excerpt: Die Merit-Order beschreibt, wie Kraftwerke nach ihren kurzfristigen Erzeugungskosten eingesetzt werden und warum nicht die Durchschnittskosten, sondern die Grenzkosten für die Preisbildung entscheidend sind. Dabei wird deutlich, dass am Strommarkt das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Preis für alle bestimmten kann.
Merit-Order: Warum das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Strompreis bestimmt
Der Begriff Merit-Order wirkt technisch, beschreibt aber im Kern eine sehr einfache Logik mit weitreichenden Folgen für Preise und Märkte. Der Name stammt aus dem Englischen: „Merit“ steht hier für die wirtschaftliche Vorteilhaftigkeit, also vereinfacht gesagt dafür, wie günstig ein Kraftwerk Strom erzeugen kann. „Order“ beschreibt die Reihenfolge.
Gemeint ist also die Reihenfolge, in der Kraftwerke nach ihrer wirtschaftlichen Vorteilhaftigkeit, also ihren Kosten, eingesetzt werden.
In der Praxis bedeutet das: Kraftwerke werden nach ihren kurzfristigen Erzeugungskosten, also nach ihren Grenzkosten sortiert und in dieser Reihenfolge zur Stromerzeugung eingesetzt.
Weil ich diese Logik immer wieder erklären muss und sie dennoch oft missverstanden wird, lohnt es sich, sie einmal sauber und Schritt für Schritt darzustellen.
Grenzkosten statt Gesamtkosten
Um das zu verstehen, muss man zuerst zwischen den Gesamtkosten eines Kraftwerks und den Grenzkosten unterscheiden. Ein Kraftwerk hat hohe Investitionskosten, laufende Fixkosten, Personal- und Wartungskosten. Für die kurzfristige Preisbildung am Strommarkt zählt vor allem, was die Erzeugung einer zusätzlichen Megawattstunde kostet: die Grenzkosten.
Bei Wind- und Solaranlagen sind diese sehr niedrig, weil kein Brennstoff gekauft werden muss. Bei Braunkohle sind sie meist relativ niedrig, bei Steinkohle höher, bei Gaskraftwerken oft noch höher. Deshalb stehen in der Merit-Order zuerst die günstigen Anlagen und weiter rechts die teureren.
Angebot trifft Nachfrage
Man kann sich den Strommarkt in einer einzelnen Stunde als Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage vorstellen. Die Nachfrage ist kurzfristig kaum flexibel. Haushalte, Büros, Rechenzentren und Fabriken brauchen in dieser Stunde eine bestimmte Strommenge, fast unabhängig davon, ob der Börsenpreis gerade etwas höher oder niedriger ist. Deshalb wird die Nachfrage im einfachen Modell oft als nahezu senkrechte Linie dargestellt.
Das Angebot entsteht aus den verfügbaren Kraftwerken, die nach steigenden Grenzkosten geordnet werden. Diese geordnete Angebotskurve ist die Merit-Order.
Das Grenzkraftwerk setzt den Preis
Nun passiert der entscheidende Schritt. Um die Nachfrage einer bestimmten Stunde zu decken, werden zuerst die billigsten Kraftwerke eingesetzt, dann die nächstteureren und so weiter, bis genau genug Strom erzeugt wird.
Das letzte Kraftwerk, das gerade noch benötigt wird, nennt man Grenzkraftwerk. Seine Grenzkosten bestimmen im einfachen Modell den Marktpreis für alle in dieser Stunde gehandelten Strommengen.
Nicht der Durchschnitt setzt den Preis. Das letzte noch benötigte Kraftwerk tut es.
Das bedeutet, dass nicht jedes Kraftwerk seinen individuellen Preis bekommt, sondern alle den gleichen Marktpreis erhalten. Genau deshalb ist die Merit-Order so wichtig.
Beispiel: Warum Gas den Preis bestimmen kann
Ein einfaches Beispiel macht das greifbar. Angenommen, in einer bestimmten Stunde werden 60 Gigawatt Strom benötigt. Es stehen Wind, Braunkohle, Steinkohle und Gas zur Verfügung. Die günstigen Anlagen decken vielleicht zusammen 50 Gigawatt. Für die restlichen 10 Gigawatt müssen Gaskraftwerke zugeschaltet werden.
Dann setzt Gas den Preis, obwohl nur ein kleiner Teil des Stroms tatsächlich aus Gas kommt. Alle anderen erhalten trotzdem denselben Börsenpreis.
Wenn nun der Gaspreis stark steigt, steigen die Grenzkosten der Gaskraftwerke. Sobald diese weiterhin das Grenzkraftwerk sind, steigt auch der Strompreis insgesamt. Genau das war in der Energiekrise 2021 und 2022 ein zentraler Mechanismus.
Damit wird auch klar, warum viele Menschen den Eindruck hatten, der Strompreis werde „vom Gas diktiert“, obwohl ein großer Teil des Stroms gar nicht aus Gas erzeugt wurde. Entscheidend ist nicht, wer den meisten Strom liefert, sondern wer als Letzter gebraucht wird.
