excerpt: Europas zögerliche, bürokratische Umsetzung der Energiewende kontrastiert mit der Geschwindigkeit, mit der Autokratien industrielle Systeme umbauen können.

Autokraten begreifen den Wandel, Europa nicht

Greg Jackson sagt einen dieser Sätze, die man in Europa nur ungern hört, weil sie zu sauber passen. Er behauptet, wir machten die Energiewende so, als wollten wir, dass sie scheitert. Das ist als Diagnose unerquicklich, aber nicht abwegig. Denn wenn man sich unsere Lieblingsinstrumente ansieht, Netzausbau als Standardantwort, Abgaben als Reflex, Marktregeln aus der Fossilzeit, dann wirkt es tatsächlich wie eine Art methodische Selbstbehinderung.

Warum reagieren wir hier so zögerlich, so umständlich, so übervorsichtig, bis zur Parodie? Und warum sind es ausgerechnet Autokratien, die gerade demonstrieren, wie schnell man industrielle Systeme umbauen kann, wenn man es wirklich will?

Das ist kein Plädoyer für Autokratie. Der Vergleich soll nicht Kompetenz mit Geschwindigkeit verwechseln. Autokratien können schneller entscheiden und bauen, aber sie tun das oft ohne die Korrektive, die Fehlsteuerungen begrenzen. Überkapazitäten, Fehlallokationen, hohe Verschuldung, lokale Enteignungen, schwache Arbeitsrechte, Umweltfolgen, all das kann real sein, und taucht nicht zuverlässig im Strompreis auf. Der Punkt ist nüchterner: Wo Macht konzentriert ist, kann sie Tempo erzwingen, und Demokratien müssen andere Wege finden, Tempo mit Legitimität und Kostenwahrheit zu verbinden.

Europa, das sich gern als rationaler Ingenieur versteht, verhält sich in der Praxis oft wie ein Gremium, das jedes Problem zuerst in Zuständigkeiten zerlegt, bis es handlich klein ist, und danach überrascht feststellt, dass es immer noch da ist.

Der Kernpunkt, den wir gern übersehen: Strom ist nicht Energie

Jacksons Argument ist im Grunde banal, und vielleicht ist genau das das Problem. Wir starren auf den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix, als wäre das die ganze Geschichte. Dabei ist Strom nur ein Teil des Energieverbrauchs. Der Rest steckt in Industrieprozessen, Wärme, Verkehr, also in Molekülen, Gas, Öl, Kraftstoffen. Wer die Energiewende auf den Strommix reduziert, kann sich jahrelang auf die Schulter klopfen, während die Emissionen anderswo träge bleiben.

Das führt zu einem politischen Muster, das ich seit Jahren beobachte: Man sucht sich den Bereich, in dem Fortschritt am besten zählbar ist, und erklärt ihn zum Hauptkampfplatz. Strom lässt sich in Prozentpunkten erzählen, Heizkessel und Prozesswärme sind komplizierter. Also wird Strom zur Bühne, und der Rest bleibt Kulisse.

Jackson sagt außerdem etwas, das in Deutschland fast schon als Provokation gilt: Selbst ein Elektroauto mit Strom aus Gaskraftwerken kann im Betrieb, je nach Strommix und Nutzung, weniger CO₂ verursachen als ein vergleichbarer Verbrenner, weil der elektrische Antriebsstrang effizienter ist. Das ist keine Romantik, das ist Physik und Systemeffizienz. Es ist nur keine universelle Wahrheit für jede Stunde, jede Fahrzeugklasse und jede Lieferkette, und genau deshalb wäre es klüger, die Debatte weniger moralisch und mehr systemisch zu führen.

Wir führen sie aber oft so, als sei jede Kilowattstunde, die nicht zu hundert Prozent grün ist, wertlos. In der Zwischenzeit verbrennen wir weiter Öl, Gas und Benzin, und nennen es Realismus.

Teuer wird es „komischerweise erst, sobald es im Netz landet“

Der Satz ist deshalb so treffend, weil er das europäische System entlarvt. Solarstrom und Windstrom sind in der Erzeugung mittlerweile oft billig. Teuer wird es, wenn er durch Preiselemente, Abgaben, Netzentgelte, Umlagen, Steuern, Bürokratie und Sicherheitszuschläge muss. In Deutschland besteht, je nach Jahr, Tarif und Haushaltsprofil, ein großer Teil des Endpreises aus Netzentgelten sowie Steuern und Abgaben, grob in der Größenordnung von etwa der Hälfte oder mehr. Wer sich an einer einzelnen Prozentzahl festbeißt, verpasst den Strukturfehler.

