrechnungen sehen kurzfristige globale Temperaturabweichungen in Richtung 2,0 Grad gegenüber 1850 bis 1900. Die meisten bleiben darunter. Relevant ist weniger die genaue Zahl als die Tatsache, dass natürliche Schwankungen inzwischen auf ein bereits deutlich erwärmtes System treffen.

El Niño erzeugt keinen langfristigen Erwärmungstrend. Er kann aber einen bestehenden Trend kurzfristig verstärken und dadurch Rekorde auslösen, die ohne die angesammelte Treibhausgaswärme deutlich unwahrscheinlicher wären. Natürliche Schwankungen machen sichtbar, wie weit sich der Grundzustand bereits verschoben hat.

Auch die regionalen Folgen folgen keiner einfachen Regel. In den USA bringt El Niño im Winter häufig mildere Bedingungen im Norden und feuchteres, kühleres Wetter im Süden. Für Kalifornien steigt im Durchschnitt die Wahrscheinlichkeit nasser Winter, doch einzelne Ereignisse können davon abweichen. Der Super-El Niño 2015 und 2016 brachte der kalifornischen Küste weniger Regen als erwartet, während 1982 bis 1983 und 1997 bis 1998 zu den nassesten Jahren seit 1951 zählten. Das zeigt keine Schwäche der Klimawissenschaft, sondern die Struktur des Problems: ENSO verändert Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten.

Für den Westen der USA ist diese Unterscheidung zentral. Dort wirkt eine kurzfristige Dürre auf eine seit mehr als zwei Jahrzehnten bestehende Megadürre. Rekordhitze hat Schneedecken reduziert und die Bedingungen für Waldbrände verschärft. Ein El Niño kann später im Jahr Entlastung bringen oder Starkregen begünstigen. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein bestehendes Wasserdefizit systematisch ausgeglichen wird. Wetter kann temporär gegen den Trend laufen. Wasserhaushalte reagieren auf die Summe vieler Jahre.

Global ist die Logik ähnlich. Ein El Niño kann die Hurrikanaktivität im Atlantik dämpfen, weil er über der Karibik häufiger absinkende Luft begünstigt. Tropische Wirbelstürme benötigen feuchte, aufsteigende Luft. Fehlt diese, sinkt die Wahrscheinlichkeit ihrer Entstehung. Gleichzeitig können der indische Monsun geschwächt und Teile des südlichen Afrikas, Indonesiens und Australiens trockener und heißer werden. Für Landwirtschaftssysteme bedeutet das keine abstrakte Verschiebung, sondern veränderte Erträge, höhere Ausfallrisiken und stärkeren Druck auf Versorgungsketten.

Die Forschung zeigt zudem, dass die Wechselwirkung zwischen ENSO und Klimawandel nicht vollständig verstanden ist. Der IPCC fand bislang keine eindeutige Evidenz dafür, dass der Klimawandel ENSO insgesamt bereits klar verändert hat. Neuere Studien deuten darauf hin, dass die Schwankungsbreite seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugenommen hat und dass höhere Treibhausgaskonzentrationen diese Entwicklung begünstigen könnten. Andere Arbeiten zeigen, dass die Fernwirkungen von ENSO in einem wärmeren System intensiver ausfallen können. Selbst wenn die Häufigkeit der Ereignisse unsicher bleibt, können ihre Auswirkungen stärker werden.

Daraus folgt eine nüchterne Konsequenz. El Niño lässt sich nicht steuern. Fossile Emissionen schon. Wer die Risiken eines Super-El-Niño bewertet, sollte daher nicht bei der Vorhersage des Ereignisses stehen bleiben. Entscheidend ist die veränderte Verwundbarkeit des Systems: wärmere Ozeane, mehr Energie in der Atmosphäre, verschobene Niederschlagsmuster und Infrastruktur, die auf vergangene Klimabedingungen ausgelegt wurde.

Ein möglicher Super-El Niño wäre kein isolierter Schock. Er wäre ein Test dafür, wie stark ein natürliches Klimaphänomen in einer bereits erwärmten Welt verstärkt wird. Der Ausschlag ist dabei nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist das Niveau, von dem aus er erfolgt.