Begriffe wie Remigration, Mission oder Rettung des Landes sind keine zufälligen Provokationen. Sie markieren die Rückkehr einer politischen Sprache, die Wirklichkeit nicht beschreibt, sondern erzeugt. In der Verbindung von rechter Rhetorik, Social Media und gezielter Jugendorganisation entsteht eine Form politischer Formung, die erschreckend vertraut wirkt.

Wenn Sprache wieder formt statt beschreibt

Begriffe wie Remigration, Mission oder Rettung des Landes sind keine zufälligen Provokationen und auch keine bloßen Zuspitzungen für den schnellen Applaus. Sie markieren die Rückkehr einer politischen Sprache, die Wirklichkeit nicht beschreibt, sondern erzeugt. Eine Sprache, die nicht erklären will, sondern formen. Die nicht argumentiert, sondern einteilt. Und die politische Ziele nicht als verhandelbare Optionen präsentiert, sondern als historische Notwendigkeiten.

Bei der Recherche für meinen Text "Generation Deutschland, alte Kader, neue Verpackung" fiel mir auf, wie konsequent die AfD inzwischen auf genau solche Begriffe setzt. Auffällig ist dabei der Kontrast zwischen offizieller Programmatik und öffentlicher Kommunikation. Auf der Webseite der Thüringer AfD werden viele Positionen sprachlich entschärft, technokratisch formuliert, teilweise bewusst entideologisiert. Dort dominieren Verwaltungsbegriffe, ordnungspolitische Formeln und scheinbar nüchterne Problembeschreibungen.

In der öffentlichen Ansprache hingegen, in Reden, Interviews, Social Media Beiträgen und insbesondere im Umfeld von Jugendorganisationen, verschiebt sich der Ton deutlich. Hier tauchen zunehmend Wörter auf, die weniger erklären als emotional aufladen. Wörter, die Zugehörigkeit erzeugen und Bedrohung suggerieren. Wörter, die eine klare Wir-Sie-Grenze ziehen und politische Fragen in moralische Kategorien überführen.

Diese Wortwahl ist nicht neu. Sie ist alt. Und sie ist bekannt.

Viele der heute wiederkehrenden Begriffe wurden bereits von Victor Klemperer in seiner Analyse der Lingua Tertii Imperii beschrieben. Klemperer zeigte, wie autoritäre Systeme Sprache nicht als neutrales Medium benutzen, sondern als Instrument der Gewöhnung. Wörter transportieren dabei nicht nur Inhalte, sondern Denkformen. Wer sie übernimmt, übernimmt unmerklich auch die Welt, die sie voraussetzen.

Besonders beunruhigend ist, dass sich diese Begriffe heute erneut in einem politischen Kontext verdichten, in dem Social Media als Verstärker wirkt und Jugendorganisationen als Resonanzräume dienen. Die Kombination aus emotional aufgeladener Sprache, algorithmischer Verbreitung und gezielter politischer Sozialisation erzeugt eine Dynamik, die Klemperer in ihrer technischen Form noch nicht kannte, in ihrer Funktion jedoch sehr wohl.

Was wir derzeit beobachten, ist nicht einfach eine rhetorische Verschärfung. Es ist die bewusste Rückkehr zu einer Sprache, die nicht mehr beschreibt, was ist, sondern vorgibt, was sein soll. Und genau darin liegt ihre Gefahr.

"Worte können sein wie winzige Arsendosen"

Victor Klemperer formulierte eine seiner bekanntesten Beobachtungen zur nationalsozialistischen Sprachpolitik so: "Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

Dieses Zitat ist deshalb so treffend, weil es nicht von Propaganda im plakativen Sinn spricht. Klemperer beschreibt keinen lauten Befehlston, keine offenen Gewaltandrohungen, sondern einen Prozess der Gewöhnung. Sprache wirkt nicht durch einen einzelnen Satz, sondern durch Wiederholung. Nicht durch Argumente, sondern durch Atmosphäre. Sie verändert nicht sofort Meinungen, sondern langfristig Denkgewohnheiten.

Genau dieser Mechanismus wird heute wieder sichtbar.

Programmsprache nach außen, Bewegungssprache nach innen

Ein genauer Blick auf die AfD zeigt eine bemerkenswerte sprachliche Doppelstrategie. In der offiziellen Programmatik, etwa auf den Webseiten der Landesverbände oder in Wahlprogrammen, ist die Sprache auffallend zurückhaltend. Dort dominieren Verwaltungsbegriffe, juristische Formulierungen und scheinbar sachliche Problemdefinitionen. Migration wird zu "Ordnungspolitik", gesellschaftliche Konflikte zu "Herausforderungen", autoritäre Forderungen zu "notwendigen Maßnahmen".

Diese Programmsprache erfüllt eine klare Funktion. Sie soll anschlussfähig sein. Sie soll rechtlich unangreifbar bleiben. Sie soll Distanz zu offen extremistischen Positionen signalisieren, ohne diese tatsächlich aufzugeben. Sie richtet sich an Institutionen, Medien, Gerichte und an ein bürgerliches Publikum, das Beruhigung sucht.

