excerpt: Meiner Meinung nach zeigen die Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur, wie schnell ein Stromausfall zu Ausfällen von Wärme, Wasser und Kommunikation eskaliert. Zentralisierte Stromsysteme sind zwar effizient, im Krisen- und Kriegsfall aber entscheidende und leicht angreifbare Ziele.
Energieversorgung im Ernstfall
In der Meldung der Tagesschau - siehe unten - steckt eine nüchterne Lektion über Infrastruktur. Wenn nach massiven Angriffen 1,2 Millionen Haushalte ohne Strom sind und bei minus zehn Grad in tausenden Gebäuden die Heizung ausfällt, dann ist das nicht nur ein humanitäres Drama. Es ist auch ein Lehrstück darüber, wie moderne Gesellschaften an wenigen technischen Engstellen hängen, und wie schnell „Stromausfall“ in Wahrheit „Ausfall von Wärme, Wasser und Kommunikation“ bedeutet. Resilienz ist dann nicht mehr die Frage, ob irgendwo noch Licht brennt, sondern ob kritische Lasten weiterlaufen, und ob Wärme über Stunden und Tage gehalten werden kann, oft eher mit thermischen Speichern und Lastpriorisierung als mit zusätzlicher elektrischer Erzeugung.
Russland greift seit Monaten systematisch Energieobjekte in der Ukraine an. Die Logik dahinter ist brutal, aber rational: Wer den Betrieb großer Kraftwerke, Umspannwerke und zentraler Leitungen stört, trifft nicht einzelne Verbraucher, sondern ganze Regionen. Strom ist ein Netzgut, und zentrale Netze haben zentrale Schwachstellen.
Zentralisierung schafft wenige, aber entscheidende Ziele
Ein klassisches Stromsystem ist historisch um große Kraftwerke herum gebaut. Kohle, Gas, Kernenergie, große Wasserkraft, sie alle funktionieren gut in Skaleneffekten. Man baut wenige Anlagen, die sehr viel Leistung liefern, und verbindet sie über Hochspannungsleitungen mit Verbrauchszentren. Das ist effizient, solange Frieden herrscht, Ersatzteile verfügbar sind, Personal sicher arbeiten kann, und die Leitstellen den Betrieb stabil regeln.
Unter Beschuss kehren sich diese Vorteile um. Zentrale Systeme bündeln nicht nur Leistung, sie bündeln auch Verwundbarkeit. Ein Kraftwerksblock, ein großes Umspannwerk, eine Schaltanlage, ein Engpass in der Übertragungsleitung, das sind Objekte, die sich identifizieren, planen und wiederholt treffen lassen. Die Wirkung ist überproportional, weil an diesen Punkten viele Abhängigkeiten zusammenlaufen.
Hinzu kommt ein Problem, das in Berichten oft nur am Rand auftaucht, aber entscheidend ist: Wiederherstellung ist nicht nur eine Frage des guten Willens. Wenn Ersatzteile fehlen, wenn Spezialtransformatoren lange Lieferzeiten haben, wenn Techniker unter Gefahr arbeiten oder sogar getötet werden, dann wird aus einem technischen Schaden ein dauerhafter Zustand. Zentralität verlängert in solchen Situationen die Ausfallzeiten, weil Reparaturen an wenigen großen Komponenten hängen.
Dezentralisierung verändert die Angriffsökonomie, und verschiebt Abhängigkeiten
Dezentralisierte Stromversorgung heißt nicht nur, dass irgendwo ein Solarpanel auf einem Dach liegt. Es heißt, dass Erzeugung, Umwandlung und teilweise auch Speicherung über viele Orte verteilt sind. Windparks, PV-Anlagen, Biogas, kleine Wasserkraft, Blockheizkraftwerke, Batterien, Wärmepumpen mit Pufferspeichern, lokale Netze, all das verschiebt die Systemgeometrie.
Für einen Angreifer ist das vor allem eines: teurer, wenn das Ziel flächendeckender Ausfall ist. Nicht im moralischen Sinn, sondern in der Logik von Aufwand und Wirkung. Wenn die Versorgung einer Stadt an wenigen Umspannwerken hängt, sind das wenige Ziele mit hoher Wirkung. Wenn ein relevanter Teil der Versorgung aus vielen Anlagen kommt, die räumlich verteilt sind, dann steigt die Zahl der Ziele stark an, während die Wirkung jedes einzelnen Treffers sinkt.
