excerpt: Die systematischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur legen die strukturelle Verwundbarkeit hochgradig zentralisierter Stromsysteme offen. Aus der erzwungenen Transformation hin zu modularen, dezentralen Strukturen entsteht eine Lehre für Europa: Resilienz ist keine technische Ergänzung, sondern eine Frage der Systemarchitektur.

Dezentralisierung als Verteidigung: Was Europa von der Ukraine lernen kann

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges wird die ukrainische Energieinfrastruktur systematisch angegriffen. Große fossile Kraftwerke, Umspannwerke, Netzknoten und Leitungen gehören zu den primären Zielen. Ein zentral organisiertes Stromsystem ist aus militärischer Perspektive übersichtlich: wenige große Knoten, hohe Wirkung pro Treffer, maximale Störung mit minimalem Mitteleinsatz.

Was sich in der Ukraine seitdem vollzieht, ist deshalb mehr als ein Wiederaufbauprogramm. Es ist eine strukturelle Transformation unter Extrembedingungen. Und genau darin liegt ihre analytische Bedeutung für Europa.

In „Gesellschaft unter Spannung“ (*) argumentiere ich, dass moderne Gesellschaften weniger an Knappheit leiden als an Kopplung. Ihre Infrastrukturen sind hochgradig vernetzt, synchronisiert und zeitkritisch. Strom, Wasser, Kommunikation, Verkehr, digitale Systeme: Sie funktionieren nur im Zusammenspiel. Fällt ein zentrales Element aus, bleiben Störungen selten lokal. Sie werden systemisch.

Die Ukraine ist ein drastisches Beispiel für diese These. Die Angriffe auf Kraftwerke sind keine isolierten Schäden. Sie erzeugen Kaskadeneffekte: Heizung fällt aus, Wasserpumpen stehen still, Krankenhäuser geraten unter Druck, Mobilfunk bricht teilweise weg, Produktion stoppt. Infrastruktur ist kein Sektor, sie ist die Voraussetzung für alle anderen Sektoren.

Gerade deshalb ist die ukrainische Reaktion so aufschlussreich.

Von monolithischen Knoten zu modularen Systemen

Vor dem Krieg war die ukrainische Stromversorgung, wie in vielen europäischen Ländern, stark zentralisiert. Große thermische Kraftwerke, nukleare Kapazitäten, ein weit verzweigtes, aber hierarchisch organisiertes Netz. Effizient im Normalbetrieb, optimiert auf Skaleneffekte, aber strukturell verwundbar.

Der Angriff auf diese Struktur erzwingt nun eine Verschiebung. Photovoltaikdächer, kleine Windparks, Microgrids, lokale Speicher, hybride Systeme aus Solar, Gas, Biomasse und Batterie: Sie ersetzen nicht sofort die großen Kraftwerke, aber sie verändern die Architektur des Systems.

Der entscheidende Unterschied ist nicht technologischer Natur, sondern struktureller. Ein großes Kraftwerk ist ein singulärer Knoten. Ein dezentrales System ist ein Netzwerk aus vielen Einheiten. Der Ausfall einzelner Komponenten gefährdet nicht automatisch die Gesamtfunktion.

Es geht um die Reduktion von Gleichzeitigkeit und Kopplungsintensität. Dezentralisierung entkoppelt. Sie verhindert, dass Störungen sofort systemisch werden. Resilienz entsteht hier nicht durch Unverwundbarkeit, sondern durch Modularität.

Geschwindigkeit als institutionelle Priorität

Bemerkenswert ist nicht nur der Umbau selbst, sondern sein Tempo. Speicherprojekte, die in westeuropäischen Ländern durch komplexe Genehmigungsprozesse und regulatorische Prüfungen über Jahre verzögert werden, entstehen in der Ukraine innerhalb weniger Monate.

Das ist keine Frage kultureller Mentalität. Es ist eine Frage politischer Priorität.

Wenn Energieversorgung als Überlebensfrage definiert wird, verändern sich institutionelle Routinen. Verfahren werden gestrafft, Zuständigkeiten gebündelt, Investitionen als sicherheitspolitisch notwendig begriffen.

Hier zeigt sich ein Kernargument aus „Gesellschaft unter Spannung“: Resilienz ist keine rein technische Eigenschaft. Sie ist eine institutionelle Entscheidung. Sie entsteht dort, wo Regeln so gesetzt werden, dass Vorsorge rational wird.

Die Ukraine investiert nicht primär aus Klimaschutzmotiven. Sie investiert, weil Ausfall existenzielle Folgen hat. Das verschiebt den Bewertungsmaßstab. Kurzfristige Kosteneffizienz tritt hinter Funktionssicherung zurück.

