excerpt: Mein belgischer Genossenschafts-Stromanbieter kündigt an, seine Kundinnen und Kunden im Krisenfall mit einem Preisdeckel vor extremen Strompreisen zu schützen. Dabei wird deutlich, dass regionale Bürgerenergie-Modelle Preisschocks anders abfedern können als klassische, stark marktabhängige Anbieter.

Mein belgischer Stromversorger zeigt, wie man auf Energiekrisen auch anders reagieren kann

Es gibt nicht viele Mails von Energieversorgern, die man mit echter Freude liest. Die meisten klingen nach Preisanpassung, Kleingedrucktem oder irgendeiner neuen Formel, die am Ende doch nur eines bedeutet: Es wird teurer.

Umso bemerkenswerter fand ich die Nachricht meines belgischen Stromversorgers Cociter. Denn statt sich einfach den Launen der internationalen Energiemärkte auszuliefern, kündigt das Unternehmen an, seine Kundinnen und Kunden im Fall einer neuen Energiekrise aktiv schützen zu wollen, und zwar mit einem Preisdeckel, falls die Großhandelspreise wieder auf Krisenniveau steigen.

Genau das ist es, was in der letzten Energiekrise vielerorts gefehlt hat.

Cociter ist dabei kein klassischer Stromanbieter, sondern basiert auf einem genossenschaftlichen Modell der Bürgerenergie. Und ich bin in diesem Modell nicht nur Kunde, sondern auch Prosumer und Mitglied der Genossenschaft.

Ein anderer Umgang mit der Energiekrise

Der Hintergrund ist bekannt: Europas Strompreise hängen noch immer stark am Gaspreis. Wenn geopolitische Spannungen zunehmen und die Gasmärkte nervös werden, landet diese Unsicherheit schnell auf der Stromrechnung.

Cociter formuliert das ungewöhnlich offen: Sollte der Marktpreis wieder in Regionen wie während der Energiekrise 2022 steigen, also etwa auf 266 €/MWh, kann ein Tarifschutz aktiviert werden. Aktuell, Mitte März 2026, liegen die Marktpreise bei ungefähr 100 €/MWh, der Mechanismus ist also derzeit noch nicht aktiv.

Bemerkenswert ist daran nicht nur die Ankündigung selbst, sondern die Logik dahinter: Hier wird nicht so getan, als könne man globale Märkte kontrollieren. Stattdessen sagt der Anbieter: Wenn es wieder eskaliert, haben wir ein Modell, das Preisschocks abfedern kann.

Warum das überhaupt möglich ist

Der entscheidende Punkt ist das genossenschaftliche und regionale Modell.

Cociter verkauft Strom, der von Bürgerenergie-Genossenschaften in der Wallonie produziert wird. Also keine anonyme Handelsware aus einem internationalen Portfolio, sondern lokal erzeugte Energie in einem vergleichsweise kurzen Kreislauf. Dadurch reduziert sich die Abhängigkeit von den extremen Ausschlägen der internationalen Märkte.

Nach eigener Aussage kann Cociter Preissteigerungen dadurch auf etwa 60% der Marktentwicklung begrenzen, während traditionelle Anbieter Erhöhungen oft weitgehend an ihre Kundschaft weiterreichen.

Das ist der eigentliche Unterschied: Nicht nur erneuerbare Energie produzieren, sondern auch die Marktstruktur so verändern, dass Verbraucherinnen und Verbraucher weniger verwundbar werden.

2022 wurde der Preis schon einmal gedeckelt

Besonders überzeugend finde ich, dass Cociter hier nicht nur ein schönes Narrativ verkauft. Das Modell wurde laut Unternehmen bereits während der Energiekrise 2022 praktisch angewendet.

Zwischen Juli 2022 und März 2023 wurde der Tarif auf 25 ct/kWh gedeckelt. Ein durchschnittlicher Haushalt mit 3.500 kWh Jahresverbrauch konnte dadurch laut Cociter gegenüber den teuersten Angeboten bis zu 85 Euro pro Monat sparen.

