excerpt: Spanien kommt in der aktuellen Energiekrise deutlich stabiler durch die Turbulenzen auf den Öl- und Gasmärkten als viele andere europäische Länder. Dabei wird deutlich, dass der konsequente Ausbau von Wind-, Solar- und Wasserkraft die Abhängigkeit von teurem Gas senken und Strompreise in Krisenzeiten abfedern kann.
Spanien zeigt gerade, wie erneuerbare Energien vor Krisen schützen können
Während der Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran die Energiemärkte unter Druck setzt, zeigt sich in Europa gerade sehr deutlich, warum der Ausbau erneuerbarer Energien mehr ist als nur Klimapolitik. Spanien ist dafür ein besonders gutes Beispiel. Das Land kommt deutlich besser durch diese neue Energiekrise als viele andere europäische Staaten. Und das hat viel mit dem schnellen Ausbau von Wind, Solar und Wasserkraft zu tun.
Was gerade in Spanien passiert
Die Eskalation rund um den Iran hat die Preise für Öl, Gas und raffinierte Produkte in vielen Teilen Europas steigen lassen. Besonders sensibel ist die Lage rund um die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Routen für den globalen Energiehandel. Wenn dort Lieferungen gestört werden, reagieren die Märkte sofort.
In vielen europäischen Ländern schlägt sich das direkt auf die Strompreise nieder. Der Grund liegt in der Marktlogik: Auch wenn ein Land bereits viel Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt, wird der Preis häufig von Gaskraftwerken bestimmt. Immer dann, wenn Wind und Sonne nicht ausreichen, werden Gaskraftwerke zum Preissetzer. Teures Gas wird so zum teuren Strom für alle.
Spanien ist davon aktuell deutlich weniger betroffen. Dort erreichen die Strompreise seit Jahresbeginn nur zeitweise das Niveau gasbasierter Stromerzeugung. In Ländern wie Italien hingegen bestimmt Gas fast durchgehend den Preis. Das ist kein Detail, sondern ein struktureller Unterschied mit direkten Folgen für Haushalte, Industrie und wirtschaftliche Stabilität.
Warum Spanien anders dasteht
Spanien hat in den vergangenen Jahren erneuerbare Energien konsequent ausgebaut. Windkraft, Solarenergie und Wasserkraft spielen heute eine zentrale Rolle. Hinzu kommt weiterhin ein relevanter Anteil an Kernenergie, der zusätzliche Stabilität ins System bringt.
Entscheidend ist aber weniger der reine Anteil erneuerbarer Energien als deren Zusammenspiel. In Spanien speisen Wind, Sonne, Wasser und Kernkraft zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen Bedingungen ins Netz ein. Diese zeitliche und strukturelle Diversifizierung macht das System robuster.
Dazu kommt ein günstiger Wetterverlauf. Ein windreicher und niederschlagsstarker Winter hat die Erzeugung zusätzlich erhöht. Das verstärkt den Effekt, erklärt ihn aber nicht. Ohne den strukturellen Ausbau der erneuerbaren Energien wäre dieser Vorteil nicht vorhanden.
Was das konkret bedeutet
Der sichtbarste Effekt sind stabilere und niedrigere Strompreise in einer Phase, in der fossile Energien wieder zum Risikofaktor werden.
Während Länder mit hoher Gasabhängigkeit die Preissteigerungen direkt spüren, kann Spanien einen großen Teil seines Stroms aus Quellen erzeugen, die keinen importierten Brennstoff benötigen. Wind und Sonne unterliegen keinen Weltmarktpreisen. Wasserkraft ebenfalls nicht. Das wirkt wie ein systemischer Puffer.
Hinzu kommt ein zweiter, oft unterschätzter Aspekt: geopolitische Unabhängigkeit. Wer weniger auf Öl- und Gasimporte angewiesen ist, ist außenpolitisch weniger verwundbar. Energieabhängigkeit war immer auch ein Machtfaktor. Spanien zeigt gerade, dass erneuerbare Energien diese Abhängigkeit sichtbar reduzieren können.
Und schließlich entsteht ein dritter Vorteil: Resilienz durch Diversität. Ein System, das auf mehrere unabhängige Quellen setzt, reagiert stabiler auf Störungen. Genau das lässt sich derzeit beobachten.
Was wir daraus lernen können
Die wichtigste Lehre ist einfach und gleichzeitig politisch relevant: Erneuerbare Energien sind nicht nur Klimapolitik, sondern Risikopolitik.
Wer heute in Windkraft, Solarenergie, Speicher, Netze und flexible Systeme investiert, reduziert morgen die Anfälligkeit gegenüber globalen Krisen. Spanien zeigt, dass dieser Zusammenhang nicht theoretisch ist, sondern sich konkret in Preisen und Stabilität ausdrückt.
Zweitens reicht es nicht, nur Kapazitäten aufzubauen. Entscheidend ist das Systemdesign. Ein robustes Energiesystem braucht Vielfalt, Flexibilität und möglichst geringe Abhängigkeit von fossilen Preissetzern.
Drittens stellt das Beispiel Spanien eine weit verbreitete Annahme infrage. Häufig wird argumentiert, erneuerbare Energien machten Systeme unsicherer, weil sie wetterabhängig sind. Die aktuellen Entwicklungen zeigen eher das Gegenteil. Unsicher ist vor allem ein System, das in Krisenzeiten auf volatile, importierte Brennstoffe angewiesen bleibt.
Spanien ist damit mehr als ein Einzelfall. Es ist ein realer Hinweis darauf, wie ein krisenfesteres Energiesystem in Europa aussehen kann.
Politische Konsequenz
Was sich derzeit in Spanien zeigt, ist keine technische Besonderheit, sondern eine politische Entscheidung, die über Jahre konsequent umgesetzt wurde. Der Unterschied liegt nicht in den Ressourcen, sondern in der Prioritätensetzung.
In vielen europäischen Ländern wird die Energiewende noch immer primär als Kostenfrage oder als klimapolitische Verpflichtung diskutiert. Das greift zu kurz. In einer Welt zunehmender geopolitischer Spannungen ist Energiepolitik immer auch Sicherheitspolitik.
Wer an fossilen Importen festhält, akzeptiert damit nicht nur Preisrisiken, sondern auch politische Abhängigkeiten. Diese Abhängigkeiten verschwinden nicht durch Marktmechanismen, sie werden durch sie oft sogar verstärkt.
Das Beispiel Spanien zeigt, dass sich diese Logik durchbrechen lässt. Nicht durch kurzfristige Maßnahmen, sondern durch strukturelle Entscheidungen: Ausbau erneuerbarer Energien, Diversifizierung des Systems und Reduktion der Importabhängigkeit.
Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob wir uns erneuerbare Energien leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, weiter an einem System festzuhalten, das in jeder Krise seine eigene Verwundbarkeit offenlegt.
Und genau darin liegt die politische Dimension der Energiewende: Sie ist nicht nur ein Projekt zur Emissionsreduktion, sondern eine Neuordnung von Risiko, Abhängigkeit und Handlungsspielraum. Wer das ignoriert, betreibt keine vorsichtige Energiepolitik, sondern riskiert bewusst Verwundbarkeit.
Quelle: https://www.ft.com/content/19f2ee15-dc86-4964-b23f-d644b18a70a1