excerpt: LTI ist kein Wörterbuch des Nationalsozialismus, sondern ein Werkzeug zur Gegenwartsdiagnose. Klemperer zeigt, wie Macht sich zuerst in Wortwahl, Ton, Wiederholung und scheinbar harmlosen Formulierungen einnistet, und warum Sprachkritik eine Form politischer Selbstverteidigung ist.

Lingua Tertii Imperii, ein Notizbuch, das bis heute wirkt

Dieses Buch hat einen irreführend sachlichen Titel. Lingua Tertii Imperii klingt nach System, nach Grammatik, nach einem abgeschlossenen Korpus. Als könne man die Sprache des Dritten Reiches katalogisieren, die Einträge durchblättern, danach den Deckel schließen und mit der Gegenwart fortfahren.

Klemperer selbst setzt dagegen eine andere Geste. Notizbuch eines Philologen. Das ist keine kokette Bescheidenheit, das ist Methode. Ein Notizbuch ist beweglich, offen, widersprüchlich, manchmal sprunghaft. Es erlaubt Beobachtung statt Theorie, Annäherung statt Totalerklärung. Und genau so funktioniert LTI. Nicht als endgültiges Urteil über ein historisches Deutsch, sondern als Trainingsgerät für Aufmerksamkeit. Auch das Kürzel gehört zur Methode. LTI ist Tarnung und Kommentar zugleich, ein ironischer Latinismus, der die Abkürzungswut der Zeit persifliert und zugleich als Deckformel im Tagebuch dient, als Markierung für das, was man festhalten muss, um nicht im Sprachnebel zu verschwinden.

Wenn man LTI heute liest, liest man deshalb nicht nur über die Vergangenheit. Man lernt eine Form des Hinsehens, die auf die Gegenwart zielt. Klemperer interessiert sich weniger für das Spektakuläre der Gewalt als für das, was sie vorbereitet, normalisiert und in den Alltag verankert. Worte, Tonlagen, kleine Signale, die erst harmlos wirken, dann selbstverständlich werden, und irgendwann wie Natur klingen.

LTI ist ein Buch über Macht, aber nicht im Sinne von Institutionen und Gesetzen. Es ist ein Buch über die sprachliche Infrastruktur der Herrschaft. Und es ist ein Buch, das selbst eine Geschichte hat, die zu seiner Aussage gehört.

Ein Werk mit eigener Geschichte

LTI erschien 1947 im Aufbau Verlag in Berlin. Die Erstauflage wurde in 10.000 Exemplaren gedruckt, eine für die Zeit beachtliche Zahl. Und doch blieb der erhoffte Effekt zunächst aus. Klemperer notiert Ende 1947 enttäuscht in sein Tagebuch, es sei ganz still um das Buch, keine Zeitung habe Notiz genommen, es sei in keiner Buchhandlung, in keiner Redaktion sichtbar.

Heute wirkt diese Notiz wie eine Fußnote aus einer anderen Welt. LTI gehört längst zu den Klassikern der Sprachkritik, wird in hohen Auflagen gelesen und in vielen Übersetzungen verbreitet. Kaum ein Werk hat das Nachdenken über die Korruption öffentlich politischer Rede so stark angeregt wie dieses.

Der Weg dahin war jedoch nicht geradlinig. Auch die Editionsgeschichte zeigt, dass LTI als Text selbst in politische Reibungen geriet. Die zweite Auflage von 1949 erschien ohne das Kapitel Zion, eine Kürzung, die nicht nur editorisch, sondern politisch zu lesen ist. Spätere Ausgaben brachten es wieder zurück. Reclam Ausgaben folgten in den sechziger Jahren, Taschenbuchausgaben und schließlich eine umfassend neu bearbeitete, kommentierte Ausgabe nach der Ausgabe letzter Hand. Das ist keine bloße Bibliografie. Es ist ein Hinweis darauf, dass ein Buch über Sprachpolitik nie außerhalb von Sprachpolitik steht.

Wer LTI liest, liest also auch, wie ein Werk über Sprache und Macht in verschiedenen politischen Räumen unterschiedlich behandelt wurde. Das passt zum Gegenstand. Sprache ist nie neutral, auch nicht die Sprache über Sprache.

Ein Text, zwei Lesarten, und die Stärke liegt in der Verbindung

In der Rezeption wird LTI oft in zwei Rollen geteilt. Einerseits als zeithistorisches Dokument, als Zeugnis aus der Perspektive eines Verfolgten. Andererseits als analytisches Instrument, als Wissensspeicher über die Funktionsweise von Diktaturen allgemein. Beide Lesarten sind richtig. Aber sie werden dem Buch am besten gerecht, wenn man sie nicht trennt.

