excerpt: Nach der Sperrung der Straße von Hormus und den steigenden Energiepreisen richtet sich der Blick auf die politische Handlungsfähigkeit des Wirtschaftsministeriums. Dabei wird deutlich, dass nicht nur konkrete Maßnahmen fehlen, sondern vor allem sichtbare Führung, klare Kommunikation und operative Initiative vermisst werden.

Katherina Reiche in der Energiekrise: Beobachterin statt Krisenmanagerin?

Die Frage ist nicht, ob Katherina Reiche in einer schwierigen Lage ist. Die Frage ist, ob das zuständige Ministerium dieser Lage politisch gewachsen ist.

Nach der Sperrung der Straße von Hormus und den darauf folgenden Preissprüngen an den Tankstellen hätte man von einer Bundeswirtschaftsministerin vor allem eines erwarten dürfen: sichtbare Führung. Stattdessen wirkte Reiche in den ersten Tagen der Krise auffallend zurückhaltend. Während aus Regierungsfraktionen und Opposition bereits Forderungen nach konkreten Maßnahmen kamen, blieb aus ihrem Ministerium vor allem die Botschaft, man beobachte die Lage.

Genau darin liegt das Problem. Krisenmanagement besteht nicht nur aus interner Abstimmung, sondern auch aus politischer Präsenz, klarer Kommunikation und dem erkennbaren Willen, Entwicklungen aktiv zu gestalten. Wer in einer Energiekrise zunächst eine bestehende Taskforce reaktiviert, deren Auftrag laut Regierungssprecher ausdrücklich nicht in schnellen konkreten Ergebnissen besteht, sendet eher ein Signal administrativer Vorsicht als politischer Entschlossenheit.

Besonders aufschlussreich ist, dass die politische Initiative für erste konkrete Schritte offenbar nicht aus dem Ministerium selbst kam. Stattdessen setzten Union und SPD im Bundestag eine eigene Arbeitsgruppe ein und trieben Maßnahmen wie eine strengere Regulierung von Preisänderungen an Tankstellen voran. Dass Fraktionen Druck machen, ist normal. Dass sie in einer akuten Lage die erkennbare operative Führung übernehmen, wirft jedoch Fragen über die Rolle des zuständigen Ministeriums auf.

Der Vergleich mit Robert Habeck, den der ARD-Text aufmacht, ist politisch heikel, aber nicht unberechtigt. Er ist weniger ein Vergleich von Personen als von Führungsstilen in der Krise. Auch Habeck hat in der Energiekrise Fehler gemacht, und manches war umstritten. Aber er vermittelte früh den Eindruck, dass jemand Verantwortung übernimmt, öffentlich Orientierung gibt und politische Handlungsfähigkeit ausstrahlt. Genau dieser Eindruck fehlt bislang.

Zwar versucht die Ministerin nun gegenzusteuern und kündigt regelmäßige Presseinformationen an. Doch auch das wirkt eher wie ein Nachholen als wie ein Führen. Wer erst nach Tagen erklärt, dass die Öffentlichkeit künftig regelmäßig informiert werde, bestätigt unfreiwillig, dass diese Kommunikation zuvor gefehlt hat.

Hinzu kommt ein strategisches Problem: Reiche bittet um Geduld und verweist auf die Möglichkeit einer längeren Krise. Das ist sachlich nicht falsch. Aber gerade wenn eine Krise länger dauern könnte, braucht es früh erkennbares Management, belastbare Szenarien und politische Prioritäten. Geduld ist kein Ersatz für Führung, sondern eine Folge davon.

Frühzeitige Szenarien, klare Prioritäten und sichtbare politische Steuerung wären in dieser Phase entscheidend gewesen.

Katherina Reiche muss nicht jede Krise im Stil ihres Vorgängers moderieren. Aber sie muss zeigen, dass ihr Ministerium mehr ist als die administrative Begleitung einer angespannten Lage. Bislang spricht zu viel dafür, dass die Krise eher begleitet als gestaltet wird.

Noch ist es zu früh für ein endgültiges Urteil. Aber der bisherige Eindruck ist ernüchternd: zurückhaltend, reaktiv und zu wenig sichtbar. Wenn Reiche als Krisenmanagerin überzeugen will, muss sie schnell zeigen, dass ihr Ministerium nicht nur beobachtet, sondern führt.


Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/reiche-krisenmanagement-vieweger-100.html