Was genau soll hier eigentlich bepreist werden, Energieknappheit oder politische Bequemlichkeit?

Denn wir haben ein System gebaut, das ausgerechnet Elektrifizierung, also den zentralen Hebel zur Emissionsminderung, künstlich verteuert. Gleichzeitig lassen wir fossile Nutzung in anderen Sektoren vergleichsweise bequem weiterlaufen, oft mit geringerer Abgabenlast, manchmal mit direkter oder indirekter Subvention. Das ist keine Strategie, das ist Pfadabhängigkeit in Reinform.

Wenn man aus dieser Diagnose etwas ableiten will, ohne in einen Forderungskatalog zu kippen, dann ungefähr das: Die Abgabenlast sollte weniger auf der Kilowattstunde Strom liegen, und stärker an CO₂ und Primärenergie hängen. Netzentgelte sollten stärker zeitvariabel werden, damit Knappheit und Überschuss dort ankommen, wo sie wirken. Und die Infrastruktur für dynamische Tarife und Flexibilität, Smart Metering, Standards, Marktregeln, sollte so gestaltet sein, dass sie skaliert, statt sich in Verfahren zu erschöpfen.

Flexibilität: Europas Lieblingswort, das niemand benutzen darf

Jacksons schärfster Punkt ist nicht Wind, nicht Solar, nicht Kernkraft, sondern Flexibilität. Also die Fähigkeit, Nachfrage und Angebot dynamisch zu koordinieren, mit Batterien, mit steuerbaren Verbrauchern, mit E Autos als Last, mit Wärmepumpen, mit Tarifen, die tatsächlich etwas bedeuten. In Großbritannien, sagt er, senken flexible Verbraucher die Preise massiv, und das oft günstiger, als zusätzliche fossile Reserveleistung vorzuhalten.

In Europa dagegen behandeln wir Flexibilität häufig wie ein Forschungsprojekt, nicht wie eine betriebliche Voraussetzung eines Systems mit viel Wind und Sonne. Wir bauen Erneuerbare, als müssten sie sich wie Grundlastkraftwerke verhalten, und wir halten an Marktregeln fest, die für träge, zentralisierte Erzeugung entworfen wurden. Dann wundern wir uns, dass es teuer wird.

Wovor hat man eigentlich Angst? Vor dynamischen Tarifen? Vor der Idee, dass Strom mittags billiger und abends teurer sein kann, weil das physikalisch sinnvoll ist? Vor dem Kontrollverlust etablierter Akteure, die mit starren Strukturen gut leben?

Wir haben einen Kontinent voller Ingenieure, und trotzdem tun wir so, als sei Lastmanagement ein exotisches Spezialthema, weil es bestimmte Geschäftsmodelle stört.

Lobbyismus ist nicht das Problem, sondern die Ausrede

Jackson beschreibt das bekannte Muster: Regierungen hören auf die Industrie, die fossile Industrie hat viele Lobbyisten, die Zukunft hat keine. Niemand lobbyiert für Dinge, die es noch nicht gibt. Das ist ein wichtiger Satz, weil er erklärt, warum Politik so oft das Bestehende optimiert, statt das Kommende zu ermöglichen.

In Deutschland kommt noch ein besonderer Zug hinzu: Wir verwechseln industriepolitische Interessen gern mit nationalem Interesse. Wenn ein großer Akteur sagt, eine Reform gefährde Versorgungssicherheit oder Arbeitsplätze, dann wird das nicht als Verhandlungstaktik behandelt, sondern als Naturgesetz. Die Drohung mit Blackouts ist in Europa ein politisches Allzweckwerkzeug, sie funktioniert deshalb so gut, weil sie selten getestet wird.

Wie kann es sein, dass wir nach den Gasschocks der letzten Jahre immer noch so tun, als wäre die eigentliche Gefahr die Reform, nicht die Abhängigkeit?

Vor drei Jahren, erinnert Jackson, musste Europa hunderte Milliarden ausgeben, um hohe Gasrechnungen abzufedern. Das war keine theoretische Risikoanalyse, das war eine Rechnung, die bezahlt wurde. Und trotzdem bleibt das System, das diese Rechnung möglich gemacht hat, erstaunlich stabil.

Autokraten handeln, weil sie müssen, und weil sie können

Der unangenehme Teil des Interviews ist der Vergleich. China habe früh auf Elektrofahrzeuge gesetzt und produziere heute einen Großteil der globalen Erneuerbaren, von Batterien bis Solaranlagen. Im Nahen Osten entstehen Projekte, die rund um die Uhr sauberen Strom liefern sollen, kombiniert aus Solar und Speichern. Saudi Arabien plane in wenigen Jahren Zubaugrößen, die das britische System übertreffen.