Denn LTI ist zugleich Erlebnisbuch und philologische Studie. Klemperer hat die Wörter nicht nur beobachtet, er hat sie erlitten. Er protokolliert nicht nur, was gesagt wurde, sondern was Sprache mit Menschen macht. Und genau darum kann die Analyse nicht von der Erfahrung abgelöst werden. Die Wörter repräsentieren Gewalt nicht nur, sie führen sie aus. Ein Begriff im Amtsdeutsch ist nicht einfach Beschreibung, er ist Eingriff. Er definiert Zuständigkeit, er setzt Grenzen, er entscheidet, wer gemeint ist, und wer nicht. Eine Formulierung in der Zeitung ist nicht nur Meinung, sie ist Verschiebung dessen, was als normal gilt. Sprache ist hier nicht Kulisse, sie ist Handlung.

Diese Doppelheit ist auch in der Entstehung sichtbar. Nach 1945 liest Klemperer seine eigenen Tagebücher aus den Jahren 1933 bis 1945 erneut, sucht Linien, Muster, Wiederholungen. Er sammelt Material, Romane, Reden, Behördenschreiben, Schulkalender, alles, was die Sprache der Zeit im Alltag zeigt. Gleichzeitig ringt er mit einer Formfrage, die ihn quält. Was ist zu intim, was zu allgemein. Wo trennt man Sprachbeobachtung und Lebensgeschichte. Wie kommentiert man, wie ordnet man, wie nennt man Namen. Er merkt, dass die Dinge nicht sauber zu trennen sind. Die Sprache des Regimes ist nicht Hintergrund seiner Biografie, sie ist der Mechanismus, der diese Biografie in ein Gefängnis verwandelt.

Genau deshalb wurde LTI kein Lehrbuch. Es wurde ein Notizbuch, in dem Philologie und Leben zusammenfallen.

Zwei Sprachkorruptionen, eine allgemeine und eine spezifische

LTI beschreibt nicht nur eine allgemeine sprachliche Korruption, die eine Gesellschaft insgesamt erfasst. Es beschreibt auch eine spezifische Sprachgewalt, die jüdische Deutsche besonders trifft. Diese Unterscheidung ist entscheidend, weil sie zeigt, dass Herrschaftssprache nicht nur überzeugt oder mobilisiert, sondern auch Räume verengt, Personen markiert, Privatheit enteignet.

Klemperer analysiert den totalitären Stil als ein Idiom der Überbietung und der Uniform. Alles reklamiert historische Bedeutung, alles spricht im Modus von Kampf und Sieg, selbst dort, wo es um Zivilität gehen sollte. Militärische Metaphern dringen in den Alltag. Superlative und Zahlenmissbrauch werden zur Methode. Worte wie fanatisch oder total werden positiv aufgeladen. Denken und Vernunft erscheinen als Feinde, Intellekt als verdächtig.

Parallel dazu beschreibt er die Sprache der Verleumdung und Ausgrenzung, die nicht nur in Beschimpfungen steckt, sondern in Tonlagen, in Hohn, im Sprechen im Modus des Uneigentlichen. Ein besonders präziser Befund ist, dass selbst Satzzeichen nazistisch sein können. Ironische Anführungszeichen, etwa um Begriffe wie Humanität, markieren nicht nur Spott. Sie markieren die offizielle Abkehr von den Werten der Aufklärung. Der Hass wird nicht nur ausgesprochen, er wird als Stimmung gesetzt, als Lautwert, als gesellschaftlich akzeptierter Ton.

Dazu kommt die Erfahrung des Alltags, in dem ein kleiner Registerwechsel wie ein Schlag wirken kann. Ein plötzliches aggressives Du, das aus Fremden Überwacher macht. Eine Sprache, die die Sprechergemeinschaft in zwei Gruppen teilt, Wächter und Gefangene. Klemperer nennt das an einer Stelle Gefängnissprache. Dieser Begriff ist mehr als Metapher. Er beschreibt, wie Sprache Freiheitsräume schon schließt, bevor Zäune gebaut werden. Sprache ist hier nicht Begleitung von Gewalt, sie ist ihr Vorlauf.

Dabei ist auffällig, wie sehr Klemperer um Proportion ringt. Er will, wie er selbst betont, nichts Persönliches bringen, das nicht allgemeine Bedeutung hätte. Genau dieser Anspruch erklärt die besondere Tektonik des Buches. LTI ist nicht nur Klage, nicht nur Dokument, nicht nur Analyse. Es ist ein Versuch, die Erfahrung so zu fassen, dass sie über den Einzelfall hinaus lesbar bleibt, ohne den Einzelfall zu verraten.

Drei Vorgeschichten, die das Buch formen

Um LTI zu verstehen, hilft es, drei Vorgeschichten mitzulesen, die im Text selbst nicht als Schema auftreten, aber überall sichtbar sind.

Die erste Vorgeschichte ist die Schreibzeit nach 1945. Klemperer stellt fest, dass der faschistische Jargon nicht einfach verschwunden ist. Wörter und Denkformen leben weiter, manchmal unverändert, manchmal abgeschwächt, aber wiedererkennbar. Das ist der eigentliche Startschuss. Das Regime ist besiegt, aber die Sprache kapituliert nicht. Genau diese Erfahrung macht LTI zu mehr als Rückblick. Das Buch entsteht als Gegenwartsarbeit in einer Situation, in der Sprache erneut politisch umkämpft ist.

