excerpt: Europa wurde 2025 von außergewöhnlichen Klimaextremen wie Hitzewellen, Dürre, Waldbränden, Starkregen, Überschwemmungen und Stürmen stark getroffen. Die Ereignisse verursachten erhebliche menschliche Schäden, legten infrastrukturelle Verwundbarkeiten offen und führten zu direkten wirtschaftlichen Verlusten von mindestens 43 Milliarden Euro.

Europa 2025: Klimaextreme und die strukturelle Frage der Resilienz

Im Jahr 2025 wurde Europa von einer Reihe außergewöhnlicher Wetter- und Klimaextreme geprägt, die viele Regionen des Kontinents stark belasteten und erhebliche menschliche wie wirtschaftliche Auswirkungen hatten. Besonders auffällig waren lang anhaltende und teils rekordverdächtige Hitzewellen, die große Teile Südeuropas und darüber hinaus erfassten. Diese Extremtemperaturen führten zu erhöhten Gesundheitsrisiken, verstärkter Dürre und einer deutlich gesteigerten Gefahr von Waldbränden, die in mehreren Ländern ausbrachen und großflächige Feuer, etwa in der Türkei und auf der Iberischen Halbinsel, zur Folge hatten, mit hunderttausenden Hektar verbrannter Fläche, zahlreichen Evakuierungen und zahlreichen Verletzten und Todesopfern.

Parallel dazu traten Starkregenereignisse und Überschwemmungen auf, die in verschiedenen Regionen Blitzfluten und Infrastrukturschäden verursachten und Hunderttausende Menschen betrafen. Die veränderten Niederschlagsmuster stehen im Zusammenhang mit der erhöhten Luftfeuchtigkeit, die durch die Erwärmung der Atmosphäre entsteht und zu intensiveren Regenfällen führen kann.

Auch Dürreperioden gehörten zu den prägenden Extremwetterszenarien 2025, vor allem in Südeuropa, wo Niedrigwasser, Wasserknappheit und Schäden in Landwirtschaft und Ökosystemen auftraten. Diese Dürrebedingungen verstärkten die Gefahr von Bränden und setzten Böden und Gewässer stark zu.

Zudem verursachten Stürme und Windereignisse wie Storm Amy im Oktober 2025 erhebliche Schäden in Nord- und Westeuropa, darunter mehrere Todesfälle und weitreichende Stromausfälle, was die Verwundbarkeit der Infrastruktur deutlich machte.

Die wirtschaftlichen Folgen dieser Extremwetterlagen waren erheblich: Schätzungen gehen von direkten Verlusten durch Hitze, Dürre, Überschwemmungen und andere Extremereignisse in Höhe von mindestens 43 Milliarden Euro allein im Jahr 2025 aus, mit langfristigen kumulativen Kosten, die bis 2029 auf weit höhere Summen anwachsen könnten.

Wissenschaftler und Experten warnen, dass diese Art von Extremwetter kein Einzelfall bleibt: Europa erwärmt sich schneller als andere Regionen, und die Häufigkeit, Intensität und Dauer solcher Ereignisse nimmt infolge des menschengemachten Klimawandels zu. Ohne erhebliche Emissionsreduktionen und verbesserte Anpassungs- und Schutzmaßnahmen könnten Hitze, Dürren, Überschwemmungen, Stürme und Feuer in Zukunft zur neuen Normalität werden.

Resilienz ist keine Wetterfrage, sondern eine Systemfrage

Wenn Extremereignisse häufiger werden, verschiebt sich die politische Aufgabe. Es geht nicht mehr nur um Schadensbeseitigung, sondern um die Fähigkeit, Ausfälle auszuhalten, Funktionen aufrechtzuerhalten und nach Störungen schnell wieder handlungsfähig zu werden. Resilienz ist dabei kein allgemeiner Wohlfühlbegriff, sondern eine konkrete Eigenschaft von Infrastrukturen, Institutionen und Eigentumsordnungen.

Drei Annahmen sind dabei zentral.

Erstens: Klimarisiken sind nicht gleichmäßig verteilt.

Zweitens: Märkte organisieren Anpassung vor allem dort, wo Zahlungsfähigkeit vorhanden ist.

Drittens: Viele kritische Systeme sind inzwischen so organisiert, dass Gewinne privatisiert und Risiken sozialisiert werden. Resilienzpolitik muss diese Struktur adressieren, sonst bleibt sie Stückwerk.

