excerpt: Eine Studie prognostiziert, dass bis 2100 große Teile heute geeigneter Weideflächen durch Klimawandel ihre Nutzbarkeit verlieren könnten und damit Millionen Menschen und Weidetiere betroffen wären. Wie sich unter Klimastress Produktions- und Eigentumsverhältnisse reorganisieren und wer Zugang, Einkommen und Sicherheit verliert.
Wenn Weideland verschwindet, verschieben sich Klassenverhältnisse
Eine Studie unter Federführung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung prognostiziert, dass bis 2100 zwischen 36 und 50 Prozent der heute klimatisch geeigneten Weideflächen ihre Nutzbarkeit verlieren könnten. Betroffen wären 110 bis 140 Millionen Menschen, die von Weidewirtschaft leben, sowie bis zu 1,6 Milliarden Weidetiere. In Afrika reichen die Spannweiten je nach Emissionspfad von moderaten Rückgängen bis zu drastischen Einbrüchen.
Als naturwissenschaftliche Aussage beschreibt das zunächst eine Veränderung der Produktionsbedingungen. Politisch und ökonomisch ist es mehr. Es ist ein Hinweis darauf, wie sich Produktionsverhältnisse unter Klimastress reorganisieren und wer dabei Eigentum, Einkommen und Sicherheit verliert.
1. Annahmen und Grenzen der Prognose
Die Studie arbeitet mit Klimaszenarien. Das ist wichtig, weil die Spannweite der Ergebnisse keine Unschärfe im engeren Sinn ist, sondern Ausdruck einer politischen Variable: der künftigen Emissionsentwicklung. Technisch wird modelliert, wo Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Wasserverfügbarkeit Weidewirtschaft noch ermöglichen.
Zwei Grenzen sind systemisch. Erstens sagt klimatische Eignung wenig darüber aus, wer Zugang zu Land und Wasser hat. Zweitens bildet die Modellierung nicht ab, wie Märkte, Kreditbeziehungen, Grenzregime und Konflikte die Anpassungsfähigkeit strukturieren. Genau dort entscheidet sich aber, ob eine ökologische Verschlechterung in Verarmung, Migration oder Enteignung übersetzt wird.
2. Produktivkräfte gegen Eigentumsordnung
Klimawandel verändert Produktivkräfte im klassischen Sinn: die natürliche Grundlage der Produktion, die Stabilität von Regenzeiten, die Verfügbarkeit von Biomasse und Wasser. In der Weidewirtschaft ist das nicht ein Randfaktor, sondern der Kern der Reproduktion.
Die Eigentumsordnung entscheidet, wie diese Veränderung sozial verarbeitet wird. In vielen Regionen basiert Weidewirtschaft auf gemeinschaftlicher Nutzung, beweglicher Landnutzung und informellen Wasserrechten. Diese Formen sind historisch an variable Umweltbedingungen angepasst. Sie stehen jedoch seit Jahrzehnten unter Druck durch Privatisierung, staatliche Parzellierung, Schutzgebiete, kommerzielle Landwirtschaft und extraktive Projekte.
Wenn Weideflächen schrumpfen, steigt der Wert der verbleibenden Ressourcen. Das erzeugt nicht automatisch effizientere Nutzung, sondern verschärft Verteilungskämpfe. Unter kapitalistischen Eigentumsformen wird Knappheit typischerweise in Ausschluss übersetzt.
3. Wer kontrolliert Infrastruktur, Kapital und Technologie
Anpassung ist technisch möglich, aber nicht neutral. Wasserinfrastruktur, Futterlogistik, Veterinärversorgung, Kühlketten, Versicherungen, digitale Marktanbindung und Transportwege bestimmen, wer Verluste abfedern kann. Diese Mittel gehören selten den Pastoralistinnen und Pastoralisten selbst.
