excerpt: Der Türelüre-Lißje-Brunnen ist keine harmlose Allegorie sondern ein Objekt, welches die öffentliche Bloßstellung eines Kindes zeigt, und meiner Meinung nach nicht in den öffentlichen Raum gehört.
Warum der Türelüre-Lißje-Brunnen aus dem öffentlichen Raum verschwinden sollte
Der Türelüre-Lißje-Brunnen ist ein Stück Aachen. Er steht seit 1967 an der Ecke Bendstraße und Klappergasse, nicht als abstraktes Kunstwerk, sondern als konkret erzählte Szene. In der Mitte ein Mädchen, umringt von Jungen, die es am Gang zur Toilette hindern. Das dazugehörige Spottlied, im 19. Jahrhundert aufgezeichnet, lebt davon, dass dieser Kontrollverlust öffentlich wird. Diese Lesart ist also nicht nur eine moderne Projektion, sie ist im Motiv und in der Überlieferung angelegt.
Gerade deshalb lohnt es sich, den Ort und die Wirkung heute nüchtern zu betrachten. Es geht nicht um eine nachträgliche moralische Säuberung der Vergangenheit. Es geht um eine Gegenwartsfrage: Welche Bilder stellen wir im öffentlichen Raum dauerhaft aus, an welchen Orten, mit welcher Einordnung, und für wen?
Ein Denkmal, das eine Bloßstellung fixiert
Das Motiv ist keine Allegorie und keine mehrdeutige Szene, die erst durch Interpretation scharf wird. Es ist eine plastisch fixierte Bloßstellung eines Kindes. Das Kind wird nicht geschützt, es wird festgehalten. Die Umstehenden sind nicht Helfende, sie sind Teil der Inszenierung. Der "Witz" entsteht aus der Kombination von Machtgefälle, Aufhalten und öffentlicher Beschämung.
Man kann, kulturhistorisch korrekt, darauf hinweisen, dass solche Spottlieder früher nicht als Kinderlieder im heutigen Sinn gedacht waren, dass sie Ausdruck einer anderen Volkskultur waren, dass Dialekt als sozialer Schutzraum funktionieren konnte, und dass sich der Spott in manchen Lesarten auch gegen die Jungen richten mag. Diese Einordnung ist wichtig. Nur beantwortet sie nicht die zentrale Frage, die sich im Straßenraum stellt: Was bedeutet dieses Objekt als dauerhafte, jederzeit sichtbare Szene in einer Stadt, in der auch Kinder leben und sich bewegen?
Ein Brunnen ist keine Museumsvitrine. Er ist Alltag. Er steht im Blick, er wird zum Treffpunkt, zum Fotomotiv, zum wiederkehrenden Zeichen im Gedächtnis einer Stadt. Und genau deshalb ist die Frage nach dem Motiv nicht nur kunsthistorisch, sondern stadtethisch.
Kinderschutz und Würde
Mein Hauptargument ist Kinderschutz und Würde, verstanden nicht als juristische Drohkulisse, sondern als Maßstab für öffentliche Darstellung. Im Kontext öffentlicher Kunst heißt das vor allem: Schutz vor Beschämung als Unterhaltung, vor entwürdigender Darstellung, und vor der Normalisierung einer Szene, in der ein Kind am dringendsten Bedürfnis gehindert und dabei zum Objekt des Gelächters gemacht wird.
Dabei muss man nicht psychologisieren und auch nicht behaupten, jede Betrachterin, jeder Betrachter werde dadurch innerlich „verzogen“. Es reicht, sich die überprüfbaren Eigenschaften des Ortes anzusehen. Der Brunnen ist unkommentiert, jederzeit sichtbar, für Kinder unmittelbar zugänglich. Er steht nicht in einem kuratierten Rahmen, der Distanz schafft oder eine Einordnung anbietet. Er ist Teil des Alltagsraums, damit auch Teil dessen, was eine Stadt stillschweigend als hinnehmbar ausstellt.
Öffentliche Kunst darf irritieren, sie darf auch unbequem sein. Nur ist das hier keine Irritation, die aufklärt oder bricht. Die Szene reproduziert eine Demütigung als Pointe, und sie tut das im Modus der Selbstverständlichkeit, als lokales Erkennungszeichen. Genau darin liegt das Problem. Nicht weil Humor verboten wäre, sondern weil nicht jede Pointe als dauerhaftes Stadtbild in den Alltag gehört, erst recht nicht, wenn sie auf der Bloßstellung eines Kindes beruht.
