excerpt: Der Text analysiert die abwertende Aussage eines AfD-Politikers als bewusst eingesetztes Mittel, um Grenzen des Sagbaren zu verschieben und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Kritisiert wird die Instrumentalisierung von Behinderung als Schimpfwort und die Strategie, Kritik anschließend durch Relativierung zu entwerten.

Wenn Entgleisung Methode wird

Die Aussage des AfD-Politikers Emil Sänze, der Markus Söder öffentlich als körperlich und geistig behindert bezeichnete, ist kein sprachlicher Ausrutscher in aufgeheizter Atmosphäre. Sie ist Ausdruck eines politischen Stils, der auf Grenzverletzung als Mittel setzt.

Solche Formulierungen entstehen nicht zufällig. Sie sind Teil einer bewussten Verschiebung dessen, was sagbar sein soll. Behinderung wird zum Schimpfwort degradiert, nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern weil genau diese Entwertung Aufmerksamkeit erzeugt, Empörung provoziert und mediale Reichweite garantiert. Der eigentliche Inhalt der Veranstaltung tritt dabei vollständig in den Hintergrund.

Auffällig ist dabei nicht nur die Wortwahl, sondern die begleitende Inszenierung. Die Relativierung folgt unmittelbar. Man habe es nicht so gemeint, es sei doch nur ein Witz gewesen, man lasse den politischen Gegner ja leben. Diese rhetorische Struktur ist bekannt. Erst wird eine Grenze überschritten, dann wird jede Kritik als humorlos oder überempfindlich diskreditiert.

Die AfD nutzt Sprache nicht, um zu überzeugen, sondern um zu testen. Wie weit kann man gehen, ohne reale Konsequenzen zu spüren. Welche Begriffe lassen sich normalisieren, wenn man sie oft genug wiederholt. In diesem Sinn ist die Entgleisung kein Unfall, sondern ein Instrument.

Besonders perfide ist dabei die Wahl des Angriffs. Menschen mit Behinderungen werden nicht nur instrumentalisiert, sie werden bewusst herabgesetzt, um politische Gegner zu treffen. Der Protest von Verbänden wie dem Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung ist deshalb mehr als berechtigt. Er macht sichtbar, wer den Preis dieser Rhetorik zahlt.

Dass Vertreter anderer Parteien diese Wortwahl scharf kritisieren, ist notwendig, aber nicht ausreichend. Empörung allein greift zu kurz, wenn sie nicht von einer klaren Analyse begleitet wird. Wer solche Aussagen lediglich als geschmacklos verurteilt, verkennt ihren Zweck. Es geht nicht um Geschmack. Es geht um Macht über den öffentlichen Raum.

Die parallele Debatte um Entgleisungen aus anderen politischen Lagern ändert daran nichts. Sie mag für parteipolitische Abgrenzung nützlich sein, verwischt aber den entscheidenden Unterschied. Bei der AfD ist die sprachliche Eskalation kein Ausreißer. Sie ist Teil der politischen DNA.

Was hier sichtbar wird, ist eine Form politischer Kommunikation, die systematisch darauf abzielt, gesellschaftliche Mindeststandards zu untergraben. Wer Menschenwürde sprachlich relativiert, bereitet den Boden dafür, sie auch politisch zu relativieren.

Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob einzelne Funktionäre zurücktreten sollten. Die Frage ist, warum diese Strategie seit Jahren funktioniert, und warum sie so selten als das benannt wird, was sie ist. Eine bewusste Verrohung als Mittel politischer Mobilisierung.