excerpt: Macrons Forderung nach einem einheitlichen europäischen Energiemarkt und einem integrierten Stromnetz ist eine politische Weichenstellung, weil die Systemarchitektur Kosten, Investitionen und Standortvorteile bestimmt. Eine Energieunion kann Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, ist aber abhängig von Eigentums- und Regulierungsbedingungen und kann auch Machtverhältnisse verfestigen.
Macrons Ruf nach einem europäischen Energiemarkt sowie ein integriertes Stromnetz ist vollkommen richtig.
Die Reuters-Meldung ist kurz, aber politisch klar. Macron wirbt für einen einheitlichen europäischen Energiemarkt und für ein integriertes Stromnetz. Das ist kein technokratisches Detail, sondern eine Weichenstellung. Strom ist ein System. Wer das System gestaltet, bestimmt Kostenverteilung, Investitionspfade und industrielle Standortvorteile.
Wie ich schon in meinem Buch „Strom als System“ argumentiert habe, entscheidet nicht die einzelne Technologie über Erfolg oder Scheitern, sondern die Architektur aus Netzen, Regeln und Eigentum.
Damit rückt die zentrale Frage in den Vordergrund: Wofür wird eine Energieunion funktional gemacht, und unter welchen Eigentums- und Regulierungsbedingungen wirkt sie.
Im günstigen Fall kann eine Energieunion Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Stabilität entsteht dann, wenn Netze, Reservekapazitäten, Speicher und Beschaffung so koordiniert werden, dass Ausfälle und Preisspitzen abgefedert werden. Wettbewerbsfähigkeit entsteht, wenn grenzüberschreitende Infrastruktur Engpässe reduziert, wenn Marktregeln Preissignale verlässlich machen und wenn Industrie und Haushalte planbarer investieren können.
Der Begriff der Wettbewerbsfähigkeit erscheint dabei oft technisch, ist aber selbst politisch definiert. Wettbewerbsfähig für wen, auf welchem Markt und unter welchen sozialen und ökologischen Standards? Ein Strompreis gilt als zu hoch, wenn er industrielle Exportmargen schmälert. Er gilt selten als zu niedrig, wenn er nur deshalb günstig ist, weil Risiken sozialisiert oder ökologische Kosten externalisiert werden. Wettbewerbsfähigkeit ist kein neutraler Indikator, sondern ein Maßstab, der bestimmte Interessen priorisiert und andere nachrangig behandelt.
Diese Effekte sind nicht automatisch. Eine Energieunion kann ebenso bestehende Machtverhältnisse im europäischen Energiesektor verfestigen, wenn Regulierung und Eigentumsstrukturen nicht mitgedacht werden. Denn Integration bedeutet zunächst vor allem: größere Märkte, mehr Handel, mehr Kapitalbedarf für Netze und Erzeugung. Wer in diesem Rahmen Zugang zu Kapital, zu Netzknoten, zu Daten und zu Handelsplattformen hat, kann Skalenvorteile in Marktmacht übersetzen. Dann profitieren tendenziell große Versorger, Netzbetreiber, Infrastruktur- und Finanzakteure, während kleinere Stadtwerke, Genossenschaften oder neue Marktteilnehmer eher in abhängige Rollen gedrängt werden.
Entscheidend ist deshalb die institutionelle Ausgestaltung. Marktregeln, Kapazitätsmechanismen, Netzregulierung, Beihilferecht und Taxonomie setzen Anreize und definieren, welche Geschäftsmodelle als investierbar gelten. Wenn diese Regeln primär auf Renditesicherheit für Großinvestitionen zielen, wird Integration zu einem Mechanismus der Konzentration. Wenn sie dagegen Eigentumsvielfalt, diskriminierungsfreien Netzzugang, Transparenz im Handel und eine faire Verteilung von Systemkosten absichern, kann Integration tatsächlich Wettbewerb erhöhen.
