excerpt: Minus 29 GWh verweisen nicht auf einen Speichermangel, sondern auf ein Koordinationsproblem. Der Engpass liegt in der Abstimmung von Netz, Erzeugung, Verbrauch und Regeln. Strom ist nicht nur knapp, wenn zu wenig vorhanden ist, sondern auch dann, wenn er zur falschen Zeit am falschen Ort anfällt.
Minus 29 GWh, und was wir daraus lernen sollten
Am Ostersonntag lag die Residuallast zwischen 13:00 Uhr und 14:00 Uhr bei minus 29 GWh. Wind wurde massiv abgeregelt, obwohl die Anlagen technisch hätten produzieren können. Der naheliegende Reflex lautet: Wir brauchen Großspeicher. Das ist verständlich. Es greift zu kurz.
Ein einzelner Feiertag mit viel Sonne, starkem Wind und schwacher Last beweist keinen Speichermangel. Er zeigt, wie ein Stromsystem unter Bedingungen hoher erneuerbarer Einspeisung tatsächlich funktioniert. Entscheidend ist nicht die isolierte Zahl von minus 29 GWh, sondern die Kombination aus niedriger Nachfrage, räumlich ungleich verteilter Erzeugung, begrenzten Netzkapazitäten, inflexibler Rest-Erzeugung, regulatorischer Trennung von Netz und Markt und einem Preissystem, das Flexibilität nur teilweise erschließt. Wer daraus ausschließlich die Forderung nach Batterien ableitet, verwechselt Symptom und Struktur.
Die zentrale Systemlogik ist einfach. Mit wachsendem Anteil fluktuierender Erzeugung verschiebt sich der Engpass. Früher war Strom knapp, heute ist er zeitweise falsch verteilt. Zu viel zur falschen Zeit am falschen Ort. Deshalb reicht es nicht, auf installierte Leistung zu schauen. Entscheidend ist, ob Erzeugung, Netz, Speicher und Verbrauch zeitlich und räumlich zusammenpassen. Wenn mittags Photovoltaik im Süden und Wind im Norden gleichzeitig stark einspeisen, während die Last an einem Feiertag niedrig ist, entsteht kein Erzeugungsproblem. Es ist ein Koordinationsproblem.
Hinzu kommt eine Marktarchitektur, die aus einer anderen Systemwelt stammt. Netzbetreiber dürfen aus guten Gründen keine Speicher wie Kraftwerke betreiben und keine Marktrollen übernehmen. Das sollte Monopolmissbrauch verhindern. Heute erzeugt dieselbe Regel in Teilen das Gegenproblem. Dort, wo systemisch klar wäre, dass lokale Flexibilität fehlt, lässt sie sich institutionell nicht einfach organisieren. Die Technologie ist da. Was fehlt, ist die Verzahnung von Netz, Markt und Investitionen.
Auch die Debatte über Netzausbau oder Speicher wird oft künstlich verengt. Speicher verschieben Strom in der Zeit. Leitungen verschieben Strom im Raum. Flexible Verbraucher verschieben Last. Abregelung reduziert Überschuss. Ein erneuerbares System braucht alle vier Mechanismen. Entscheidend ist, an welchem Punkt welcher Engpass die höchsten Folgekosten erzeugt.
Der Ostersonntag macht diese Zusammenhänge sichtbar. Die Abregelung ist eine Mischung aus marktlichen Effekten, Netzengpässen und schwacher Nachfrage. Das Problem liegt nicht in einzelnen Stunden mit Überschuss. Es liegt darin, dass das System weiterhin so organisiert ist, als seien diese Stunden eine Ausnahme.
Dabei markieren sie längst den neuen Normalfall einer Übergangsphase.
Deshalb fehlen Anreize für netzdienliche Heimspeicher. Deshalb bleiben flexible Tarife und steuerbare Lasten unterentwickelt. Deshalb laufen Genehmigung, Netzanschluss, Vermarktung und Systemverantwortung in getrennten Bahnen.
Großspeicher werden kommen, und sie sind notwendig. Sie sind jedoch kein Freispruch für die übrigen Versäumnisse. Wer nur Batterien fordert, übersieht, dass auch Millionen dezentrale Speicher, Elektroautos, Wärmepumpen, Elektrolyseure und besser gesteuerte Industrieprozesse Teil derselben Flexibilitätsarchitektur sind. Wer ausschließlich auf Netzausbau setzt, ignoriert, dass ein System nicht effizient wird, indem jede seltene Überschussspitze allein mit zusätzlicher Infrastruktur beantwortet wird.
Die Konsequenz ist klar. Der Ausbau der Erneuerbaren muss mit dem Ausbau der Flexibilität gekoppelt werden, institutionell und technisch. Nicht später. Gleichzeitig. Andernfalls wächst die installierte Leistung schneller als die Fähigkeit des Systems, sie produktiv zu nutzen. Abregelung, Redispatch-Kosten und politische Reibung nehmen zu, obwohl das eigentliche Problem nicht der Erfolg der Erneuerbaren ist, sondern die verzögerte Anpassung des Systems.
Minus 29 GWh am Ostersonntag sind kein Beweis für das Scheitern der Energiewende. Sie sind ein präziser Hinweis darauf, wo sie organisatorisch noch im alten System festhängt: nicht bei der Erzeugung, sondern bei der Integration.