excerpt: Die britische Regierung hat in der CfD-Runde AR7a 7,4 GW neue erneuerbare Leistung (vor allem Solar und Onshore-Wind) gesichert und kommt mit AR7 auf insgesamt 14,7 GW neue Kapazität. Der Text argumentiert, dass CfDs als staatliche Investitionsarchitektur nicht nur Preise, sondern auch Systemkosten, Netze, Risikoverteilung und Eigentumsstrukturen im Energiesystem prägen.

14,7 GW neue Erneuerbare in UK: CfD, Kapital und Systemkosten

Die britische Regierung hat in der zweiten Teilauktion der siebten CfD-Runde (AR7a) weitere 7,4 GW neue erneuerbare Leistung vertraglich gesichert, vor allem Solar (4,9 GW) und Onshore-Wind (1,3 GW), ergänzt um 21 MW Gezeitenkraft. Zusammen mit 8,4 GW Offshore-Wind aus AR7 ergibt das 14,7 GW neue Kapazität. Solar erhielt Zuschläge zu rund £65/MWh, Onshore-Wind zu £72/MWh, jeweils als Strike Price im Contract for Difference.

Technisch ist das zunächst eine Beschaffungsentscheidung für Erzeugungskapazität. Politisch ist es mehr. CfDs sind kein neutraler Marktmechanismus, sondern eine staatlich definierte Investitionsarchitektur. Sie legen fest, welche Technologien in welcher Größenordnung zu welchen Erlösbedingungen gebaut werden. Damit entscheiden sie über Netzlasten, Kapitalflüsse, Risikoverteilung und letztlich über Eigentumspositionen im künftigen Energiesystem.

Der Kern ist deshalb eine Systemfrage: Wie werden Netze, Regeln, Eigentum, Investitionspfade und Kostenverteilung so organisiert, dass Ausbau nicht nur als Kapazitätszahl erscheint, sondern als integrierte Umstellung eines Infrastruktursystems?

Annahmen und Zielkonflikte

Die öffentliche Deutung der Auktion arbeitet mit drei Annahmen.

Erstens: Niedrige Strike Prices bedeuten automatisch niedrigere Endkundenrechnungen. Das kann stimmen, ist aber nicht identisch. Endkundenpreise hängen in UK stark von Marktpreisbildung, Netz- und Systemkosten, Lieferantenmargen sowie davon ab, wie CfD-Zahlungen und Rückflüsse bilanziell und tariflich durchgereicht werden.

Zweitens: Mehr heimische Erzeugung bedeutet automatisch mehr Versorgungssicherheit. Das gilt nur, wenn Netze, Flexibilität und Kapazitätsabsicherung mitwachsen. Sonst entstehen neue Abhängigkeiten, etwa von Importen für Komponenten, von Engpassmanagement oder von wenigen Flexibilitätsanbietern.

Drittens: „Billiger als neues Gas“ sei ein hinreichendes Entscheidungskriterium. Hier steckt ein Zielkonflikt zwischen kurzfristiger Kosteneffizienz und systemischer Resilienz. Gas ist nicht nur Erzeugungstechnologie, sondern im heutigen Marktdesign häufig auch Preisanker und Flexibilitätsreserve. Erneuerbare senken Brennstoffkosten, erhöhen aber Anforderungen an Netze, Speicher, Steuerung und Reservekapazitäten.

Diese Zielkonflikte sind keine moralischen Gegensätze, sondern Resultate institutioneller Architektur.

Technik: Möglichkeitsraum, nicht Verteilungsentscheidung

Solar und Onshore-Wind sind technisch ausgereifte, schnell skalierbare Technologien. Ihre Grenzkosten der Erzeugung sind niedrig, die Investitionskosten dominieren. Gezeitenkraft ist dagegen noch klein und teuer, hier geht es eher um Lernkurven, industrielle Optionen und Nischenförderung als um kurzfristige Systemkosten.

Die technische Systemwirkung dieser 7,4 GW hängt weniger von der installierten Leistung ab als von Profil, Standort und Anschluss.

Technik eröffnet Optionen. Sie entscheidet aber nicht, wer die Netzkosten trägt, wer Regelenergie bereitstellt, wem die Anlagen gehören oder wie Ausfallrisiken abgesichert werden. Das sind Fragen der Regulierung und der politischen Ökonomie.

Regulierung: CfD als staatlich gesetzter Investitionsvertrag

Der britische CfD-Mechanismus ist ein langfristiger Differenzvertrag zwischen Projektbetreiber und einer staatlich organisierten Gegenpartei. Er funktioniert nicht als fixer Abnahmepreis, sondern als Erlösabsicherung gegenüber Marktpreisvolatilität.

Vereinfacht gesagt:

Die Anlage verkauft weiterhin am Markt, aber der effektive Erlös wird über den Differenzmechanismus stabilisiert. Finanziert wird dieses System über eine Umlage auf Stromlieferanten, die Kosten oder Rückflüsse an Verbraucher weiterreichen.

Der zentrale Effekt liegt weniger im laufenden Zahlungsstrom als in der Finanzierung. Durch die Erlösstabilisierung sinkt das Preisrisiko. Sinkendes Risiko senkt die Kapitalkosten. Niedrigere Kapitalkosten ermöglichen niedrigere Gebote in der Auktion. Der Staat übersetzt damit seine eigene Kreditwürdigkeit indirekt in günstigere Projektfinanzierung.

CfD ist daher kein „Markt pur“, sondern eine Form staatlich organisierter Risikotransformation. Preisunsicherheit wird von einzelnen Projektgesellschaften in ein systemweites Ausgleichsregime verschoben.