Damit wird auch der Verteilungskonflikt sichtbar. Die Kosten der Systemstabilität werden häufig sozialisiert, etwa über Netzentgelte, Umlagen oder staatliche Garantien. Die Erträge aus Handel, Flexibilität und Infrastruktur fließen dagegen oft an die Akteure, die die relevanten Produktionsmittel kontrollieren. Ohne Korrekturen trägt die Allgemeinheit einen größeren Teil der Risiken, während private Eigentümer einen größeren Teil der Renditen realisieren.
Eine Energieunion ist daher kein neutraler technischer Schritt, sondern ein politisches Projekt mit materiellen Interessen. Die Frage ist nicht nur, ob mehr Integration technisch sinnvoll ist, sondern wem sie nützt, wer sie finanziert und wer im Krisenfall haftet. Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit sind erreichbar. Sie sind aber an Bedingungen geknüpft, die explizit geregelt werden müssen, sonst stabilisiert die Energieunion vor allem die bestehenden Eigentums- und Machtstrukturen im Sektor.
Annahmen und Zielkonflikte
Macrons Argument beruht auf drei Annahmen. Erstens soll ein größerer Markt Knappheiten glätten und Systemkosten senken, weil Erzeugung und Nachfrage über mehr Regionen ausgeglichen werden können. Zweitens braucht Industrie planbare Preise, wobei Volatilität als Standortnachteil verstanden wird und nicht als normales Marktsignal. Drittens sind Netze der Engpass, denn ohne massive Netzinvestitionen bleibt der Markt fragmentiert, selbst wenn die Regeln vereinheitlicht werden.
Diese Annahmen sind plausibel. Die Zielkonflikte bleiben trotzdem hart. Mehr Integration senkt im Durchschnitt Kosten, verschiebt aber Verteilungswirkungen zwischen Regionen, Sektoren und Einkommensgruppen. Netzausbau erhöht Versorgungssicherheit, erzeugt aber lokale Belastungen und langfristige Kapitalbindungen. Und ein einheitlicher Markt kann entweder als öffentliche Infrastrukturpolitik organisiert werden oder als Renditeprojekt für regulierte Netzmonopole und große Erzeugerportfolios.
Hinzu kommt: Die Forderung nach wettbewerbsfähiger Energie bedeutet in der Praxis häufig, industrielle Strompreise von Marktrisiken zu entkoppeln. Ob diese Entkopplung über staatliche Garantien, langfristige Differenzverträge oder regulatorische Privilegien erfolgt, ist eine Ausgestaltungsfrage. Dass sie politische Priorität erhält, ist jedoch eine Entscheidung. Wettbewerbsfähigkeit ist damit kein rein ökonomisches Ziel, sondern eine politisch gesetzte Priorität.
Technik: Warum ein integriertes Netz mehr ist als ein paar Leitungen
Technisch ist die Diagnose korrekt. Europas Stromsystem ist bereits gekoppelt, aber nicht ausreichend leistungsfähig und nicht ausreichend koordiniert.
Ein integriertes Netz bedeutet mindestens vier Dinge. Es braucht erstens mehr Übertragungsnetze und mehr grenzüberschreitende Kapazität, denn ohne diese Kapazität bleiben Preiszonen faktisch Inseln. Zweitens müssen Systemdienstleistungen wie Frequenzhaltung, Reserveleistung, Spannungshaltung und Schwarzstartfähigkeit mit dem Ausbau variabler Erzeugung neu organisiert werden. Das ist nicht automatisch ein Marktergebnis, sondern eine Systemaufgabe. Drittens rücken Verteilnetze in den Mittelpunkt, weil die Engpässe zunehmend unten liegen, bei Anschluss, Steuerbarkeit und Lastmanagement. Ein europäisches Projekt, das nur auf Übertragungsnetze schaut, verfehlt daher einen Teil des Problems. Viertens braucht Integration digitale Steuerung und Standardisierung, weil Interoperabilität eine Voraussetzung ist. Ohne sie wird Integration teuer und langsam.
Technik schafft Möglichkeiten. Sie entscheidet aber nicht, wer zahlt und wer profitiert.