Parallel dazu existiert jedoch eine zweite Sprachebene, die in öffentlichen Auftritten, auf Social Media und insbesondere im Umfeld von Jugendorganisationen immer dominanter wird. Hier verschwindet die technokratische Zurückhaltung. An ihre Stelle tritt eine Bewegungssprache, die emotionalisiert, vereinfacht und polarisiert. Begriffe wie Remigration, Mission, Rettung des Landes oder Generation tauchen nicht zufällig auf. Sie sind semantisch dicht, historisch belastet und bewusst gewählt.

Diese Sprache erklärt nichts. Sie erzeugt Bilder. Sie schafft Zugehörigkeit. Sie definiert Gegner, ohne sie benennen zu müssen. Sie verwandelt politische Ziele in moralische Imperative. Genau das ist der Punkt, an dem Klemperers Analyse wieder greift. Sprache wird nicht mehr benutzt, um Realität zu beschreiben, sondern um eine bestimmte Realität erst herzustellen.

Jugend als Resonanzraum

Besonders deutlich wird diese Strategie im Kontext der neuen AfD Jugendorganisationen. Während Programme für Erwachsene juristisch geglättet werden, richtet sich die Bewegungssprache gezielt an junge Menschen. Jugend wird dabei nicht als Raum für Kritik oder politische Selbstfindung verstanden, sondern als formbares Material. Wer früh lernt, politische Konflikte als existenziellen Kampf zu deuten, braucht später keine Argumente mehr. Er hat bereits eine Welt übernommen.

Social Media verstärkt diesen Effekt massiv. Kurze, aufgeladene Begriffe funktionieren dort besser als differenzierte Analysen. Algorithmen belohnen Zuspitzung, nicht Abwägung. Die Bewegungssprache der AfD ist für diese Umgebung optimiert. Sie ist einfach, emotional und wiederholbar. Genau so, wie Klemperer es beschrieben hat.

Sprache als Vorstufe von Politik

Der entscheidende Punkt ist nicht, ob einzelne Begriffe juristisch zulässig sind oder nicht. Entscheidend ist ihre Wirkung im Zusammenhang. Wer ständig von Mission spricht, denkt nicht mehr in politischen Prozessen. Wer von Rettung spricht, braucht keine Kompromisse. Wer Remigration sagt, hat die Grenze des Sagbaren bereits verschoben, unabhängig davon, wie vorsichtig Programme formuliert sind.

Klemperer warnte davor, Sprache als harmloses Beiwerk zu unterschätzen. Er zeigte, dass autoritäre Systeme nicht mit Gewalt beginnen, sondern mit Wortwahl. Dass das Denken sich ändert, bevor das Handeln es tut.

Genau deshalb ist die Differenz zwischen Programmsprache und Bewegungssprache so gefährlich. Nach außen wird Normalität simuliert, nach innen wird Wirklichkeit geformt. Und wer diese Sprache übernimmt, übernimmt mehr als Begriffe. Er übernimmt ein Weltbild.

Eine konkrete Gegenüberstellung

Wer verstehen will, wie die AfD sprachlich arbeitet, muss zwei Textebenen auseinanderhalten, die bewusst unterschiedlich funktionieren. Einerseits die offizielle Programmsprache, wie sie auf Parteiseiten und in Wahlprogrammen verwendet wird. Andererseits die Bewegungssprache, die in Reden, Social Media, Jugendorganisationen und auf Veranstaltungen dominiert.

Beide sprechen über dieselben Themen. Aber sie tun es in völlig unterschiedlicher Weise.

1. Migration

Programmsprache In der offiziellen Programmatik der AfD Thüringen ist von "Begrenzung der Zuwanderung", "Rückführung ausreisepflichtiger Personen" und "ordnungspolitischer Steuerung" die Rede. Die Begriffe sind administrativ, technisch und juristisch gerahmt. Migration erscheint als Verwaltungsproblem, nicht als existenzielle Bedrohung. Subjekte verschwinden hinter Kategorien.

Bewegungssprache In Reden und Jugendstrukturen wird stattdessen von Remigration gesprochen. Der Begriff ist nicht zufällig gewählt. Er ist nicht rechtlich definiert, sondern semantisch aufgeladen. Re suggeriert Rückkehr zu einem angeblich natürlichen Zustand. Migration wird nicht reguliert, sondern rückgängig gemacht. Menschen werden nicht verwaltet, sondern entfernt.

Hier zeigt sich genau das, was Klemperer beschreibt: Ein Wort ersetzt eine Vielzahl komplexer Zusammenhänge durch ein moralisch eindeutiges Bild. Wer Remigration sagt, hat die Debatte bereits entschieden.

2. Nation und Gesellschaft

Programmsprache In Programmen wird von "gesellschaftlichem Zusammenhalt", "kultureller Identität" und "Bewahrung nationaler Traditionen" gesprochen. Die Formulierungen bleiben vage, anschlussfähig und vermeiden klare Abgrenzung. Konflikte werden als Herausforderungen formuliert, nicht als Kämpfe.