Möglich war das durch die Solidarität der beteiligten Bürgerenergie-Genossenschaften, die den Verkaufspreis ihrer Produktion an Cociter begrenzt haben.

Und genau hier liegt der Unterschied zu klassischen Marktmodellen: In einer Genossenschaft geht es eben nicht primär darum, in der Krise die maximale Marge herauszuholen, sondern darum, das System für die Mitglieder und Kund*innen stabil zu halten.

Als Prosumer finde ich das besonders interessant

Für mich ist diese Nachricht auch deshalb relevant, weil ich Prosumer bin, also nicht nur Strom verbrauche, sondern über meine beiden Photovoltaikanlagen auch Teil dieser dezentralen Energiewelt bin.

Gerade als Prosumer sieht man ja sehr direkt, wie widersprüchlich das aktuelle Energiesystem oft funktioniert: Einerseits soll dezentrale erneuerbare Erzeugung ausgebaut werden, andererseits bleibt die Preisbildung stark an fossile und internationale Märkte gekoppelt.

Ein genossenschaftlicher Anbieter wie Cociter wirkt da wie ein Gegenentwurf. Nicht perfekt und nicht außerhalb aller Marktlogik, aber mit einem klar anderen Ansatz:

Das ist, gerade in einem angespannten Energiemarkt, mehr als nur ein sympathisches Marketingargument.

Nicht ganz ohne Bedingungen

Natürlich ist das Ganze nicht einfach ein frei verfügbarer Sondertarif für alle. Wer von diesem Modell profitieren will, muss Mitglied einer Produktionsgenossenschaft werden und mindestens einen Anteil von 250 Euro zeichnen.

Man wird damit aber eben nicht nur Kunde, sondern auch Miteigentümer der Infrastruktur. Je nach Genossenschaft kann es zusätzlich sogar eine jährliche Dividende geben.

Wichtig ist auch: Wer den Anbieter wechseln will, kann das grundsätzlich jederzeit tun, mit einer gesetzlichen Kündigungsfrist von einem Monat. Cociter übernimmt die Formalitäten.

Für Menschen mit Photovoltaikanlage im Kompensationssystem gibt es allerdings einen wichtigen Hinweis: Ein Anbieterwechsel führt dazu, dass der Zähler administrativ zurückgesetzt wird. Das sollte man bei der Planung des Wechsels unbedingt berücksichtigen. Außerdem erhebt Cociter für Kund*innen im Kompensationssystem eine Photovoltaik-Pauschale von 37,1 €/kVA/Jahr. Das ist nicht der Prosumer-Tarif des Netzbetreibers, sondern eine separate Pauschale des Anbieters.

Auch wer einen Festpreisvertrag bei einem anderen Anbieter hat, sollte genau hinschauen: Solche Verträge können sinnvoll sein, wenn sie noch zu günstigen Zeiten abgeschlossen wurden. Und manche enthalten Kündigungs- oder Ausstiegsklauseln.

Was ich daran eigentlich so gut finde

Was mich an dieser Mitteilung überzeugt, ist nicht der konkrete Preisdeckel, der genaue Schwellenwert und die exakte Höhe stehen ja aktuell noch nicht final fest. Entscheidend ist, dass hier sichtbar wird: Es gibt Alternativen zur reinen Marktweitergabe.

In der Energiekrise hatte man oft den Eindruck, Verbraucherinnen und Verbraucher seien den Märkten schlicht ausgeliefert. Cociter zeigt zumindest, dass man Energieversorgung auch als gemeinschaftliche Resilienzaufgabe denken kann.

Das heißt nicht, dass Genossenschaften magisch alle Probleme lösen. Aber sie können offenbar Strukturen schaffen, die in Krisenzeiten robuster sind als rein kommerzielle Modelle.

Und genau solche Ansätze brauchen wir viel mehr, wenn die Energiewende nicht nur klimafreundlich, sondern auch sozial und ökonomisch tragfähig sein soll.