excerpt: Gender Gap: Traditionelle Vorstellungen von Geschlechterrollen prägen, wie Klimasorgen wahrgenommen und bewertet werden, und erklären, warum gängige Deutungen über politische Ideologie oft zu kurz greifen. Statt individueller Psychologie rückt der Beitrag Männlichkeit als kulturelles Leitbild und soziale Grammatik in den Mittelpunkt, die mitbestimmt, welche Sorgen und Verantwortlichkeiten als legitim gelten.

Wie Gendereinstellungen Klimasorgen prägen

Wie das Wirtschafts und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans Böckler Stiftung kürzlich in einem Blogbeitrag gezeigt hat, lässt sich der bekannte Gender Gap bei Klimasorgen noch einmal anders lesen. Ich fand das genau deshalb interessant, weil es nicht wieder nur die bekannte Erklärung war, dass Frauen sich „mehr sorgen“ und Männer „skeptischer“ seien. Der Beitrag verschiebt den Fokus weg von Psychologie und Tagespolitik, hin zu einer sozialen Ordnung, die bestimmt, welche Gefühle, welche Risiken und welche Formen von Verantwortlichkeit als legitim gelten.

Der vertraute Befund, und warum er oft zu kurz erklärt wird

Dass Frauen in Befragungen häufiger große Sorgen über die Klimakrise äußern als Männer, ist gut dokumentiert. Üblicherweise wird das mit politischer Ideologie erklärt, konservativere Selbstverortung korreliert im Durchschnitt mit geringerer Klimabesorgnis. Das ist nicht falsch, aber als Erklärung oft zu bequem. Es suggeriert, dass es sich vor allem um parteipolitische Lager handelt, oder um Informationsstände, die man mit Aufklärung und besseren Argumenten sortieren könne.

Der WSI Beitrag deutet auf einen zusätzlichen Mechanismus hin, der nicht einfach in Links Rechts aufgeht. Unter Männern hängt geringere Klimasorge auch mit traditionellen Vorstellungen über Geschlechterrollen zusammen, selbst dann, wenn man politische Selbsteinordnung und weitere Merkmale statistisch berücksichtigt. Das ist keine Kleinigkeit, weil Klimasorgen in Umfragen nicht nur ein Stimmungsindikator sind, sondern recht zuverlässig mit der Bereitschaft korrespondieren, Klimapolitik zu unterstützen und Veränderungen zu akzeptieren.

Männlichkeit als soziale Grammatik

Der analytische Kern ist eine Unterscheidung, die ich für produktiv halte. Es geht nicht darum, Männern Eigenschaften zuzuschreiben, sondern um Männlichkeit als kulturelles Leitbild, als Set von Erwartungen, das mit Status und Anerkennung verbunden ist. Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit ist dafür ein etablierter Bezugspunkt. Es beschreibt keine Natur, sondern eine Ordnung, die in Institutionen, Arbeitsteilungen und politischen Konflikten mitläuft.

In dieser Ordnung werden bestimmte Haltungen aufgewertet, Unabhängigkeit, Kontrolle, Technikaffinität, Abgrenzung von Verletzlichkeit, und ein Zugriff auf Natur, der als legitim erscheint. Andere Haltungen, Fürsorge, Kooperation, Abhängigkeit, werden eher abgewertet oder als nicht männlich markiert. Klimaschutz wirkt in dieser Perspektive nicht nur wie ein Politikprogramm, sondern wie ein kultureller Gegenentwurf. Er ist oft mit Begrenzung, Umbau und Rücksichtnahme verbunden, also mit genau jenen Dingen, die in manchen Männlichkeitsidealen als Schwäche oder Statusverlust gelesen werden können.

Der Beitrag verweist außerdem auf neuere Konzepte wie Petromaskulinismus, die zeigen, wie fossile Lebensweise, Misogynie und Klimawandelleugnung in bestimmten Milieus ideologisch verschränkt werden können. Das muss nicht überall so sein, aber es macht sichtbar, dass der Konflikt nicht nur um CO₂ Preise und Technologien geführt wird, sondern auch um Identität, Hierarchie und Deutungshoheit.

Was die Daten konkret zeigen

Die Autorinnen arbeiten mit SOEP Daten aus dem Jahr 2019. Gemessen wird zum einen die Sorge um die Folgen des Klimawandels. Zum anderen ein Index zu Geschlechterrollen, genauer zur Akzeptanz von Geschlechtervielfalt. Höhere Werte stehen für stärkere Ablehnung, also traditionellere, hierarchienahe Vorstellungen.