Man muss dabei nicht naiv sein. Autokratien handeln nicht aus Klimamoral, sondern aus Machtkalkül. Energiesouveränität ist dort keine Sonntagsrede, sondern Staatsräson. Wer sein Öl und Gas exportieren will, hat ein Interesse daran, den Eigenverbrauch zu elektrifizieren und zu dekarbonisieren, weil das Exportvolumen erhöht. Das ist das „norwegische Modell“, das Jackson anspricht, nur ohne norwegische Öffentlichkeit. Und es bleibt der zweite Teil der Wahrheit: Diese Systeme können Tempo machen, aber sie können dabei auch Kosten externalisieren, und sie können sich Irrtümer länger leisten, weil Widerspruch politisch teuer ist.

Warum fällt es Europa so schwer, denselben nüchternen Blick einzunehmen? Warum behandeln wir Energie immer noch wie eine Mischung aus Sozialpolitik, Kulturkampf und Standortdebatte, statt wie das, was es ist, ein strategisches System?

Europa hat demokratische Zwänge, ja. Aber es hat auch etwas, das Autokratien nicht haben: Legitimität durch Beteiligung. Der Witz ist nur, dass wir diese Legitimität oft verspielen, weil wir die Kosten falsch verteilen und die Komplexität künstlich erhöhen. Wer Elektrifizierung teuer macht, lädt die politische Gegenreaktion ein.

Das Szenario, das niemand offen ausspricht: Abkopplung

Jackson erwähnt Pakistan, wo der Netzbetreiber faktisch in Schwierigkeiten gerät, weil viele Menschen sich mit Solar und Batterien selbst versorgen. Das ist ein Vorgeschmack auf etwas, das auch in Europa passieren kann, nur langsamer und wohlhabender. Wer ein Eigenheim hat, installiert PV, Speicher, vielleicht ein E-Auto, und senkt seine Netzabhängigkeit. Wer zur Miete wohnt, zahlt weiter Netzentgelte und Abgaben, und finanziert damit ein System, das zunehmend von denjenigen verlassen wird, die es am besten tragen könnten.

Ist das der Plan? Oder ist es nur das Ergebnis eines Systems, das Flexibilität und dezentrale Erzeugung rhetorisch feiert, aber regulatorisch so behandelt, als seien sie Sonderfälle?

Wenn das so läuft, bekommen wir eine Energiewende, die technisch funktioniert, aber sozial und politisch brüchig wird. Nicht weil Erneuerbare teuer wären, sondern weil wir die Einsparungen nicht ins System lassen.

Europa zögert, weil es gelernt hat, Zögern für Verantwortung zu halten

Der zynische, vielleicht böse Schluss liegt nahe. Europa reagiert zögerlich, weil Zögern hier als Tugend gilt. Man nennt es Abwägung, Stakeholder Prozess, Konsens, Rechtsstaatlichkeit. Das alles hat Wert. Aber es wird zur Ausrede, wenn es bedeutet, dass man jedes neue Instrument erst zulässt, nachdem es so reguliert wurde, dass es sich wie das alte verhält.

Autokraten begreifen den Wandel, weil Wandel dort Kontrolle bedeutet, nicht Risiko. Europa begreift ihn oft als Risiko, weil er bestehende Verteilungen und Zuständigkeiten angreift. Und weil wir uns angewöhnt haben, Versorgungssicherheit mit dem Schutz bestehender Geschäftsmodelle zu verwechseln.

Was wäre, wenn wir einmal andersherum denken würden? Wenn wir nicht zuerst fragen, wie wir das alte System stabil halten, sondern wie wir das neue billig und robust betreiben?

Denn die Pointe dieses Interviews ist nicht, dass Europa dumm ist. Die Pointe ist, dass Europa sich leisten kann, langsam zu sein, bis es sich nicht mehr leisten kann. Und dann wird es plötzlich sehr schnell gehen, nur eben nicht geplant, sondern erzwungen, durch Preise, durch Abkopplung, durch geopolitische Schocks.

Das ist die Art Beschleunigung, die man in funktionierenden Demokratien eigentlich vermeiden möchte.


Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Octopus-Energy-Chef-Greg-Jackson-Ganz-ehrlich-Europa-macht-Energiewende-so-als-wuerde-man-wollen-dass-sie-scheitert-id30304567.html