excerpt: Eine Studie in Global Environmental Change zeigt: Historisch wurde sinkende Emissionsintensität durch Wirtschaftswachstum überkompensiert. Für Paris-kompatible Pfade müsste die Emissionsintensität des BIP bis 2050 rund dreimal schneller sinken als je zuvor.
Drei Mal schneller reicht als Satz, nicht als Politik
Die Studie "The history of a + 3 °C future: Global and regional drivers of greenhouse gas emissions (1820–2050)" in Global Environmental Change kommt zu einer einfachen, unbequemen Bilanz. Über zwei Jahrhunderte ist die Emissionsintensität der Wirtschaftsleistung gesunken. Gleichzeitig hat Wachstum diese Effizienzgewinne überkompensiert. Global stiegen die Emissionen weiter.
Für Pfade, die mit den Pariser Zielen vereinbar sind, müsste sich die Emissionsintensität des BIP bis 2050 etwa drei Mal schneller verringern als im besten historischen 30-Jahres-Zeitraum. Dieser Bestwert lag bei rund minus 2,25 Prozent pro Jahr. Das ist kein moralischer Appell, sondern eine Aussage über Größenordnungen und historische Vergleichswerte.
Daraus folgt noch keine konkrete Politik. Aber es setzt eine harte Randbedingung: „Etwas schneller“ reicht nicht.
Was die Studie sagt und was nicht
Der Befund beruht auf einer Zerlegung der Emissionen in Treiber wie Bevölkerung, Wohlstand, Energiebedarf pro BIP und Emissionen pro Energieeinheit. In der Vergangenheit gab es Fortschritte bei Effizienz und Energieträgern. Sie waren real, aber nicht schnell genug, um Wachstum zu neutralisieren.
Wichtig ist auch der Systemrahmen: Die Studie betrachtet alle Treibhausgase und Landnutzungsänderungen. Damit wird sichtbar, dass Klimapolitik nicht nur Strom und Industrie betrifft, sondern auch Landwirtschaft, Flächennutzung und globale Lieferketten. Wer nur über Kohle spricht, beschreibt nicht das System, das hier gemessen wird.
Die politische Kurzformel ist als Kompass brauchbar, als Anleitung nicht
Stefan Rahmstorf formuliert auf LinkedIn zugespitzt:
„Die Politik hat eine klare Wahl:
Entweder höchste Priorität für ein deutlich schnelleres Ende aller CO2-Emissionen (Dekarbonisierung der Wirtschaft).
Oder die Klimaphysik erledigt das in einigen Jahrzehnten für uns (Kollaps der Wirtschaft).
Welchen Weg wählt die Bundesregierung?“
Als Orientierung funktioniert das, weil es Priorität markiert. Emissionsminderung ist keine freiwillige Zusatzaufgabe, sondern eine physikalische Randbedingung. Wer sie ignoriert, verschiebt Kosten und erhöht das Risiko nichtlinearer Schäden.
Als Handlungsanweisung ist die Formel zu grob, weil sie zentrale Mechanismen, Annahmen und Zielkonflikte ausblendet.
Vier Gründe, warum „Dekarbonisierung oder Kollaps“ politisch nicht ausreicht
1. Tempo ist nicht nur eine Zahl, sondern ein Stabilitätsproblem
Netze, Speicher, Genehmigungen, Fachkräfte, industrielle Umstellungen und Finanzierung sind Engpasssysteme. Schnelle Emissionssenkung kann scheitern, wenn diese Engpässe nicht mitwachsen und dann Gegenreaktionen auslösen. Der relevante Satz lautet deshalb: schneller ist besser, solange die Umstellung nicht an Engpässen bricht.
2. „Kollaps“ ist als Kategorie zu unscharf
Klimafolgen wirken über konkrete Kanäle: Versicherbarkeit, Infrastrukturresilienz, Wasserverfügbarkeit, Lieferketten, Gesundheitslasten, Migration, Konfliktrisiken. Diese Mechanismen sind messbar und politisch steuerungsrelevant. Der Begriff „Kollaps“ verdichtet sehr unterschiedliche Risikomechanismen zu einer binären Erzählung und erschwert damit die Auswahl konkreter Instrumente.
3. Zielkonflikte bestimmen die Umsetzung
Dekarbonisierung steht neben legitimen Zielen wie Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit, sozialer Stabilität, Flächennutzung und Naturschutz. Das sind keine Gegenargumente, sondern Implementationsbedingungen. Wer sie nicht benennt, unterschätzt das Risiko, dass Politik die Geschwindigkeit nicht hält.
4. Technik, Regulierung und politische Entscheidung müssen getrennt werden
Technik fragt nach Reife, Skalierung und Trägheiten in Strom, Wärme, Industrie, Verkehr und Landwirtschaft. Regulierung setzt Investitionssignale und reduziert Unsicherheit, etwa über CO2-Preis, Standards, Netzregeln, Planungsrecht. Politik entscheidet über Verteilung, Kompensation und strategische Industriepfade. Eine Zuspitzung kann diese Ebenen nicht ersetzen.
Warum einfache Erzählungen zu kurz greifen
„Technologie löst das“ und „Verzicht löst das“ sind beides Abkürzungen. Dekarbonisierung ist ein Infrastrukturumbau unter Unsicherheit, mit parallelen Abhängigkeiten in Erzeugung, Netzen, Flexibilität, Wärmesystemen, industriellen Prozessketten, Rohstoffversorgung und Verwaltungskapazität. Dazu kommen geopolitische Fragen, etwa bei kritischen Mineralien, Wasserstoffimporten oder Carbon-Management.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Dekarbonisierung oder Schäden eintreten. Die Frage ist, wie Dekarbonisierung so organisiert wird, dass sie schnell genug ist und gleichzeitig politisch und technisch stabil bleibt.
Eine nüchterne Prüfmatrix statt Schlussformel
Aus der Studie folgt vor allem eine Prüfliste für Politik:
- Welche Maßnahmen senken Emissionen pro BIP real und messbar, nicht nur bilanziell?
- Welche Engpässe begrenzen das Tempo und wie werden sie priorisiert?
- Welche Zielkonflikte werden entschieden, statt vertagt?
- Welche Institutionen sichern Verlässlichkeit über mehrere Wahlperioden?
Die Studie sagt nicht, was politisch „richtig“ ist. Sie zeigt, wie groß die Lücke zwischen historischer Erfahrung und physikalisch notwendiger Geschwindigkeit geworden ist. Orientierung entsteht, wenn man diese Lücke in Mechanismen übersetzt und daraus Sequenzen entwickelt, die schnell genug und zugleich tragfähig sind.
Quellen:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959378025000469