excerpt: Wenn eine Schulministerin eine umfassende Präsenzpflicht als Konsequenz ins Spiel bringt, wirkt das wie ein pädagogisches Zwangsmittel. Interessanter ist, was diese Idee über den juristischen Blick auf Arbeit verrät, und warum gerade dieser Blick in der Politik oft an Grenzen stößt. Das Problem ist weniger böser Wille als eine strukturelle Neigung, Steuerung mit Sanktion zu verwechseln.

Wegfahrsperre als Denkfigur, nicht als Maßnahme

In der Debatte um Schule tauchen regelmäßig Vorschläge auf, die weniger nach Unterricht klingen als nach Ordnungspolitik. Eine umfassende Präsenzpflicht gehört in diese Kategorie, nicht weil Anwesenheit unwichtig wäre, sondern weil sie als Hebel eine bestimmte Annahme verrät. Wer da ist, arbeitet, wer nicht da ist, entzieht sich. Das ist ein verständlicher Reflex in Systemen, die unter Druck stehen und in denen Kontrolle leichter zu organisieren ist als Qualität.

Mich interessiert an solchen Vorstößen weniger die Frage, ob sie sich formal begründen lassen, als die Logik, die sie attraktiv macht. Präsenz ist ein sichtbarer Zustand, der sich dokumentieren und sanktionieren lässt. Damit passt sie gut in eine Verwaltungsrationalität, die auf Nachweisbarkeit angewiesen ist. Genau dort beginnt aber die Reibung, weil schulische Arbeit nur zu einem kleinen Teil aus dem besteht, was man durch Anwesenheitslisten erfassen kann.

Die Wegfahrsperre ist als Bild so attraktiv, weil sie ein vertrautes Versprechen enthält. Wer sich nicht regelkonform verhält, wird technisch daran gehindert, weiterzumachen. Das ist sauber, eindeutig, nachweisbar, und es wirkt. Es ist ein Instrument, das nicht überzeugen muss, sondern nur greifen.

Überträgt man dieses Denken auf Schule und Verwaltung, entsteht schnell der Reflex, Anwesenheit als Stellvertreter für Leistung zu behandeln. Präsenz ist messbar, dokumentierbar, kontrollierbar. Unterrichtsqualität, Vor- und Nachbereitung, Elternarbeit, Teamabsprachen, individuelle Förderung, das alles ist real, aber schwerer zu zählen. Wo Messbarkeit knapp ist, wird das Messbare zur Politik.

Die bemerkenswerte Ehrlichkeit der Debatte liegt darin, dass sie das offenlegt. Präsenzpflicht, sogar in Ferien, ist nicht nur ein pädagogischer Vorschlag. Es ist ein Steuerungsversuch über ein Surrogat, über etwas, das sich rechtlich leicht normieren lässt.

Der juristische Blick: Ordnung, Zuständigkeit, Nachweis

Juristen sind darauf trainiert, Konflikte in eine Form zu bringen, die entscheidbar ist. Wer ist zuständig. Was ist die Regel. Was ist der Nachweis. Welche Sanktion ist verhältnismäßig. Das ist eine große kulturelle Leistung des Rechtsstaats. Ohne diese Denkweise zerfällt Verwaltung in Willkür, und Politik in Laune.

Nur hat diese Denkweise eine typische Schlagseite, wenn man sie zur primären Brille für komplexe Systeme macht. Sie bevorzugt klare Tatbestände gegenüber diffusen Ursachen. Sie bevorzugt Verfahren gegenüber Wirkungen. Sie bevorzugt Gleichbehandlung gegenüber Passgenauigkeit. Und sie bevorzugt das, was sich vor Gericht verteidigen lässt, gegenüber dem, was im Alltag tatsächlich hilft.

Eine Präsenzpflicht ist juristisch attraktiv, weil sie genau in diese Logik passt. Sie lässt sich definieren, kontrollieren, sanktionieren. Sie ist, wenn man so will, prozessfest. Ob sie das eigentliche Problem löst, ist eine zweite Frage, die in juristischen Routinen oft nachgelagert ist, weil sie schwerer zu beweisen ist.

Der schulische Blick: Arbeit ist nicht identisch mit Anwesenheit

Schule ist kein Fließband, und Unterricht ist nicht nur die Stunde im Raum. Ein großer Teil der Arbeit entsteht in Zwischenräumen, in Vorbereitung, Reflexion, Korrektur, Absprachen, und in emotionaler Regulation, die man nicht einfach anordnen kann. Wer Schule gut führen will, muss Leistung als Ergebnis einer Arbeitsumgebung verstehen, nicht als Produkt von Kontrolle.

In diesem Blick ist Präsenz kein Selbstzweck, sondern ein Mittel. Man ist da, weil Zusammenarbeit, Schülerkontakt, kollegiales Lernen, und Verlässlichkeit davon profitieren. Aber das gilt nicht grenzenlos, und nicht unabhängig von Aufgaben. Eine starre Ausweitung, womöglich in Ferien, sendet ein anderes Signal. Sie sagt, wir trauen dem System nicht, wir ersetzen Vertrauen durch Nachweis.

Das ist nicht nur eine Frage der Stimmung. Es verändert Anreize. Wer Anwesenheit belohnt und Abwesenheit sanktioniert, bekommt mehr Anwesenheit. Man bekommt aber nicht automatisch mehr gute Arbeit. Im Zweifel bekommt man mehr Ritual, mehr defensive Dokumentation, weniger Eigenverantwortung. Das System lernt, wie es die Vorgaben erfüllt, statt wie es die Ziele erreicht.

