excerpt: Je wichtiger Speicher für ein stabiles Stromsystem werden, desto stärker untergraben sie die Preissignale, aus denen sich ihre Investition speisen soll. Arbitrage belohnt Knappheit nur so lange, bis genug Speicher vorhanden sind. Gebraucht werden sie jedoch gerade dann, wenn sich ihr Wert am Markt kaum noch abbilden lässt.

Warum Speicher sich nicht selbst finanzieren können

In Kalifornien hat sich die verfügbare Batteriespeicherleistung innerhalb von drei Jahren verfünffacht. Das Ergebnis war genau das, was Speicher im System leisten sollen: Die negativen Preise zur Mittagszeit gingen stark zurück, die Preisspitzen am Abend wurden deutlich abgeflacht.

Zugleich sank damit die Rendite genau jener Speicher, die diese Stabilisierung erzeugen.

Die naheliegende Lesart wäre, dass Speicher ein Opfer ihres eigenen Erfolgs werden und der Markt deshalb irgendwann von selbst zu wenig Speicherkapazität bereitstellt. Das ist nicht falsch, reicht aber nicht aus. Denn das Problem ist nicht, dass Batteriespeicher technisch nicht funktionieren. Das Problem ist, dass ein Stromsystem mit hohem Anteil fluktuierender Erzeugung Leistungen braucht, die sich genau dann schlecht refinanzieren, wenn sie systemisch unverzichtbar werden.

Das zeigt sich inzwischen nicht nur in Kalifornien. In China und Spanien ist es vielerorts längst Standard, neue Wind- und PV-Flächen nicht mehr ohne Speicher zu planen. Dahinter steht keine Mode, sondern Systemlogik. Mit wachsendem Anteil von Solar- und Windstrom verschiebt sich der Engpass im Stromsystem. Entscheidend ist dann nicht mehr nur, wie günstig Strom in vielen Stunden erzeugt werden kann. Entscheidend ist, ob Leistung in den wenigen kritischen Stunden, Tagen oder Wochen verlässlich verfügbar ist, in denen Erzeugung und Nachfrage auseinanderlaufen.

Genau an dieser Stelle versagt die verkürzte Vorstellung, Speicher könnten sich im Wesentlichen über Preisarbitrage an der Strombörse finanzieren. Kurzfristige Batteriespeicher können Preisspreizungen glätten. Wenn sie das erfolgreich tun, reduzieren sie zugleich ihre eigene Erlösbasis.

Für das Gesamtsystem ist das sinnvoll. Für das Investitionssignal ist es unzureichend.

Hinzu kommt ein zweiter, noch grundlegenderer Punkt. Ein robustes Stromsystem wird nicht für Durchschnittstage dimensioniert. Es wird für seltene, aber folgenreiche Stresslagen ausgelegt. Für Dunkelflauten im Winter, wenn mehrere ungünstige Faktoren gleichzeitig auftreten. Für Situationen, in denen es über längere Zeit wenig Wind gibt, die solare Erzeugung saisonal schwach ist und gleichzeitig der Strombedarf steigt, weil Wärmepumpen bei tiefen Temperaturen laufen. Wer ein elektrifiziertes Energiesystem will, muss über Fünfjahresereignisse, Zehnjahresereignisse und Extremfälle mit noch geringerer Eintrittswahrscheinlichkeit nachdenken. Nicht als theoretische Reserve, sondern als reale Infrastrukturfrage.

Der Unterschied liegt nicht in der Technologie, sondern in der Funktion im System. Ein Teil der Speicher arbeitet im täglichen Ausgleich. Ein anderer Teil muss als strategische Absicherung gegen seltene Mangellagen vorgehalten werden. Diese zweite Funktion wird sich in vielen Fällen nicht über Börsenerlöse tragen. So wie andere kritische Infrastruktur nicht vorgehalten wird, weil sie im Normalbetrieb maximale Rendite erzielt, sondern weil ihr Ausfall untragbar wäre.

Daraus folgt zwingend eine Finanzierungsfrage. Wenn der Staat Versorgungssicherheit mit sehr hoher Zuverlässigkeit will, muss er auch die Vorhaltung entsprechender Kapazitäten mitfinanzieren. Es gilt ebenso für Langfristspeicher und für Technologien, die über längere Zeiträume Energie bereitstellen können, etwa Redox-Flow-Systeme oder synthetische Energieträger in Verbindung mit Gasturbinen. Welche Technologiekombination am Ende dominiert, ist eine offene Optimierungsfrage. Dass zusätzliche gesicherte Kapazität gebraucht wird, ist keine Geschmacksfrage.

Die energiepolitische Debatte scheitert hier oft an einem Kategorienfehler. Sie behandelt Speicher als gewöhnliche Marktakteure, obwohl sie in einem erneuerbaren Stromsystem Infrastrukturcharakter haben. Wer erwartet, dass sich alle notwendigen Speicher allein aus Preisdifferenzen finanzieren, verwechselt betriebswirtschaftliche Logik mit Systemstabilität. Das eine ersetzt das andere nicht.

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob Speicher die Börsenpreise zu stark glätten. Genau das sollen sie tun. Die entscheidende Frage ist, wie ein Stromsystem die Kapazitäten finanziert, die es für seltene, aber kritische Mangellagen braucht. Erneuerbare Energien bleiben auch dann kostengünstiger als ein dauerhaft thermisch dominiertes System. Man darf nur den Teil nicht ausblenden, der die Robustheit sichert.

Speicher sind kein Zusatz. Sie sind Teil der Architektur.