Wer über Kapital verfügt, kann Dürreperioden überbrücken, Herden umstrukturieren, Futter zukaufen, Brunnen bohren, Land pachten oder Tiere frühzeitig vermarkten. Wer kein Kapital hat, verkauft in der Krise zu schlechten Preisen, verliert Zuchttiere, nimmt teure Kredite auf oder wird in Lohnarbeit und informelle Städteökonomien gedrängt.
Technologie wirkt hier als Verstärker bestehender Klassenlagen. Sie kann Resilienz erhöhen, aber sie kann auch Abhängigkeit erzeugen, wenn sie über private Eigentumsrechte, Lizenzmodelle oder kreditfinanzierte Investitionen vermittelt wird.
4. Mehrwertabschöpfung und sozialisierte Risiken
In der Weidewirtschaft wird Wert nicht nur am Ort der Produktion realisiert. Er wird entlang von Handelsketten abgeschöpft: Zwischenhandel, Schlachtbetriebe, Exportfirmen, Supermarktketten, Futtermittel- und Pharmakonzerne, Logistik und Finanzdienstleister. Je stärker die Produktion in diese Ketten integriert wird, desto eher verschiebt sich die Verhandlungsmacht weg von den Produzierenden.
Das Risiko dagegen wird häufig sozialisiert. Dürre, Tiersterben und Einkommensausfälle werden von Haushalten, lokalen Gemeinschaften und öffentlichen Budgets getragen, etwa über Nothilfe, Gesundheitskosten, Konfliktfolgen oder humanitäre Programme. Privat angeeignete Gewinne und kollektiv getragene Verluste sind kein moralisches Problem, sondern eine typische Form kapitalistischer Stabilisierung.
Das gilt auch global. Die Emissionen, die die Erwärmung treiben, sind historisch und gegenwärtig ungleich verteilt. Die Kosten der Anpassung fallen jedoch überproportional dort an, wo die Kapitalausstattung niedrig ist und wo Staaten fiskalisch schwach sind.
5. Institutionelle Regeln als Stabilisierung von Akkumulation
Staatliche Regulierung erscheint oft als technische Steuerung. Tatsächlich ist sie Teil gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Landrechte, Grenzziehungen, Naturschutzregime, Subventionssysteme, Exportstandards und Sicherheitsstrategien entscheiden darüber, welche Nutzungsformen als legitim gelten und welche verdrängt werden.
Ein wiederkehrendes Muster ist, dass mobile Weidenutzung institutionell benachteiligt wird. Sesshafte Landwirtschaft und privat tituliertes Land sind leichter zu besteuern, zu beleihen und in Märkte zu integrieren. Bewegliche Nutzung ist schwerer zu kontrollieren und passt schlechter zu Investitionslogiken, die auf klare Eigentumstitel und planbare Renditen angewiesen sind.
Wenn klimatische Eignung sinkt, steigt der Druck, Land „effizient“ zu nutzen. In der Praxis bedeutet das häufig: Umwidmung zugunsten kapitalintensiver Projekte, die Zugang zu Wasser und Infrastruktur sichern können. Pastoralistische Systeme verlieren dann nicht nur wegen des Klimas Fläche, sondern auch wegen politisch-rechtlicher Entscheidungen, die Knappheit in Enteignung übersetzen.
6. Marktmechanismen verdrängen gesellschaftliche Planung
Weidewirtschaft ist in vielen Regionen Teil der Ernährungssicherung, nicht nur eine Warenproduktion. Marktmechanismen behandeln sie jedoch primär als Lieferant von Fleisch, Milch, Häuten oder Exporterlösen. Unter Klimastress führt das zu Zielkonflikten.
Ein Markt reagiert auf Knappheit mit Preissignalen. Für arme Haushalte sind höhere Preise aber kein Anreiz zur Anpassung, sondern ein Zugangshindernis. Für kapitalstarke Akteure sind höhere Preise dagegen eine Renditechance. Das kann Investitionen anziehen, aber oft in Formen, die lokale Reproduktion schwächen: Landkonzentration, Futtermonokulturen, Wasserprivatisierung, Verdrängung von Subsistenzfunktionen.