Technik, Regulierung, politische Entscheidung

Technisch betrachtet besteht Resilienz aus Redundanz, Robustheit und Wiederherstellbarkeit. Redundanz bedeutet, dass es Ausweichmöglichkeiten gibt, etwa alternative Stromtrassen, Reservekapazitäten, Notwasserversorgung, zusätzliche Kühlung in Krankenhäusern. Robustheit heißt, dass Systeme höhere Belastungen aushalten, etwa hitzefeste Schienen, überflutungssichere Umspannwerke, Brandschutz in Wäldern und Siedlungsrändern. Wiederherstellbarkeit meint Personal, Material, Daten und Verfahren, um nach einem Ereignis schnell zu reparieren und zu koordinieren.

Regulatorisch geht es um Standards, Haftungsregeln und Finanzierung. Ohne klare Vorgaben investieren Betreiber oft zu wenig, weil Resilienz sich betriebswirtschaftlich nur begrenzt rechnet. Der Nutzen liegt häufig bei Dritten oder in der Zukunft. Das ist ein klassischer Fall von externalisierten Kosten.

Die politische Entscheidungsebene legt fest, wer bezahlt, wer profitiert und wer Risiken trägt. Hier wird Resilienz zur Verteilungsfrage. Öffentliche Mittel können private Vermögenswerte schützen, oder sie können öffentliche Daseinsvorsorge stärken. Beide Wege sind möglich, aber sie haben unterschiedliche Verteilungswirkungen.

Wo Europa verletzlich ist

Europas Verwundbarkeit liegt weniger in fehlendem Wissen, sondern in der Art, wie zentrale Produktions- und Versorgungssysteme organisiert sind.

Erstens: Energie. Stromnetze, Kraftwerke, Speicher und digitale Steuerung sind hochgradig verknüpft. Hitze senkt die Effizienz von Kraftwerken, Dürre begrenzt Kühlwasser, Stürme und Brände beschädigen Leitungen. Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch Kühlung. Resilienz bedeutet hier Netzausbau, dezentrale Erzeugung, Speicher, aber auch eine klare Priorisierung kritischer Verbraucher im Notfall. Das ist technisch lösbar, aber politisch konfliktträchtig, weil es Investitionen erzwingt und Renditemodelle verändert.

Zweitens: Wasser. Dürre und Starkregen sind zwei Seiten derselben Instabilität. Viele Regionen haben entweder zu wenig Wasser zur falschen Zeit oder zu viel auf einmal. Resilienz verlangt Speicher, Renaturierung, Leckagereduktion, klare Entnahmerechte und eine Priorisierung von Trinkwasser vor industrieller Nutzung. Hier kollidieren öffentliche Interessen mit agrarindustriellen und touristischen Geschäftsmodellen, die auf hohe Verfügbarkeit und niedrige Preise angewiesen sind.

Drittens: Ernährung und Landwirtschaft. Ernteausfälle, Bodendegradation und Wasserstress treffen nicht nur Betriebe, sondern auch Verbraucherpreise und Importabhängigkeiten. Resilienz heißt Diversifizierung, Bodenschutz, Bewässerungsmanagement und Lagerhaltung. Sie heißt aber auch, die Abhängigkeit von wenigen großen Input-Anbietern zu reduzieren, etwa bei Saatgut, Dünger und Pestiziden. Eigentums und Marktkonzentration sind hier ein zentraler Risikofaktor, weil sie Anpassungspfade verengen.

Viertens: Gesundheit und Städte. Hitze ist ein massives Gesundheitsrisiko, vor allem für ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen und Personen in schlecht isolierten Wohnungen. Resilienz besteht aus Hitzeschutzplänen, Kühlräumen, Begrünung, Bauvorschriften und sozialer Absicherung. Wenn Mieten hoch sind und Wohnraum knapp, wird Anpassung zur Frage des Einkommens. Wer Eigentum besitzt, kann investieren. Wer mietet, trägt die Folgen.

Fünftens: Digitale Infrastruktur und Lieferketten. Extremwetter stört Logistik, Häfen, Bahnstrecken, Rechenzentren und Mobilfunk. Unternehmen können Risiken teilweise verlagern, etwa durch globale Beschaffung und Versicherungen. Gesellschaften können das weniger. Resilienz erfordert hier Mindeststandards, Transparenz über Abhängigkeiten und strategische Reserven. Das ist kein Rückfall in Autarkie, sondern eine Korrektur einer Effizienzlogik, die Stabilität systematisch unterbewertet.