Geschichte bewahren heißt nicht, alles am Ort zu lassen
In Aachen wird der Umgang mit dem Brunnen nun im Bürgerforum beraten, ergebnisoffen, wie das Schreiben aus dem Fachbereich Verwaltungsleitung, Grundsatz und Dialog formuliert. Das ist ein geeignetes Format, weil es nicht nur um Kunstgeschichte geht, sondern um Stadtraum, Nachbarschaft, Nutzung, und um die Frage, was wir im gemeinsamen Alltag für angemessen halten.
Dabei sollte man zwei Dinge sauber trennen: Erhalt und Präsenz.
Ein Objekt kann und sollte erhalten werden, gerade wenn es kulturhistorisch aufschlussreich ist. Aber Erhalt bedeutet nicht automatisch, dass es im öffentlichen Raum stehen muss, wo es sich jeder und jedem ohne Kontext aufdrängt. Städte haben viele Formen, Geschichte sichtbar zu machen, ohne sie als tägliche Kulisse zu normalisieren.
Eine schlüssige Lösung: erhalten, verlagern, den Ort neu gestalten
Wenn das Ziel wirklich ist, den Brunnen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, ohne Kulturgeschichte zu vernichten, dann ist die schlüssigste Kombination aus meiner Sicht: das Objekt erhalten, den Standort wechseln, den Ort neu gestalten.
Das bedeutet erstens: Der Brunnen wird nicht zerstört und nicht „weggeworfen“. Er wird an einen Ort gebracht, an dem er als Zeitzeugnis gelesen werden kann, mit Einordnung, Kontext und Distanz. Ein Museum bietet sich an, ebenso ein kuratierter Innenhof oder ein Depot mit verlässlicher öffentlicher Zugänglichkeit. Entscheidend sind Kriterien wie: kontrollierte Zugänglichkeit, erklärende Tafeln, ein klarer Hinweis auf Herkunft und Motiv, und eine pädagogische Rahmung, die die Szene nicht verharmlost, sondern historisch einordnet.
Zweitens: Der Platz an Bendstraße und Klappergasse wird nicht einfach leergeräumt, sondern neu gestaltet. Denn auch das gehört zur Ehrlichkeit. Wer ein solches Objekt entfernt, verändert einen Ort. Diese Veränderung sollte nicht als Verlust verwaltet werden, sondern als Gestaltungschance. Das kann ein neues Wasserobjekt sein, das ohne Bloßstellung auskommt, ergänzt um Sitzgelegenheiten, Begrünung, vielleicht auch Kunst im Rahmen eines offenen Wettbewerbs, mit einer klaren Aufgabenstellung: ein Motiv, das Alltag verträgt, weil es nicht auf Kosten eines Kindes funktioniert.
So entsteht eine doppelte Klarheit. Die Stadt sagt, wir nehmen Kinderschutz und Würde im öffentlichen Raum ernst. Und sie sagt zugleich, wir sind fähig, Geschichte zu bewahren, ohne sie unkritisch zu feiern.
Was ich mir von der Debatte wünsche
In solchen Diskussionen rutschen Menschen schnell in Lager. Die einen verteidigen „Tradition“, die anderen verlangen „Abbau“. Beides ist als Reflex verständlich, aber beides ist zu grob.
Ich wünsche mir eine Debatte, die präzise bleibt. Es geht nicht um Dialekt, nicht um Humorverbote, nicht um eine nachträgliche Abrechnung mit früheren Generationen. Es geht um ein konkretes Motiv im öffentlichen Raum, das eine konkrete Form von Demütigung zeigt. Und es geht um die Frage, ob wir als Stadt wollen, dass diese Szene weiterhin als identitätsstiftendes Bild im Alltag präsent ist.
Für mich ist die Antwort nein. Nicht, weil Aachen seine Geschichte verleugnen müsste, sondern weil eine Stadt auch zeigen darf, dass sie dazugelernt hat. Kinderschutz und Würde sind keine Modebegriffe. Sie sind ein Maßstab, an dem sich öffentlicher Raum messen lassen muss, besonders dort, wo er allen gehört.
Einladung zum Mitdenken
Das Bürgerforum am 10.02.2026 ist eine Gelegenheit, diese Fragen ruhig und sachlich zu verhandeln. Wer in der Nähe wohnt, wer den Brunnen seit Jahren kennt, wer ihn verteidigt oder ablehnt, sollte die eigenen Gründe offenlegen und die Gründe der anderen ernst nehmen.
Ich plädiere für die Entfernung aus dem öffentlichen Raum, verbunden mit Erhalt und Kontextualisierung an einem geeigneten Ort, und mit einer Neugestaltung des Platzes. Das ist keine radikale Geste. Es ist eine verantwortliche Entscheidung, die Kulturgeschichte nicht auslöscht, aber die Würde von Kindern im Stadtraum nicht zur verhandelbaren Nebensache macht.
Quelle zur Einordnung: https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrel%C3%BCre-Li%C3%9Fje