Das ist der Unterschied zwischen Punkt und Fläche. Zentralisierte Infrastruktur ist punktförmig, dezentralisierte ist flächig. Punktförmige Systeme kann man mit begrenzten Mitteln nachhaltig stören, flächige Systeme zwingen zur Streuung, sie erzeugen Reibung, sie reduzieren den strategischen Hebel.
Gleichzeitig sollte man den Begriff nicht romantisieren. Dezentralisierung reduziert bestimmte physische Single Points of Failure, sie schafft aber neue Abhängigkeiten, insbesondere in der Koordination und im digitalen Layer. Wo früher wenige große Komponenten und wenige Leitstellen dominierten, entstehen viele kleinere Einheiten, die geschützt, gewartet, parametriert, überwacht und im Fehlerfall koordiniert werden müssen. Das senkt die Verwundbarkeit gegenüber einzelnen physischen Treffern, erhöht aber die operative Komplexität, und es vergrößert die Angriffsfläche in IT und OT, von Fernwirktechnik bis Wechselrichtersteuerung.
Wichtig ist dabei ein Detail, das in der Energiedebatte oft untergeht: Dezentralisierung ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Inselbetrieb. Ein dezentrales System kann weiterhin ans Verbundnetz gekoppelt sein, und das ist im Normalbetrieb sogar wünschenswert. Der Resilienzgewinn entsteht, wenn Teile des Systems im Notfall lokal weiterlaufen können, zumindest für kritische Lasten, und wenn die Wiederherstellung nicht von wenigen Großkomponenten abhängt.
Resilienz ist Betriebsfähigkeit, nicht nur Erzeugung
Man kann ein Land mit Solarpanels zubauen und trotzdem im Ernstfall scheitern, wenn die Steuerung, die Schutztechnik und die Netztopologie nicht mitgedacht werden. Sabotage richtet sich nicht nur gegen Erzeugung, sondern gegen die Fähigkeit, Strom sicher zu verteilen, und dabei ist die Frage der Wärmeversorgung oft der härtere Teil des Problems. Bei minus zehn Grad entscheidet nicht die Existenz irgendeiner Kilowattstunde, sondern ob Wärme, Wasserförderung, Abwasser, Telekommunikation und medizinische Versorgung priorisiert und stabil versorgt werden, und ob thermische Puffer die unvermeidlichen Lücken überbrücken.
In einem dezentralen Ansatz liegen deshalb zwei technische Schlüssel.
Erstens die Fähigkeit zur Segmentierung. Wenn Netze so ausgelegt sind, dass sie sich in kleinere Bereiche aufteilen lassen, die bei Störungen getrennt werden können, dann verhindert man Kaskaden. Segmentierung ist allerdings nicht nur eine Schalterfrage. Sie braucht Stabilitätsmanagement, insbesondere in Netzen mit vielen inverterbasierten Erzeugern, deren Verhalten bei Fehlern, Frequenzabweichungen und Spannungseinbrüchen aktiv gestaltet werden muss. Inselbetrieb ist möglich, aber nicht trivial, er erfordert Schutzkonzepte, geeignete Regelung, abgestimmte Betriebsführung, und Übung im Ernstfall.
Zweitens die lokale Versorgung kritischer Infrastruktur. Krankenhäuser, Wasserwerke, Kommunikationsknoten, Wärmeversorgung, sie alle brauchen nicht unbedingt die volle Leistung des Normalbetriebs, aber sie brauchen Verlässlichkeit. Dezentral erzeugter Strom, kombiniert mit Speichern, kann hier Zeit kaufen, die Reparaturen benötigen. Diese Speicher sind dabei nicht nur Batterien. In der Kälte sind thermische Speicher, Pufferspeicher in Wärmesystemen, und die Fähigkeit, Lasten gezielt abzuwerfen oder zu verschieben, oft entscheidend, weil sie mit vergleichsweise wenig Technik viel Zeit überbrücken können.