Bewegungssprache In Reden tauchen Begriffe wie Rettung des Landes oder Deutschland retten auf. Das Land erscheint nicht als politisches Gemeinwesen, sondern als bedrohtes Objekt. Wer rettet, handelt nicht politisch, sondern moralisch. Wer widerspricht, steht nicht für eine andere Meinung, sondern auf der falschen Seite der Geschichte.

Klemperer hätte hier sofort angesetzt: Rettung ist kein politischer Begriff. Er ist religiös, militärisch und existenziell zugleich. Er erlaubt keine Grautöne.

3. Politikverständnis

Programmsprache Offizielle Texte sprechen von "demokratischen Verfahren", "Mitbestimmung" und "institutionellen Reformen". Die Partei stellt sich als legitimer Akteur innerhalb des Systems dar. Konflikte erscheinen lösbar, Politik als gestaltbar.

Bewegungssprache In der Bewegungssprache wird Politik zur Mission. Dieser Begriff ist zentral. Eine Mission wird nicht diskutiert, sie wird erfüllt. Sie kennt kein Ende, nur Erfolg oder Verrat. Wer eine Mission hat, braucht keine Opposition, sondern Gefolgschaft.

Hier verschiebt sich Politik von Aushandlung zu Sendungsbewusstsein. Genau das meinte Klemperer, als er schrieb, dass Sprache Denken formt, bevor sie Handeln legitimiert.

4. Jugend und Zukunft

Programmsprache In Programmen wird Jugend als Zielgruppe beschrieben, die "politisch eingebunden" und "beteiligt" werden soll. Die Sprache bleibt neutral, funktional und unverbindlich.

Bewegungssprache In Jugendorganisationen wird von Generation, Auftrag und historischer Verantwortung gesprochen. Jugend wird nicht beteiligt, sondern adressiert. Sie ist nicht Subjekt, sondern Träger einer Aufgabe. Der Begriff Generation dient dabei nicht der Beschreibung eines Alters, sondern der Konstruktion eines Kollektivs mit gemeinsamer Mission.

Auch das ist klassische autoritäre Semantik: Zukunft wird nicht offen gedacht, sondern festgelegt.

5. Die Funktion der Doppelstrategie

Diese Gegenüberstellung zeigt kein sprachliches Versehen, sondern ein System. Die Programmsprache dient der Legitimation nach außen. Sie soll Normalität signalisieren, Anschlussfähigkeit herstellen und rechtliche Risiken minimieren. Die Bewegungssprache dient der Mobilisierung nach innen. Sie emotionalisiert, vereinfacht und bindet.

Beide Ebenen widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich. Die eine beruhigt, die andere formt. Die eine spricht Institutionen an, die andere Menschen. Und genau in dieser Arbeitsteilung liegt die eigentliche Gefahr.

Klemperer hat gezeigt, dass autoritäre Sprache nicht plötzlich auftaucht, sondern sich einschleicht. Heute erleben wir keine Rückkehr der alten Begriffe in ihrer offenen Form, sondern die Wiederkehr ihrer semantischen Struktur. Die Wörter sind modernisiert, die Logik ist dieselbe.

Sprache beschreibt hier nicht Politik, sie bereitet sie vor

Was sich hier zeigt, ist keine sprachliche Entgleisung und kein rhetorischer Zufall. Es ist ein Muster. Eine Sprache, die nach außen beruhigt und nach innen formt. Eine Sprache, die nicht beschreibt, was politisch diskutiert wird, sondern vorgibt, was gedacht werden soll. Genau darin liegt ihre Macht. Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. In zwei weiteren Beiträgen möchte ich das vertiefen. Zum einen, indem ich einzelne Schlüsselbegriffe wie Remigration, Mission oder Generation etymologisch und historisch auseinandernehme und ihre ideologische Funktion offenlege. Zum anderen, indem ich mich ausführlicher mit Victor Klemperer beschäftige, nicht als historische Referenz, sondern als analytisches Werkzeug für die Gegenwart. Denn wer verstehen will, wie autoritäre Politik entsteht, muss zuerst verstehen, wie ihre Sprache wirkt.


Wer sich intensiver mit politischer Sprache und ihren Wirkmechanismen beschäftigen möchte, dem seien zwei Bücher ausdrücklich empfohlen. Victor Klemperers "Lingua Tertii Imperii (LTI)" ist keine historische Kuriosität, sondern bis heute eines der präzisesten Instrumente, um zu verstehen, wie Sprache Denken formt, lange bevor sie Handeln legitimiert. Ergänzend dazu lohnt sich "Verbrannte Wörter" von Matthias Heine, das zeigt, wie bestimmte Begriffe aus der NS Zeit nie verschwunden sind, sondern in veränderter Form weiterwirken und immer wieder politisch reaktiviert werden. Beide Bücher helfen dabei, sprachliche Muster zu erkennen, bevor sie zur Normalität werden.