excerpt: Der Text analysiert die vom iranischen Regime veröffentlichte Opferzahl und zeigt, wie solche Angaben als politisches Instrument zur Deutungshoheit eingesetzt werden. Er stellt die offiziellen Zahlen den deutlich höheren Angaben von Menschenrechtsorganisationen gegenüber und erläutert, warum Opferstatistiken in autoritären Konflikten strukturell umkämpft sind.

Offizielle Opferzahlen, gesperrtes Netz, schärfere Drohungen: Zur aktuellen Lage im Iran

Wenn autoritäre Staaten Opferzahlen veröffentlichen, ist das selten nur ein Informationsakt. Es ist ein Versuch, einen Deutungsrahmen zu setzen, bevor unabhängige Rekonstruktion überhaupt möglich ist. In Iran zeigt sich das derzeit in einer Kombination aus offiziellen Angaben zu Toten und Verletzten, massiver Einschränkung des Netzzugangs, und einer Rhetorik, die nach außen eskaliert, während nach innen die Repression weiterläuft. Diese Elemente sind nicht getrennt zu betrachten. Sie bilden ein Steuerungspaket, das darauf zielt, Unsicherheit zu organisieren und Verantwortlichkeit zu verwischen.

Opferzahlen als politisches Instrument

Die Regierung nennt eine offizielle Opferzahl, und sie tut das in einer Form, die bereits ihre politische Funktion verrät. Statt klar zwischen Zivilisten und Sicherheitskräften zu unterscheiden, werden Kategorien zusammengeführt oder zumindest so präsentiert, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung ineinanderfallen. Methodisch ist das unerquicklich, politisch ist es effizient. Denn die Vermischung erzeugt eine Art moralische Symmetrie, sie verschiebt die Frage von „Wer hat Gewalt ausgeübt?“ zu „Wie tragisch ist Gewalt allgemein?“. Damit wird nicht nur die Verantwortungszuschreibung erschwert, sondern auch die Möglichkeit, staatliche Gewalt als strukturelles Muster zu benennen.

Gleichzeitig ist es wichtig, nicht in die naheliegende Gegenüberstellung zu verfallen, als stünden alle Zahlen auf derselben epistemischen Ebene. Menschenrechtsorganisationen wie HRANA arbeiten in solchen Lagen häufig mit verifizierten Fällen. Das ist kein rhetorisches Etikett, sondern eine konservative Methode, die eher Untergrenzen produziert, weil Verifikation unter Repression, Kommunikationsabbrüchen und Angst vor Repressalien zwangsläufig selektiv bleibt. Andere Quellen, etwa exilnahe Medien, sprechen teils von Schätzungen, die deutlich höher liegen können. Solche Zahlen können Hinweise liefern, sie sind aber ein anderer Typ Angabe, eher ein Korridor oder eine Obergrenze, und sie sollten auch so gelesen werden.

Der zentrale Punkt ist nicht, welche Zahl „gewinnt“. Der Punkt ist, dass Opferstatistiken in autoritären Konflikten strukturell umkämpft sind. Der Staat verfügt oft über bessere interne Erfassung als die Öffentlichkeit, schon weil er Zugriff auf Krankenhäuser, Polizeiakten, Gefängnisse und lokale Verwaltungen hat. Zugleich hat er starke Anreize, diese Daten nicht offen zu legen, sie zu filtern, und sie so zu veröffentlichen, dass sie politisch nützlich sind. Auch innerhalb repressiver Apparate können Informationen nach oben verzerrt werden, durch Konkurrenz, Vertuschung oder geschönte Lageberichte. Gerade deshalb sind offizielle Zahlen weniger ein neutrales Lagebild als ein Signal: Wir definieren, was als Tatsache gilt.

Netzrestriktionen als Bestandteil der Repression

In dieses Bild passt, dass der Internetzugang im Land seit Tagen stark eingeschränkt ist, teils phasenweise, teils regional, oft über Drosselung, Plattformblockaden und selektive Abschaltungen statt über einen klaren Total-Blackout. Für die Betroffenen macht diese Unterscheidung praktisch wenig aus, für die Analyse aber schon. Denn abgestufte Netzrestriktionen sind politisch besonders wirksam. Sie senken die Sichtbarkeit von Gewalt, sie erschweren Koordination, und sie erhöhen zugleich die Unsicherheit, weil niemand zuverlässig weiß, was anderswo geschieht.

Diese Unsicherheit ist kein Kollateralschaden, sie ist ein Mechanismus. Wo Kommunikation bricht, entstehen Gerüchte, und wo Gerüchte entstehen, kann der Staat sie als Vorwand nutzen, um weitere Maßnahmen als „Ordnungssicherung“ zu rechtfertigen. Informationskontrolle ist in solchen Situationen nicht nur Zensur, sondern eine Form der Lagegestaltung. Sie bestimmt, welche Ereignisse dokumentiert werden können, welche Zeugnisse nach außen gelangen, und welche Formen von Solidarität im Inneren überhaupt möglich sind.

Außenpolitische Drohungen als Innenpolitik

Parallel dazu verschärft das Regime seine Drohungen nach außen. Solche Außenrhetorik wird oft als Ablenkung beschrieben, und das ist nicht falsch, aber es greift zu kurz. Drohungen nach außen erfüllen auch eine innenpolitische Funktion, sie wirken als Disziplinierungsinstrument. Sie testen Loyalitäten innerhalb der Eliten, sie rahmen Protest als „Sicherheitsfrage“ und nicht als politische Auseinandersetzung, und sie liefern eine Begründung, um Maßnahmen im Inneren als kriegsähnliche Notwendigkeit zu verkaufen.

In diesem Sinne ist Außenpolitik hier nicht nur Kulisse, sondern Teil der innenpolitischen Architektur. Wer eine Lage als existenziellen Konflikt gegen äußere Feinde definiert, schafft Spielraum für härtere Mittel, und er reduziert zugleich den Raum, in dem abweichende Stimmen als legitim gelten können. Das ist besonders wirksam, wenn zugleich das Netz eingeschränkt ist, denn dann lässt sich die behauptete Bedrohungslage öffentlich schwerer überprüfen oder widersprechen.

Was aus den Zahlen und Sperren tatsächlich folgt

Man sollte in einer unübersichtlichen Lage vorsichtig sein, aus fragmentierten Daten definitive Schlüsse zu ziehen. Gleichzeitig wäre es ein Fehler, aus dieser Vorsicht eine Art Gleichgültigkeit gegenüber der Struktur zu machen. Die Struktur ist klar erkennbar: Opferzahlen werden als Deutungsinstrument eingesetzt, Kategorien werden so gemischt, dass Verantwortlichkeit verschwimmt, Kommunikationswege werden gezielt geschwächt, und nach außen wird eine Bedrohungslage inszeniert, die nach innen Handlungsfreiheit für Repression schafft.

Das Regime signalisiert damit nicht nur Härte, sondern Verwaltungsfähigkeit. Es behandelt die Ereignisse als kontrollierbares Problem, das man durch Informationsmanagement, selektive Gewalt und narrative Rahmung in einen Zustand bringt, der sich politisch überstehen lässt. Für Außenstehende ist das eine Erinnerung daran, dass die wichtigste Frage nicht nur lautet, wie viele Menschen getötet wurden, sondern auch, unter welchen Bedingungen diese Tatsachen öffentlich feststellbar bleiben. Denn wer die Bedingungen der Feststellbarkeit kontrolliert, kontrolliert am Ende oft auch die Geschichte, die über das Geschehen erzählt werden kann.