Zielkonflikte, die politisch entschieden werden müssen

Resilienz kostet Geld, Fläche und Zeit. Sie steht oft im Konflikt mit kurzfristiger Rendite. Das ist kein moralisches Problem, sondern ein Anreizproblem.

Ein Zielkonflikt liegt zwischen Effizienz und Redundanz. Viele Systeme wurden auf Kostensenkung optimiert, etwa Just-in-time Logistik, knappe Netzreserven, schlanke Personaldecken. Diese Optimierung erhöht die Störanfälligkeit. Resilienz bedeutet, bewusst ineffizienter zu werden, gemessen an kurzfristigen Kennzahlen.

Ein weiterer Zielkonflikt liegt zwischen Privatnutzung und Gemeingütern. Wasser, Küstenräume, Wälder und städtische Flächen werden ökonomisch genutzt, aber die Risiken tragen oft die Allgemeinheit. Wenn der Staat nach jeder Katastrophe einspringt, ohne Regeln zu ändern, entsteht ein stabiler Fehlanreiz: riskante Standortentscheidungen bleiben rational, weil Verluste teilweise kollektiviert werden.

Wer kontrolliert die Produktionsmittel, wer trägt die Risiken

Resilienzpolitik muss Eigentumsstrukturen sichtbar machen, weil sie bestimmen, wie investiert wird und wer geschützt wird.

Viele kritische Infrastrukturen werden von privaten oder teilprivaten Akteuren betrieben, oft in regulierten Märkten. Die Investitionsentscheidungen orientieren sich an erlaubten Renditen, an kurzfristigen Kapitalmarkterwartungen und an Vertragslogiken. Wenn Regulierung Resilienz nicht explizit vergütet oder vorschreibt, wird sie unterinvestiert. Wenn der Staat im Schadensfall zahlt, wird sie ebenfalls unterinvestiert. Das ist keine Frage von Verantwortungsethik, sondern eine Folge institutioneller Regeln.

Ähnlich in der Wohnungswirtschaft. Hitzeschutz, Dämmung, Verschattung und Gebäudekühlung sind Investitionen, deren Nutzen bei Mietern liegt, während die Kosten oft beim Eigentümer liegen. Ohne konsequente Umlage und Standardsetzung passiert zu wenig. Gleichzeitig können Modernisierungen in angespannten Märkten zu Verdrängung führen. Resilienz kann so zu einem Treiber sozialer Spaltung werden, wenn sie nicht mit Miet- und Sozialpolitik gekoppelt wird.

Auch Versicherungsmodelle sind relevant. Wenn Prämien steigen oder Risiken nicht mehr versicherbar sind, entsteht ein politischer Druck zur staatlichen Rückversicherung. Das kann sinnvoll sein, aber nur, wenn es mit Prävention und Bauverboten in Hochrisikozonen verbunden ist. Sonst subventioniert die Allgemeinheit die Werterhaltung privater Vermögen in riskanten Lagen.

Welche institutionellen Regeln derzeit bestimmte Akteure begünstigen

Ein Teil der europäischen Anpassungspolitik läuft über Förderprogramme, Projektlogiken und befristete Töpfe. Das begünstigt Akteure mit Planungsabteilungen, Beratungszugang und Kofinanzierungsfähigkeit. Kommunen mit schwacher Finanzbasis, kleine Versorger oder soziale Träger fallen zurück. Resilienz wird dann dort aufgebaut, wo bereits Kapazität vorhanden ist. Das verstärkt regionale Ungleichheiten.

Zudem fördern viele Regeln eine Trennung zwischen Investition und Betrieb. Betreiber optimieren Betriebskosten, während Investitionen über andere Budgets laufen. Das erschwert langfristige Vorsorge. Resilienz braucht dagegen integrierte Planung über Lebenszyklen, inklusive Wartung, Personal und Ersatzteilhaltung.

Wo Marktlogik gesellschaftliche Ziele unterläuft

Die Marktlogik bewertet Schäden erst, wenn sie eintreten. Prävention ist ein Kostenblock ohne unmittelbaren Umsatz. In Bereichen wie Wasser, Waldschutz, öffentlicher Gesundheit und Katastrophenschutz ist das besonders deutlich. Wenn diese Bereiche nach Kassenlage finanziert werden, entstehen Lücken, die sich erst im Ereignisfall zeigen.