Der Merit-Order-Effekt der Erneuerbaren
Das Modell erklärt auch, warum erneuerbare Energien den Börsenpreis oft senken. Wind und Sonne haben sehr geringe Grenzkosten und werden deshalb in der Merit-Order weit vorne einsortiert.
Wenn viel Wind und Sonne verfügbar sind, decken sie einen größeren Teil der Nachfrage. Dadurch sinkt die sogenannte Residuallast, also der Teil der Nachfrage, den konventionelle Kraftwerke noch decken müssen. In der Folge werden teurere Kraftwerke seltener gebraucht.
Das Grenzkraftwerk rückt nach links in der Kostenstruktur, und der Börsenpreis fällt. Das ist der sogenannte Merit-Order-Effekt.
Man kann sich das wie ein Nachrücken vorstellen. Ohne viel Wind und Sonne muss man bis zu teuren Gaskraftwerken gehen. Mit viel Wind reicht vielleicht schon Kohle als letztes benötigtes Kraftwerk. Dann sinkt der Preis für alle.
Warum das Modell nicht die ganze Realität ist
Wichtig ist, das Merit-Order-Modell nicht mit der Realität zu verwechseln. Es ist ein stark vereinfachtes Erklärungsmodell, das die Grundlogik der Preisbildung sehr gut zeigt, aber nicht alle technischen und marktlichen Feinheiten abbildet.
Kraftwerke lassen sich nicht beliebig von einer Stunde auf die nächste an- und abschalten. Viele Anlagen haben Mindestlaufzeiten, Anfahrkosten oder liefern neben Strom auch Fernwärme. In der Realität gibt es Blockgebote, Terminmärkte, Fahrpläne und komplexe Optimierungen.
Trotzdem bleibt die Merit-Order als Grundidee nützlich, weil sie erklärt, warum sich Strompreise bei Änderungen von Brennstoffkosten, Nachfrage oder erneuerbarer Einspeisung genau so bewegen.
Einheitspreis: Warum alle denselben Preis bekommen
Ein weiterer Punkt, der oft missverstanden wird, ist die Frage, warum alle denselben Preis erhalten. Das hängt mit dem Einheitspreisverfahren zusammen, oft als Pay-as-Clear bezeichnet. Dabei erhalten alle erfolgreichen Anbieter den Preis des Grenzkraftwerks.
Das klingt intuitiv gerechter, wenn jeder seinen eigenen Preis bekäme, löst das Problem aber nicht. Anbieter würden ihre Gebote strategisch näher an den erwarteten Marktpreis heranrücken. Die Hoffnung, dadurch werde Strom automatisch billiger, gilt unter Fachleuten weitgehend als trügerisch.
Die Gaskrise als Lehrstück
Besonders sichtbar wurde die Merit-Order in der Gaskrise. Als Gas extrem teuer wurde, stiegen die Grenzkosten der Gaskraftwerke massiv. In vielen Stunden waren sie trotzdem unverzichtbar, weil andere Kraftwerke oder erneuerbare Energien nicht ausreichten.
Also setzten sie weiterhin den Preis, nur eben auf viel höherem Niveau. Das führte zu sehr hohen Strombörsenpreisen.
Die Krise war deshalb kein Beweis dafür, dass die Merit-Order „falsch“ wäre, sondern ein Beispiel dafür, wie stark dieses System auf Knappheit und teure Brennstoffe reagiert.
Warum das physikalisch unvermeidlich ist
Der Strommarkt ist kein gewöhnlicher Markt. Strom muss praktisch in jeder Sekunde im Gleichgewicht sein. Große Mengen lassen sich nicht beliebig einfach und billig speichern.
Deshalb muss immer genau die Kombination von Kraftwerken laufen, die die Nachfrage deckt. Diese physikalische Notwendigkeit macht das Grenzkraftwerk so bedeutsam.
Wenn es gebraucht wird, muss sein Einsatz wirtschaftlich möglich sein. Der Preis muss also hoch genug sein, damit genau die noch benötigten Anlagen einspeisen. Sonst würde die Versorgung nicht funktionieren.
Fazit
Die Merit-Order erklärt in einem Satz, warum der Strompreis oft von einem kleinen, aber teuren Teil des Kraftwerksparks bestimmt wird: Die günstigsten Kraftwerke werden zuerst eingesetzt, das letzte noch benötigte setzt den Preis.
Steigen dessen Kosten, steigt der Strompreis. Kommen zusätzliche günstige Erzeuger hinzu, sinkt er.
Das wirkt auf den ersten Blick unfair. In Wirklichkeit ist es die direkte Folge eines Systems, das jederzeit Versorgung sicherstellen muss.
Die Merit-Order beschreibt nicht das gesamte Stromsystem, aber sie zeigt dessen zentrale Logik. Sie macht verständlich, warum sich Preise bei Änderungen von Brennstoffkosten, Nachfrage oder erneuerbarer Einspeisung oft genau so bewegen, wie sie es tun.
Wer das nicht versteht, hält steigende Strompreise schnell für Willkür. In Wirklichkeit folgen sie einer ziemlich klaren Logik.