Wichtig ist hier die begriffliche Nüchternheit. Das ist keine direkte Messung von Männlichkeit, sondern ein Indikator für traditionelle Geschlechterbilder. Und es sind Querschnittsdaten, also Momentaufnahmen, die Zusammenhänge zeigen, aber keine kausalen Effekte beweisen.

Trotzdem ist das Muster bemerkenswert. Unter Männern mit progressiveren Gendereinstellungen geben nur etwa fünf Prozent an, keine Klimasorgen zu haben. Unter Männern mit traditionellen Einstellungen sind es rund 25 Prozent. In Regressionsmodellen bleibt der Zusammenhang bei Männern auch dann bestehen, wenn unter anderem politische Selbsteinordnung, Alter, Bildung, Einkommen und Erwerbsstatus kontrolliert werden. Der Beitrag nennt als Größenordnung eine umgerechnet etwa 26 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit, Klimasorgen zu berichten, pro Stufe traditioneller auf dem Index. Gleichzeitig zeigt sich, erwartbar, ein negativer Zusammenhang zwischen rechter Selbsteinordnung und Klimasorgen.

Bei Frauen sind die Punktschätzer in den Modellen nicht statistisch signifikant. Das ist kein Beweis, dass es keinen Zusammenhang gibt, sondern eher ein Hinweis darauf, dass Mechanismen, Varianz und Messprobleme geschlechtsspezifisch unterschiedlich sein können.

Warum das als Befund mehr ist als eine soziologische Fußnote

Mich überzeugt an dieser Perspektive vor allem, dass sie die typische Sackgasse vermeidet. Wenn man Klimaskepsis nur als Informationsproblem oder als parteipolitische Loyalität liest, landet man schnell bei Kommunikationstipps und Zielgruppenmarketing. Das mag kurzfristig wirken, aber es erklärt nicht, warum bestimmte Argumente überhaupt als plausibel empfunden werden, und andere als Zumutung.

Wenn traditionelle Geschlechterrollenbilder mit geringerer Klimasorge zusammenhängen, dann ist ein Teil der Klimadebatte ein Konflikt um soziale Ordnung. Dann ist „Sorge“ nicht nur eine Einschätzung von Risiken, sondern auch eine Frage, ob es im eigenen Selbstbild und im eigenen Milieu akzeptabel ist, Verwundbarkeit anzuerkennen, Abhängigkeiten zu thematisieren, oder Begrenzungen als vernünftig zu akzeptieren.

Das verändert auch den Blick auf politische Strategien. Es folgt daraus nicht, dass Klimaschutz „männlicher“ inszeniert werden müsse, als wäre das ein Brandingproblem. Eher legt es nahe, dass Klimapolitik langfristig nur stabil wird, wenn sie mit einer sozialen Perspektive verbunden ist, die Statusängste reduziert, Care Arbeit aufwertet, und Teilhabe glaubwürdig organisiert. Wo autoritäre Bewegungen Geschlechterordnung als Mobilisierungsthema nutzen, wird Klimapolitik besonders angreifbar, weil sie dann als Angriff auf Lebensweise und Hierarchie gerahmt werden kann.

Der Beitrag ist in seinen Limitationen sauber. Querschnittsdaten lassen offen, ob traditionelle Geschlechterbilder Klimasorgen dämpfen, oder ob ein dritter Faktor, etwa Systemrechtfertigung oder Autoritarismus, beides antreibt. Außerdem sind Selbstauskünfte über „Sorge“ selbst normativ gerahmt. Es kann sein, dass Männer nicht weniger besorgt sind, sondern Sorge anders ausdrücken, oder sie seltener als legitime Antwort wählen. Solche Messfragen sind nicht lästig, sie sind Teil des Themas, weil sie genau auf die sozialen Normen verweisen, die hier untersucht werden.

Trotzdem bleibt die Pointe stehen. Geschlechtergerechtigkeit, soziale Gleichheit und Klimaschutz sind nicht drei getrennte Baustellen, die man nacheinander abarbeitet. Sie greifen ineinander, weil sie an denselben Institutionen, Anreizstrukturen und kulturellen Deutungen rühren. Der WSI-Befund ist deshalb weniger eine Zusatzvariable in einem Regressionsmodell, als ein Hinweis darauf, warum Klimapolitik in manchen Gruppen nicht nur als teuer oder unpraktisch gilt, sondern als identitär unpassend.


Quelle: WSI Blog, „Wie Gendereinstellungen Klimasorgen prägen“, 29.01.2026, https://www.wsi.de/de/blog-17857-wie-gendereinstellungen-klimasorgen-praegen-74426.htm