Regulierung: Der Markt entsteht durch Regeln, nicht durch Absichtserklärungen
Ein „single European energy market“ ist in der Praxis ein Bündel institutioneller Entscheidungen. Wesentlich sind Fragen danach, welche Preiszonen gelten, wie Engpässe bepreist werden, wie Netzentgelte verteilt werden, wie Kapazitäten zugeteilt werden, wie Systemdienstleistungen beschafft werden und wie Investitionen vergütet werden.
Hier zeigt sich eine systemische Grenze: Strommärkte sind keine normalen Gütermärkte. Netze sind natürliche Monopole, Versorgungssicherheit ist ein öffentliches Gut, und der Betrieb erfordert zentrale Koordination. Wenn man diese Eigenschaften ignoriert, entstehen Scheininstrumente, die Renditen privatisieren und Risiken sozialisieren.
Das ist der Kern: Regulierung ist nicht neutral. Sie ist die Übersetzung politischer Machtverhältnisse in Marktregeln.
Politische Ökonomie: Wer kontrolliert die Produktionsmittel, wer trägt die Risiken
Die Energieunion ist ein Investitionsprogramm. Netze, Speicher, Flexibilitätsoptionen und neue Erzeugungskapazitäten binden Kapital über Jahrzehnte. Damit stellt sich die Eigentumsfrage.
Netze sind regulierte Monopole. Ihre Renditen sind politisch garantiert, wenn die Regulierung investitionsfreundlich gestaltet wird. Das ist attraktiv für große Kapitalhalter, weil es stabile Cashflows verspricht. Gleichzeitig tragen Haushalte und kleine Gewerbe häufig einen überproportionalen Anteil über Netzentgelte und Umlagen, während energieintensive Industrie oft entlastet wird. Das ist keine moralische Feststellung, sondern ein typisches Ergebnis industriepolitischer Zielsetzungen.
Institutionell zeigt sich diese Priorisierung in Ausnahmeregelungen bei Netzentgelten, in reduzierten Umlagen für energieintensive Unternehmen oder in beihilferechtlich abgesicherten Strompreisstützungen. Solche Instrumente sind industriepolitisch begründet und ökonomisch nachvollziehbar. Sie verschieben jedoch die Finanzierungslast systematisch auf andere Gruppen, insbesondere Haushalte und kleinere Gewerbebetriebe, die diese Entlastungen nicht in Anspruch nehmen können.
Integration auf europäischer Ebene kann diese Asymmetrie verstärken. Je größer der Markt, desto stärker werden industriepolitische Argumente mit Standortwettbewerb verknüpft. Nationale Regierungen sind dann geneigt, Energiepreise für bestimmte Sektoren gezielt zu stabilisieren, während die dafür notwendigen Netz- und Systemkosten europaweit oder national sozialisiert werden.
Bei der Erzeugung ist die Lage heterogener, aber die Tendenz bleibt: Große Akteure mit diversifizierten Portfolios können Preisrisiken besser tragen, regulatorische Komplexität besser managen und haben besseren Zugang zu Finanzierung. Kleine Akteure und kommunale Versorger sind stärker abhängig von lokalen Rahmenbedingungen und Kreditkosten.
Wenn Macron „stabile, vorhersehbare und wettbewerbsfähige Energie“ für die Industrie fordert, ist das politisch verständlich. Materiell bedeutet es, dass Preisrisiken reduziert werden sollen. Die Frage ist, wo sie dann landen. In vielen Modellen werden Risiken über langfristige Verträge, staatliche Garantien oder regulierte Vergütungen aus dem Markt genommen. Das stabilisiert Investitionen, verschiebt aber unter Umständen Risiken auf öffentliche Haushalte und Endkundinnen und Endkunden.
Institutionelle Begünstigung: Welche Regeln welche Akteure stärken
Ein integrierter Markt begünstigt typischerweise Akteure, die Skalenvorteile, Kapitalzugang und regulatorische Expertise mitbringen. Das betrifft große Stromerzeuger, große Energiehändler, große Netzbetreiber und zunehmend auch große Plattformakteure im Bereich Flexibilitätsvermarktung. Je komplexer die Marktarchitektur, desto höher die Eintrittsbarrieren.
