excerpt: Ein Ministerium verliert seinen Kern, wenn Analyse, Priorisierung und strategische Vorbereitung in zentralen Politikfeldern an Externe wandern. Mit jeder ausgelagerten Urteilsleistung schrumpfen Fachwissen, institutionelles Gedächtnis und die Fähigkeit, politische Konflikte selbst tragfähig zu entscheiden.
Das Bundeswirtschaftsministerium als Durchlauferhitzer für Berater
Die Ausschreibung ist konkret: 9000 Beratungsstunden pro Jahr, mindestens rund zwei Millionen Euro Kosten, Unterstützung bei Rohstoffsicherheit, Zukunftstechnologien, außenwirtschaftlicher Sicherheit und industrieller Transformation. Also genau in Feldern, die eigentlich den Kern eines Wirtschaftsministeriums ausmachen.
Die offizielle Begründung, diese Leistungen könnten von den eigenen Mitarbeitenden nicht erbracht werden, ist mehr als eine unglückliche Formulierung. Sie macht ein strukturelles Problem sichtbar.
Man könnte das als kurzfristigen Zukauf von Expertise lesen. Das greift zu kurz. Externe Beratung hat ihren Platz, etwa bei Spezialwissen, unabhängiger Evaluation oder zeitlich begrenzten Zusatzkapazitäten. Hier geht es um Analyse, Priorisierung, strategische Aufbereitung und fachpolitische Zuarbeit in zentralen Politikfeldern. Damit verschiebt sich die eigentliche Arbeit des Ministeriums nach außen.
Der entscheidende Punkt ist die Rolle im System. Ein Ministerium ist kein reiner Zulieferer von Vorlagen. Es organisiert staatliche Handlungsfähigkeit: durch eigenes Fachwissen, institutionelles Gedächtnis, die Abwägung widerstreitender Interessen und die Fähigkeit, politische Ziele in tragfähige Entscheidungen zu übersetzen. Wenn diese Funktionen extern erbracht werden, verliert das Haus mehr als nur Kapazität. Es verliert die Fähigkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Diese strukturelle Schwächung zeigt sich inzwischen auch ganz konkret im Inneren des Hauses. Das angespannte Verhältnis zwischen der Leitung und dem Apparat äußert sich in einer Reihe von Personalrochaden. Eine zentrale Abteilungsleiterin, verantwortlich für die Strategie der Energiewende und damit für die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, wurde entlassen. Die Pressesprecherin steht vor dem Abgang, ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Auch die Redenschreiber sind verschwunden. Gleichzeitig kursieren umfangreiche interne Stellenausschreibungen, insbesondere in der Leitungsabteilung.
Parallel dazu werden Kommunikationsagenturen eingebunden, deren Stundensätze sich auf einem Niveau bewegen, das den jetzt ausgeschriebenen Beratungskosten entspricht. Und selbst Fragen der Personalgewinnung und -entwicklung sollen nun von externen Beratern mitgedacht werden.
Das ergibt ein klares Bild. Die Lücken entstehen nicht zufällig, sie werden produziert und anschließend externalisiert.
Genau darin liegt das Problem. Nicht die einzelne Ausschreibung ist entscheidend, sondern die Logik dahinter. Wer die eigene Organisation destabilisiert und anschließend ihre Kernfunktionen auslagert, ersetzt staatliche Handlungsfähigkeit durch externe Zuarbeit.
In einem Ressort, das unter Bedingungen von Energie- und Wirtschaftskrisen strategisch steuern soll, ist das besonders riskant. Gerade unter Unsicherheit braucht es belastbare interne Kompetenz, weil Entscheidungen nicht nur vorbereitet, sondern auch verantwortet werden müssen. Externe Berater tragen keine demokratische Verantwortung, sie haben kein institutionelles Mandat und sie können die Fähigkeit eines Hauses, eigenes Wissen aufzubauen und zu halten, nicht ersetzen.
Die Konsequenz liegt auf der Hand. Wenn ein Ministerium seine originären Aufgaben nicht mehr aus eigener Kraft leisten kann oder will, dann ist das kein Modernisierungsschritt. Es ist ein institutionelles Führungsproblem.
An diesem Punkt stellt sich nicht mehr die Frage, welche Beratungsfirma beauftragt wird, sondern ob nicht konsequenterweise die Leitung selbst neu ausgeschrieben werden müsste.
Ein Ministerium, das seine Kernarbeit auslagert, spart keine Probleme ein. Es verliert Steuerungsfähigkeit.