Warum Juristen nicht unbedingt die besten Politiker sind

Das ist kein Argument gegen Juristen als Personen. Es ist ein Argument gegen eine Überrepräsentation einer bestimmten Profession in einer Rolle, die andere Fähigkeiten priorisiert.

Politik ist nicht primär die Kunst, Regeln zu formulieren, die halten. Politik ist die Kunst, in widersprüchlichen Interessen tragfähige Kompromisse zu bauen, die in der Realität wirken, und die langfristig institutionell stabil sind. Dazu gehört Recht, aber auch Organisationsgestaltung, Personalführung, Ökonomie, Kommunikation, und eine gewisse Demut vor Nebenwirkungen.

Juristische Ausbildung belohnt oft das Gegenteil. Sie belohnt die Eleganz der Konstruktion, die innere Konsistenz, die argumentative Schärfe. In der politischen Praxis sind das nützliche Fähigkeiten, aber sie können leicht zur Ersatzhandlung werden. Man gewinnt Debatten, und verliert Wirklichkeit. Man schreibt Regeln, die sauber sind, und erzeugt Systeme, die ausweichen.

Hinzu kommt eine strukturelle Versuchung. Wer rechtlich denkt, neigt dazu, Probleme als Normverstöße zu lesen. Dann liegt die Lösung nahe, den Normrahmen zu verschärfen. Wer organisatorisch denkt, liest dieselben Probleme als Kapazitätsfragen, als Führungsfragen, als Fragen von Arbeitsbedingungen, Qualifizierung, und Priorisierung. Dann liegt die Lösung eher in Ressourcenumsteuerung, Entlastung, Fortbildung, oder in smarteren Prozessen.

In der Schule ist diese Differenz besonders sichtbar. Viele Konflikte entstehen nicht, weil Regeln fehlen, sondern weil Zeit fehlt, Personal fehlt, Räume fehlen, oder weil Anforderungen widersprüchlich sind. Eine Präsenzpflicht kann das nicht ersetzen. Sie kann höchstens kaschieren, dass man an die eigentlichen Stellschrauben nicht herankommt.

Präsenzpflicht als Signalpolitik, und ihre Nebenwirkungen

Man sollte die Idee ernst nehmen, gerade weil sie so klar ist. Klarheit ist in Krisen verführerisch. Doch gerade deshalb lohnt der Blick auf Nebenwirkungen.

Eine umfassende Präsenzpflicht verschiebt die Debatte weg von Qualität hin zu Compliance. Sie definiert das Problem als Disziplinfrage. Sie entwertet implizit die Arbeit, die nicht sichtbar ist. Sie erzeugt Misstrauen auf beiden Seiten, bei Lehrkräften, die sich kontrolliert fühlen, und bei Eltern, die glauben, Kontrolle sei gleich Verbesserung.

Und sie bindet politische Energie an ein Instrument, das zwar durchsetzbar ist, aber wenig erklärt. Warum fehlen Lehrkräfte. Warum ist Belastung hoch. Warum sind Vertretungsreserven dünn. Warum sind administrative Aufgaben gewachsen. In solchen Fragen liegt die eigentliche Steuerung, und sie ist mühsam. Sie verlangt Prioritäten, Budgetkonflikte, und unpopuläre Entscheidungen. Eine Präsenzpflicht wirkt dagegen wie Handlungsfähigkeit in einer Form, die man schnell kommunizieren kann.

Ein nüchterner Schluss

Ich lese die Äußerung weniger als Drohung, und mehr als ein Fenster in eine Denkweise. Wenn man Probleme vor allem als Regelabweichungen versteht, ist es konsequent, mit einer verschärften Regel zu antworten. Wenn man Probleme als Systemversagen versteht, ist das zu kurz.

Juristen sind in der Politik unverzichtbar, gerade als Hüter von Verfahren, Grundrechten, und Verhältnismäßigkeit. Aber als dominierende Berufsgruppe neigen sie dazu, das Politische zu verrechtlichen, und das Organisatorische zu übersehen. In der Schule zeigt sich das schnell, weil dort Arbeit nicht nur formal, sondern vor allem praktisch gelingt.

Die bessere Frage lautet daher nicht, wie man Anwesenheit maximal erzwingt. Sie lautet, welche Bedingungen gute Arbeit wahrscheinlich machen, und welche Art von Steuerung Vertrauen verdient, weil sie Wirkung zeigt. Präsenz kann dazugehören. Als Wegfahrsperre gedacht, wird sie eher zum Symptom als zur Lösung.


PS: Als Mann einer Lehrerin sehe ich jeden Tag, wie viele Stunden sie in ihren Herzensjob investiert, Stunden, die niemand erfasst und erst recht niemand vergütet. Unterricht endet nicht mit dem Klingeln, er setzt sich fort in Vorbereitung, Korrekturen, Gesprächen, Abstimmung im Kollegium, Elternkommunikation und dem stillen Nachdenken darüber, wie man einzelnen Kindern gerecht wird. Viele Lehrkräfte arbeiten so lange, bis sie an die Grenze der Selbstaufopferung geraten, nicht weil es verlangt wird, sondern weil Verantwortung und Professionalität sich in diesem Beruf nur schwer auf eine Stundenzahl reduzieren lassen. Wenn dann ausgerechnet Präsenzpflicht als Steuerungsinstrument herhalten muss, wirkt das wie ein bürokratischer Blick auf Arbeit, der den Kern der Leistung verfehlt und ausgerechnet diejenigen trifft, die längst mehr geben, als in irgendeiner Vorschrift vorgesehen ist.