Zudem führt Preissteuerung bei Knappheit zu Verteilungsproblemen. Wenn Wasser oder Strom in Krisen teurer werden, sinkt der Verbrauch, aber nicht gleichmäßig. Wohlhabende Haushalte und Unternehmen können weiter zahlen, während andere verzichten müssen. Resilienz darf nicht bedeuten, dass Grundbedürfnisse über Krisenpreise rationiert werden. Sie muss über Regeln, Prioritäten und öffentliche Kapazitäten organisiert werden.

Was notwendige Resilienz in Europa praktisch heißt

Resilienz ist kein einzelnes Programm, sondern ein Umbau von Standards und Zuständigkeiten. Drei Linien sind zentral.

Erstens: Mindeststandards für kritische Infrastruktur, gekoppelt an Finanzierung und Kontrolle. Dazu gehören hitze und flutsichere Netze, Notstromfähigkeit, Datenresilienz, Vorräte und klare Wiederanlaufpläne. Regulierung muss Resilienz als Pflicht definieren, nicht als freiwillige Zusatzleistung.

Zweitens: öffentliche Daseinsvorsorge stärken, insbesondere auf kommunaler Ebene. Viele Anpassungsaufgaben sind lokal, etwa Entsiegelung, Kühlräume, Wasserverluste reduzieren, Katastrophenschutz, Pflege und Gesundheit. Dafür braucht es dauerhafte Budgets, Personal und Planungskapazität, nicht nur Projektförderung.

Drittens: Risiko und Kosten fair verteilen. Das heißt, dass Hochrisiko Nutzung nicht dauerhaft kollektiv abgesichert wird, ohne Prävention zu erzwingen. Es heißt auch, dass Haushalte mit niedrigem Einkommen nicht die Anpassungslast tragen, etwa über steigende Energiepreise oder Mieten. Resilienzpolitik muss daher mit Sozialpolitik, Mietrecht und Arbeitsmarktpolitik verbunden werden.

Systemische Grenze und politische Priorität

Europa wird Extremereignisse nicht verhindern können, sie werden häufiger und intensiver auftreten. Hitze, Dürre, Starkregen und Stürme werden nicht auf politische Beschlüsse warten. Es gibt physische Grenzen, etwa bei Wasser, Kühlung oder landwirtschaftlicher Produktivität. Es gibt fiskalische Grenzen, wenn Schäden und Wiederaufbau immer teurer werden. Sicherheit im absoluten Sinn ist eine Illusion.

Gerade deshalb ist Resilienz keine technische Optimierungsfrage, sondern eine Macht- und Prioritätenfrage. Wer oder was wird im Krisenfall geschützt? Welche Funktionen gelten als unverzichtbar, welche als verzichtbar? Gesundheit, Trinkwasser, Energie, Grundmobilität, Kommunikation und elementare Versorgung sind keine Marktgüter wie andere. Sie sind die Grundlage gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit.

Wenn diese Prioritäten nicht explizit definiert werden, setzt sich automatisch die bestehende Eigentums- und Machtstruktur durch. Dann fließen öffentliche Mittel dorthin, wo Vermögenswerte groß sind, wo politischer Druck stark ist oder wo wirtschaftliche Interessen organisiert auftreten. Der Staat wird zum permanenten Schadensmanager eines Systems, das Risiken systematisch externalisiert und Gewinne privat realisiert.

Resilienz bedeutet deshalb mehr als Anpassung. Sie bedeutet, die institutionellen Regeln so zu verändern, dass Vorsorge nicht als freiwillige Zusatzleistung erscheint, sondern als rationaler Bestandteil wirtschaftlicher Tätigkeit. Wer Risiken erzeugt, muss sie mittragen. Wer kritische Infrastruktur betreibt, muss Redundanz vorhalten. Wer von Gemeingütern profitiert, muss zu ihrer Stabilität beitragen.

Die eigentliche politische Entscheidung lautet damit nicht, ob Europa sich anpasst. Es passt sich ohnehin an, die Frage ist nur, wie und zu wessen Bedingungen.

Entweder Resilienz wird zur bewussten Strukturpolitik. Oder Europa bleibt im Modus der Reparatur und stabilisiert damit genau die Strukturen, die seine Verwundbarkeit erzeugen.