excerpt: Wo real weniger Öl vorhanden ist, hilft kein Rabatt, sondern nur eine kluge Verteilung der Knappheit. Wer den Preis deckelt, hält Nachfrage künstlich oben und verschärft den Druck in Lieferketten, Landwirtschaft und Industrie. Öffentliche Mittel sollten dort ansetzen, wo Belastung existenziell wird, nicht dort, wo Verbrauch bequem weiterlaufen soll.

Knappheit lässt sich nicht subventionieren

Rund 10 Millionen Barrel Öl pro Tag fehlen derzeit auf dem Weltmarkt. Das ist keine Preisschwankung, sondern ein realer Angebotsausfall in systemrelevanter Größenordnung. Über diese Dimension spricht Gregor Semieniuk im taz-Interview. Wer auf eine solche Lage mit einem Tankrabatt reagiert, behandelt eine Verteilungs- und Knappheitskrise so, als handele es sich um ein bloßes Preisproblem. Genau darin liegt der analytische Fehler, und daraus folgt ein politischer.

Die naheliegende Deutung lautet: Energie wird teurer, also muss der Staat die Verbraucher entlasten. Das klingt pragmatisch, greift aber zu kurz. Das Problem ist nicht primär der hohe Preis, sondern die reale Knappheit. Der Preis ist in dieser Situation nicht das Problem, sondern das Signal. Wenn weniger Öl verfügbar ist, kann der Staat die physische Begrenzung nicht wegsubventionieren. Er kann nur entscheiden, wie die Knappheit verteilt wird und welche Anreize in der Krise gesetzt werden. Ein pauschaler Tankrabatt tut beides auf die schlechteste Weise. Er hält Nachfrage künstlich hoch, wo sie sinken müsste, und verteilt öffentliche Mittel auch an jene, die keine Unterstützung brauchen.

Semieniuk beschreibt damit keine vorübergehende Marktstörung, sondern die Funktionsweise eines stark vernetzten Systems. Öl ist nicht nur Treibstoff für Autos. Es ist Vorprodukt für Transport, Landwirtschaft, Verpackung, Chemie und industrielle Basismaterialien. Fällt an einem zentralen Knoten wie der Straße von Hormus Angebot aus, zeigt sich die Knappheit nicht sofort an der Zapfsäule, sondern zeitversetzt entlang globaler Lieferketten. Zuerst reagieren die Finanzmärkte. Dann geraten industrielle Prozesse unter Druck. Danach folgen Dünger, Lebensmittel, Kunststoffe und Transporte. Die Benzinrechnung ist nur der erste sichtbare Indikator.

Hinzu kommt eine zweite Logik, die in der Debatte oft untergeht: Knappheit erzeugt nicht nur Belastung, sondern auch konzentrierte Gewinne. Wenn Fördermengen sinken und Preise steigen, wachsen die Einnahmen der verbleibenden Produzenten sprunghaft, ohne dass ihre Kosten im gleichen Maß steigen. Das ist die normale Verteilungswirkung fossiler Märkte in Krisen. Die Übergewinne landen bei Konzernen und ihren Eigentümern. Wer in einer solchen Lage keine Übergewinnsteuer erhebt, akzeptiert, dass ein geopolitischer Schock Ungleichheit verschärft und zugleich fossile Investitionsanreize verlängert.

Der Unterschied liegt nicht in Markt oder Staat, sondern in der Aufgabe, die der Staat in einer Knappheitskrise übernimmt. Dämpft er nur Preise, stabilisiert er den alten Verbrauch. Sichert er Grundbedarf und verteuert Mehrverbrauch, organisiert er Anpassung.

Genau deshalb ist Semieniuks Verweis auf die Gaspreisbremse interessant. Das zugrunde liegende Prinzip ist einfach: ein geschütztes Grundkontingent, darüber hinaus der hohe Marktpreis. So wird Not abgefedert, ohne die Knappheit zu verdrängen. Für besonders belastete Haushalte kommen direkte Transfers hinzu. Das ist aufwendig. Der Tankrabatt ist ebenfalls teuer, nur ohne klare Wirkung.

Politisch ist das relevant, weil Inflation in solchen Situationen nicht nur Kaufkraft kostet, sondern auch Vertrauen. Wenn Regierungen auf reale Knappheit mit pauschalen Preisgeschenken reagieren, entsteht der Eindruck, dass Symptome verwaltet werden, während die Struktur unangetastet bleibt. Das schafft Raum für einfache politische Erzählungen mit klaren Schuldzuweisungen und scheinbar einfachen Lösungen. Dagegen helfen keine Appelle, sondern nur nachvollziehbare Entscheidungen, die die Lage präzise erfassen und fair organisieren.

Semieniuks Interview verschiebt den Blick auf das Wesentliche. In einer Energiekrise geht es nicht darum, fossilen Verbrauch billiger zu machen. Es geht darum, Knappheit so zu steuern, dass Grundbedarf gesichert, Übergewinne abgeschöpft und falsche Signale vermieden werden. Wer das verfehlt, entlastet kurzfristig und verschärft genau das Problem, das er zu lösen vorgibt.


Quelle: https://taz.de/Oekonom-ueber-hohe-Energiepreise/!6168140/