Die Grenzen sind real, aber anders verteilt
Dezentralisierung macht ein System nicht unverwundbar. Wind und Sonne sind wetterabhängig. Batterien sind endlich. Wechselrichter, Steuerungen und Kommunikationswege sind ebenfalls angreifbar, und die wachsende Zahl verteilter Komponenten vergrößert die Fläche, die man betreiben, absichern und im Cyberraum verteidigen muss. Auch dezentrale Anlagen können getroffen werden, in einem Krieg ist kein Objekt per se sicher.
Der Punkt ist ein anderer: Die Ausfallcharakteristik verändert sich. Zentralisierte Systeme tendieren zu großen, abrupten Ausfällen, wenn Knotenpunkte getroffen werden. Dezentralisierte Systeme tendieren eher zu graduellen Verlusten, die sich über viele kleine Ereignisse verteilen. Für die Bevölkerung ist das kein Trost, wenn gerade die eigene Straße im Dunkeln liegt. Für die Gesellschaft als Ganzes ist es aber ein Unterschied, ob ein Angriff eine Metropole weitgehend lahmlegt, oder ob er die Versorgung in vielen Bereichen reduziert, ohne sie überall gleichzeitig zu brechen.
Außerdem verschiebt sich die Wiederaufbaufrage. Ein zerstörtes Umspannwerk mit Spezialtransformator kann Monate dauern. Ein zerstörtes Solarfeld ist ebenfalls schmerzhaft, aber modularer, oft schneller ersetzbar, und weniger abhängig von einzelnen Großkomponenten. In einem Umfeld, in dem Ersatzteile knapp sind und Fachkräfte unter Risiko arbeiten, ist Modularität keine ästhetische Präferenz, sondern ein Vorteil, auch wenn sie im Betrieb mehr Standardisierung, mehr Prozesse und mehr Cyberhygiene verlangt.
Was ich aus der Ukraine für die Energiepolitik ableite
Die Ukraine ist ein Extremfall, aber Extremfälle zeigen die Struktur. Wer heute über Energiewende spricht, spricht oft über Emissionen, Kosten und Versorgungssicherheit im Sinne von Preis und Netzstabilität. Man sollte ergänzt über physische Sicherheit sprechen, und zwar nicht abstrakt, sondern als Frage der Systemarchitektur und der Betriebsfähigkeit unter Stress.
Eine Energiepolitik, die Resilienz ernst nimmt, wird Dezentralisierung nicht als Autarkie verkaufen, sondern als Risikostreuung mit klaren Trade-offs. Weniger physische Single Points of Failure bedeuten nicht weniger Arbeit, sondern mehr Komplexität in Betrieb, Wartung, Schutztechnik und Cyber-Resilienz. Genau deshalb sind Standardisierung, klare Verantwortlichkeiten, robuste Kommunikationskonzepte, Notfallmodi, und das Training von Insel- und Wiederaufbauprozessen keine Nebenthemen, sondern Teil der eigentlichen Infrastruktur.
Sie wird lokale Erzeugung und Speicher dort fördern, wo sie kritische Lasten absichern, und sie wird die Priorisierung dieser Lasten als Planungsaufgabe behandeln, nicht als Improvisation im Ereignis. Sie wird Netze so modernisieren, dass Segmentierung möglich ist, ohne die Stabilität zu verlieren, und sie wird Ersatzteilketten, schnelle Reparierbarkeit und die Fähigkeit zur Wiederinbetriebnahme als strategische Ziele behandeln.
Die Meldung von 1,2 Millionen Haushalten ohne Strom ist zuerst eine Nachricht über menschliches Leid. Gleichzeitig ist sie ein Hinweis darauf, wie sehr Zentralität in Krisen zur Schwäche wird. Dezentral erzeugter Strom aus Wind und Sonne löst nicht jedes Problem, aber er verändert die Angriffsökonomie, und er verkürzt in vielen Fällen die Strecke zwischen Schaden und Wiederherstellung, wenn die Koordination, die Stabilität und die Absicherung des digitalen Layers mitgedacht werden. In einer Welt, in der Energieinfrastruktur wieder gezielt angegriffen wird, ist das kein Nebenthema mehr, sondern ein Teil von Sicherheitspolitik.
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-krieg-angriffe-kiew-charkiw-100.html