Die zweite Vorgeschichte sind die Jahre 1933 bis 1945, in denen die eigentliche Materialbildung stattfindet. Klemperer markiert seine Beobachtungen im Tagebuch mit dem Kürzel LTI, als Kommentar und Deckformel zugleich. Es ist eine Art heimliche Systematik, die in der Diktatur überhaupt erst möglich macht, dass Beobachtung sich nicht in Ohnmacht auflöst. Das Tagebuch wird Labor, Schutzraum und Archiv. LTI ist später der Versuch, dieses Archiv in eine öffentliche Form zu überführen, ohne die Erfahrung zu verraten, aus der es stammt.

Die dritte Vorgeschichte reicht weiter zurück als 1933. Sie betrifft Klemperers lebenslange Frage nach Zugehörigkeit, Kultur und Sprache, nach dem Verhältnis von Ich und Wir. Seine Herkunft, seine Akkulturation, seine Ehe, seine Entscheidungen, seine Erfahrungen in Kaiserreich, Krieg und Weimar, sein Patriotismus und seine spätere Selbstkorrektur. Diese Vorgeschichte ist wichtig, weil sie erklärt, warum Sprache für ihn nicht nur Gegenstand, sondern Lebensthema ist. Sprache ist der Ort, an dem Zugehörigkeit gelingt oder verweigert wird. Im Dritten Reich wird diese Frage existenziell. Nach 1945 bleibt sie als Erkenntnisgrundlage.

LTI ist aus dieser Perspektive nicht nur Analyse, sondern Rückeroberung. Der Versuch, eine Sprache, die ihn negativ definiert hat, wieder als Positivum zu gewinnen. Nicht als Heimkehr in Harmonie, sondern als Widerstand durch Genauigkeit.

Warum LTI heute beginnt, bevor man es merkt

Der Kern von LTI liegt nicht in einzelnen Zitaten, so berühmt manche Stellen auch sind. Der Kern liegt im Mechanismus. Klemperer zeigt, wie politische Sprache Wirklichkeit nicht nur beschreibt, sondern erzeugt. Durch Häufung, Ton, Wiederholung, Umdeutung. Durch die Umwertung von Tugenden, Loyalität als Moral, Zweifel als Schwäche. Durch das Einhämmern des immer Gleichen. Durch die Weigerung, Neutralität zuzulassen.

Das ist der Punkt, an dem LTI in die Gegenwart kippt. Nicht, weil man historische Gleichsetzungen ziehen müsste. Sondern weil man erkennt, wie universell diese Verfahren sind. Sie können in verschiedenen Ideologien auftreten, in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Medien. Sie funktionieren besonders gut dort, wo Menschen sich nach Einfachheit sehnen, nach klaren Zugehörigkeiten, nach einem Wir, das nicht verhandelt werden muss.

LTI ist deshalb kein Buch, das man liest, um sich moralisch zu beruhigen. Es ist ein Buch, das Unruhe erzeugt, und zwar produktiv. Es schärft die Wahrnehmung für den Moment, in dem Sprache anfängt, Denken zu lenken. Für den Moment, in dem Wörter nicht mehr helfen, die Welt zu verstehen, sondern dazu dienen, sie moralisch zu sortieren.

Ein nächster Schritt

Victor Klemperer zu lesen heißt nicht, überall sofort den Totalitarismus am Werk zu sehen. Es heißt auch nicht, historische Gleichsetzungen vorzunehmen, wo sie nicht tragen. Es heißt, genauer hinzuhören. Misstrauischer gegenüber scheinbar harmlosen Formulierungen zu werden. Sensibel für den Moment, in dem Sprache aufhört zu erklären und beginnt zu lenken.

Gerade darin liegt der bleibende Wert von LTI. Klemperer bietet keine moralische Keule, sondern ein Analyseinstrument. Er zwingt nicht zur Empörung, sondern zur Aufmerksamkeit. Wer ihn liest, lernt nicht, was man denken soll, sondern wie Denken beeinflusst wird. Und das ist in einer Zeit politischer Zuspitzung vielleicht die wichtigste Fähigkeit überhaupt.

Die Auseinandersetzung mit Sprache ist dabei kein akademischer Luxus. Sie ist eine Form politischer Selbstverteidigung. Denn autoritäre Dynamiken wirken nicht zuerst durch Gesetze oder Gewalt, sondern durch Gewöhnung. Durch Worte, die plötzlich normal klingen. Durch Begriffe, die sich festsetzen, bevor man ihre Konsequenzen reflektiert.

Im nächsten Beitrag gehe ich deshalb in die Substanz von LTI hinein, Kapitel für Kapitel, Motiv für Motiv. Militarismus, Superlativismus, Abkürzungswut, das Pathos des Kampfes, die Umwertung von Adjektiven wie fanatisch oder total, die Gefängnissprache, die Häme in Anführungszeichen, und die Technikmetaphern, die Menschen in Schaltungen verwandeln, bis hin zur Idee der Gleichschaltung, die aus einer technischen Metapher eine politische Totalform macht.

Denn wer verstehen will, wie politische Wirklichkeit entsteht, sollte dort beginnen, wo sie vorbereitet wird. In der Sprache.