excerpt: Trotz nur 1,2 Prozent weniger Absatz plant Heineken den Abbau von 5.000 bis 6.000 Stellen und ein jährliches Kostensenkungsprogramm von 400 bis 500 Millionen Euro.

Wenn 1,2 Prozent weniger Bier 6.000 Jobs kosten

Heineken verkauft 1,2 Prozent weniger Bier. 281,6 Millionen Hektoliter statt etwas mehr. Der Umsatz liegt bei 34,3 Milliarden Euro, der Nettogewinn bei 1,9 Milliarden. Und dennoch sollen 5.000 bis 6.000 Stellen gestrichen werden, flankiert von einem Kostensenkungsprogramm über 400 bis 500 Millionen Euro pro Jahr.

Eine Annahme hilft beim Einordnen: Wenn das Volumen nur leicht sinkt, die Renditeziele aber stabil bleiben sollen, entsteht Kostendruck. Das ist keine psychologische Kategorie, sondern eine betriebswirtschaftliche und finanzmarktliche Logik. Unternehmen mit globalen Marken, hoher Fixkostenbasis und kapitalmarktfähiger Finanzierung werden auf Stabilität der Ertragskraft hin organisiert, nicht auf situative Entspannung.

Gesteuert wird dabei nicht am Gewinn als Zahl, sondern an Margen, Cashflow und Erwartungen zur künftigen Profitabilität. Der ausgewiesene Gewinn ist Ergebnis, aber nicht die zentrale Zielgröße. Relevant sind Kennziffern, die Investoren als Vergleichsmaßstab nutzen, und die interne Steuerung als Vorgabe übersetzen kann. Wer diese Größen stabil halten will, muss bei Volumenrückgang entweder Preise erhöhen, Kosten senken oder Kapitalbindung reduzieren. In der Praxis wird meist kombiniert.

In einem System, in dem Rendite keine Belohnung, sondern Verpflichtung ist, sind 1,2 Prozent kein Betriebsdetail, sondern ein Signal. Ein kleines Zucken in der Absatzkurve genügt, um die Reaktionskette auszulösen. Gewinn bedeutet in diesem Kontext nicht Entspannung. Gewinn bedeutet Ausgangsniveau. Die Frage lautet nicht: Reicht das, sondern: Bleibt das so. Und falls nicht, wird vorgesorgt.

Marx hätte daran seine helle Freude gehabt, sein Begriff vom Kapital als Prozess trifft hier ins Zentrum. Kapital ist kein ruhender Besitz, sondern eine Organisationsform unter dem Zwang zur Verwertung. Es muss wachsen, seine Rentabilität sichern und sich im Wettbewerb behaupten. Stillstand wird zum Risiko, Rückschritt zur Bedrohung. Deshalb wird permanent reorganisiert, verschoben und gestrafft, nicht aus Bosheit, sondern weil die Anreizstruktur genau darauf ausgelegt ist.

Dass ein Unternehmen mit Milliardenumsatz und Milliardengewinn tausende Stellen abbaut, ist innerhalb dieser Logik kein Widerspruch. Es ist Konsistenz. Beschäftigung ist kein Zweck, sondern Mittel. Wenn die Mittel effizienter organisiert werden können, dann werden sie effizienter organisiert. Das gilt auch dann, wenn die Ausgangsbilanz glänzt.

Die 1,2 Prozent weniger Bier sind dabei kaum Ursache, eher Anlass. Volumenschwankungen in dieser Größenordnung gehören in globalen Konsumgüterkonzernen zur Normalität. Entscheidend ist nicht die Menge, sondern die Erwartung. Kapitalmärkte reagieren nicht auf das Vergangene, sondern auf das Prognostizierte. Wenn Margen perspektivisch unter Druck geraten könnten, dann wird die Kostenbasis vorsorglich gesenkt. Nicht defensiv, sondern strategisch. Aus einer Position der Stärke.

Hier zeigt sich die eigentliche Asymmetrie. Gewinne fließen an Eigentümer, reinvestiert oder ausgeschüttet. Anpassungskosten treffen Beschäftigte, Regionen, Sozialkassen. Bilanzlogik und Lebensrealität folgen unterschiedlichen Kalkülen. Eigentum verfügt. Arbeit reagiert.

Man kann das ungerecht finden. Man kann es für alternativlos halten. In jedem Fall sollte man es nicht romantisieren. Wenn ein profitabler Konzern tausende Menschen entlässt, dann nicht, weil er am Abgrund steht, sondern weil er vermeiden will, ihm auch nur einen Millimeter näher zu kommen. Sicherheit wird nicht unten organisiert, sondern oben.

Ironischerweise bestätigt gerade die Kombination aus Gewinn und Stellenabbau die Stabilität des Systems. Umstrukturierungen aus der Schwäche gelten als Krisenmanagement. Umstrukturierungen aus der Stärke gelten als Führungskompetenz. Wer früh schneidet, gilt als entschlossen. Wer wartet, als zögerlich. Der Markt belohnt nicht soziale Rücksicht, sondern antizipierte Härte.

Marx nannte das die fortwährende Revolutionierung der Produktionsverhältnisse. Übersetzt in die Gegenwart heißt das: permanente Optimierung, permanente Verdichtung, permanente Verschiebung von Risiken. Nicht als Ausnahmezustand, sondern als Normalform.

Die eigentliche politische Frage lautet deshalb nicht, ob es „menschlich“ ist, bei 1,2 Prozent weniger Absatz 6.000 Menschen zu entlassen. Die Frage lautet, warum die Regeln so gestaltet sind, dass diese Entscheidung betriebswirtschaftlich rational erscheint und gesellschaftlich weitgehend folgenlos bleibt. Solange Gewinne privatisiert und Anpassungskosten kollektiv abgefedert werden, wird sich dieses Verhalten nicht ändern.

1,2 Prozent weniger Bier sind also nicht die Geschichte. Die Geschichte ist, wie sensibel ein System auf minimale Abweichungen reagiert, wenn Rendite die zentrale Kategorie ist. Und vielleicht ist die eigentliche Pointe, dass genau das als Professionalität gilt.

Kapitalismus ist erstaunlich effizient. Nur nicht im Schutz von Arbeit


Quelle: https://www.vrt.be/vrtnws/nl/2026/02/11/nederlandse-brouwer-heineken-schrapt-komende-2-jaar-5-000-tot-6/