Gesellschaftliche Planung würde anders fragen. Welche Nutzung erhält Lebensgrundlagen, reduziert Konflikte, stabilisiert Ökosysteme und sichert Versorgung? Diese Fragen sind politisch, weil sie Verteilung betreffen. Märkte beantworten sie nicht, sondern umgehen sie.
7. Technische Machbarkeit und politisch gewollte Umsetzung
Technisch gibt es Anpassungsoptionen: verbessertes Weidemanagement, Rotationssysteme, Diversifizierung, Wasserpunkte, Dürrefrühwarnsysteme, Tiergesundheit, Futterreserven, angepasste Rassen, regionale Handelsabkommen, Infrastruktur für mobile Nutzung.
Ob diese Optionen umgesetzt werden, hängt von Eigentum und Macht ab. Investitionen fließen dorthin, wo Renditen gesichert sind. Öffentliche Mittel sind begrenzt und werden häufig so eingesetzt, dass sie private Akkumulation ermöglichen, etwa durch Infrastruktur, die primär Exportketten dient, oder durch Sicherheitsmaßnahmen, die Konflikte verwalten statt Ursachen zu verändern.
Die zentrale politische Frage lautet daher nicht nur, was möglich ist, sondern für wen Anpassung organisiert wird. Resilienz ist kein technischer Zustand, sondern eine Verteilungsentscheidung.
8. Wer profitiert strukturell, wer trägt die Lasten
Strukturell belastet werden jene, deren Reproduktion direkt an lokale ökologische Bedingungen gebunden ist und die wenig Zugriff auf Kapital, Kredit und staatliche Schutzmechanismen haben. Dazu gehören viele pastoralistische Haushalte, insbesondere Frauen, deren Arbeit oft die Versorgungssicherheit trägt, während Eigentumsrechte und Marktzugänge häufig männlich dominiert sind.
Strukturell profitieren Akteure, die Knappheit in Kontrolle übersetzen können: Landtitelinhaber, Investoren in bewässerte Landwirtschaft, Handels- und Verarbeitungsketten, Finanzakteure, die Risiken bepreisen, sowie Staaten, die über Regulierung Territorium und Ressourcen neu ordnen. Profit entsteht hier nicht aus höherer Produktivität allein, sondern aus der Fähigkeit, Zugang zu knapper werdenden Produktionsmitteln zu monopolisieren.
9. Politische Konsequenz als Interessenverdichtung
Die Prognose zur Halbierung geeigneter Weideflächen ist kein isoliertes Klimathema. Sie markiert einen möglichen Umbruch in einer Produktionsweise, die historisch oft als „randständig“ behandelt wurde, tatsächlich aber in großen Räumen Afrikas die materielle Basis des Lebens ist.
Wenn Politik darauf reagiert, wird sie es nicht im luftleeren Raum tun. Sie wird zwischen konkurrierenden Nutzungsansprüchen entscheiden: Exportorientierung gegen lokale Ernährungssicherung, Privatbesitz gegen Gemeingebrauch, Sesshaftmachung gegen Mobilität, Sicherheitslogik gegen soziale Absicherung. Diese Entscheidungen werden sich als Sachzwang darstellen, sind aber Ausdruck von Kräfteverhältnissen.
Orientierung entsteht, wenn man die Ebenen trennt: Klimamodelle beschreiben die Veränderung der Produktivkräfte. Die Eigentumsordnung bestimmt, wer Zugang zu Land, Wasser und Infrastruktur hat. Die politischen Institutionen setzen Regeln, die bestimmte Akkumulationspfade stabilisieren. Erst aus dieser Kombination ergibt sich, ob schrumpfendes Weideland zu Hunger, Konflikt und Vertreibung führt oder zu einer geplanten, sozial abgesicherten Transformation.
Die Studie liefert Daten. Die Verteilungsfrage ist politisch.