Auch bei Netzinvestitionen gibt es eine klare Asymmetrie. Wer Netze besitzt oder betreibt, erhält eine regulierte Rendite. Wer Netze nutzt, zahlt. Die politische Entscheidung liegt darin, wie diese Kosten verteilt werden und welche Ausnahmen gelten. Die technische Notwendigkeit des Netzausbaus beantwortet diese Verteilungsfrage nicht.
Wo Marktlogik gesellschaftliche Ziele unterläuft
Ein einheitlicher Markt kann gesellschaftliche Ziele unterstützen, etwa Versorgungssicherheit, Dekarbonisierung und geringere Gesamtkosten. Er kann sie aber auch unterlaufen, wenn Marktlogik mit öffentlichen Zielen verwechselt wird.
Zwei typische Konfliktlinien sind dabei besonders stabil. Erstens stehen kurzfristige Preissignale gegen langfristige Systemplanung. Netze, Speicher und gesicherte Leistung brauchen Planung und Finanzierung über lange Zeiträume, und Spotmärkte allein liefern das nicht zuverlässig. Zweitens steht Effizienz im Durchschnitt gegen Resilienz im Extrem.
Ein vollständig integrierter Markt erhöht im Durchschnitt die Effizienz, weil Erzeugung und Nachfrage über größere Räume optimiert werden können. Gleichzeitig erhöht Integration die systemische Kopplung. Preis- und Versorgungsschocks bleiben weniger lokal, sie verbreiten sich schneller und synchroner über mehrere Regionen. Was im Normalbetrieb Kosten senkt, kann im Krisenfall die Gleichzeitigkeit von Belastungen erhöhen.
Effizienz im Mittelwert ist nicht identisch mit Resilienz im Extremfall. Ein System, das auf durchschnittliche Kosteneffizienz optimiert ist, verfügt möglicherweise über weniger redundante Kapazitäten, geringere Reserven und stärkere Abhängigkeiten. Integration verschiebt daher nicht nur Verteilungswirkungen, sondern verändert auch Risikostrukturen.
Wenn die Energieunion nur als Liberalisierungsprojekt verstanden wird, droht genau diese Unterlaufung. Integration ohne demokratisch gesetzte Prioritäten führt zu einer Ordnung, in der Renditekriterien die Investitionsrichtung bestimmen und nicht Systemnotwendigkeiten.
Was an Macrons Vorstoß entscheidend ist
Die politische Aussage ist nicht, dass Europa mehr Markt braucht. Die Aussage ist, dass Europa ein gemeinsames Stromsystem braucht. Das ist ein Unterschied.
Ein gemeinsames Stromsystem verlangt drei Entscheidungen, die nicht technischer Natur sind. Erstens muss geklärt werden, wer die Investitionskosten für Netze und Systemdienstleistungen trägt und nach welchem Verteilungsschlüssel. Zweitens stellt sich die Frage, welche Eigentums- und Kontrollstrukturen für kritische Infrastruktur gelten und wie Renditen begrenzt oder legitimiert werden. Drittens ist zu entscheiden, welche industriepolitischen Ziele priorisiert werden und welche Gruppen dafür zahlen.
Solange diese Fragen offen bleiben, ist Energieunion ein Containerbegriff. Er kann für öffentliche Daseinsvorsorge stehen oder für die Stabilisierung großer Kapitalinteressen in einem neu geordneten europäischen Markt.
Fazit
Macrons Diagnose ist vollkommen richtig: Ohne integrierte Netze und koordinierte Regeln bleibt Europa energiepolitisch fragmentiert, teuer und industriepolitisch verwundbar. Der entscheidende Punkt liegt aber nicht in der Absichtserklärung, sondern in der institutionellen Ausgestaltung.
Ein europäischer Energiemarkt ist kein Naturzustand, sondern eine politische Konstruktion. Er wird darüber entscheiden, wer Zugang zu günstiger Energie erhält, wer Investitionsrenditen abschöpft und wer Systemrisiken trägt. Orientierung entsteht, wenn man diese Macht- und Eigentumsfragen offenlegt und nicht hinter Technik oder Marktbegriffen verschwinden lässt.