Wichtige institutionelle Stellschrauben sind:

Strike Price und Laufzeit: Längere Laufzeiten reduzieren Kapitalkosten, verschieben aber Preisrisiken und Opportunitätskosten in die Zukunft. Der Hinweis, dass eine verlängerte Vertragsdauer Onshore-Preise gedrückt hat, illustriert genau diesen Mechanismus. Indexierung und Inflationsanpassung: Sie bestimmen, wie realwertstabil die Erlöse sind und wie Risiken zwischen Staat und Betreiber verteilt werden. Zuteilungsregeln und Preisdeckel: Wer bei knappen Budgets oder strikten Caps nicht zum Zug kommt, bleibt außerhalb des abgesicherten Investitionspfads und muss teurer finanzieren. Planungsrecht und Genehmigungsregime: Die 50-MW-Schwelle bei Solar trennt lokale Genehmigung von NSIP-Verfahren. Das ist keine technische Grenze, sondern eine institutionelle Sortierung von Projekten nach politischer Konfliktverarbeitung und Verfahrensrisiko. Netzanschluss und Anschlussfristen: Wenn Netzanschlüsse knapp sind, wird der Netzbetreiber faktisch zum Gatekeeper des Ausbaus. Warteschlangen und Anschlusskosten wirken dann als verdeckter Allokationsmechanismus. Kapazitätsmechanismen: Parallel zum Ausbau variabler Erzeugung bleibt die Frage, wie gesicherte Leistung vergütet wird. Wenn Flexibilität primär über separate Kapazitätszahlungen an wenige Akteure läuft, verfestigt das Marktmacht.

Ein CfD stabilisiert Erlöse einzelner Projekte, nicht automatisch die Systemkosten des Gesamtsystems. Regulierung entscheidet daher, ob „billige Erzeugung“ in ein teures Gesamtsystem eingebettet wird oder in ein integriertes.

Politische Ökonomie: „Wettbewerbsfähigkeit“ als definierter Maßstab

In der politischen Kommunikation taucht häufig „Wettbewerbsfähigkeit“ auf. Der Begriff wirkt technisch, ist aber normativ und interessengebunden. Er beantwortet nicht nur die Frage, ob Strom billig ist, sondern für wen er billig ist, zu welchen Bedingungen und mit welchen Nebenwirkungen.

Drei Präzisierungen sind zentral:

Damit ist „Wettbewerbsfähigkeit“ nicht falsch, aber unvollständig. Sie ist eine politische Definition dessen, was als Erfolg zählt.

Verteilungsfrage: Wer trägt Risiken, wer erhält Renditen?

CfDs verschieben Risiken.

Die Renditeseite ist ebenso strukturiert.

Die oft zitierte Aussage, die Auktion werde „consumer bills“ senken, ist daher nur belastbar, wenn die institutionelle Durchleitung der Einsparungen und die Zurechnung der Systemkosten transparent geregelt sind.

Fazit: Warum UK hier strategischer agiert als Deutschland

AR7 und AR7a zeigen, dass CfDs mehr sind als ein Förderinstrument. Sie sind ein strategisches Investitionsdesign. Der britische Staat definiert einen langfristigen Erlösrahmen, transformiert Preisrisiken, senkt Kapitalkosten und lenkt Kapital gezielt in gewünschte Technologien. Das ist keine Marktverzerrung, sondern bewusst gesetzte Marktarchitektur.

Ein vergleichbares Instrument existiert in Deutschland grundsätzlich ebenfalls. Die EEG-Marktprämie funktioniert technisch ähnlich: Anlagen verkaufen am Markt, bei niedrigen Preisen greift ein Ausgleichsmechanismus. In der Logik ist das ein CfD-ähnliches Modell.

Der Unterschied liegt jedoch im institutionellen Selbstverständnis.

In Großbritannien sind Rückzahlungen bei hohen Marktpreisen systematisch Teil des Designs. Die Symmetrie ist politisch gewollt und kommunikativ integriert. Hohe Preise führen zu Rückflüssen, niedrige Preise zu Ausgleichszahlungen. Das System wirkt als klar definierter Investitionsvertrag mit kalkulierbarer Risikoarchitektur.

In Deutschland ist diese Symmetrie weniger stark ausgeprägt und politisch stärker volatil. Reformen, Deckelungen, Sonderregelungen, Abschöpfungsdebatten und wiederholte Eingriffe haben das Instrument fragmentiert. Der Charakter als langfristiger Investitionsvertrag tritt hinter kurzfristige fiskalische oder politische Erwägungen zurück.

Zudem wird das EEG häufig als Kostenfaktor debattiert, nicht als strategische Infrastrukturpolitik. In UK wird CfD als Wettbewerbsinstrument kommuniziert. In Deutschland erscheint das Pendant oft als Förderlast.

Das Ergebnis ist subtil, aber relevant:

Beides kann funktionieren. Aber nur eines erzeugt maximale Investitionssicherheit.

Wenn Ausbau, Systemintegration und Resilienz strategische Ziele sind, dann braucht es ein Instrument, das als verlässlicher Investitionsvertrag verstanden wird. Technisch wäre das in Deutschland möglich. Institutionell fehlt bislang die gleiche Konsequenz.

Die zugespitzte Frage lautet daher: Will man erneuerbare Erzeugung administrieren oder strategisch finanzieren?

Das Instrument ist vorhanden. Die politische Rahmung entscheidet über seine Wirkung.

Frau Reiche, hören Sie?


Quelle: https://www.carbonbrief.org/qa-new-uk-onshore-wind-and-solar-is-50-cheaper-than-new-gas/