Eigentum, Risiko und Systemarchitektur

Die Transformation betrifft nicht nur Technologie, sondern auch Eigentumsstrukturen. Dezentrale Systeme verteilen nicht nur Erzeugungskapazität, sondern auch Risiko und Handlungsfähigkeit. Kommunen, Institutionen, Haushalte, Energieunternehmen und internationale Partner werden Teil eines pluraleren Systems.

Die Eigentumsarchitektur verschiebt sich. Zentralisierte Großanlagen bündeln Kapital, Risiko und Entscheidungsgewalt. Dezentrale Strukturen streuen sie. Das bedeutet nicht automatisch Demokratisierung, aber es verändert die Machtbalance im System.

Resilienzpolitik ist daher immer auch Eigentumspolitik. Wer Energie produziert, wer Speicher betreibt, wer über Netzinvestitionen entscheidet, bestimmt indirekt, wie robust eine Gesellschaft gegenüber Schocks ist.

Die Ukraine vollzieht diese Verschiebung unter Zwang. Europa hingegen hätte die Möglichkeit, sie unter strategischen Gesichtspunkten zu gestalten.

Resilienz als Strukturpolitik, nicht als Reparaturbetrieb

In vielen europäischen Debatten bleibt Resilienz eine technische Kategorie. Man spricht über Standards, Notfallpläne, Redundanzen, Katastrophenschutz. All das ist notwendig, aber es greift zu kurz.

Mein Resilienzbegriff geht tiefer. Er fragt nicht nur, ob ein System Störungen übersteht, sondern wie es organisiert ist. Ob Gewinne und Risiken symmetrisch verteilt sind. Ob Vorsorge strukturell incentiviert wird oder ob sie erst im Schadensfall kollektiv finanziert wird.

Die Ukraine illustriert, was geschieht, wenn zentrale Infrastrukturen systematisch angegriffen werden. Aber Europa erlebt auf andere Weise ähnliche Belastungen: Hitzewellen, Dürre, Überschwemmungen, geopolitische Spannungen, Lieferkettenrisiken. Die Mechanik ist anders, die strukturelle Verwundbarkeit vergleichbar.

Große, hochoptimierte Systeme sind unter Normalbedingungen effizient. Unter Stress zeigen sich ihre Schwächen. Je stärker ein System auf maximale Auslastung und minimale Reserve ausgelegt ist, desto anfälliger wird es für Störungen.

Resilienz verlangt daher bewusste „Ineffizienz“ im betriebswirtschaftlichen Sinn: Reservekapazität, dezentrale Erzeugung, redundante Netze, lokale Autonomie. Das widerspricht kurzfristiger Renditeoptimierung, erhöht aber langfristige Stabilität.

Die europäische Konsequenz

Die eigentliche Lehre aus der Ukraine lautet nicht, dass jedes Land sofort Microgrids bauen sollte. Sie lautet, dass Dezentralisierung unter Stress zu einer Form struktureller Verteidigung wird.

Europa steht nicht unter militärischem Dauerbeschuss. Aber es steht unter klimatischem und geopolitischem Druck. Extremereignisse nehmen zu, Energieabhängigkeiten bleiben politisch relevant, Lieferketten sind fragiler als angenommen.

Die zentrale Frage ist daher nicht, ob Europa sich anpasst. Es passt sich ohnehin an. Die Frage ist, ob Anpassung als strategische Strukturpolitik verstanden wird oder als nachträgliche Schadensbeseitigung.

Wenn Dezentralisierung nur als Klimapolitik diskutiert wird, bleibt sie optional. Wenn sie als Resilienzpolitik begriffen wird, wird sie strategisch.

Dezentralisierung reduziert Kopplungsintensität. Sie verteilt Risiko. Sie erschwert systemische Ausfälle. Sie stärkt lokale Handlungsfähigkeit. Unter Extrembedingungen kann das den Unterschied zwischen Funktionsverlust und Funktionsfähigkeit ausmachen.

Die zugespitzte europäische Schlussfolgerung lautet daher: Resilienz ist keine Ergänzung zur bestehenden Wirtschaftsweise. Sie ist eine Entscheidung über ihre Struktur.

Entweder Europa organisiert seine Energie, Wasser- und Versorgungssysteme modularer, redundanter und dezentraler, bevor der Druck existenziell wird. Oder es bleibt im Modus der Reparatur und stabilisiert damit genau jene zentralisierten Strukturen, die unter Stress zuerst versagen.

Die Ukraine zeigt unter brutalsten Bedingungen, was strukturelle Verwundbarkeit bedeutet. Europa hat noch die Möglichkeit, Dezentralisierung strategisch zu entscheiden, statt sie im Krisenmodus nachholen zu müssen.


(*) "Gesellschaft unter Spannung - Resilienz in einer vernetzten Welt" erscheint im Herbst 2026.

Quelle: https://e360.yale.edu/features/ukraine-war-renewable-energy